Internet-TV mit Zattoo

Aus EasyLinux 04/2008

Internet-TV mit Zattoo

TV total

Der Stream-Player Zattoo holt Ihnen übers Internet das aktuelle Fernsehprogramm auf den Rechner.

Das Internet ist längst mehr als die statische Kommunikations- und Informationsplattform der Anfangszeit. Dank immer schnellerer Anbindungen und ausgefeilterer Technologien dominieren heute multimediale Inhalte das Geschehen. Seien es Videoclips von YouTube oder Radiostreams von Shoutcast [1]: Die Auswahl ist riesig. Zwar bieten inzwischen auch viele Fernsehsender Broadcasts im Netz an, eine Anwendung, die mehrere Sender zusammenfasst, fehlt bislang aber. Hier kommt Zattoo [2] ins Spiel (Abbildung 1). Es speist die Sendungen vieler öffentlich-rechtlicher und auch privater Sender selbst ins Netz ein und bietet sie über ein ausgeklügeltes Peer-to-Peer-Verfahren zur Ansicht an. Der proprietäre Player stellt derzeit 70 verschiedene Radio- und Fernsehsender zur Auswahl. Da der Service den Stream mit einer Bandbreite von etwa 60 KByte/s überträgt, eignet er sich nur für Anwender, die mindestens einen DSL-Anschluss besitzen.

Da Zattoo zum Verteilen des Streams P2PTV verwendet, wird der Empfänger gleichzeitig zum Versender des zwischengespeicherten Datenstroms. Dies geschieht ausschließlich, während der Player eine Sendung empfängt.

Abbildung 1: Der TV-Player Zattoo spielt auf Ihrem Rechner TV- und Fernsehsendungen vornehmlich von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ab.

Abbildung 1: Der TV-Player Zattoo spielt auf Ihrem Rechner TV- und Fernsehsendungen vornehmlich von öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ab.

Installation

Zattoo gibt es als DEB- und RPM-Paket sowie als generisches tar.gz-Archiv zum Download [3]. Da das Programm einer proprietären Lizenz unterliegt, befindet es sich nicht auf der EasyLinux-Heft-DVD. Zwar klappte die Installation des RPM-Pakets ohne Fehlermeldungen, aber nur weil im Paket sämtliche Einträge zu Abhängigkeiten zu anderen Programmen und Libraries fehlen. Der erste Startversuch scheitert entsprechend an einer ganzen Reihe fehlender Bibliotheken und Programme, darunter diverse Gnome-Bibliotheken sowie Adobes Flash-Plug-in, die Sie manuell mit dem Paketmanager Ihrer Distribution nachinstallieren. Alle benötigten Pakete finden Sie in den Standard-Repositories. Sollte der Player wegen eines fehlenden Flash-Plug-ins nicht starten, obwohl es installiert ist, verwenden Sie die Originalversion von Adobe [4].

Erster Start

Um Zattoo zu nutzen, benötigen Sie einen Account. Das Anmeldeformular finden Sie auf der Projektseite [5]. Dort genügt die Angabe der E-Mail-Adresse und des gewünschten Passworts. Zum Verwalten der Zugangsdaten verwendet Zattoo den Gnome-Keyring-Manager, den Sie über Ihren Paketmanager installieren. Das Programm funktioniert zwar auch ohne diesen, allerdings müssen Sie dann bei jedem Start die Login-Daten erneut eingeben.

Nach dem Anmelden erscheint der eigentliche Player und rechts daneben die Programmliste aller verfügbaren Radio- und Fernsehkanäle. Diese umzusortieren, sieht das Programm derzeit nicht vor. Allerdings erlaubt es das Anlegen von Gruppen, in denen Sie verschiedene Sender zusammenfassen. Eine Möglichkeit, hinzugefügte Sender wieder aus der Gruppe zu löschen, fehlt.

Da lizenzrechtliche Vorgaben den Empfang auf Programme aus dem eigenen Land einschränken, überprüft Zattoo beim Start die IP-Adresse des Clients auf dessen Herkunft und lädt die entsprechende Programmliste. Derzeit unterstützt der Service neben Deutschland unter anderem die Schweiz, Spanien, und Großbritannien. In Polen funktioniert das Programm beispielsweise nicht.

Die meisten der angebotenen Kanäle stammen von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Dazu zählen ARD und ZDF mit sämtlichen Spartenkanälen wie Eins extra oder ZDF Infokanal sowie viele Regionalsender, etwa MDR oder BR. Viele private Anbieter wie Pro7, Sat 1 oder RTL fehlen bislang.

Zattoo bezieht seine Daten wie ein Peer-to-Peer-Programm von anderen Zattoo-Anwendungen und stellt die Streams seinerseits über einen Daemon zum Download bereit. Dies betrifft immer nur den gerade geladenen Puffer von etwa drei Sekunden. Zwar ist ein installierter OpenGL-Renderer nicht dringend erforderlich, jedoch empfehlenswert, da anderenfalls bei jedem Programmstart ein entsprechender Hinweis erscheint. Darüber hinaus kommt es speziell beim Vergrößern des Fensters zu Verzögerungen und Rucklern des angezeigten Streams.

Das integrierte Fernsehprogramm (Abbildung 2] von tvtv.de [6] zeigt Ihnen auf einen Blick die Programmvorschau, die es jedoch nur in der Vollbildansicht öffnet. Während der obere Teil des zweigeteilten Fensters die Zusammenfassung anzeigt, finden Sie im unteren Detailinformationen markierter Sendungen. Aktuell laufende Ausstrahlungen kennzeichnet Zattoo mit einem kleinen grünen Pfeil; ein Klick darauf öffnet sie im Player. Eine Erinnerungsfunktion besitzt das Programm nicht. Da Zattoo die Zeit im Zwölf-Stunden-Format ohne Hinweis auf Vor- oder Nachmittag angibt, ist es zuweilen schwierig, zu ermitteln wann die Sendung läuft.

Abbildung 2: Das zweigeteilte Programmfenster von Zattoo zeigt Ihnen das aktuelle Fernsehprogramm als Übersicht und in der Detailanzeige.

Abbildung 2: Das zweigeteilte Programmfenster von Zattoo zeigt Ihnen das aktuelle Fernsehprogramm als Übersicht und in der Detailanzeige.

Zattoo empfängt Sendungen mit Zweikanalton. Sie haben die Wahl, ob Sie diesen in stereo, nur den rechten oder nur den linken Kanal hören möchten. Um den Videotext eines Senders anzuzeigen, rufen Sie den Menüpunktt Ansichty / Teletext anschauen auf. Zur Darstellung verwendet der Player allerdings Ihren Standard-Webbrowser.

Im Betrieb

Im Betrieb zeigt sich Zattoo unter Linux eher von seiner Schattenseite. Das größte Problem im Test waren die permanenten Programmabstürze, deren Ursachen nicht immer klar waren. In einigen Fällen waren Speicherzugriffsfehler verantwortlich, vornehmlich kurz nachdem der Puffer fertig geladen wurde. Auch trübten häufige Fehlermeldungen den Spaß am Fernsehen.

Beim Ressourcenverbrauch klotzt Zattoo eher als zu kleckern. Bei normaler Fenstergröße beträgt die CPU-Last des Programms etwa 20%, während X.org zum Darstellen des Streams etwa 50-70% benötigte. Ein sehr leistungsfähiger Rechner ist deswegen unerlässlich.

Bei einigen Kanälen erfasst Zattoo das verwendete Seitenverhältnis falsch und zeigt damit beispielsweise im 16:9-Format ausgestrahlte Sendungen verzerrt in 4:3 an. Aktivieren Sie im Menü Ansicht die Einstellung Bild anpassen, können Sie die Proportionen des Fensters durch Ziehen an den unteren Fensterecken selbst einstellen. In der Vollbildansicht, die Sie über einen Klick auf das Icon neben der Lautstärkeregelung öffnen, zeigt der Player allerdings wieder das falsche Format an.

Auch bei der Bildqualität bot Zattoo keine wirklich überzeugende Vorstellung. War der Film in der Standardgröße von etwa 300 x 400 Pixeln noch halbwegs ansehnlich, nahm die Verpixelung beim Vergrößern des Fensters oder gar bei bildschirmfüllender Ansicht dramatisch zu. Da die Bildqualität zwischen den Sendern erheblich schwankt, handelt es sich aber weniger um ein Problem der Client-Software, sondern des Broadcasts, den Zattoo ins Internet einspeist.

Angesichts der mageren Qualität lässt es sich verschmerzen, dass der Player über keine Funktionen zum Mitschneiden der Sendungen verfügt. Wer sie dennoch speichern möchte, verwendet dafür Drittanbietersoftware, beispielsweise Istanbul [7] oder recordmyDesktop [8]. Beide Programme finden Sie in den Repositories Ihrer Distribution.

Fazit

Die Idee hinter Zattoo ist zweifellos bemerkenswert und spiegelt den Trend wieder. Allerdings zeigt die Umsetzung noch diverse Kinderkrankheiten, die den Spaß deutlich trüben. So sorgten regelmäßige Programmabstürze ebenso für Verdruss wie der extrem hohe Ressourcenverbrauch, der den Betrieb der Software auf schwächeren Rechnern ausschließt.

Glossar

P2PTV

Beim Peer-to-Peer-TV empfangen wenige Clients den Stream vom Sende-Server und geben ihn an viele andere Anwender weiter. Der Grund dafür ist, den Server zu entlasten und damit die Kosten sowohl für den Betreiber als auch den Nutzer zu senken.

OpenGL-Renderer

OpenGL (Open Graphics Library) ist eine Spezifikation für eine plattform- und programmiersprachenunabhängige Programmierschnittstelle zur Entwicklung von 3D-Computergrafik. Die Render-Engine wird auch häufig zum Verbessern der Ausgabe von Mediaformaten verwendet.

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