Nitrux ist eine Ubuntu-Variante mit Plasma-Desktop. Das Projekt strebt aber nach einem eher zukunftsträchtigen Distributionsformat.
Bei Distributionen, die als hip gelten wollen, sind in dunklen Tönen gehaltene Desktops angesagt – so auch bei Nitrux [1]. Die Distribution aus Mexiko ist aber nicht nur cool, sondern auch innovativ, und hat von daher einen näheren Blick verdient.
Die seit 2012 entwickelte Desktop-Distribution basiert im Kern auf Ubuntu. Das als Live-Abbild ausgelegte Nitrux verwendet einen mit dem Calamares-Framework entwickelten Installer. Die mexikanischen Entwickler setzen auf KDE Plasma und bieten als Eigenkreationen unter anderem den NX-Desktop, den NX -Backup-Plan, die NX-Firewall, ZNX und das MauiKit-Framework. Nitrux unterstützt sowohl Legacy-BIOS als auch UEFI, jeweils in 64-Bit.
Uri Herrera, der Gründer von Nitrux und der dahinterstehenden Firma Nitrux Latinoamericana S.A. studierte Grafikdesign und trat 2014 der neu gegründeten KDE Visual Design Group bei. Dort entwarf er das Plasma-Icon sowie die Breeze-Icons. Die von ihm später vorgenommene Überarbeitung des Breeze-Themes ist bis heute in Benutzung. Aus diesem Hintergrund erklärt sich die Affinität der Distribution zum KDE-Desktop und die bevorzugte Verwendung von Qt und dessen Apps.
Gut versteckt
Allerdings lässt sich beim Start von Nitrux weder dessen Abstammung von Ubuntu erkennen, noch die Verwendung von KDE Plasma. Das liegt einerseits am NX-Desktop, der sich als eine zusätzliche Ebene über Plasma legt, und andererseits an der Absenz einer herkömmlichen Menüstruktur.
Um zu verstehen, was Nitrux will, sollten Sie es als in Wandlung begriffenes Gesamtkunstwerk sehen, das sich aber in seiner derzeitigen Form durchaus gut nutzen lässt ist. Die Distribution entpuppt sich quasi wie eine Insektenlarve langsam zu einem Schmetterling.
Weg von Traditionen
Als längerfristige Ziele stehen bei Nitrux drei ungewöhnliche Punkte auf dem Plan: Die Entfernung von Systemd, die Abkehr vom Filesystem Hierarchy Standard (FHS [2]), der herkömmlichen Distributionen die Verzeichnisstruktur vorgibt, und die Konzentration auf AppImage als Paketformat [3].
All dies ist kein Selbstzweck, sondern soll die Konvergenz zwischen Linux, Windows, Android und modernen mobilen Plattformen wie den gerade aufkommenden Linux-Phones fördern. Dieses Bestreben findet seinen Ausdruck auch in den auf dem selbst entwickelten MauiKit basierenden Maui-Apps, zu denen wir später noch kommen.
Zum jetzigen Zeitpunkt setzt Nitrux auf Apt als Paketmanager und bringt mit Wine nur ein einziges AppImage mit. Wir haben uns die derzeit aktuelle Version Nitrux 1.3.1 vom 30. Juli 2020 näher angesehen.
Menüsuche
Beim ersten Start zeigt sich ein sehr reduzierter Desktop, der am unteren Rand ein Latte-Dock [4] aufweist und oben ein angepasstes Plasma-Panel zeigt. Am linken Rand des Panels prangt ein Icon, das an einen Mauscursor erinnert und hinter dem sich das Menü vermuten lässt. Ein Klick darauf öffnet jedoch ein Fenster mit lediglich drei Anwendungen. Das Trio besteht aus den Systemeinstellungen, Firefox als Webbrowser sowie Index, das anstelle von Dolphin als Dateimanager Dienst tut und das eine der sechs vorinstallierten Maui-Apps ist.
Des Weiteren bietet das Fenster, das sich in der Folge als Favoritenliste herausstellt, neben einer Suchleiste am unteren Rand die üblichen Symbole für das Beenden einer Sitzung sowie darunter zwei Punkte. Die weiteren vorinstallierten Anwendungen verbergen sich hinter dem rechten der beiden Punkte. Stattdessen kann man das Fenster wie bei Android auch (in diesem Fall mit der Maus) nach rechts ziehen.
Wer jetzt ein traditionelles Menü mit Sparten wie Office, Internet und Grafik erwartet, liegt falsch: Nitrux bevorzugt eine andere hierarchische Aufteilung. Es bietet die installierten Apps in sechs Ordnern an, die es mit AppImages, Bundled Apps, KDE Apps, Maui Apps, Qt Apps und Utilities überschreibt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das eigentliche Menü bietet einen unerwarteten Anblick: Es sortiert die Apps nach Herkunft und Kriterien wie Konvergenz und Cross-Plattform-Fähigkeit.
Das ist zunächst gewöhnungsbedürftig, ergibt aber im Hinblick auf die geplante Weiterentwicklung der Distribution durchaus Sinn, da sich die Anwendungen in ihrer Portabilität unterscheiden. AppImages und die Maui-Apps bilden derzeit die portablen und konvergenten vorinstallierten Anwendungen, deren Zahl mit der Zeit zunehmen soll.
Allerdings ist die Bezeichnung des Ordners Utilities irreführend, denn darin finden sich ausschließlich GTK-Apps. Die üblicherweise als Utilities geltenden Werkzeuge verteilen sich bei Nitrux auf die übrigen Rubriken. Kleine Helferlein wie das hervorragende Ncdu [5] sind zwar vorinstalliert, aber nirgends im Menü zu finden. Um zu sehen, was Nitrux tatsächlich mit einrichtet, müssen Sie den grafischen KDE-Paketmanager Discover bemühen und dort unter der Rubrik Installiert nachsehen.
AppImages
Auf der anderen Seite erschließt sich die geplante Konzentration auf AppImage durchaus, denn dieses Paketformat ähnelt dem Weg, wie mobile Plattformen Pakete handhaben. Bereits jetzt ist die Verwendung der neuen Paketformate auf Linux-Phones nur eine Frage der Kapazität der Storage-Elemente. Nach demselben Schema arbeitet auch die Nitrux-Eigenentwicklung ZNX, auf die wir später noch zu sprechen kommen.
Flatpak und Snap haben durch die Unterstützung von Red Hat und Canonical mittlerweile eine größere Bekanntheit erlangt als das wesentlich ältere AppImage. Letzteres passt jedoch besser zu den Plänen von Nitrux; vor allem hängt es im Gegensatz zu den beiden Mitbewerbern nicht von Systemd ab.
Oft wird vermutet, AppImage könne in Sachen Sicherheit, Integration und Aktualisierung nicht mit Flatpak oder Snap mithalten – das stimmt aber so nicht. Allerdings kann AppImage diese Funktionalität tatsächlich nicht selbst beisteuern, da es ja im Gegensatz zu Flatpak und Snap keine Installation eines Frameworks voraussetzt. AppImages lassen sich jedoch ohne Weiteres mithilfe von Firejail [6] in einer Sandbox unterbringen.
Zur Integration der AppImages in den Desktop hat Nitrux gleich mehrere Programme an Bord, wie AppImage Daemon, AppImage Launcher und die Eigenentwicklung AppImage Desktop Integration. Zudem lassen sich die AppImages mit AppImageUpdate aktualisieren, das die Dateien mithilfe von transaktionalen Delta-Updates [7] auf den neuesten Stand bringt. Daneben ermöglicht Nitrux mit AppImageTool [8] auch das Erstellen eigener AppImages.
Viele Quellen
Aber zunächst zur Installation: Nitrux verwendet eine grafische Abwandlung des Calamares-Installer-Frameworks auf der Basis der Qt Modeling Language (QML [9]). QML ist für die Entwicklung von Anwendungen für Desktop- und Mobilsysteme ausgelegt. Auch das MauiKit-Framework [10] beruht darauf sowie auf Qt Quick Controls 2 und Kirigami. Der Installer verhält sich, wie von Calamares gewohnt, und verrichtet problemlos seinen Dienst.
Nachdem man sich an die Menüstruktur gewöhnt hat, lässt sich Nitrux wie jede andere auf den Desktop-Einsatz ausgerichtete Distribution verwenden. Wir aktualisieren wie üblich zunächst das System, was Qt 5.14.2, KDE Plasma 5.19.4 und die KDE Frameworks 5.72.0 einspielt. Der Kernel steht aktuell bei Version 5.6. Ein Blick in die Quellenliste unter /etc/apt/sources.list.d fördert die Paketquellen von Ubuntu 18.04, 20.04 und dem kommenden Ubuntu 20.10 an den Tag. Zusätzlich bindet Nitrux die projekteigenen Quellen sowie jene von KDE Neon User und von Devuan ein.
Im Paketmanager Discover (Abbildung 2) sehen Sie unter Einstellungen, dass standardmäßig die Quellen von Ubuntu 20.04 LTS aktiviert sind; Mutige können auch bereits jene des für Oktober angekündigten “Groovy Gorilla” dazunehmen. Daneben bietet Nitrux hier die Integration von Flathub an, um über Discover direkt von dort Flatpaks zu installieren. Zusätzlich lässt sich Snap aktivieren.

Abbildung 2: Im Paketmanager Discover erkennt man die Fixierung auf Qt-Software aus dem KDE-Projekt. Hier können Sie bei Bedarf auch Flatpak und Snap aktivieren.
Über den Linux Vendor Firmware Service [11] sind auch direkte Firmware-Updates verfügbar. Die experimentellen Nitrux-Builds nutzen bereits die Devuan-Quellen, um Systemd durch OpenRC zu ersetzen. Sobald die Entwickler Systemd offiziell entfernen, wird das entsprechende Nitrux-Abbild auf Ubuntu und Devuan basieren.
Wenig vorinstalliert
Ein Blick in die einzelnen Ordner, die die Menüstruktur bilden, fördert bei AppImages lediglich das bereits erwähnte Wine zutage. In Bundled Apps lässt sich die Web-App Itch.io installieren, eine Plattform mit über 40 000 Indie-Games.
Bei den KDE-Apps finden sich Ark, Discover, KCalc, der KDE Partition Manager, Kdenlive, das Latte-Dock, der Screengrabber Spectacle und die Systemeinstellungen. Die Qt-Apps umfassen die Theme-Verwaltung Kvantum Manager, der Dokumentenbetrachter Qpdfview und der Systemmonitor Qps. Die Utilities bieten wie bereits erwähnt, GTK-Apps wie LibreOffice, Gimp, MPV, Inkscape und die Audio-Workstation LMMS.
Konvergente Apps
Bleiben noch die Maui-Apps. Dazu zählen die Notizanwendung Buho, der Editor Nota, die Bildverwaltung Pix, der Musikabspieler Wave, der Dateimanager Index (Abbildung 3) sowie die Terminalemulation Station. Sie alle baut das Projekt auf Basis des selbst entwickelten, auf Qt Quick Controls 2 und Kirigami aufsetzenden MauiKit-Frameworks [12].

Abbildung 3: Hinter der Maui-App Index verbirgt sich der Dateimanager Dolphin, der mit dem MauiKit entsprechend angepasst wurde.
Diese Anwendungen entsprechen den Vorgaben von Nitrux hinsichtlich Konvergenz und Cross-Plattform-Verfügbarkeit. Sie passen sich also den Formfaktoren der Displays von Desktops und mobilen Geräten an und funktionieren auf Android, Linux, Windows, MacOS und iOS. Einige der Maui-Apps finden auch in Plasma Mobile Anwendung.
Zukunft ZNX
Ein weiterer Vorgriff auf die Zukunft von Nitrux ist ZNX [13]. Man könnte sagen, das noch in der Entwicklung begriffene ZNX verhält sich zu Distro-Installern wie AppImage zu herkömmlichen Paketmanagern. Nitrux-Mastermind Herrera bezeichnet es als Betriebssystemmanager, der sparsame Installationen ausrollt, denn installiert im herkömmlichen Sinne wird dabei nichts.
Eine sparsame Installation belegt nur einen Ordner in einer Partition; der Rest des Platzes lässt sich für Anderes nutzen, etwa zur Datenablage oder für andere Distributionen. Das bringt ZNX in die Nähe des Nix-Paketmanagers [14]. ZNX kann lässt sich entsprechend auch in anderen Distributionen einsetzen, wie Herrera in einem Blog-Eintrag erläutert [15].
Fazit und Ausblick
Nitrux versammelt viele interessante Ansätze. Ein “Aber” gibt es hier nicht wirklich; man könnte eher sagen, Nitrux sei unterwegs zu einer noch nicht voll ausformulierten Zukunft als modernes Betriebssystem. Dabei lässt sich aber ganz normal damit arbeiten. Der sehr dunkle optische Auftritt mag nicht jedermanns Sache sein, aber das lässt sich ja bei KDE wie bei kaum einem anderen Desktop an die eigenen Wünsche anpassen.
Wer sich auf Nitrux einlässt, sollte sich allerdings bewusst sein, dass sich hier vieles im Fluss befindet. Weder Freunde von Systemd noch Anhänger des herkömmlichen Dateibaums oder der bekannten Paketverwaltung werden mit der Distribution auf lange Sicht glücklich. Damit begibt sich Nitrux in die Nähe von Distributionen wie Endless OS oder Fedora “Silverblue” [16]. Im Unterschied zu diesen Vertretern der Gnome-Fraktion setzt Nitrux voll auf Qt und Plasma, zudem lassen die Entwickler die Anwender an der Reise teilhaben. (jlu)
Infos
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Nitrux: https://nxos.org
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FHS: https://de.wikipedia.org/wiki/Filesystem_Hierarchy_Standard
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Moderne Paketformate: Valentin Höbel, “Dreikampf”, LU 02/2018, S. 16, https://www.linux-community.de/40567
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Latte-Dock: https://www.linux-community.de/ausgaben/linuxuser/2017/09/heiss-aufgebrueht/
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Ncdu: https://www.linux-community.de/ausgaben/linuxuser/2018/06/flinker-jaeger/
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Firejail: https://www.kuketz-blog.de/firejail-linux-haerten-teil4/
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Transactional Updates: https://askubuntu.com/questions/630261/what-is-meant-by-transactional-updates
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AppImageKit: https://appimage.github.io/appimagetool/
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Maui-Apps: https://linuxnews.de/2020/05/mauikit-und-maui-apps-1-1-0-zu-nitrux-veroeffentlicht/
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Firmware-Updates: https://linuxnews.de/2017/10/firmware-updates-automatisieren/
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Maui-Kit: https://mauikit.org/
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ZNX: https://nxos.org/articles/how-does-znx-work-understanding-how-znx-manages-a-device/
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ZNX-Integration: https://nxos.org/articles/integrating-znx-with-your-existing-os/
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Silverblue vs. Endless: Ferdinand Thommes, “Neue Konzepte”, LU 12/2019, S. 80, https://www.linux-community.de/43141





