Nitrux 2.8

Aus LinuxUser 07/2023

Nitrux 2.8

© Computec Media GmbH

Neue Wege

Nitrux nutzt zwar KDE Plasma als Unterbau, geht aber nicht nur bei der Gestaltung der Oberfläche eigene Wege.

Immer wieder treffen wir auf Distributionen, die auffallen, weil sie einen Mehrwert gegenüber der Masse der Derivate von bekannten Distributionen bieten. An der aus Mexiko stammenden Distribution Nitrux [1], die wir bereits vor gut zwei Jahren [2] vorstellten, fallen das Engagement und die Innovationsfreude der Entwickler auf.

Triebfeder Innovation

Nitrux wird seit 2017 von Uri Herrera, einem Softwareentwickler und Grafikdesigner herausgegeben, der seit 2014 Mitglied der KDE Visual Design Group ist. Zunächst basierte das Projekt auf Ubuntu, mittlerweile wechselte das Team hinter Nitrux zu Debian “Sid” (Unstable) mit ausgesuchten Tools von KDE Neon als Grundlage.

Dem KDE-Projekt sind die Entwickler eng verbunden und verwenden von Beginn an dessen Plasma-Desktop, ergänzt durch einen eigens entworfenen Aufsatz namens NX Desktop [3], den sie als Anpassungsschicht für Plasma 5 beschreiben. Nitrux setzt nicht auf Systemd, sondern verwendet das ursprünglich aus dem Gentoo-Umfeld stammende OpenRC als Init-System.

Nitrux arbeitet seit Version 2.6 vom Januar 2023 als eine unveränderliche Linux-Distribution (immutable), was bedeutet, dass sich standardmäßig keine Änderungen am Root-Dateisystem vornehmen lassen. Um das Root-Dateisystem als nur lesbar einzuhängen, verwendet Nitrux das Tool OverlayRoot [4] unter Verwendung von OverlayFS. Änderungen zur Laufzeit werden in das beschreibbare Overlay geschrieben und beim Neustart des Systems in das Root-Dateisystem übernommen.

Appimage und Flatpak

Die Nitrux-Entwickler empfehlen das Paketformat Appimage für Anwendungssoftware, daneben steht das Flatpak-Repository Flathub zum Einsatz bereit. Das Debian-Paketmanagement entfernten die Entwickler komplett, sodass beim Aufruf der Befehle apt oder dpkg lediglich eine Fehlermeldung erscheint (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das komplette Entfernen des Debian-Paketmanagements macht Debian-Enthusiasten vermutlich nicht glücklich.

Abbildung 1: Das komplette Entfernen des Debian-Paketmanagements macht Debian-Enthusiasten vermutlich nicht glücklich.

Dafür bietet Nitrux eine Reihe von hauseigenen konvergenten Anwendungen namens Maui Apps, die mit dem plattformübergreifenden UI-Framework Mau-Kit erstellt werden. Maui steht hier nicht für die hawaiianische Insel, sondern für Multi Adaptable User Interface. Es erlaubt das Ausführen damit versehener Apps nicht nur auf verschiedenen Plattformen wie Desktop oder Mobile, sondern auch unter Windows. Mit der Maui-Shell ist zudem eine konvergente Shell in der Entwicklung.

Fürs Touchpad geeignet

Doch zurück zur Distribution selbst: Mit Nitrux 2.8 tf erschien Ende April die dritte Veröffentlichung in diesem Jahr. Der Zusatz “tf” steht für tablet friendly, da das Image Werkzeuge enthält, um Nitrux 2.8 auf touch-fähigen Geräten in ein Tablet-Betriebssystem umzuwandeln. Die wesentlichen Bausteine dafür sind der Liquorix-Kernel in Version 6.2.13 [5] sowie KDE Plasma 5.27.4 LTS als Desktop mit den Bibliotheken der KDE Frameworks 5.105 und den Anwendungen aus KDE Gear 23.04. Neu ist die Integration von Waydroid [6], um Android-Apps in Containern auf dem Desktop auszuführen.

Weitere Änderungen gab es beim Dateisystem, indem jetzt F2FS für die Partitionen /home und /var/lib zum Einsatz kommt, während für den Rest des Systems weiterhin XFS das Dateisystem stellt. F2FS steht für Flash Friendly File System. Es wurde unter anderem für SSDs und andere Flash-basierte Speichermedien optimiert. Für die Verschlüsselung auf Dateisystembasis mit F2FS kommt das Userland-Tool Fscrypt zum Einsatz.

Installer

Als Installer kommt Calamares zum Einsatz. Auch hier gab es einige Anpassungen. Beim letzten Release wurde bei der automatischen Partitionierung noch ein Verzeichnis für Flatpaks unter /var/lib/ erstellt. Das entfällt nun, da Flatpaks bevorzugt als User installiert werden sollen und nicht systemweit. Sie landen jetzt unter $HOME/.local/share/flatpak/. Auch die automatische Größenaufteilung der Partitionen passten die Entwickler an. Die Root-Partition erhält 22 Prozent des zur Verfügung stehenden Platzes, während /home 68 Prozent und /var/lib als eigene Partition 10 Prozent bekommen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Installer legt im automatischen Modus die Partitionen <code>NX_HOME</code>, <code>NX_ROOT</code> und <code>NX_VAR_LIB</code> an. Die fr&uuml;her automatisch erstellte Partition f&uuml;r Flatpaks entf&auml;llt.

Abbildung 2: Der Installer legt im automatischen Modus die Partitionen NX_HOME, NX_ROOT und NX_VAR_LIB an. Die früher automatisch erstellte Partition für Flatpaks entfällt.

Bei unseren für die Testinstallation zur Verfügung gestellten 32 GByte wurde eine Root-Partition mit 6,34 GByte mit XFS und eine Home-Partition mit 19,58 GByte und F2FS als Dateisystem erstellt. Hinzu kam eine 2,88 GByte fassende Partition /var/lib, ebenfalls mit F2FS formatiert. 3,2 GByte wurden Swap zugeschlagen. Falls das nicht Ihren Wünschen entspricht, erlaubt Calamares auch eine individuelle Partitionierung (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das Design des Calamares-Installers weicht in der Optik ein wenig vom Standard ab, in der Bedienung verh&auml;lt sich der Installer aber wie gewohnt.

Abbildung 3: Das Design des Calamares-Installers weicht in der Optik ein wenig vom Standard ab, in der Bedienung verhält sich der Installer aber wie gewohnt.

Nicht als VM

Unsere ersten Installationsversuche in einer virtuellen Maschine in Proxmox und Virtualbox scheiterten an einem Problem mit der Zeitzone, egal, welche wir wählten (Abbildung 4). Der Entwickler konnte das bisher nicht nachvollziehen, ein Versuch kann also nicht schaden. Ohne Virtualisierung gelang die Installation klaglos in rund zehn Minuten. Der darauf folgende Neustart zeigt einen aufgeräumten Desktop, wobei der NX-Aufsatz seine KDE-Herkunft nicht erkennen lässt.

Abbildung 4: Die Installation in einer virtuellen Maschine in Proxmox oder VirtualBox scheiterte im Test wiederholt mit einem Fehler bei der Zeitzone.

Abbildung 4: Die Installation in einer virtuellen Maschine in Proxmox oder VirtualBox scheiterte im Test wiederholt mit einem Fehler bei der Zeitzone.

Am unteren Rand sitzt ein Latte-Dock, das einige Apps wie Dateimanager, NX-Softwarecenter, Firefox-Browser, einen Texteditor sowie Apps zum Abspielen von Musik und Video enthält. Am oberen rechten Rand findet sich ein Anzeige-Panel, wie es sich bei KDE Plasma üblicherweise rechts unten im Systemabschnitt befindet. Es zeigt den Status von Drucker, Netzwerk und Benachrichtigungen an und gewährt Zugriff auf diverse KDE-Dienste wie Connect oder Bluetooth. Ganz rechts endet die Leiste mit dem Kalender.

Klicken Sie im Latte-Dock auf das Symbol ganz rechts, öffnet sich der Überblick auf die installierten Apps. Dort finden Sie neben bekannten Tools aus dem KDE-Universum Anwendungen, die die Nitrux-Entwickler im Rahmen des Maui-Projekts erstellten. Dazu zählen unter anderem der Archivmanager Arca, die Notizanwendung Buho, der Editor Nota, ein Terminalemulator namens Station sowie der Dokumentenbetrachter Shelf.

Maui-Apps

Der Grund, warum Nitrux hier auf Eigenentwicklungen statt auf bewährte KDE-Apps setzt, liegt in der Zielsetzung des Maui-Projekts: Es fokussiert auf konvergente Apps, die auf Geräten mit unterschiedlichen Formfaktoren sowie unterschiedlichen Plattformen laufen [7]. Vier weitere Anwendungen stehen als Download-Links bereit: Steam, der Game-Store Itch.io, Bottles und Waydroid. Letztere finden Sie ganz rechts unten im App-Raster. Nach einem Klick darauf wählen Sie zunächst zwischen Vanilla und GAPPS. GAPPS steht für Google Apps. Für Vanilla fanden wir keine Erklärung, vermuten jedoch, dass es sich um das freie AOSP handelt (Abbildung 5).

Abbildung 5: Waydroid muss zun&auml;chst heruntergeladen werden. Der anschlie&szlig;ende Startversuch in einer Wayland-Sitzung misslang zun&auml;chst.

Abbildung 5: Waydroid muss zunächst heruntergeladen werden. Der anschließende Startversuch in einer Wayland-Sitzung misslang zunächst.

Wie der Name Waydroid andeutet, benötigt die Anwendung Wayland als Sitzung, um Android-Apps in Containern auf dem Desktop bereitzustellen. Nach dem Umschalten zu Wayland entschieden wir uns zunächst für Vanilla. Danach lud der Prozess etwa 1 GByte an Daten herunter. Ein erneuter Klick auf das Waydroid-Icon zeigte eine App, die zwar starten wollte, aber nicht konnte. Ein Startversuch im Terminal enthüllte einen D-Bus-Fehler. An dieser Stelle hatten wir bereits aufgegeben, fanden aber durch Zufall eine Lösung: Fehlt im Verzeichnis /var/lib/waydroid/ das Verzeichnis lxc/, geben Sie den Befehl sudo waydroid upgrade ein. Danach sollte das Verzeichnis existieren und Waydroid starten. Dabei hilft wie üblich waydroid -h  (Abbildung 6).

Abbildung 6: Der Grund f&uuml;r den missgl&uuml;ckten Start von Waydroid lag in einem fehlenden Verzeichnis.

Abbildung 6: Der Grund für den missglückten Start von Waydroid lag in einem fehlenden Verzeichnis.

Das Fehlen jeglichen Paketmanagements macht System-Updates unnötig, aber auch unmöglich. Der Weg zu einem aktualisierten System führt über eine Neuinstallation mit einem neuen Image, wobei Sie vorher die Home-Partition sichern sollten. Installierte Appimages aktualisieren Sie über das NX-Softwarecenter, eine grafische Einbindung von Flathub fehlt.

Fazit

Nitrux ist ein innovativer Außenseiter in der Distro-Szene. Das Ergebnis lässt sich durchaus nutzen, wenn es sich auch etwas sperriger anfühlt als die meisten Mainstream-Distros. Das liegt an der Immutabilität sowie am übergestülpten NX-Desktop und den Maui-Apps, die vom gewohnten Plasma-Handling abweichen und daher etwas Umgewöhnung erfordern.

Das völlige Fehlen eines Paketmanagements und die Friss-oder-stirb-Gängelung mit ausschließlich Appimage und Flatpak hält der Autor für den falschen Weg. Um das zu umgehen, bleibt Ihnen lediglich, Distrobox zu installieren und Apt darüber zu nutzen. Zudem erreicht die vorliegende Veröffentlichung gefühlt bestenfalls Beta-Status. Unser Urteil: Nitrux ist ein interessanter Ansatz, der sich aber in der Ausgabe 2.8 noch nicht als stabil genug für eine feste Installation erweist. (tle)

Infos

  1. Nitrux: https://nxos.org/english/nx/

  2. Nitrux: Ferdinand Thommes, “Tacos und Salsa”, LU 10/2020, S. 84, https://www.linux-community.de/44972

  3. NX Desktop: https://nxos.org/english/nxd/

  4. Overlayroot: https://github.com/chesty/overlayroot

  5. Liquorix-Kernel : https://liquorix.net

  6. Waydroid: https://waydro.id

  7. Maui Apps: https://www.debugpoint.com/top-nitrux-maui-applications/

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