Live-System Dynebolic für Multimediaproduktionen

Aus LinuxUser 06/2024

Live-System Dynebolic für Multimediaproduktionen

© Computec Media GmbH

Wiederbelebt

Nach über zehn Jahren Pause liegt Dynebolic, eine Distribution für Künstler und Medienschaffende, erstmals wieder aufgefrischt vor. Das Live-System überzeugt durch ein interessantes Konzept.

Nachdem 2011 die Dynebolic-Version 3.0.0 erschienen war, wurde es ruhig um das Projekt. Erst Anfang 2024 gaben die Entwickler ein Alpha-Release der neuen Version 4 frei. Inzwischen hat das Projekt diese Variante durch die Version 4.0.0 Beta [1] abgelöst. Das neue Live-System erfuhr dabei nicht nur Updates, sondern kommt in einem neuen Gewand, mit neuem Konzept und auf einer neuen Basis.

Runderneuert

Das rund 1,5 GByte große, hybride ISO-Abbild von Dynebolic 4.0 ist als reines Live-System konzipiert. Im Gegensatz zu früheren Varianten dient statt Debian nun Devuan in der Version 5.0 “Daedalus” als Basis. Der markanteste Unterschied zwischen diesen beiden Linux-Derivaten besteht im Init-System: Während Debian auf Systemd und dessen Komponenten als Init-Prozess setzt, verwendet Devuan das ältere und inzwischen selten gewordene SysVinit als Systembasis.

Dynebolic setzt ausschließlich auf freien Systemkomponenten auf und verzichtet auf jegliche proprietären Firmware-Blobs. Da manche WLAN- und einige dedizierte Grafikkarten solche Firmware benötigen, kann es daher zu Problemen kommen, wenn das System nicht per Kabel am Netzwerk hängt. Das Devuan-Derivat wartet ansonsten mit recht aktuellen Systemkomponenten auf. Dazu gehören etwa der Kernel 6.8.1 und SysVinit 3.06, als Shell dient die Bash in Version 5.2.15. Die grafische Oberfläche stellt KDE Plasma 5.27.5, die Qt-Bibliotheken liegen in Version 5.15.8 vor.

Ungewöhnlich

Voreingestellt gelangen Sie nach dem Hochfahren des Systems in einen farblich etwas grell gestalteten KDE-Plasma-Desktop. Er beinhaltet am unteren Bildschirmrand die obligatorische Panel-Leiste mit mittigem Start-Button. Links finden Sie die übliche Schaltfläche für das Startmenü, daneben einige Icons für Applikationen. Rechts in der Panel-Leiste residiert der herkömmliche System-Tray.

Bei einem Blick in die Menüs sticht sofort die thematische Fokussierung der Distribution ins Auge: So finden Sie in den Untermenüs Development und Office kaum Anwendungen, und auch für die Internet-Nutzung haben die Dynebolic-Entwickler nur wenige Anwendungen eingepflegt. Zwar finden sich der E-Mail-Client Thunderbird und mit Neochat auch ein Matrix-Client, aber als Webbrowser dient keiner der Platzhirsche, sondern die KDE-Anwendung Konqueror.

Die Distribution hat die meisten der KDE-spezifischen kleinen Applikationen übernommen, sodass Sie auch ein Smartphone mit dem Devuan-Derivat abgleichen können, doch der Softwarebestand orientiert sich primär an Multimediaanwendungen. Von den üblichen Standardanwendungen bleiben immerhin noch Gimp und der universelle Medienabspieler VLC übrig. Auch das Menü Spiele zeigt sich gut bestückt. Für die System- und Desktop-Verwaltung muss der KDE-eigene Konfigurationsdialog genügen, aber immerhin lassen sich diverse Einzelwerkzeuge wie Htop, Btop++ oder auch der Midnight Commander aus dem Menü System aufrufen. Für einige Funktionen der Systemkonfiguration benötigen Sie dabei das Root-Passwort dyne.

Als Dateimanager sind mit Dolphin aus dem KDE-Fundus und Ranger sogar zwei Anwendungen implementiert. Auch zwei Terminalprogramme finden sich im Menü System. Es fehlen jedoch ein grafisches Frontend für die Paketverwaltung wie Synaptic sowie ein App-Store.

Themenspezifisch

Eine der wichtigsten Neuerungen des Devuan-Derivats stellt die Zusammenfassung von Softwareanwendungen und Arbeitsoberflächen in sogenannten Aktivitätsgruppen dar. Diese Funktion zählt seit Version 5 zu den Fähigkeiten von KDE Plasma, wird jedoch selten voreingestellt genutzt.

Dynebolic verfügt über insgesamt sechs solcher Aktivitätsgruppen. Voreingestellt erscheint nach dem Hochfahren des Systems die Start-Gruppe, zusätzlich gibt es die Gruppen Streaming, Video, Audio, Publishing und Graphics. Nach einem Klick auf den Start-Schalter in der Panel-Leiste blendet das System links eine vertikale Leiste mit den Aktivitätsgruppen ein. Durch einen Klick auf eine der Gruppen aktivieren Sie sie (Abbildung 1).

Abbildung 1: Verschiedene Gruppen umfassen auch jeweils andere Programme in der Panel-Leiste.

Abbildung 1: Verschiedene Gruppen umfassen auch jeweils andere Programme in der Panel-Leiste.

Die einzelnen Aktivitätsgruppen weisen dabei jeweils einen eigenen Desktop-Hintergrund auf, und in der Panel-Leiste unten links gibt es zu jeder Gruppe unterschiedliche Starter. Sie verlinken jeweils zu Anwendungen, die themenspezifisch zur jeweiligen Gruppe gehören. In den einzelnen Menüs des KDE-Hauptmenüs ändert sich hingegen nichts, sodass Sie weiterhin Zugriff auf das gesamte Softwarespektrum haben. Auch unten mittig in der Panel-Leiste sehen Sie jeweils die aktive Gruppe. Die meisten Starter finden sich dabei in den Gruppen Audio und Video in der Panel-Leiste. Die Aktivitätsgruppen können Sie zudem mithilfe des Dialogs System-Settings (Abbildung 2) wahlfrei konfigurieren, den Sie im Menü Settings finden.

Abbildung 2: Die Aktivit&auml;tsgruppen k&ouml;nnen Sie im Dialog <span class="ui-element">System-Settings</span> frei konfigurieren.

Abbildung 2: Die Aktivitätsgruppen können Sie im Dialog System-Settings frei konfigurieren.

Multimedial

Vor allem im Bereich der Video- und Audioproduktion ist Dynebolic mit unterschiedlichsten Applikationen für verschiedenste Anwendungszwecke bestens ausgestattet. So finden Sie im Untermenü Multimedia nicht nur die zahlreichen kleineren Anwendungen aus dem Fundus des KDE-Plasma-Desktops, sondern auch ausgefeilte Applikationen wie die Streaming-Software OBS Studio, die digitale Audio-Workstation Ardour sowie den VLC Media Player.

Für den ebenfalls integrierten Audio-Server Jack haben die Entwickler zudem mit Jamin ein multifunktionales digitales Mischpult in das Betriebssystem installiert. Darüber hinaus steht ein weites Spektrum von Multimediaanwendungen von Audio- und Video-Editoren über Abspielsoftware für unterschiedlichste Formate bis hin zu Anwendungen für die Bearbeitung von Metadaten bereit.

Auch in Sachen grafischer Anwendungen mangelt es nicht an professioneller Software: Neben der populären pixelorientierten Bildbearbeitung Gimp und ihrem vektorbasierten Gegenstück Inkscape bringt Dynebolic mit Darktable auch eine leistungsfähige digitale Dunkelkammer mit.

Ressourcen

Dynebolic benötigt aufgrund seines Fokus auf Multimedia reichlich Hardwareressourcen. Vor allem Anwender, die professionell Audio- und Videoinhalte erstellen und bearbeiten möchten, sollten über einen ausreichend leistungsfähigen Rechner verfügen. Das ISO-Abbild setzt ein modernes 64-Bit-System voraus. Da Dynebolic zahlreiche Prozesse vorinstalliert aktiviert, sollte zudem eine CPU mit mindestens vier Kernen vorhanden sein.

Zwar benötigt das System im Leerlauf trotz der recht ressourcenintensiven KDE-Plasma-Oberfläche deutlich unter 1 GByte Arbeitsspeicher, aber Anwendungen wie Darktable, Jamin, Kdenlive oder auch Gimp benötigen beträchtliche Arbeitsspeicherkapazitäten, um Inhalte in größerem Umfang zu laden und zu bearbeiten. Daher setzt ein flüssiges Arbeiten wenigstens 8 GByte Arbeitsspeicher voraus.

Fazit

Mit Dynebolic bekommen kreative Köpfe ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie sofort Multimediainhalte produzieren können. Eine zeit- und oft auch arbeitsaufwendige Installation und Konfiguration einzelner multimediaorientierter Systemkomponenten und Werkzeuge entfällt. Das Live-System erfreut darüber hinaus dank der Basis Devuan mit guter Stabilität, und auch optisch wirkt das System frisch und aufgeräumt. Der einzige Wermutstropfen ist die fehlende Unterstützung für einige proprietäre Hardwaremodule, für die sich jedoch problemlos entsprechende Software nachinstallieren lässt. (jlu)

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