Manjaro Linux verärgert mit FreeOffice seine Community

Aus LinuxUser 10/2019

Manjaro Linux verärgert mit FreeOffice seine Community

© Computec Media GmbH

Free statt Libre?

Manjaro mausert sich vom Projekt zum Unternehmen – für die Community kein Problem. Dass die Distribution aber LibreOffice durch das kommerzielle FreeOffice zu ersetzen versuchte, löste bei den Anwendern einen Proteststurm aus.

Es ist keine leichte Aufgabe, die beliebteste Linux-Distribution zu ermitteln: Verkaufszahlen gibt es ebenso wenig wie Tracker oder gesammelte Nutzerdaten. Alleine die Download-Zahlen zu vergleichen, bringt auch wenig, da die Zahl der echten Installation in der freien Wildbahn von der Anzahl der heruntergeladenen ISO-Images stark abweichen dürfte. Zumindest als Indikator hat sich das Ranking der Seitenaufrufe auf Distrowatch.com etabliert: Die Size vergleicht die Anzahl an Klicks auf der Seite der jeweiligen Distribution und spiegelt so zumindest das Interesse an der Distribution wider.

Schon seit geraumer Zeit findet sich das Arch-Derivat Manjaro [1] im Distrowatch-Ranking sehr weit oben. Gegenüber der Arch-Basis bietet Manjaro den Vorteil, dass sich das System über eine Live-Version mit grafischer Installationsroutine einspielen lässt. Zudem übernimmt Manjaro nicht einfach nur die Arch-Pakete, sondern pflegt eigene Paketquellen. Dadurch hinkt es der Rolling-Release-Distribution Arch zwar etwas hinterher, doch sollten einmal Probleme auftreten oder manuelle Interaktionen nötigt werden, können die Manjaro-Entwickler die Ursachen erst einmal in Ruhe analysieren und beheben.

Manjaro GmbH & Co. KG

Die Geschichte von Manjaro begann 2011 mit drei ambitionierten Freunden, die Arch Linux zu einer anwenderfreundlichen Distribution ausbauen wollten. Inzwischen gilt Manjaro denn auch als eine der beliebtesten Linux-Distros für Heimanwender. Trotz des enormen Wachstums hat sich bislang wenig an der Organisation des Projekts geändert. Um sich für die Zukunft optimal aufzustellen, wandelt sich Manjaro nun in eine GmbH & Co. KG.

Im Gespräch erläuterte uns Philip Müller, einer der drei Manjaro-Väter und Projektleiter, die Notwendigkeit dieses Schritts: Zusammen mit dem zukünftigen Gesellschafter, der Blue Systems GmbH (bekannt durch die Arbeit am KDE-Desktop und der Distribution Netrunner), möchte man sich in die Lage versetzen, Entwickler in Vollzeit anzustellen und die Infrastruktur auszubauen. Auch die Markenrechte am Namen sollen an die GmbH übergehen.

Zusätzlich wird es eine Non-Profit-Foundation oder einen eingetragenen Verein geben, der die Belange der Community vertritt und die bisher an Manjaro gespendeten Gelder verwaltet. So gibt es nun neben der Nürnberger Suse Linux GmbH ein weiteres bayerisches Linux-Haus, das sich aufmacht, Linux vielleicht doch noch als ubiquitäres Desktop-System zu etablieren.

Manjaro 18.1

Aktuell bereitet sich Manjaro auf das Release der Version 18.1 vor. Eigentlich verdient die Veröffentlichung solch eines “Dot-Releases” keine große Meldung, bügeln die Entwickler doch üblicherweise nur kleine Fehler aus und polieren das bestehende System auf. Doch mit einer Nachricht im Entwicklerforum brachte das Projekt viele seiner Nutzer gegen sich auf [2]: Statt LibreOffice will Manjaro in Zukunft das von der deutschen SoftMaker Software GmbH entwickelte FreeOffice [3] als Standard-Office-Paket installieren (Abbildung 1). Dazu ist Manjaro eine Partnerschaft mit dem Software-Unternehmen eingegangen.

Abbildung 1: Das proprietäre FreeOffice unter Manjaro 18.1 RC7 erinnert mit den Ribbon-Leisten stark an Microsoft Office. Der Hersteller SoftMaker verspricht zudem eine besonders hohe Kompatibilität zum Microsoft-Pendant.

Abbildung 1: Das proprietäre FreeOffice unter Manjaro 18.1 RC7 erinnert mit den Ribbon-Leisten stark an Microsoft Office. Der Hersteller SoftMaker verspricht zudem eine besonders hohe Kompatibilität zum Microsoft-Pendant.

Im Gegensatz zu Open- oder LibreOffice ist FreeOffice proprietäre Software. Das Programm lässt sich kostenlos herunterladen und darf sowohl im privaten wie auch gewerblichen Rahmen zum Einsatz kommen. Die Lizenzvereinbarung erlaubt jedoch nur fünf Installationen im eigenen Haushalt, für kommerzielle Anwender gelten weitere Einschränkungen. Zusätzlich beschneidet der Hersteller den Funktionsumfang der FreeOffice-Suite: So fehlt beispielsweise generell eine Rechtschreibprüfung, und in der Textverarbeitung muss man auf die Serienbrieffunktion, Querverweise oder Bildunterschriften verzichten [4]. Letztendlich quittiert FreeOffice auch unter Manjaro nach mehr als 10 Tagen Nutzung den Dienst. Um das Programm länger verwenden zu können, muss man sich bei SoftMaker registrieren (Abbildung 2).

Abbildung 2: Nach dem dritten Tag bittet FreeOffice um eine Registrierung, nach 10 Tagen lässt es sich ohne eine solche nicht mehr nutzen.

Abbildung 2: Nach dem dritten Tag bittet FreeOffice um eine Registrierung, nach 10 Tagen lässt es sich ohne eine solche nicht mehr nutzen.

Für viele Aufgaben, wie etwa das Verfassen von Haus- oder Bachelor- und Master-Arbeiten, lässt sich FreeOffice daher kaum gebrauchen. Das Upgrade auf die Vollversion SoftMaker Office Standard 2018 kostet 69,95 Euro, die Professional-Version schlägt mit 99,95 Euro zu Buche. Alternativ lässt sich das kommerzielle Office-Paket in Form von SoftMaker Office NX Home oder Universal auch für 2,99 Euro (29,90 Euro pro Jahr) oder 5,99 Euro (59,99 Euro pro Jahr) monatsweise mieten. Die Pro- und Universal-Varianten enthalten zusätzlich den Duden Korrektur sowie Wörterbücher von Duden und Langenscheidt [5].

FreeOffice statt LibreOffice

Im Gespräch mit LinuxUser gibt Philip Müller, der Leiter des Manjaro-Projekts, Auskunft über die Hintergründe der Kooperation: SoftMaker sei an Manjaro lediglich mit dem Vorschlag herangetreten, FreeOffice in die Paketquellen der Distribution zu übernehmen. Von Manjaro kam dann die Idee, das FreeOffice-Paket auf die Live-CD zu integrieren und auch als Standard-Office zu nutzen. Geld wäre dabei bislang noch nicht geflossen, die Integration von FreeOffice sei erst einmal ein Testballon. Das Unternehmen verspricht aber, intensiv mit Manjaro zusammenzuarbeiten, und zum Beispiel für verbesserte Linux-Kompatibilität zu sorgen.

Kommentar: Kein Grund zur Panik

FreeOffice gehört in der vorliegenden Version nicht in die Standardinstallation einer Distribution. Dabei geht es gar nicht so sehr um die Frage, ob die Entwickler proprietäre Software vermeiden sollten: Manjaro hatte noch nie Scheu, proprietäre Grafiktreiber, Video-Codecs oder Programme wie Steam in die Distribution zu integrieren. Die meisten Anwender würden sich wahrscheinlich sogar lautstark beklagen, würde sich das Projekt umorientieren und alle Closed-Source-Komponenten strikt verbannen: Schließlich schätzen sie den Komfort, dass vieles out-of-the-box funktioniert.

Es wirkt jedoch arg befremdlich, wenn eine in einer Distribution vorinstallierte Komponente nach wenigen Tagen den Dienst quittiert und sich erst dann wieder aufrufen lässt, wenn sich der Anwender beim Hersteller gegen Preisgabe seiner persönlichen Daten registriert. Demzufolge ist die aktuelle Entscheidung nötig und richtig, das FreeOffice nicht als Standard zu installieren, sondern nur als Option anzubieten.

Manjaro sollte man dabei keinen Strick drehen: FreeOffice als Standard tauchte ja keineswegs unangekündigt in der finalen Version der Distribution auf, sondern lediglich in zwei Release-Candidates zu Manjaro 18.1. Die Macher der Distribution kommunizierten und dokumentierten die Änderung zudem auch ganz offen im Entwicklerforum. Das so gewonnene Feedback der Community floss dann umgehend wieder in Manjaro ein. Entwickler, die zuhören und auf die Wünsche der Nutzer eingehen – letztendlich wünschen wir uns als Anwender doch genau dieses Vorgehen. Christoph Langner

Die Reaktionen der Manjaro-Nutzer auf den Wechsel fielen teils recht drastisch aus: Viele Nutzer sprachen von proprietärem Müll, einem “CrippleOffice” oder dem Ausverkauf der Distribution [7]. Die Kritik prallte nicht ungehört an den Manjaro-Entwicklern ab. Gleich im nächsten Release-Candidate RC7 von Manjaro 18.1 fand sich in der Installationsroutine ein Modul, das die Wahl des Office-Pakets dem Anwender überlässt (Abbildung 3). Zu Redaktionsschluss konnte man zwischen LibreOffice, FreeOffice und dem Verzicht auf ein Büropaket wählen – was letztendlich auch den Umfang der Installation auf der Festplatte reduziert [8].

Abbildung 3: Nach Kritik an der Wahl von FreeOffice als Standard-Büropaket ermöglicht das Setup von Manjaro 18.1 nun die Wahl zwischen Libre- und FreeOffice. Optional kann man auch ganz auf ein Office verzichten.

Abbildung 3: Nach Kritik an der Wahl von FreeOffice als Standard-Büropaket ermöglicht das Setup von Manjaro 18.1 nun die Wahl zwischen Libre- und FreeOffice. Optional kann man auch ganz auf ein Office verzichten.

Im Interview mit dem YouTube-Kanal Linux-Umsteiger [9] erklärt Philip Müller, dass es zukünftig noch weitere Optionen geben soll, um ähnlich wie bei OpenSuse schon bei der Installation die einzuspielende Software auszuwählen. Der Calamares-Installer wäre im Zuge der FreeOffice-Diskussion dementsprechend erweitert worden. Des Weiteren erklärte Müller in unserem Gespräch, dass SoftMaker bereit sei, von der Community nachgefragte Funktionen aus dem kostenpflichtigen SoftMaker Office in FreeOffice zu übertragen. So habe man schon das von Libre- und OpenOffice genutzte ODF-Format freigeschaltet, in Zukunft soll zum Beispiel auch noch der Dark Mode übernommen werden.

FreeOffice: Rechtschreibkorrektur nachrüsten

FreeOffice enthält Wörterbücher für Englisch und Deutsch, in der uns vorliegenden Version 966.0705 funktionierten diese allerdings aufgrund eines Bugs nicht. SoftMaker sagte uns zu, diesen Fehler so schnell wie möglich zu beheben. Die unter Linux gebräuchlichen Hunspell-Wörterbücher lässt FreeOffice allerdings außen vor, obwohl das Programm dieses Format eigentlich unterstützt. Bei Bedarf lassen sich die im System vorhandenen Wörterbücher allerdings in FreeOffice integrieren. Installieren Sie dazu über die Paketverwaltung das gewünschte Hunspell-Wörterbuch. Für Deutsch führen Sie etwa dazu das Kommando sudo pacman -S hunspell-de in einem Terminal aus.

Anschließend öffnen Sie einen Dateimanager und kopieren die Dateien de_DE.aff und de_DE.dic aus dem Ordner /usr/share/hunspell/ in ein temporäres Verzeichnis. Dort legen Sie dann eine leere Textdatei mit dem Namen dict.ini an, die Sie mit den Zeilen aus Listing 1 befüllen. Die drei Dateien packen Sie dann in ein ZIP-Archiv, etwa mit dem Namen de-hunspell.zip. Im letzten Schritt ändern Sie die Dateiendung von ZIP zu SOX, also de-hunspell.sox, und kopieren die Datei in den Ordner ~/SoftMaker/.

Die SOX-Datei lässt sich nun in FreeOffice importieren. Öffnen Sie dazu unter Datei | Einstellungen den Reiter Sprache, und aktivieren Sie die Option Rechtschreibprüfung im Hintergrund verwenden. Danach klicken Sie auf den Schalter Hunspell-Wörterbücher. Im darauffolgenden Dialog binden Sie dann über Hunspell-Wörterbücher hinzufügen… die gerade erstellte Wörterbuchdatei ein. Analog zu diesem Vorgehen binden Sie bei Bedarf auch andere von FreeOffice nicht unterstützte Sprachen ein.

Listing 1

[Revision]
rev=100
[LocaleInfo]
FileNameBase=de_DE
SupportedLocales=de_DE

Zusätzlicher Paketmanager

Die zweite größere Neuerung von Manjaro finden Sie in der Sektion System des Anwendungsmenüs: Mit fpakman enthält das System nun einen Anwendungsmanager für Snap- und Flatpak-Pakete [10]. Auf diese Art lassen sich sehr einfach Anwendungen installieren, die es bislang nicht in den Paketquellen der Distribution gibt. Oft stellen Entwickler auch Beta-Versionen ihres Programms als Flatpak oder Snap bereit, da sich dieses parallel zur Version aus der Paketverwaltung installieren lässt, ohne die Hauptversion zu beeinträchtigen.

Direkt nach dem Start zeigt Fpakman ein noch recht leeres Fenster an. Über das Textfeld im Kopfbereich des Programms stoßen Sie eine Suche in den Repositories von Flathub.org und Snapcraft.io an. Die Schalter Flatpak und Snap grenzen die Suche auf eines der Formate ein. Anhand des Icons am rechten Rand der Trefferliste lässt sich leicht erkennen, aus welcher Quelle der jeweilige Treffer stammt. Mit einem Rechtsklick auf das gewünschte Programm und der Option Install spielen Sie das Paket dann auf dem Manjaro-System ein (Abbildung 4).

Abbildung 4: Fpakman dient als neues Frontend für die Installation von Anwendungen über Flatpak- und Snap-Pakete. Die Basis der Installation bildet jedoch weiterhin der von Arch Linux übernommene Paketmanager Pacman und dessen grafisches Frontend Pamac.

Abbildung 4: Fpakman dient als neues Frontend für die Installation von Anwendungen über Flatpak- und Snap-Pakete. Die Basis der Installation bildet jedoch weiterhin der von Arch Linux übernommene Paketmanager Pacman und dessen grafisches Frontend Pamac.

Sobald Sie eine Anwendung als Flatpak oder Snap installiert haben, fügt Fpakman noch den Schalter Apps hinzu. Damit lässt sich die Liste um als Abhängigkeiten installierte Bibliotheken erweitern. Einmal aufgerufen, bleibt das Programm auch im Hintergrund aktiv; ein Icon im Systempanel signalisiert den Status. Der Paketmanager kontrolliert regelmäßig, ob Updates zur Verfügung stehen, und bietet diese zur Installation an. Mit einem Rechtsklick auf das Icon und die Option Exit beenden Sie den Paketmanager komplett.

Fazit

Die Integration des proprietären FreeOffice-Pakets zeigt, dass sich Manjaro auf der Reise von einer reinen Community-Distribution hin zu einer professionellen Software befindet. Für die Nutzer muss das nicht zwingend etwas Schlechtes bedeuten. Manjaro trägt schon lange seinen Teil zur Weiterentwicklung des Linux-Desktops bei. So stammen zum Beispiel das grafische Pacman-Frontend Pamac und das Installationsframework Calamares aus der Feder der Manjaro-Entwickler. Zudem erschließt das Projekt auch der Mutterdistribution Arch Linux eine große Nutzerbasis: Viele Manjaro-Anwender würden schon aufgrund des fehlenden grafischen Installers wohl nie Arch Linux verwenden. Man darf gespannt sein, was sich Manjaro in Zukunft noch einfallen lässt. 

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