Der Webcam-Support gehörte über lange Zeit zu den Sorgenkindern unter Linux: Für viele Geräte gab es überhaupt keine Treiber, und wenn es welche gab, mussten diese umständlich installiert werden. Die schlechten Zeiten sind nun vorbei, wie dieser Artikel zeigt.
Plug & Play hieß einst das große Zauberwort von Microsoft. Es versprach dem Benutzer, dass ein Gerät nach dem Anschließen an den Computer sogleich funktioniere. Doch wer Windows regelmäßig nutzt, weiß, dass es mit dem schnellen Spielen nicht weit her ist. In der Regel verlangt das Microsoft-Betriebssystem bei jedem Gerät nach einer Treiber-CD, und in den meisten Fällen befinden sich in der Verpackung neben der gekauften Ware mehrere Warnhinweise, unbedingt zuerst den Treiber zu installieren und das Gerät erst danach anzuschließen. Dies gilt auch für Hardware von Microsoft selbst (Abbildung 1)

Abbildung 1: Plug & Play war früher. Ein Kleber über dem USB-Stecker weist den Kunden darauf hin, unbedingt zuerst die Software zu installieren.
Echtes Plug & Play
Der Linux-Kernel unterstützt bereits heute eine beachtliche Zahl an Webcams out-of-the-box. Seit Version 2.6.15 sorgt das so genannte Uvcvideo-Framework (die Abkürzung UVC steht für USB Video Class) dafür, dass Geräte, die den UVC-Standard unterstützen, ohne zusätzliche Treiber unter Linux funktionieren. In der Regel sind das Webcams und einige Camcorder, aber auch digitale Fotoapparate und TV-Tuner können UVC-kompatibel sein. Der neue Treiber unterstützt generell sämtliche UVC-Geräte, allerdings ist es bei neuen Webcams nötig, den Entwicklern die zugehörigen Hersteller- und Geräte-IDs mitzuteilen, damit diese in den Treiber integriert werden und echtes Plug & Play möglich ist. Die meisten neuen Webcams sind UVC-kompatibel, da Microsoft dies für ein Vista-Logo verlangt. Dennoch setzen einige Hersteller weiterhin auf eigene Treiber um ihre Webcams als noch besser zu verkaufen. So werben zum Beispiel einige Verpackungen mit fünf oder sogar sechs Megapixeln. In Wirklichkeit bringen die Kameras aber nur einen 1,3 Megapixel-Sensor mit, die hohe Auflösung bei Standbildern erreicht die Kamera über Interpolation, was die Qualität der Aufnahmen eher verschlechtert. Der Linux-UVC-Treiber unterstützt solche Sonderfunktionen nicht, sondern beschränkt sich auf den Audio- und Video-Support. Achten Sie deshalb beim Kauf immer auf die Megapixel des CMOS-Sensors und lesen Sie das Kleingedruckte.
Für diesen Test holte sich die Redaktion vier Webcams vom Marktführer Logitech und vier Kameras anderer Hersteller (siehe Tabelle “Das Testfeld”). Die Hälfte der Geräte arbeitet mit dem Uvcvideo-Treiber zusammen, funktioniert somit ohne zusätzliche Treiberinstallation auf jeder aktuellen Distribution. Bei drei weiteren Geräten müssen Sie je nach Distribution noch einen zusätzlichen Treiber installieren. Für eine einzige Webcam mussten wir im Internet wirklich nach Treibern suchen, doch auch dieses Gerät funktioniert unter Linux.
Vier mal Logitech
Das schweizer Unternehmen ist seit mehreren Jahren unangefochten die Nummer Eins im Webcam-Verkauf. Wie unsere Tests zeigten, nicht zu unrecht. Die zwei Logitech-Modelle mit einem 2-Megapixel-Sensor (Quickcam for Notebook Pro und das Desktop-Modell Quickcam Pro 9000) funktionieren nicht nur ohne zusätzliche Treiberinstallation, sondern weisen auch die mit Abstand beste Bildqualität auf. Der im Objektiv eingebaute Autofokus-Mechanismus sorgt bei diesen zwei Modellen zudem dafür, dass Ihre Kommunikationspartner Sie immer scharf sehen. Das Carl-Zeiss-Objektiv in diesen zwei Kameras ist zudem sehr lichtstark und bietet selbst bei schlechter Beleuchtung noch angenehme Farben und hinreichend Kontrast (Abbildung 2). Beide Kameras haben eingebaute Mikrofone für die Videotelefonie.
Die Quickcam Connect gehört zu den günstigeren Logitech-Geräten. Sie arbeitet nur mit dem (alten) Gspca-Treiber [1] zusammen. Die Bildqualität auf den 640 x 480 Pixeln ist im direkten Vergleich zur 2-Megapixel-Kamera gerade mal befriedigend, dafür erhält der Käufer für rund 25 Euro auch noch ein Stereo-Headset und ein Stativ für die einfache Montage. Ein integriertes Mikrofon fehlt hingegen bei diesem Modell.
Preislich und qualitativ im Mittelfeld spielt die Quickcam Deluxe for Notebooks. Sie unterstützt eine maximale Auflösung von 1280 x 960 Bildpunkten. Die Bildqualität ist in Ordnung, allerdings muss man den Fokus von Hand einstellen. Für VoIP-Gespräche bringt die Webcam ein integriertes Mikrofon mit. Dank Uvcvideo-Support sollte die Webcam unter aktuellen Distributionen eigentlich ohne Probleme arbeiten, in den Tests kam es jedoch auf einigen Rechnern zu ernsten Schwierigkeiten. Dies hängt mit dem eingesetzten USB-Chipsatz zusammen. Je nach Hardware steigt die Kamera nach ein paar Minuten einfach aus. In einem solchen Fall muss man den USB-Treiber neu laden, um die Webcam wieder zur Mitarbeit zu überreden:
- Öffnen Sie über [Alt]+[F2] und den Befehl
kdesu konsoleein KDE-Terminalfenster mit Adminrechten. - Geben Sie den Befehl
modprobe -r ehci-hcdein, um den Treiber zu entladen. - Über den Befehl
modprobe ehci-hcdladen Sie den Treiber neu.
Das Problem ist von einigen Logitech-Kameras her bekannt, die Firma hat dazu eine Support-Seite eingerichtet [2]. Wer trotzdem mit dem Kauf der Quickcam Deluxe for Notebooks liebäugelt, sollte sich deshalb unbedingt ein Rückgaberecht einräumen lassen.
Creative Live! Cam Notebook Pro
Die Creative-Webcam eignet sich nur zur Befestigung an relativ dünnen Notebook-Displays. Sie ist sehr klein, und dank der mitgelieferten Hülle lässt sie sich auch gefahrlos transportieren. Da die Kamera nicht UVC-kompatibel ist, benötigen Sie dafür einen speziellen Treiber [3]. Die Installation beschreibt der Kasten “Kernelmodul bauen”.
Kernelmodul bauen
Für die Installation des ov51x-jpeg-Treibers müssen Sie auf Ihrem System diverse Entwicklerwerkzeuge vorhanden sein. Benutzen Sie OpenSuse, starten Sie zur Installation dieser Werkzeuge YaST über [Alt]+[F2] und den Befehl kdesu yast2. Wählen Sie in YaST das Modul Software / Software installieren oder löschen und stellen Sie den Filter auf Schemata. Markieren sie nun den Eintrag Linux-Kernel-Entwicklung zur Installation und klicken Sie auf Akzeptieren. Unter Ubuntu installieren Sie über die Paketverwaltung die Pakete build-essential und linux-headers-Versionsnummer. Versionsnummer müssen Sie dazu durch die Version des Kernels ersetzen, die Ihnen der Befehl uname -r zurückgibt. Auf der Kommandozeile erledigen Sie die Installation dieser zwei Pakete über den Befehl
sudo apt-get install linux-headers-$(uname -r) build-essential
Benutzen Sie Mandriva Linux 2008, starten Sie die Paketverwaltung über Installieren & Entfernen von Software aus dem Hauptmenü. Hier stellen Sie den Filter links oben von Programme mit GUI auf Alle, geben kernel-source in das Suchfeld ein und drücken [Eingabe]. Markieren Sie danach unter den Treffern das Paket kernel-source-latest und klicken Sie auf Anwenden. Fragen zu Abhängigkeiten beantworten Sie jeweils mit Ja. Mandriva Linux installiert so die Kernelquellen und die wichtigsten Entwicklerwerkzeuge.
Haben Sie die Kernelquellen und die grundlegenden Entwicklerwerkzeuge installiert, entpacken Sie den Tarball und starten über [Alt]+[F2] eine Konsole. Hier wechseln Sie über den Befehl cd ov51x-jpeg-1.5.8 ins neue Verzeichnis und rufen make auf. Der Befehl kompiliert die Quellen und erstellt ein Kernelmodul. Dieses installieren Sie über den Befehl sudo make install. Nach diesen Schritten erkennt Ihre Linux-Distribution die Kamera beim Anschließen automatisch.
Die Webcam bringt einen 0,5-Megapixel-Sensor mit, dementsprechend liegt die Bildqualität nur leicht über jener der günstigsten Modelle. Hingegen waren die Lichtstärke des Objektivs und die Farbtreue überdurchschnittlich. Zum Lieferumfang der Webcam gehört auch ein kleines Headset.
Microsoft LifeCam VX-1000
Da der Begriff Live-Cam bereits geschützt ist, hat sich Microsoft bei der Namensgebung etwas ganz Originelles einfallen lassen. Neben vielen rechtlichen und Werbehinweisen gehen die wichtigsten Informationen auf der Packung fast unter: Die LifeCam VX-1000 ist kein UVC-Gerät. Deshalb trägt die rote Box auch nicht das farbige Certified-for-Logo, sondern nur das graue Works-with-Emblem. Ein Hinweis zur tatsächlichen Auflösung des Geräts fehlt komplett, so kauft man quasi die Katze im Sack oder lässt am besten gleich die Finger davon. Unter Linux unterstützt der Gspca-Treiber die Webcam, allerdings nur sehr schlecht. Die Kamera zeigt zwar ein Bild an, die Farben sind aber je nach Beleuchtung viel zu hell (Abbildung 4) oder viel zu dunkel. Unter Skype funktioniert die Webcam überhaupt nicht.

Abbildung 4: Die Microsoft-Webcam lässt sich wegen mangelnder Bildqualität unter Linux nicht wirklich nutzen.
Ganz oben auf der VX-1000 befindet sich ein Knopf, um Windows Live zu starten. Dieser Button funktioniert unter Linux nicht, da er kein Tastensignal sendet.
Philips SPC1005NC
Der Karton der Philips-Webcam wirbt mit sagenhaften 5 Megapixeln. In Wirklich bringt die Kamera aber einen 1,3-Megapixel-Sensor mit, die 5 Megapixel großen Bilder erstellt ein Windows-Programm über Interpolation. Abgesehen von dieser kleinen Irreführung bekommen Sie mit der SPC1005NC eine durchaus solide Webcam und ein bequemes Headset. Unter aktuellen Distributionen funktioniert sie ohne zusätzliche Treiberinstallation und zeigt kräftige Farben an. Einzig beim Autofokus haben die Niederländer gespart, so müssen Sie selbst am Objektiv drehen, um das Motiv scharf zu stellen. Dies ist aber nur bei extremen Nahaufnahmen nötig. Dank des Weitwinkelobjektivs erfasst die Webcam sehr viel von ihrer Umwelt. Nach den beiden Logitech-Kameras belegt die SPC1005NC deshalb den dritten Platz. Sie arbeitet problemlos mit Skype und Kopete zusammen.
Speed-Link Sphere Webcam SL-6820
Die Speed-Link-Webcam gehört zu den günstigsten Geräten überhaupt und arbeitet unter Linux mit den Gspca-Treibern. Das Objektiv der Kamera ist relativ lichtschwach, die Farben haben einen deutlichen Blauton (Abbildung 5). Trotzdem lässt sich die Kamera eigentlich problemlos unter Linux nutzen, das Scharfstellen am sehr kleinen Objektiv erfordert jedoch sehr viel Fingerspitzengefühl. Als Besonderheit bringt das Modell SL-6820 einen Lichtsensor mit. Wird es im Raum zu dunkel, schaltet der Sensor automatisch die vier LEDs an der Webcam ein. Wirklich brauchbar ist dieses Feature aber nur bei fast kompletter Dunkelheit, im Halbdunkel schalten die LEDs entweder zu spät ein oder bringen zu wenig zusätzliches Licht.
Die Anwendungen
Für die Videotelefonie unter Linux benutzen Sie am besten Skype oder Kopete (Abbildung 5). Webcams, die mit dem Uvcvideo-Treiber zusammenarbeiten, funktionieren in der Regel problemlos unter beiden Programmen. Benötigen Sie für Ihre Webcam den Gspca- oder einen anderen Treiber, kann es zu Problemen kommen. Ebenfalls problematisch gab sich in den Tests die Kombination KDE 4/Compiz: Hier zeigten manche Webcams aufgrund der neuen Plasma-Oberfläche je nach Videokarte nur ein grünes oder gar kein Bild an. Versuchen Sie deshalb, erste Tests ohne Desktop-Effekte vorzunehmen.
Das Testfeld
Fazit
Wer sich eine Webcam kauft, möchte in der Regel auch gesehen werden. Brauchbare Bilder liefern außer dem Microsoft-Modell alle Testgeräte. Ein wirklich schönes Selbstportrait erhält man hingegen nur bei den zwei Logitech-Modellen mit 2-Megapixel-Sensor. Die 60 bzw. 70 Euro für die Pro-Variante lohnen sich auch, weil beide Modelle mit dem neuen Uvcvideo-Treiber funktionieren und somit auch in Zukunft echtes Plug & Play bieten.
Glossar
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Interpolation
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Mathematisches Verfahren, um den besten Punkt zwischen zwei (oder mehreren) bestehenden Punkten zu finden. Befindet sich zum Beispiel auf einem Foto ein roter und ein gelber Punkt, setzt eine Software dazwischen einen orangefarbenen. Dadurch kann man die Größe/Auflösung von Fotos verändern, in der Regel wird das Bild durch Interpolation aber auch weniger scharf.
[1] Gspca-Treiber: http://mxhaard.free.fr
[2] Logitech-Bug: http://www.quickcamteam.net/documentation/faq/logitech-webcam-linux-usb-incompatibilities
[3] Creative-Treiber: http://www.rastageeks.org/downloads/ov51x-jpeg/ov51x-jpeg-1.5.8.tar.gz
[] Software zum Artikel auf CD: Gspca-Treiber












