Seminarix: Live-Distribution für Dozenten und Lehrer

Aus LinuxUser 09/2007

Seminarix: Live-Distribution für Dozenten und Lehrer

Teachers Best Friend

Schnell, einfach, handlich: Die Live-Distribution Seminarix enthält eine Vielzahl an Programmen zum lehren und lernen.

War das Benutzen freier Software und speziell eines freien Betriebssystems vor noch nicht nicht allzu langer Zeit ein aufwändiges Unterfangen, das spezifische Kenntnisse voraussetzte, hat sich das seit der Verbreitung von Live-CDs wie Knoppix radikal verändert. Dazu trägt nicht zuletzt aufgeräumte Benutzeroberflächen wie KDE bei.

Live-Distributionen ermöglichen auch technisch weniger versierten Anwendern, sich in Ruhe unterschiedliche Anwendungen auf einem freien Betriebssystem anzusehen und auszuprobieren, ohne durch umständliche Installationen überfordert zu werden. Allerdings schreckte bisher die unübersehbare Menge an installierter Software aus den unterschiedlichsten Bereichen viele Benutzer eher ab, Die oft umständliche Einteilung des Menüs trug ihren Teil dazu bei. Es erforderte nicht selten einiges an Geduld, Zeit und gutem Willen, das passende Programm zu finden.

Hier geht Seminarix [1], eine für den Bildungsbereich konzipierte Live-Distribution, einen konsequent anderen Weg. Erstes Ziel war es, Lehrerinnen und Lehrern beginnend mit ihrer Ausbildung ein System anzubieten, das möglichst viel an freier Software enthält, die sie im Berufsalltag unterstützt. Aus diesem Grund enthält jede Anwendung in ein einer übersichtlichen Tabelle sowohl einen kurzen informativen Text über den Zweck und den Inhalt der Anwendung, sowie einen Link zur Projekthomepage und zum Programm selbst. Alle Programme sind aus Gründen der Übersichtlichkeit in zugehörige Schulfächer eingeteilt, die Sonderkategorie Lernspiele enthält pädagogische Software. Oberste Richtschnur des Projekts: das Erhöhen von Nutzbarkeit und Übersichtlichkeit (Abbildung 1).

Abbildung 1: Oberstes Ziel bei der Entwicklung von Seminarix war es, die enthaltenen Programme möglichst benutzerfreundlich im System zu integrieren.

Abbildung 1: Oberstes Ziel bei der Entwicklung von Seminarix war es, die enthaltenen Programme möglichst benutzerfreundlich im System zu integrieren.

Als minimale Systemvoraussetzung für den flüssigen Betrieb braucht die Distribution eine AMD- oder Intel-CPU mit mindestens 500 MHz Arbeitstakt, 256 MByte Hauptspeicher sowie ein DVD-Laufwerk. Möchten Sie Seminarix auf der Festplatte einrichten, benötigen Sie darüber hinaus etwa 3 GByte freien Festplattenplatz.

Seminarix intern

Seminarix ist gleichzeitig eine Live- und Installations-Distribution. Das bedeutet: Sie booten Ihren Computer von der CD und verwenden alle auf der Distribution enthaltenen Programme ohne vorheriges Einrichten, ihre Festplatte bleibt unangetastet. Von einem gebooteten Live-System aus richten Sie das Betriebssystem über den K-Menü-Eintrag System | Auf Festplatte installieren bei Bedarf dauerhaft auf der Platte ein (Abbildung 2).

Abbildung 2: Mit dem bewährte Kubuntu-Installer richten Sie Seminarix problemlos auf Ihrer Festplatte ein.

Abbildung 2: Mit dem bewährte Kubuntu-Installer richten Sie Seminarix problemlos auf Ihrer Festplatte ein.

TIPP

Achten Sie bei Ausprobieren von Seminarix darauf, dass im BIOS in der Bootreihenfolge das CD/DVD-Laufwerk an erster Stelle steht.

Da Seminarix im Live-Modus den flüchtigen Hauptspeicher des Rechners als als Speichermedium für erstellte Dokumente verwendet, löscht ein Neustart des Systems diese. Kopieren Sie die Dateien deswegen zuvor aus Ihrem Heimatverzeichnis entweder auf ein Netzlaufwerk oder einen angeschlossenen USB-Stick.

Bei Der Konzeption der Seminarix-CD legten die Entwickler größten Wert auf Konsistenz und Erweiterbarkeit. Als Systemgrundlage dient die Distribution Kubuntu 6.06 Dapper Drake [2] , welche die Kombination von Live- und Installations-Distribution bereits in einer auch für Linux-Einsteiger bedienbaren Weise realisiert. Kubuntu basiert seinerseits auf Debian GNU/Linux [3], das sich unter den Linux-Distributionen durch ausgereifte Technik und eine große Auswahl an Programmen hervorhebt.

Kubuntu erweitert Debian um eine leistungsfähigere Hardware-Erkennung und benutzt als grafische Oberfläche den besonders für Einsteiger geeigneten KDE-Desktop. Der [4] ist im deutschen Sprachraum die die weitesten verbreitete Desktopumgebung und besonders bei Anwendern beliebt, die bereits über Erfahrungen mit Microsoft Windows verfügen. Um Platz für zusätzliche Software zu schaffen, war es allerdings unvermeidbar, den größten Teil der Dokumentation in /usr/share/doc aus der CD zu entfernen.

Das Umarbeiten des Standard-Kubuntu-Systems zu Seminarix (Installation neuer Programme, Entfernen nicht benötigter Programme, Umstellen auf deutsche Sprachunterstützung) erfolgte mit Hilfe des Advanced Package Tools (Apt). Dadurch bleibt die von Debian-basierten Systemen bekannte Möglichkeit erhalten, das System mit apt-get upgrade über das Internet auf zuverlässige Weise auf dem neuesten Stand zu halten. Die verwendeten Ubuntu-APT-Quellen heißen Main und Universe.

Für einige Programme (Dia, Inkscape, Nvu und KTurtle) gibt es derzeit noch keine offiziellen deutschen Lokalisierungen. Deswegen haben die Entwickler bei diesen Programmen die englischsprachigen Versionen der Software für Seminarix modifiziert. Das bedeutet jedoch, dass die deutsche Sprachanpassung bei einem Upgrade aus den Kubuntu-Repositories verloren geht. Um das zu verhindern, müssten Sie die Anwendungen vor dem Upgrade sichern und danach erneut einspielen – es sei denn, künftige Upgrades der genannten Programme bringen eine deutsche Sprachunterstützung bereits mit.

Die Seminarix-spezifischen Menüs finden sich als Desktop-Dateien im globalen Verzeichnis /usr/share/applnk. Das Anpassen der Softwarekonfiguration (etwa deutsche Sprache als Voreinstellung) erfolgte global. Das hat die Vorteile, dass die Menüs und Anpassungen auch nach einer Installation auf der Festplatte und für alle Benutzer verfügbar sind. auch beim Aktualisieren der Programme gehen die Seminarix-Menüs nicht verloren.

Umgekehrt lassen sich bei einem auf Festplatte installierten System die Menüs und Anpassungen aktualisieren, ohne auf Dateien des Benutzers zuzugreifen. Das erlaubt, zukünftige Aktualisierungen in die Paketverwaltung der Distribution einbinden. Jeder, der über das nötige Know-How verfügt, ist in der Lage, mit vertretbarem Aufwand eine aktualisierte Version von Seminarix zu erstellen. Damit eignet sich die Distribution auch als Ausgangsbasis für zukünftige, ähnlich geartete Projekte, beispielsweise im Rahmen der geplanten Kooperation mit Skolelinux [5].

Systematik von Seminarix

Nach dem Booten der Live-Distribution öffnet sich ein Browserfenster mit einer gegliederten Übersicht der installierten Programme. Alternativ öffnen Sie diese Seite mit einem Klick auf das Desktop-Icon Seminarix Info. Sie enthält sowohl detaillierte Funktionsbeschreibungen der jeweiligen Software als auch einen Link zum Programm, der es per Mausklick direkt startet. Unter Allgemein finden sich Tools, die nicht nur Lehrern beim Vorbereiten und Durchführen des Unterrichts helfen, sondern auch Schülern eine Menge Funktionalität bieten.

KOffice deckt als vollwertige Office-Suite alle wichtigen Büroanwendungen ab. Es eignet sich sowohl zum Bearbeiten von Texten und Erstellen von Grafiken oder Flussdiagrammen als auch zur Tabellenkalkulation. Aus Platzgründen verzichteten die Entwickler zu Gunsten anderer Programme auf die Integration des zwar verbreiteten, aber recht umfangreichen OpenOffice.

Für das Gestaltung von Arbeitsblättern eignet sich vorzüglich das DTP-Programm Scribus. Damit erstellen Sie sogar interaktive PDF-Arbeitsblätter, die Eingaben ermöglichen. Mit dem WYSIWYG-Editor Nvu gestalten Sie auch als Einsteiger im Nu ansehnliche Webseiten. Keduca hilft dabei, Tests und Abfragen (z.B. Multiple Choice) zu entwickeln, mit Kdissert produzieren Sie Mindmaps zum Visualisieren von gedanklichen Zusammenhängen.

Audacity erlaubt Ihnen das einfache Erstellen von Hörspielen, zum Beispiel für den Sprach- oder Deutschunterricht. Mit Gimp ist ein außerordentlich mächtiges, aber auch kompliziertes Zeichenprogramm an Bord; einfachere Varianten, beispielsweise Kolourpaint oder Tuxpaint, finden Sie unter der Rubrik Kunst. Mit Inkscape erstellen Sie vektorbasierte Zeichnungen. VLC, das Universalgenie unter den Multimediaplayern, rundet die Programmvielfalt der Rubrik Allgemein ab.

Fachanwendungen

Als knifflig erweist sich das Zuordnen von Anwendungen zu einzelnen Fachgebieten. So eignet sich etwa Gimp für alle Fächer, die in irgend einer Weise mit Bildbearbeitung und Bildmanipulation zu tun haben. Das betrifft nicht nur die Kunsterziehung, auch Politik und Sozialwissenschaften, Geschichte, Erziehungswissenschaften oder Religion. Insofern ist eine exakte Gruppendefinition von Anwendungen zu einzelnen Fächern problematisch und mit Mängeln behaftet.

Dafür fällt bei anderen Anwendungen die Zuordnung um so leichter. Während Sie mit KAtomic aus der Rubrik Chemie Moleküle zusammenstellen, bietet Ihnen Chemtool einen richtigen Moleküleditor. gPeriodic und Kalzium zeigen eine Vielzahl von Informationen zum Periodensystem. Die Kategorie Mathematik bietet einiges, besteht doch eine der wichtigsten Aufgaben eines Rechners im Erledigen mathematischer Operationen. Mit KBruch ist aus dem KDE Education Project [6] ein Übungsprogramm zum Bruchrechnen mit von der Partie. Sie lehren damit das Addieren, Multiplizieren und Dividieren sowie Vergleichen und Faktorisieren von Brüchen. Interaktive Geometrie verwirklichen Sie mit Kig. Mit Kmplot, ebenfalls aus dem KDE Education Project, erhalten Sie einen Funktionenplotter, KPercentage trainiert das Prozentrechnen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Vom einfachen Trainer fürs Bruchrechnen bis hin zu komplizierten Darstellen von Formeln und Integralberechnungen deckt Seminarix ein breites Leistungsspektrum ab.

Abbildung 3: Vom einfachen Trainer fürs Bruchrechnen bis hin zu komplizierten Darstellen von Formeln und Integralberechnungen deckt Seminarix ein breites Leistungsspektrum ab.

Auch zu den Fächern Erdkunde, Informatik, Kunst, Musik, Physik, Religion, Sprachen und Technik finden Sie diverse Programme, über deren Nützlichkeit die entsprechenden Schüler und Lehrer sich eine eigene Meinung bilden können. Sie erreichen alle in der Übersicht angezeigten Programme mit derselben Rubrikenbezeichnung im K-Menü unter Seminarix. Die einzelnen Anwendungen haben auch im KDE-Menü möglichst treffende Namen, damit auch weniger Informierte sie auf Anhieb finden. Neben den Fachanwendungen enthält Seminarix den kompletten Programmbestand der regulären Kubuntu-CD.

Fazit

Sowohl Lehrer als auch Schüler profitieren von der nahezu unerschöpflichen Vielfalt von Anwendungen für verschiedene Fachgebiete. Aber auch anderen Anwendern bietet Seminarix mit Gimp, Scribus, Inkscape, VLC oder Audacity einiges. Um den Überblick nicht zu verlieren, fasst die auf Benutzerfreundlichkeit getrimmte Menüführung die Programme in einer vorbildlichen Weise zusammen.

Projektpartner- und Beteiligte

Während mit HP und Intel zwei Sponsoren das Projekt finanziell unterstützten, koordinierte die Stiftung “Partner für Schule in NRW” die eigentlichen Arbeiten. Die Firma G-N-U aus Essen übernahm die programmiertechnische Seite, in Sachen Gestaltung wurde die Medienberatung NRW mit ins Boot genommen. Das Studienseminar Neuss [7] gab die inhaltlichen Zielsetzungen vor und entwickelte zudem auch das Informationssystem auf der CD und im Netz.

Seminarix steht auch mit anderen Projekten in Verbindung. Allen voran ist das Skolelinux [5], bei dem es seit vielen Jahren darum geht, eine Debian-basierte Lösung in die Schulen zu bringen, die mit wenig Administrationsaufwand gut funktionierende Rechner für die tägliche Arbeit zur Verfügung stellt.

Ohne das KDE Education Project gäbe es zahlreiche, in das Projekt integrierte Programme gar nicht, Kubuntu hat mit seinem aufgeräumten Layout die Plattform für Seminarix geboten.

Infos

[1] Seminarix: http://www.seminarix.org

[2] Kubuntu: http://www.kubuntu.org

[3] Debian: http://www.debian.org

[4] KDE: http://de.kde.org

[5] Skolelinux: http://www.skolelinux.de

[6] KDE Education Project: http://edu.kde.org

[7] Studiensemiar Neuss: http://www.studienseminar-neuss.nrw.de

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