Bevorzugen Sie eine stabile Distribution für den Desktop mit großem Software-Bestand? Dann werfen Sie einen Blick auf das Debian-Derivat Netrunner.
Das als grundsolide bekannte Debian bildet die Basis vieler jüngerer Distributionen. Auf dem Desktop gilt es jedoch als gewöhnungsbedürftig: Einerseits fehlen unfreie Binärdateien, die für den Einsatz zahlreicher Komponenten nötig wären, andererseits ist die meiste Software aufgrund der konservativen Konzeption des Betriebssystems bereits bei Erscheinen eines neuen Releases veraltet.
Das in Deutschland entwickelte Netrunner beseitigt beide Defizite: So enthält das Debian-Derivat von Haus aus unfreie Codecs für Multimedia-Anwendungen und proprietäre Firmware-Komponenten, und da Netrunner auf einem Snapshot des “Testing”-Zweigs von Debian basiert, sind die meisten Softwarepakete auf einem recht aktuellen Stand [1].
Doch das System bietet noch mehr: So gibt es neben dem Allround-Desktop eine Core-Version, die nur die nötigsten Pakete enthält und Ihnen beim Ausbau des Systems freie Hand lässt. Zudem bieten die Entwickler mit einer speziellen, auf Arch/Manjaro basierenden Rolling-Release-Variante eine Distribution ohne feste Zyklen beim Veröffentlichen.
Zu guter Letzt stellt das Projekt noch Abbilder für die ARM-Architektur bereit, wodurch das System etwa auf einem Odroid-Kleincomputer eine gute Figur abgibt. Der einzige Wermutstropfen besteht in der Beschränkung auf 64-Bit-Hardware: Für ältere 32-Bit-basierte Systeme stehen keine Pakete bereit.
Auch beim Desktop konzentrieren sich die Entwickler auf eine einzige Umgebung: Mit der jeweils aktuellen KDE-Plasma-Variante hat Netrunner einen schwergewichtigen Desktop an Bord, der es jedoch ermöglicht, zahlreiche Details zu konfigurieren.
Hintergrund
Hinter Netrunner steht, anders als bei Debian, keine Community. Bei dem Projekt handelt es sich um ein von der Bielefelder Firma Blue Systems GmbH [2] gesponsertes Unterfangen. Die Firma ist in der freien Softwareszene kein Unbekannter: Vom Informatiker Clemens Tönnies Jr. gegründet, machte es sich insbesondere ab 2012 in der Linux-Szene einen Namen, als Tönnies nach dem Rückzug Canonicals die Förderung des Kubuntu-Projekts übernahm und zugleich mehrere KDE-Entwickler bei Blue Systems anstellte [3].
Die Kubuntu-Unterstützung beendete Blue Systems im Jahr 2016. Inzwischen fördert der Multimillionär Tönnies – er entstammt der bekannten westfälischen Schlachtereidynastie – zusätzlich die KDE-Variante von Linux Mint. Eine stattliche Anzahl weiterer Projekte, zu denen als die bekanntesten wohl das Installer-Framework Calamares, der Homerun-Launcher für KDE und die ebenfalls für KDE Plasma optimierten Versionen von Firefox und Thunderbird gehören. Das primär auf Debian und KDE Neon aufbauende Maui Linux [4] stammt ebenfalls aus der Feder von Blue Systems.
Netrunner ist dabei mit rund acht Jahren kontinuierlicher Entwicklungszeit das älteste FOSS-Projekt des Philantropen Tönnies. Seine Firma akquirierte zudem Ende 2015 das OpenDesktop.org-Netzwerk von Owncloud-Gründer Frank Karlitschek, das eine Reihe viel frequentierter Webseiten rund um KDE und Gnome betreibt. Zu diesen gehören neben anderen Linux-apps.com, Store.kde.org und GNOME-look.org [5].
Live-System
Sie erhalten das Live-System mit dem Codenamen “Idolon” als rund 2,4 GByte großes ISO-Image [6]. Daneben finden Sie auf der Webseite das Image für die Rolling-Release-Variante mit rund 2,3 GByte Umfang sowie die Core-Version, die mit 1,3 GByte Größe deutlich kleiner ausfällt.
Die Desktop-Variante 18.03 enthält die neuesten Softwarepakete. Nach dem Herunterladen befördern Sie das Hybrid-Image entweder auf einen mindestens 4 GByte großen USB-Stick oder auf eine DVD. Von diesen Medien startet das Debian-Derivat in einen unscheinbaren Grub-Bildschirm, der lediglich den Live-Betrieb zulässt.
Netrunner öffnet anschließend ohne weitere Einstellungen einen in dunklen Farbtönen gehaltenen KDE-Plasma-Desktop der Version 5.12.2 mit vier Icons oben links auf der Arbeitsoberfläche. Öffnen Sie das Startmenü, so legt es sich semitransparent über den gesamten Desktop (Abbildung 1).
Möchten Sie dieses Menü durch ein weniger auffälliges ersetzen, schließen Sie es zunächst. Dann rufen Sie das Kontextmenü der passenden Schaltfläche im Panel auf. Hier haben Sie die Wahl zwischen vier Alternativen: Neben den herkömmlichen Menüs finden Sie hier das sehr schlanke Simple-Menü, das die Applikationshierarchie in einer einfachen Struktur abbildet.
Software
Bereits das Live-System bietet einen Überblick über den vollständigen Software-Bestand. Dabei fällt auf, dass die einzelnen Applikationen sorgfältig vorkonfiguriert wurden. Als Browser kommt Firefox 58.0.1 zum Einsatz, in den die Entwickler den Werbeblocker Ublock Origin integriert haben. Als Mail-Client dient Thunderbird 52.6.0, als Büropaket LibreOffice in Version 6.0.2.
Der Transkodierer Handbrake bringt bereits die wichtigsten Codecs, außerdem sind die Geografie-Software Marble mit KDE-Integration sowie der Suse Studio Imagewriter ins System eingepflegt. Daneben finden sich in den Menüs das Screencast-Programm Vokoscreen, die Vektorgrafik-Software Inkscape, das Bildbearbeitungsprogramm Gimp sowie nahezu der gesamte Bestand an kleineren KDE-Applikationen. GTK+-basierte Programme lassen sich dank der entsprechenden Bibliotheken problemlos in Netrunner integrieren.
Zum Verwalten der Software kommt Synaptic als Frontend zum Einsatz. Beachten Sie, dass teilweise – vor allem bei Programmen von Drittherstellern wie Mozilla – noch die deutsche Lokalisierung fehlt. Diese Pakete installieren Sie jedoch bei Bedarf aus dem Repository nach.
Auf die Platte
Bei Bedarf packen Sie das System aus dem Live-Modus heraus über den Starter Install Netrunner auf die Festplatte des Rechners. Als minimale Voraussetzungen nennen die Entwickler einen mit mindestens 1,6 GHz getakteten N270 der Atom-Serie von Intel, mindestens 1 GByte RAM sowie 10 oder mehr GByte freier Platz auf der Festplatte.
Außerdem sollte als Grafikkarte eine Intel GMA945 mit mindestens 128 MByte Speicher vorhanden sein. Für die Installation kommt der grafische Assistent Calamares zum Einsatz, der in wenigen Schritten – optisch ähnlich dem bekannten Ubuntu-Assistenten Ubiquity – das Betriebssystem installiert (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Calamares-Installer hilft Ihnen dabei, das System aus dem Live-Modus auf die Festplatte zu heben.
Nach einem Warmstart finden Sie die vom Live-System her bekannte Oberfläche vor. Im Gegensatz zu Debian baut Netrunner meist sofort eine Verbindung ins WLAN auf, da es die häufig benötigten proprietären Firmware-Dateien für viele WLAN-Chipsätze aus dem “Non-Free”-Zweig von Debian bereits mitbringt. Bei den WWAN-Komponenten für den Zugang über das Mobilfunknetz ist nach wie vor Handarbeit angesagt, was wegen der teils schlecht verfügbaren Binär-Blobs gelegentlich nicht problemlos verläuft.
Im Menü Einstellungen | Systemeinstellungen finden Sie das ehemalige Kontrollzentrum von KDE wieder, das die Entwickler um einige Optionen in der Gruppe Advanced ergänzt haben. Die nun optisch in drei Spalten getrennte Oberfläche ermöglicht zwar nach wie vor eine einfache Navigation, zwingt jedoch auf Bildschirmen mit geringerer Auflösung als Full-HD (1920 x 1080 Pixel) zum häufigen horizontalen Scrollen der rechten Spalte, um Inhalte vollständig zu sehen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das KDE-Kontrollzentrum wurde optisch modernisiert. Auf Bildschirmen mit kleiner Auflösung lassen sich Teile der Oberfläche aber nur durch Scrollen erreichen.
Der im selben Menü angesiedelte Grub Customizer bietet die Möglichkeit, den Bootmanager ohne Eingabe auf der Kommandozeile oder nachträgliches Bearbeiten von Konfigurationsdateien anzupassen. Die entsprechenden Dialoge ermöglichen es dabei sogar, Grub durch Einbinden eines Hintergrundbilds zu individualisieren (Abbildung 4).

Abbildung 4: Der Grub Customizer bietet die Möglichkeit, den Bootmanager in einer grafischen Oberfläche zu konfigurieren.
Als weitere Besonderheit besitzt Netrunner unten rechts im Panel ein kleines Symbol für ein Terminal. Dabei handelt es sich um Yakuake, dessen Fenster oben mittig auf dem Bildschirm ausklappt [7]. Alternativ erreichen Sie das Tool auch über [F2].
Das System kommt von Haus aus mit einigen grafischen Tools zum Verwalten der Hardware. Außerdem gibt es mit dem Kommandozeilenprogramm Inxi ein textbasiertes Werkzeug, das äußerst detailliert Auskunft über die vorhandenen Komponenten erteilt [8]. Speziell bei Komponenten wie WWAN-Karten, die noch das manuelle Installieren proprietärer Firmware erfordern, bietet das Tool eine echte Hilfe zum Identifizieren der Hardware und Installation der korrekten Pakete.
Insbesondere in heterogenen Umgebungen mit verschiedenen Netzwerkprotokollen kommt es gelegentlich vor, dass Linux-Desktops sich nicht sofort mit einem Samba-Server verstehen. Netrunner bringt daher mit dem Samba-Mounter vorinstalliert ein Werkzeug mit, das Samba-Laufwerke bequem per Mausklick im Userspace des Plasma-Desktops einbindet oder aushängt. Das Tool stammt von den Blue-Systems-Entwicklern und lässt sich in den Netzwerkeinstellungen des Kontrollzentrums konfigurieren.
Schließlich haben die Entwickler mit der vorinstallierten Virtualbox inklusive entsprechender Anpassungen am Kernel bereits alle Voraussetzungen geschaffen, um virtuelle Maschinen unter Netrunner als Host einzusetzen. Das erspart Ihnen die recht umfangreichen Arbeiten, die sonst vorzunehmen wären. Da die von Netrunner betriebenen Repositories Virtualbox mit allen zusätzlichen Paketen führen, brauchen Sie für Aktualisierungen der Software nicht die Webseite des Herstellers zu besuchen.
Aktuell
Das deutsche Debian-Derivat enthält ein Tool zum Aktualisieren des Systems, das sich nach der Installation auf die Festplatte automatisch beim Systemstart aktiviert. Es ändert jedoch ohne Ihre explizite Zustimmung nichts (Abbildung 5).
Sie finden dazu im System-Tray des Panels ein kleines Zahnrad-Symbol, mit dem Sie auf Mausklick das Aktualisieren der Software anstoßen. Ein weiteres Info-Symbol im System-Tray zeigt nach einem Klick in einem neuen Fenster die vorhandenen Aktualisierungen einzeln an und eröffnet die Möglichkeit, Pakete abzuwählen. Durch Schließen des Fensters brechen Sie die Installation der Updates bei Bedarf ab.
Repositories
Netrunner erhält dank seiner Debian-Basis Zugriff auf die Vielzahl an Programmen, die das aktuelle Debian “Stretch” mitbringt. Über das grafische Frontend Synaptic (oder das Kommandozeilenprogramm Apt) stehen mehr als 55?000 Pakete zur Installation bereit.
Zusätzlich haben die Entwickler das “Testing”-Repository von Debian und ein Backport-Repository von Netrunner in Synaptic eingepflegt, allerdings noch nicht aktiv. Sie schalten diese Paketquellen über die Einstellungen in Synaptic hinzu.
Die Paketverwaltung umfasst noch ein Repository für Skype für Linux, das den rund 72 MByte umfassenden Client auf den letzten Stand bringt. Möchten Sie anstelle der proprietären Software ein freies Programm zur Videotelefonie verwenden, wie etwa Jitsi [9], so sollten Sie den Skype-Client über Synaptic deinstallieren und das dazugehörige Repository im Dialog für die Paketquellen deaktivieren.
Fazit
Netrunner macht einen runden Eindruck. Bis auf kleine Schwächen – etwa die fehlende Lokalisierung weniger externer Programme und einige fehlende proprietäre Firmware-Pakete für seltener verbaute Hardware – fielen im Test keine Probleme auf. Das Betriebssystem arbeitet stabil und ohne Latenzen. Aufgrund des enormen Software-Fundus, der selbst exotische Wünsche erfüllt, eignet sich Netrunner daher uneingeschränkt als grundsolider Allrounder für den täglichen Einsatz auf (auch älteren) 64-Bit-Systemen.
Infos
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Netrunner: https://www.netrunner.com
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Blue Systems GmbH: http://www.blue-systems.com
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Kubuntu-Förderung: https://www.golem.de/news/clemens-toennies-der-neue-philanthrop-hinter-kubuntu-1207-93009.html
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Maui Linux: https://mauilinux.org
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OpenDesktop.org-Übernahme: https://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/Blue-Systems-kauft-opendesktop.org
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Image herunterladen: https://www.netrunner.com/download
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Yakuake: https://yakuake.kde.org
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Jitsi: https://jitsi.org








Hallo zusammen,
was bedeutet denn “Inzwischen fördert der Multimillionär Tönnies […] zusätzlich die KDE-Variante von Linux Mint”?
Mint KDE ist doch seit Linux Mint 19 “Tara” endgültig tot – oder darf ich noch hoffen!?
Hallo Udo,
der Satz ist tatsächlich unglücklich formuliert. Herr Tönnies hat über seine Firma Blue Systems bereits ab dem Jahr 2012 Linux Mint wie auch Kubuntu unterstützt. Er war seither sogar größter Sponsor bei Linux Mint. Es gibt zwar seit der neuen Version 19 kein KDE-Image mehr von Linux Mint, aber KDE lässt sich aus den Ubuntu-Repositories (18.04 LTS) problemlos in LM 19 installieren und integriert sich offenbar ganz gut. Hier
https://linuxhint.com/install_kde_linux_mint_19/
dazu eine kleine Anleitung. Deine Hoffnung musst Du also nicht begraben.
Beste Grüße
Erik Bärwaldt