Arch-Linux-Derivat Bluestar Linux im Test

Aus LinuxUser 12/2024

Arch-Linux-Derivat Bluestar Linux im Test

© Computec Media GmbH

Augenweide

Der Arch-Linux-Ableger Bluestar Linux will im breit gefächerten Segment der Allrounder mitmischen, bedarf jedoch noch eines gewissen Feinschliffs.

Das bereits seit mehr als 20 Jahren kontinuierlich gepflegte Arch Linux steht nach wie vor im Ruf, ein Betriebssystem für Geeks und Nerds zu sein. Doch es gibt zunehmend erfolgreiche Derivate, die sich durch eine einfachere Bedienbarkeit auszeichnen und damit auch Ein- und Umsteiger ansprechen. Bluestar Linux [1] setzt dabei auf den KDE-Plasma-Desktop, ohne essenzielle Eigenschaften von Arch Linux wie das Rolling Release-Konzept aufzugeben.

Erster Eindruck

Der Arch-Linux-Ableger kommt als rund 4,7 GByte umfassendes hybrides ISO-Abbild, das sich nach dem Transfer auf einen Wechseldatenträger ausschließlich als Live-System starten lässt [2]. Nach einem etwas behäbig wirkenden Start erscheint eine farbenfrohe Oberfläche. Den KDE-Plasma-Desktop begrenzen oben und unten Panel-Leisten, die beide nicht über die gesamte Bildschirmbreite reichen.

Bei der oberen Leiste handelt es sich um eine KDE-Kontrollleiste mit dem Starter für das KDE-Menü, einem Applet zum Echtzeit-Monitoring der CPU-Leistung und dem System-Tray. Die untere enthält das Cairo-Dock mit Startern für die wichtigsten Programme. Ein geöffnetes Verzeichnis-Applet oben links auf dem Desktop bietet direkten Zugriff auf wichtige Ordner. Auf der rechten Seite findet sich ein Icon für die Installation.

Die kräftigen Farben und das elegante Erscheinungsbild des Desktops mit zahlreichen Schattierungen und Effekten in Fenstern und Menüs kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich im Live-Betrieb die KDE-Menüs aufgrund der transparenten Hintergründe praktisch nicht lesen lassen. Hier wäre weniger mehr, um die Bedienergonomie zu verbessern (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Ergonomie lässt aufgrund der übertriebenen Transparenzeffekte in Menüs zu wünschen übrig. Allerdings genügen wenige Mausklicks, um das Look & Feel zu ändern.

Abbildung 1: Die Ergonomie lässt aufgrund der übertriebenen Transparenzeffekte in Menüs zu wünschen übrig. Allerdings genügen wenige Mausklicks, um das Look & Feel zu ändern.

Installation

Die Installation des Arch-Linux-Derivats stoßen Sie mit einem Klick auf Bluestar Linux Installer rechts oben auf dem Desktop an. Der sich daraufhin öffnende Calamares-Installer richtet die Distribution in wenigen Schritten auf dem System ein. Als Besonderheit fällt auf der ersten Konfigurationsseite die Option zur angepassten Installation auf. Sie stellt die vier Varianten Basic, Desktop, DeskPro und Developer mit unterschiedlicher Softwareausstattung zur Wahl. Allerdings steht diese Möglichkeit nur bei bestehendem Internetzugang zur Verfügung, ansonsten spielt das Setup die Basisvariante ohne Updates ein.

Bei der Konfiguration der Massenspeicher gestattet es der Installer, die Swap-Partition individuell einzurichten. Bei ausreichend großem Arbeitsspeicher können Sie entsprechend auch darauf verzichten. Ärgerlicherweise kommt Calamares nicht mit Disks zurecht, die LVM-Partitionen enthalten – sie bringen den Installer zu Beginn der Neupartitionierung zum Absturz.

In solchen Fällen rufen Sie aus dem Untermenü System das Partitionierungswerkzeug Gparted auf. Dazu authentifizieren Sie sich als Benutzer bslx mit dem Passwort user. In Gparted löschen Sie am besten alle Partitionen und lassen danach Calamares die Neupartitionierung übernehmen. Bei bestehendem Internetzugang hebt der Installer das System während des Setups automatisch auf den aktuellen Stand. Nach Abschluss der Installation starten Sie das System neu.

Anpassungen

Das installierte System entspricht weitgehend der Live-Variante, allerdings mit deutscher Lokalisierung. Die unergonomische Gestaltung der halbtransparenten Menühintergründe bleibt bestehen. Öffnen Sie deshalb zunächst die Systemeinstellungen durch einen Klick auf das Zahnradsymbol im Cairo-Dock. Im Abschnitt Globales Design wählen Sie aus der Vorschauliste ein anderes Design (Abbildung 2). Dabei stehen mit Breeze und Oxygen auch zwei KDE-Plasma-Standards zur Wahl. Nach einem Klick auf eines der Designs und einer zusätzlichen Bestätigung greift die neue Optik sofort.

Abbildung 2: Das Erscheinungsbild des Desktops lässt sich detailliert anpassen.

Abbildung 2: Das Erscheinungsbild des Desktops lässt sich detailliert anpassen.

Zahlreiche der Designs verbessern zwar die Ergonomie, erfordern jedoch zusätzliche Einstellungen für die obere Kontrollleiste, deren Inhalte sich häufig nach der Modifikation kaum mehr erkennen lassen. Um sie deutlich sichtbar und damit benutzbar zu machen, rechtsklicken Sie auf einen freien Bereich der Panel-Leiste und wählen aus dem Kontextmenü die Option Kontrollleisteneinstellungen anzeigen. Im neuen Fenster schalten Sie die Option Deckkraft von Adaptiv auf Deckend um und schließen den Dialog durch einen Klick auf Fertig.

In einem weiteren Schritt passen Sie das Tastaturlayout an, das ungeachtet der deutschen Lokalisierung wie ursprünglich bei der Live-Variante auf das US-amerikanische eingestellt ist. Öffnen Sie dazu im Menü Systemeinstellungen in der Gruppe Eingabe**& Ausgabe die Option Tastatur und klicken Sie oben im Dialog auf Layouts (Abbildung 3). In den Optionen setzen Sie unten links vor Configure Layouts ein Häkchen und öffnen danach via Add die Liste der verfügbaren Tastaturbelegungen.

Abbildung 3: Das ursprünglich englische Tastaturlayout gilt es, an die deutschen Gegebenheiten anzupassen.

Abbildung 3: Das ursprünglich englische Tastaturlayout gilt es, an die deutschen Gegebenheiten anzupassen.

Dort aktivieren Sie eine der deutschen Optionen und übernehmen diese in die Ansicht der vorhandenen Belegungen im ursprünglichen Konfigurationsfenster. Die dort eingetragene US-Belegung löschen Sie, indem Sie mit der linken Maustaste auf den Eintrag klicken und danach auf Remove. Nach der Übernahme der Änderungen via Anwenden schließen Sie den Dialog. Das System verwendet jetzt sowohl in den grafischen Anwendungen als auch im Terminal das deutsche Tastaturlayout.

Softwareausstattung

Je nach eingestelltem Installationsmodus offeriert Bluestar Linux eine unterschiedliche Softwareausstattung. In den Varianten Desktop und DeskPro richtet es zahlreiche Anwendungen für den täglichen Einsatz ein. Dazu zählen die gängigen Standardapplikationen sowie der gesamte Fundus an KDE-spezifischen Programmen. DeskPro ergänzt diese Ausstattung um viele Desktop-unabhängige Programme, darunter die E-Book-Verwaltung Calibre, der FTP-Client Filezilla und der Instant Messenger Pidgin. Auch die Partitionierungsverwaltung Gparted und verschiedene Terminalanwendungen sind mit an Bord.

Im Gegensatz zu Arch Linux bringt die Distribution zudem ein grafisches Frontend für die Paketverwaltung Pacman mit: Im Menü System finden Sie das bequem zu bedienende Werkzeug Octopi (Abbildung 4). Aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit zu Synaptic können Debian-User es ohne Einarbeitung sofort nutzen. Octopi umfasst auch eine Aktualisierungsverwaltung und erlaubt über den Starter Octopi Repository Editor aus dem Menü System das grafische Bearbeiten der Paketquellen. Neben den bekannten Arch-Linux-Quellen stehen zusätzlich Bluestar-Archive mit insgesamt gut 15 000 Paketen bereit.

Abbildung 4: Dank seiner optischen Nähe zu Synaptic erleichtert Octopi speziell Debian-Nutzern die Paketverwaltung.

Abbildung 4: Dank seiner optischen Nähe zu Synaptic erleichtert Octopi speziell Debian-Nutzern die Paketverwaltung.

Andere Paketverwaltungen wie Flatpak oder Snap bietet die Distribution bislang nicht an. Dasselbe gilt für einen App Store, wie ihn viele andere Distributionen mitbringen.

Ressourcen

Trotz des opulenten KDE-Plasma-Desktops und der zahlreichen animierten Effekte fällt der Ressourcenbedarf des Systems erfreulich moderat aus. Bei Messungen belegte Bluestar Linux im Leerlauf lediglich zwischen 900 MByte und 1,1 GByte RAM (Abbildung 5). Damit eignet sich der Arch-Linux-Ableger auch für PCs mit lediglich 4 GByte Arbeitsspeicher.

Abbildung 5: Bluestar Linux arbeitet erfreulich ressourcenschonend und eignet sich damit auch für ältere Rechner.

Abbildung 5: Bluestar Linux arbeitet erfreulich ressourcenschonend und eignet sich damit auch für ältere Rechner.

Bei der CPU-Leistung gab sich die Distribution im Test ebenfalls genügsam: Auf einem rund 15 Jahre alten Rechner mit einer P8400-CPU der Core2Duo-Generation kamen die zwei Kerne nur beim Aufruf ressourcenintensiver Programme wie LibreOffice oder Firefox kurzzeitig an ihre Belastungsgrenzen. Ansonsten arbeitete die CPU nahezu im Leerlauf.

Fazit

Bluestar Linux überzeugt im täglichen Einsatz, sobald man die unergonomische Bedienoberfläche angepasst hat. Das lässt sich zwar mit wenigen Mausklicks bewerkstelligen, ist aber dennoch lästig, da dieses Manko bereits seit längerer Zeit besteht und die Bedienung des Arch-Linux-Derivats erheblich erschwert.

Die Oberfläche wirkt zwar ästhetisch, gerät aber durch die zahlreichen optischen Effekte etwas schwerfällig. Die Bedienung über gleich zwei Kontrollleisten erscheint gewöhnungsbedürftig. Hat man die kleinen Erschwernisse durch eine Neukonfiguration beseitigt, lässt sich mit dem System durchaus effizient arbeiten. Dabei steht dank der guten Softwareunterstützung für so gut wie jeden Anwendungszweck ein passendes Programm bereit.

Insgesamt eignet sich Bluestar Linux recht gut als Allrounder sowohl für aktuelle als auch ältere Computer. (tle)

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 12/2024 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben