Die Firma Linpus visiert mit der Lite-Version Ihrem Linux-Derivat günstige Laptops mit kleinem Bildschirm an. Durch ein innovatives Bedienkonzept möchte der Hersteller zudem Computer-Einsteiger den Zugang zum System erleichtern.
Seit einiger Zeit mühen sich verschiedene Organisationen meist in Zusammenarbeit mit großen Hardwareherstellern, preisgünstige Laptops für Kinder in besonders armen Staaten herzustellen. In regelmäßigen Abständen erscheinen daher Meldungen über 100-Dollar-Laptops oder die Initiative OPT (One Laptop Per Child) in den einschlägigen Tickern, gefolgt von endlosen Diskussionen über den Sinn und Unsinn solcher Aktionen.
Linpus Technologies, eine taiwanesische Firma, vertreibt ein schlankes Linux speziell für Geräte, wie Samsungs UMPC, den genannten OLPC oder Intels Classmate PC ein schlankes Linux. Die Entwickler haben dieses Derivat speziell an die abgespeckte Hardware anpassten. Grund genug für uns, ein solches System einmal auf unsere Heft-DVD zu nehmen (wählen Sie am DVD-Menü Linpus Linux 9.4 Lite – live) und Linpus Linux 9.4 “Lite” [1] etwas genauer zu betrachten.
Verwirrungen
Der Inhalt des ISO-Images widerspricht den im Web vorhandenen Screenshots [1] sowie der Behauptung, Linpus Linux Lite sei in Version 9.4 auch in deutsch zu haben. Wie Abbildung 1 zeigt, steht der Bootloader, wie auch die gesamte Distribution derzeit lediglich in Englisch und einigen asiatischen Sprachen zur Verfügung. Auch fehlt der in der Grub-Hilfe [F1] angepriesene Menüpunkt zur Installation des Systems auf die heimische Festplatte. Damit eignet sich die Downloadversion eher zu Demonstrationszwecken als dem produktiven Einsatz. Dafür startet das System von CD äußerst flink, so dass Sie bereits nach wenigen Sekunden einen außergewöhnlichen Desktop auf dem Monitor sehen.

Abbildung 1: Die Live-CD erlaubt keine Installation auf die Festplatte und spricht – entgegen anders lautenden Versprechen – nur englisch und chinesisch.
Neue Wege
Der dreigeteilte Bildschirm (Abbildung 2) basiert auf dem schlanken Desktopmanager XFCE in der Version 4.4.1. Am oberen Rand befinden sich eine Übersichtsleiste mit den grundlegenden Anwendungsbereichen eines Computers: Internet, Arbeit, Lernen, Spielen und Einstellungen. Die mittlere Hauptfläche bietet große Icons für Programme und Internet-Links des jeweiligen Sachgebietes, wobei die Farbe des Hintergrundes für jedes Thema wechselt. Insgesamt wirkt das Layout sehr bunt, aber durchaus stimmig und mit vielen, extra für Linpus gezeichneten schicken Icons.
Den unteren Bildschirmrand ziert eine mit wenigen Icons versehene XFCE-Kontrollleiste. Das Symbol mit dem Haus bringt Sie nicht, wie es zu vermuten wäre, in Ihren Home-Ordner, sondern entspricht der KDE-Funktion Arbeitsfläche anzeigen. Ihr Persönliches Verzeichnis erreichen Sie über das Icon mit dem Aktenschrank.
Dazwischen liegt das Symbol Switch Desktop, welches nicht etwa eine weitere Desktopinstanz wechselt, sondern am gleichen Ort in einen bearbeitungsfreundlicheren Modus wechselt. Die Standardarbeitsfläche erlaubt nämlich keine Eingriffe seitens des Users. So existieren zum Beispiel keine Kontextmenüs zum Erstellen oder Löschen der Iconflächen. Angesichts der Zielgruppe der Distribution leuchtet die restriktive Maßnahme jedoch durchaus ein.

Abbildung 2: Der wohldurchdachte Linpus-Desktop führt Einsteiger sicher durch die klassischen Anwendungsgebiete eines Computers.
Der erweiterte Modus entspricht dem bekannten XFCE-Desktop mit Menüleiste und Kontextmenüs (Abbildung 3). Die Menüstruktur beinhaltet neben allen Anwendungen zusätzlich den Punkt Settings mit erweiterten Einstellungsmöglichkeiten für Peripherie und das grafische Interface. Die wichtigsten Konfigurationsprogramme für Netzwerk, Drucker und Softwaremanagement stehen dem Anwender im letzten Feld des Standarddesktops bereit. Im Test funktionierte die Netzwerkkonfiguration und das Einbinden des Druckers problemlos. Sie brauchen lediglich die wichtigsten Parameter, wie Netzwerkadresse und gegebenenfalls das Gateway einzutragen.
Als Paketformat kommt RPM zum Einsatz, als Zwischenschicht arbeiten – wie bei einigen anderen RPM-basierten Distributionen – das Programm Apt-RPM. Über das einfach zu bedienende grafische Tool Synaptic verwalten Sie die Software. Allerdings sind alle auf der CD befindlichen Anwendungen bereits installiert und keine Repositories eingetragen. Die Internetseiten des Anbieters, wie auch die nicht vorhandene Hilfe schweigen sich über mögliche Update-Quellen aus.
Inhalte
Eine schnelle Übersicht zu den wichtigsten Anwendungen liefert Ihnen die Tabelle “Linpus Linux im Überblick”. Neben den Programm-Icons bietet der Bereich Internet auch Links zu beliebten Online-Anwendungen. Der unerfahrene Anwender erhält so schnellen Zugriff auf Wikipedia, Google Maps und fataler Weise auch auf Microsofts Portal Windows Live!, um an kostenlosen Web-Space zu kommen oder eine Online-Identität aufzubauen. Als Standardbrowser dient hierzu Firefox, welcher auch bereits über das Flash- und das MPlayer-Plugin verfügt. Unerklärlicherweise legten die Entwickler jedoch keine Java-Umgebung bei.
Bei allen Bemühungen, den Anwender vom eigentlichen System fernzuhalten, verwirren die Programmierer Ihre Klientel gerne mal: So lenkt Firefox heruntergeladene Dateien in den Ordner ~/Desktop, statt den bereits vorhandenen Ordner ~/My Documents/My Internet zu verwenden. Zu allem Überdruss erscheint die Datei nicht einmal auf dem Desktop, weil der Anwender diesen ja nicht verändern darf.
Erst ein Umschalten auf den Advanced-Desktop gibt den Blick auf die Datei frei. Das Icon Messenger befindet sich gleich zweimal in der Rubrik Internet. Dahinter verbergen sich die Instant-Messenger Pidgin und AMSN. Auch das stellt den Neuling vor unnötige Fragen, zumal Pidgin das MSN-Protokoll durchaus unterstützt.
Linpus Linux im Überblick
| Internet | |
|---|---|
| Browser | Firefox |
| Thunderbird | |
| IRC | Pidgin, AMSN |
| VoIP | Ekiga |
| FTP | GFTP |
| RSS-Feeds | Liferea |
| Office | |
| Büropaket | OpenOffice 2.2 |
| CDs/DVDs brennen | GnomeBaker |
| PDF-Viewer | Evince |
| Grafik/Foto | Mtpaint, F-Spot |
| Multimedia | |
| Video | MPlayer |
| Audio | Banshee |
Der Abschnitt Work enthält neben den großen Icons für die diversen OpenOffice-Komponenten ähnliche Probleme. Das Linpus-Team erstellte mit viel Liebe zum Detail ein Link-Icon für den Ordner ~/My Work, versäumt es jedoch, OpenOffice auf den Ordner voreinzustellen. Die Kalendersoftware Orage fällt etwas dürftig aus und eignet sich für die Zielgruppe eher schlecht. Ein Link zu Googles Online-Office komplettiert den Büroabschnitt.
Der Abschnitt für Lernprogramme bietet neben einem Tipptrainer und einer spielerischen Mathematik-Software den PDF-Reader Evince sowie den FBReader an, der als Ebook-Leseprogramm unter anderem mit Dateien der Handheld-Software Plucker umzugehen weiß.
Als Malprogramm für Kinder dient das allseits beliebte Tuxpaint, welches Linpus Linux dem Arbeitsbereich Play zuordnet. Für anspruchsvollere Aufgaben installierten die taiwanesischen Entwickler zwar Mtpaint, spendierten diesem Programm aber keinen großen Schalter. Mtpaint starten Sie im Advanced-Modus über das XFCE-Menü. Auch in diesem Arbeitsbereich finden Sie einen Ordnerlink namens My Play. Hier speichern Sie aber nicht etwa Zwischenstände der zahlreichen kleinen Spiele, sondern finden die Unterordner Music, Photos und Video.
Alltagstauglichkeit
Die Programmierer entwickelten Linpus Lite in erster Linie für kleine Endgeräte mit Bildschirmdiagonalen zwischen vier und sieben Zoll. Als Anwenderkreis peilen sie Kinder an, die einen Computer vielleicht schon einmal gesehen, aber noch nie benutzt haben. Für diese Zielgruppe gelang dem Linpus-Team eine durchaus ansprechende Benutzerführung in einem kindgerechten Layout.
Leider beschränkt sich dieser positive Ansatz auf die schöne Hülle und setzt sich im Inneren nicht fort. So folgen die einzelnen Programme nicht nur unterschiedlichen Bedienkonzepten, sondern verwenden teilweise eigene Dateidialoge zum Navigieren im Verzeichnisbaum. Das verwirrt Einsteiger ungemein. Die nutzlosen Ordner mit dem Prefix My tragen ihren Teil dazu bei.
Bei der Softwareauswahl mussten die Entwickler neben dem qualitativen Anspruch der Programme auch deren Ressourcenhunger beachten. OpenOffice deckt sicher alle Bedürfnisse der Anwender mehr als ab. Alternativ käme das Gespann Abiword und Gnumeric in Frage. Mtpaint als Foto/Grafik-Hauptanwendung oder auch die Kalendersoftware zeigte sich jedoch für die Bedürfnisse von Einsteigern sehr ungeeignet. Für alle anderen Bereich liegt ein mehr oder weniger gutes Programm bei. Der Advanced-Modus bringt keinen großen Mehrwert, außer dass Sie eventuell lernen, mit einem normalen Desktop umzugehen.
Hilfe und Support
In der gesamten Distribution fand sich keine allgemeine Hilfe. Sie sind auf die Unterstützung des jeweiligen Programms angewiesen, sofern das eine Hilfefunktion besitzt. Der Internetauftritt [2] von Linpus Technologies bietet zwar einige Links mit vielversprechenden Namen, wie Support, Helpdesk und Training. Mehr als eine Mailadresse verbarg sich dahinter aber nicht. So lässt die Firma ihre potenzielle Klientel damit wie mit der nicht installierbaren und nur in Englisch nutzbaren Live-CD im Regen stehen.
Fazit
Linpus bietet einen interessanten Ausblick auf die Möglichkeiten einer abgespeckten Linux-Version für modifizierte Einsteiger-Laptops. Die Distribution meistert auf dem entsprechenden Hardware sicher die meisten computergestützten Aufgaben des Alltags recht gut. Unter der sehr einsteigerfreundlichen Oberfläche hat das System aber ein paar handfeste Probleme im Motorraum.
[1] Linpus Lite: http://www.linpus.com/xampp/webmaster/Products/Linux9.4Lite.htm
[2] Linpus: http://www.linpus.com






