Debian gehört zu den solidesten Distributionen überhaupt. Was das Derivat BlankOn aus Indonesien leistet, zeigt unser Test.
Indonesien kennt man hierzulande wohl vor allem durch die Urlaubsinsel Bali, eines der beliebtesten touristischen Ziele in Südostasien. Im Linux-Universum bildet der Inselstaat dagegen quasi einen weißen Fleck. Doch auch dort hat das freie Betriebssystem viele Anwender überzeugt: So gibt es die Linux Mover Foundation (Yayasan Penggerak Linux Indonesia), die gemeinsam mit einem kleinen Entwicklerteam seit rund zehn Jahren das Debian-Derivat BlankOn [1] entwickelt und pflegt. BlankOn fungiert dabei nicht nur als eine für den indonesischen Vielvölkerstaat angepasste und um entsprechende linguistische Besonderheiten erweiterte Debian-Variante, sondern setzt mit interessanten eigenen Entwicklungen auch Akzente.
Auf die Plätze…
Sie erhalten das aktuelle ISO-Image der Version 11.0 “Uluwatu” auf der Webseite des Projekts. Es gibt lediglich eine 64-Bit-Version [2], eine Variante für 32-Bit-Systeme fehlt. Das Abbild beansprucht etwa 1,8 GByte Speicherplatz. Als Systemvoraussetzungen nennen die Entwickler eine mit mindestens 1,6 GHz getaktete CPU, 2 oder mehr GByte Arbeitsspeicher sowie wenigstens 15 GByte freien Plattenplatz. Besonders moderat fallen die grafischen Voraussetzungen aus: Hier genügt eine VGA-kompatible Grafikkarte mit 256 MByte Grafikspeicher.
Nach dem Start des Systems erscheint kein Bootmanager, sondern direkt ein Assistent, der wahlweise den Live-Betrieb oder eine Installation anstößt. Die BlankOn-Eigenentwicklung basiert auf HTML5, Javascript und der Programmiersprache Vala. Als Spracheinstellungen offeriert der Assistent zunächst nur Indonesisch und Englisch. Die Installationsroutine führt ähnlich wie bei Ubiquity oder Calamares in wenigen Schritten zu einem funktionsfähigen Betriebssystem.
… fertig, los!
Nach einem sehr zügig ablaufenden Warmstart gelangen Sie in den BlankOn-eigenen Desktop Manokwari, der auf dem aktuellen Gnome 3.26.2 basiert. Man erkennt sofort, dass die Entwickler der Oberfläche großen Wert auf Praxistauglichkeit legten. Voreingestellt umfasst Manokwari eine Standard-Panelleiste mit integriertem System-Tray am oberen Bildschirmrand und ein Dock mit etwa zehn Applikationsstartern unten mittig.
Eine Besonderheit stellen die seitlich angeordneten zusätzlichen Panels dar. Das linke öffnet sich vertikal über die gesamte Bildschirmhöhe, sobald Sie in der oberen Leiste links auf den Start-Button klicken. Es liefert eine konventionelle Menüstruktur, die bei einem Klick auf eine der Hauptgruppen das jeweilige Menü gleich darunter öffnet. Da die Struktur nur eine Hierarchiestufe umfasst, fallen die sonst üblichen unübersichtlichen Untergruppen weg. Ganz unten bietet Places and settings Zugang zu den individuellen Anwenderverzeichnissen, während Sie über die Schalter unter Sessions das System herunterfahren oder neu starten (Abbildung 1).
Bewegen Sie den Mauszeiger in die obere oder untere rechte Bildschirmecke, so klappt über die gesamte Bildschirmhöhe das vertikale rechte Panel aus. Im oberen Bereich finden Sie mehrere kleine Applets, im unteren ein gutes Dutzend Direktstarter für Einstellungsdialoge. Mit deren Hilfe installieren Sie beispielsweise neue Drucker oder nehmen Netzwerk- und Bildschirmeinstellungen vor. Sobald Sie das Panel verlassen, klappt es wieder ein.
Anders als Debian packt BlankOn recht aktuelle Software in die Distribution. So kommen neben Kernel 4.14 und Systemd 237 der X-Server 1.19.6, die Bibliotheken GTK+ 3.22.26 und Glibc 2.26 sowie der Druckserver Cups 2.2.6 zum Einsatz. Anwendungsseitig finden sich unter anderem LibreOffice 6.0.1 und Firefox 58.0.1. Nicht ganz so aktuell sind Gimp 2.8.20 und OpenJDK 8. Letzteres stellt zumindest funktional faktisch keine Einschränkung dar, da die meisten Java-Programme ab dieser Version funktionieren.
Einstellungssache
Die recht umfangreichen Einstellungsdialoge von BlankOn erreichen Sie auf verschiedenen Wegen. Die entsprechenden Starter im rechtsseitigen Panel rufen den Dialog Einstellungen auf und öffnen dort die entsprechende Gruppe. Über den Starter Places and settings | Settings im linksseitigen Panel oder über das Menü Einstellungen erreichen Sie dagegen den kompletten Einstellungsdialog.
Am Ende öffnet sich immer derselbe Dialog, der alle wesentlichen Optionen zur Hardware-Konfiguration bündelt. Hier stellen Sie in der Gruppe Region & Language die zu verwendende Sprache ein. Nach der Umstellung auf die deutsche Lokalisierung führen Sie einen Warmstart durch und finden anschließend die meisten Menüs und Dialoge in deutscher Sprache vor (Abbildung 2).

Abbildung 2: BlankOn spricht unter anderem Deutsch und eignet sich damit auch für den Einsatz hierzulande.
Im Einstellungsdialog fallen besonders die Gruppen Privatsphäre und Barrierefreiheit auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Distributionen bietet BlankOn dort recht umfangreiche Optionen. Unter Barrierefreiheit aktivieren Sie beispielsweise eine größere Schrift, einen stärkeren Kontrast oder auch eine andere Cursorgröße. Die Einstellungen zur Privatsphäre umfassen unter anderem Optionen zum Leeren des Papierkorbs, zum Löschen temporärer Dateien, zur Nutzung der Chronik sowie für die Bildschirmsperre.
Software
Einstellungen zur Software nehmen Sie über das Menü Systemverwaltung vor, wo Sie auch das grafische Frontend Synaptic finden. Da BlankOn über eigene Repositories verfügt, offeriert es sogar mehr Programme als Debian: Synaptic listet gut 61*:000 verfügbare Pakete auf.
Daneben gibt es in BlankOn unter Systemwerkzeuge | Software auch einen App-Shop, der Abhängigkeiten weitgehend vor dem Anwender verbirgt (Abbildung 3). Über die Software lassen sich auch Updates per Mausklick einspielen. Eine weitere Innovation besteht in der Unterstützung von Flatpak. Diese Option zur Softwareinstallation arbeitet distributionsübergreifend und erspart das Auflösen von Abhängigkeiten.
Ein weiteres Goodie des indonesischen Debian-Derivats stellen die zahlreichen bereits vorinstallierten Firmware-Dateien dar. Im Verzeichnis /lib/firmware findet sich zu nahezu allen neueren Intel-WLAN-Karten entsprechende proprietäre Software-“Blobs”. Auch einige Firmware-Dateien für ansonsten oft problematische Realtek- und Broadcom-Komponenten spielt der Einrichtungsassistent während der Installation automatisch mit ein.
Nach wie vor unbefriedigend stellt sich die Situation für DVB- und WWAN-Adapter (Internet über Mobilfunk) dar. Zwar gibt es zumindest für einige ältere DVB-Adapter Firmware, solche für WWAN-Karten fehlt komplett. Sollten Sie also beispielsweise in Ihrem Notebook eine Gobi-WWAN-Karte verwenden, kommen Sie um die manuelle Installation der Firmware-Dateien nicht herum. Immerhin lässt sich aus den Repositories das Paket modem-manager installieren, das die Nutzung vieler WWAN-Karten auf dem Desktop erleichtert.
Ein weiteres Linux-typisches Problem stellen Software-Codecs dar, die oft aus patent- oder aus lizenzrechtlichen Gründen außen vor bleiben. BlankOn liefert dabei im Gegensatz zu Debian, in dem unfreie Codecs komplett fehlen, von Haus aus solche proprietäre Pakete mit aus. Damit funktionieren die meisten Multimediainhalte im Audio- und Video-Player aus dem Stand.
Griffig
Die BlankOn-Entwickler haben den Desktop gezielt für die Bedienung über einen Touchscreen optimiert. Die großen Anwendungsknöpfe in der Dockbar am unteren Bildschirmrand vermindern dabei das Risiko einer Fehlbedienung ebenso wie die groß dimensionierten Schaltflächen in der rechten Seitenleiste, da sie sich gut mit einem Stift oder dem Finger antippen lassen.
Auch im linken Panel fällt das Auswählen der einzelnen Menügruppen und deren Anwendungen per Touchscreen leicht. Zudem minimieren Sie mithilfe der Konfigurationsoptionen in der Gruppe Barrierefreiheit des Einstellungsmenüs die zwangsläufig auftretenden Ungenauigkeiten bei der Bedienung per Touchscreen, etwa durch Nutzung größerer Schriften.
Fazit
Abgesehen von kleineren Schwächen wie einer noch lückenhaften Lokalisierung erweist sich BlankOn Linux als rundum gelungene Komposition. Besonders positiv sticht der Manokwari-Desktop mit seinen praktischen Seitenpanels hervor. Zudem nutzt die Lösung den Platz auf modernen Breitbild-Displays wesentlich besser aus als die Panelleisten herkömmlicher Desktops.
Dank der abgespeckten Oberfläche und des schlanken Fenstermanagers Mutter arbeitet BlankOn recht ressourcenschonend und sehr agil. Der RAM-Bedarf des Systems liegt mit rund 700 MByte nach dem Start deutlich niedriger als bei vergleichbaren Desktops; auch Boliden wie LibreOffice starten erstaunlich zügig. Selbst auf zehn Jahre alter Hardware gibt die Distribution noch eine gute Figur ab. Durch die solide Basis Debian steht außerdem ein enormer Software-Fundus bereit, sodass BlankOn Linux wohl jeder Aufgabe im Alltag gerecht wird.
Infos
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BlankOn Linux: https://www.blankonlinux.or.id
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ISO-Image: http://cdimage.blankonlinux.or.id/blankon/rilis/11.0.1







