Das aus Russland stammende ROSA Fresh fristet hierzulande eher ein Schattendasein. Dabei bietet der Desktop weit mehr als nur solide Hausmannskost.
Russland gilt seit mehr als einer Dekade als Hochburg freier Software. Staatliche Institutionen nutzen inzwischen zum größten Teil freie Betriebssysteme und Anwendungsprogramme, und auch im Bildungssektor hat sich Linux mittlerweile fest etabliert.
Mit einer ausgedehnten staatlichen Förderung unterstützt die Russische Föderation dabei gleich mehrere Linux-Derivate: Neben dem in der öffentlichen Verwaltung und in sicherheitsrelevanten Umgebungen wie beim Militär genutzten Astra Linux [1] findet sich in den Computerkabinetten der meisten Schulen ein Derivat von ALT Linux [2].
Im Unternehmenssektor versucht sich das Moskauer Unternehmen NTC IT ROSA [3] zu etablieren, das ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgt wie Red Hat oder Suse: Neben Enterprise-Varianten stellt es für Privatanwender die kostenfreie Desktop-Distribution ROSA Fresh bereit.
Anders als bei Fedora oder OpenSuse ist bei ROSA Fresh die Entwicklung aber wesentlich stärker an den Hersteller gebunden. Dadurch wird die Distribution wesentlich ausführlicher getestet. ROSA Fresh schuf bereits vor Jahren die (freiwillige und transparente) Möglichkeit, die Hardware-Kompatibilität bei den Anwendern zu testen, und konnte so die weltweit größte Kompatibilitätsdatenbank aufbauen.
Inzwischen flossen diese Daten auch in das offene Linux Hardware Project ein, bei dem auch andere Distributionen Daten zu ihrer Hardware-Kompatibilität hinterlegen können. Das erlaubt, die Entwicklung von Modulen für einzelne Hardware-Komponenten besser zu koordinieren.
2019 hat NTC IT ROSA zudem eine eigene Virtualisierungslösung für Data Center vorgestellt. Daneben brachten die Moskauer mit OS ROSA SX Cobalt (Server), OS ROSA DX Cobalt (Desktop) und OS ROSA DX Nickel Distributionsvarianten für den kommerziellen und staatlichen Sektor auf den Markt, die auf den Einsatz in datenschutzsensiblen Bereichen abzielen. OS ROSA DX Nickel wurde dabei auch für den militärischen Einsatz zertifiziert.
Frisch
Die Community-Variante ROSA Fresh R11 bieten die Entwickler in Form von ISO-Abbildern für 32- und 64-Bit-Computersysteme an. Dabei gibt es jeweils eigene Varianten mit den Desktop-Umgebungen KDE Plasma 5, KDE 4, XFCE und LXQt. Die als Hybrid-Images ausgelegten Abbilder lassen sich sowohl von optischen Datenträgern als auch von USB-Speichersticks booten.
Im Vergleich zur vorhergehenden Release 10 brachten die Entwickler bei ROSA Fresh R11 nicht nur die System-Software auf den aktuellen Stand, sondern integrierten auch Unterstützung für moderne NVMe- und M.2-SSD-Massenspeicher in das Betriebssystem.
Erster Eindruck
Nach dem Start von DVD oder USB-Stick öffnet ROSA Fresh R11 zunächst den Bootmanager Grub, in dem Sie wählen, ob Sie das System im Live-Modus nutzen oder auf einem Massenspeicher installieren möchten.
Bei Auswahl des Live-Betriebs legen Sie als Erstes in einem Sprachassistenten die gewünschte Lokalisierung fest. Dazu gehören neben der Spracheinstellung auch die Zeitzone und die Tastaturbelegung. Anschließend fährt das Live-System korrekt lokalisiert hoch.
Dabei beschränkt sich die entsprechende Lokalisierung nicht auf die KDE-eigenen Applikationen und Systemanwendungen, sondern umfasst auch Programme von Drittanbietern. So erscheinen beispielsweise Firefox und LibreOffice ohne weiteres Zutun in deutscher Sprache.
Software
ROSA Fresh R11 kommt bereits in der Live-Variante mit einem für Alltagsaufgaben vollkommen ausreichenden Software-Fundus, der alle gängigen Standardanwendungen umfasst, wie LibreOffice, Firefox oder auch Gimp. Daneben finden sich zahlreiche weitere nützliche Anwendungen, wie Sane/Xsane für das Ansteuern von Scannern oder der Audioplayer Clementine.
Mit Chromium haben die Entwickler zudem einen zweiten Webbrowser eingepflegt, der deutlich schneller arbeitet als Firefox. Auch hinsichtlich der Systemwerkzeuge zeigt sich die Distribution opulent bestückt, wobei die KDE-Desktops aufgrund ihrer vielen Zusatzprogramme aus dem Rahmen fallen (Abbildung 1).
Installation
Für die Installation auf einem Massenspeicher steht auf dem Desktop der Starter Live Installation bereit, falls Sie nicht schon beim Hochfahren des Rechners im Grub-Menü die entsprechende Option ausgewählt haben. ROSA Fresh R11 startet dann den schon vor rund 15 Jahren ursprünglich von Mandriva Linux eingeführten grafischen Installationsassistenten, der jedoch seitdem um zahlreiche Funktionen erweitert wurde.
Der Installer führt Sie in insgesamt sieben Schritten zu einem einsatzbereiten Betriebssystem auf der Festplatte oder SSD. Dabei fällt im ersten Schritt die Partitionierung an. Wechseln Sie im entsprechenden Dialog in den Experten-Modus und rufen eine manuelle Partitionierung auf, dürfen Sie auch das Dateisystem frei bestimmen.
Dabei stehen gut drei Dutzend unterschiedliche Dateisysteme zur Wahl, sodass beispielsweise Partitionen, die auch andere Betriebssysteme nutzen sollen, ein zu diesen kompatibles Dateisystem erhalten können (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Zahl der von ROSA Fresh R11 unterstützten Dateisysteme liegt rekordverdächtig hoch.
Nach dem Abschluss der Partitionierung transferiert der Installer das Betriebssystem ohne weitere manuelle Schritte auf den Massenspeicher. Erst gegen Ende dieser Prozedur können Sie festlegen, wo der Bootloader installiert werden soll. Danach vergeben Sie ein Passwort für das Administratorkonto und integrieren noch einen Benutzer in das System.
In den letzten beiden Schritten legen Sie einen Hostnamen für den Rechner fest und wählen, welche Dienste das System beim Start aktivieren soll. Hier stehen etwa der Druckerserver CUPS, der Samba-Server für die Dateifreigabe in heterogenen Umgebungen und der SSH-Daemon für eine abgesicherte Kommunikation zur Wahl. Danach führen Sie einen Warmstart aus und gelangen nun in das fertig installierte Betriebssystem.
Verwaltung
ROSA Fresh R11 verwendet zur Systemkonfiguration zahlreiche Anwendungen, die noch aus dem Mandriva-Fundus stammen und nach wie vor auch bei Mageia, OpenMandriva sowie PCLinuxOS zum Einsatz kommen. So gehört zu den zentralen Verwaltungselementen das vor mehr als 15 Jahren bei Mandrake Linux erstmals eingeführte Kontrollzentrum, das zur damaligen Zeit eine enorme Vereinfachung der Konfigurationsmöglichkeiten eines Linux-Systems bedeutete.
Die Software wurde in der Zwischenzeit kontinuierlich weiterentwickelt und modernen Anforderungen angepasst. So gliederten die Entwickler unter anderem das grafische Frontend zur Paketverwaltung aus und fügten spezifische Einstellungsdialoge für Systemd neu hinzu. Das Kontrollzentrum ermöglicht daher neben Anpassungen der Desktop-Optik und der Konfiguration diverser Hardware-Komponenten wie Drucker oder Netzwerkverbindungen auch eine detaillierte Einstellung der Systemdienste und des Bootmanagers (Abbildung 3).
Pakete
Das grafische Frontend zur Paketverwaltung finden Sie im Startmenü unter dem Eintrag Installieren**&**Entfernen von Software. Das funktionell aufgebaute Werkzeug führt in einer links vertikal angeordneten Leiste verschiedene Software-Kategorien auf. Mittels eines Auswahlfelds darüber beschränken Sie die Anzeige bei Bedarf auf Programme mit GUI, Updates, Sicherheits-Updates, alle Programme oder Meta-Pakete.
Rechts im Fenster gelangen Sie in die Programmliste und zu einem Erläuterungsbereich. Hier blendet das Frontend Informationen zum ausgewählten Paket ein. Zur Suche steht eine Eingabezeile oben rechts im Programmfenster zur Verfügung. Haben Sie eines oder mehrere Programme ausgewählt, stoßen Sie durch einen Klick auf Anwenden rechts unten die Installation an (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Installation neuer Software gestaltet sich dank der eingängigen Oberfläche zur Paketverwaltung sehr einfach.
Auch die Aktualisierungsverwaltung basiert wie bei Mageia und OpenMandriva auf dem Werkzeug Rpmdrake. Das grafische Frontend (Abbildung 5) gestattet ein weitgehend automatisiertes Update des Betriebssystems, wobei ein gesonderter Dialog Sie über das anfallende Download-Volumen informiert und eine Bestätigung abfragt. Gegebenenfalls können Sie den Vorgang also an dieser Stelle noch abbrechen.

Abbildung 5: Auch die Aktualisierung des Systems erledigen Sie bei ROSA Fresh R11 mit wenigen Mausklicks.
Paketquellen
Die Paketquellen von ROSA Fresh umfassen diverse Software-Repositories, die sich generell in die Bereiche Main, Contrib, Non-free und Restricted unterteilen. Alle Repositories liegen sowohl für 32- als auch für 64-Bit-Architekturen vor; zusätzlich enthält jedes der Archive noch eine Testing– und eine Updates-Sektion.
Sie konfigurieren die einzelnen Paketquellen im Paketquellenmanager, den Sie im Untermenü Optionen der grafischen Paketverwaltung finden.
Zusätze
NTC IT ROSA entwickelt unabhängig von seiner freien Distributionsvariante bereits seit Jahren zahlreiche eigene kleinere Applikationen, die teils auch in andere Distributionen Eingang gefunden haben.
Dazu gehört etwa der ROSA Image Writer, der es ermöglicht, aus einem beliebigen ISO-Abbild mit wenigen Mausklicks ein bootfähiges Live-Medium auf einem USB-Speicherstick anzufertigen. Sie starten ihn über das Menü Systemwerkzeuge
Der ebenfalls unabhängig vom ROSA-Desktop verfügbare ROSA Media Player zeichnet sich vor allem durch die Fülle an unterstützten Dateiformaten aus. So spielt er selbst exotische Video- und Audiodateien klaglos ab, für die man in anderen Playern passende Codecs nachladen muss, wenn es sie denn überhaupt gibt.
In Form von ROSA Freeze bringt die Distribution zudem im Menü Systemwerkzeuge eine Backup-Software mit, mit der Sie in einer eingängigen grafischen Oberfläche Snapshots von einzelnen Ordnern oder dem kompletten System anfertigen. Allerdings handelt es sich bei ROSA Freeze um eines der ganz wenigen noch nicht eingedeutschten Programme. Dank der intuitiv bedienbaren Oberfläche stellt das aber selbst für solche Anwender kein großes Problem dar, die mit der englischen Sprache auf Kriegsfuß stehen.
Kooperativ
ROSA Fresh R11 zeichnet sich wie schon die vorhergehenden Releases der Distribution durch eine ausgezeichnete Hardware-Unterstützung aus. Die Entwickler haben neben zahlreichen proprietären Firmware-Blobs für den Betrieb diverser WLAN-Komponenten auch proprietäre Pakete für andere Chipsätze und Geräte eingepflegt (Abbildung 6).
So kooperiert ROSA Fresh R11 beispielsweise ohne Murren sofort mit verschiedenen WWAN-Karten, die sich unter anderen Distributionen erst nach umständlichem manuellem Nacharbeiten nutzen lassen.
Ressourcen
Je nach verwendeter Desktop-Umgebung zeigen sich die Varianten von ROSA Fresh R11 unterschiedlich ressourcenhungrig. Es fällt jedoch auf, dass selbst KDE 4 und KDE Plasma 5 bei dem russischen Linux-Derivat erstaunlich genügsam agieren (Abbildung 7).
So liegt der Arbeitsspeicherbedarf im Leerlauf unter KDE Plasma 5 bei rund 430 MByte, KDE 4 genehmigt sich etwa 580 MByte RAM. Dadurch agiert das Betriebssystem mit diesen als anspruchsvoll geltenden Desktop-Umgebungen selbst auf älterer Hardware erstaunlich agil.
In der LXQt-Variante fällt der Arbeitsspeicherbedarf noch einmal spürbar geringer aus. Dadurch lässt sich ROSA Fresh R11 LXQt auch auf sehr alten Computersystemen noch produktiv einsetzen, ohne dabei Abstriche an der Funktionalität in Kauf nehmen zu müssen.
Fazit
Mit dem Release 11 von ROSA Fresh ist der Moskauer Software-Schmiede NTC IT ROSA ein großer Wurf gelungen. Das Betriebssystem arbeitet sehr stabil und bietet eine exzellente Hardware-Unterstützung. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der teils noch von Mandrake Linux stammenden Verwaltungswerkzeuge garantiert eine ergonomisch und logisch durchdachte Bedienung, ohne dass dabei die Oberflächen optisch angestaubt wirken. ROSA Fresh R11 lässt sich daher ohne Einschränkung allen Anwendern empfehlen, die einen ausgereiften und gut gepflegten Allrounder mittlerer Größe für den täglichen produktiven Einsatz suchen. (jlu)
Infos
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Astra Linux: https://astralinux.ru/en/
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ALT Linux: https://en.altlinux.org/Main_Page
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NTC IT ROSA: http://www.rosalab.com









