Kochen und Backen à la Gnome

Aus LinuxUser 05/2018

Kochen und Backen à la Gnome

© Andrea De Martin, 123RF

À la carte

Rezepte aus Zeitschriften ausschneiden und an den Kühlschrank heften, war gestern. Heute dient sich Gnome Recipes als tatkräftiger Küchenhelfer an.

Mit dem Bekenntnis “Essen ist meine Lieblingsspeise” brachte es einst der Satiriker Ephraim Kishon auf den Punkt. Stand für unsere frühesten Vorfahren schon wegen des erheblichen Zeitaufwands bei der Essensbeschaffung eher die Ernährung als der Genuss im Vordergrund, ergibt sich heute ein ganz anderes Bild: In Zeiten des Fast Food erleben viele das Kochen, Backen und selbstverständlich Genießen als angenehme Freizeitgestaltung. Zahlreiche spezialisierte Journale künden davon, und auch viele andere Druckwerke jeglichen intellektuellen Niveaus erscheinen nie ohne Rezeptseite.

Langfristig mündet das oft in allerlei losen Zetteln, die das Kochbuch nur mühsam bei sich behalten kann und die oft die Dicke des eigentlichen Druckwerks deutlich übersteigen. Wenn Sie aber in der Küche etwas Platz für einen Laptop schaffen, kann Ihnen das neue Gnome-Programm Recipes – auf Deutsch trägt es den eingängigen Namen “Rezepte” – vieles ersparen, vom Schreiben von Einkaufszetteln über das Stellen des Kurzzeitweckers bis hin zum Umrechnen von Portionen [1].

Leckere Bilder

Schon beim ersten Öffnen des Programms könnte Ihnen das Wasser im Munde zusammenlaufen: Das Hauptfenster (Abbildung 1) bietet gleich visuelle Vorschläge zum Nachkochen an, lässt Sie nach Kategorien auswählen und hält am unteren Rand auch einige Infos zu den beteiligten Hobby-Küchenmeistern bereit. Für den Anfang sollten Sie einfach eines der Fotos anklicken.

Abbildung 1: Gnome Rezepte empfängt Sie mit einem klar gegliederten Bildschirm im aktuellen GTK3-Design.

Abbildung 1: Gnome Rezepte empfängt Sie mit einem klar gegliederten Bildschirm im aktuellen GTK3-Design.

Die Anwendung beschreibt dabei Gerichte auf den entsprechenden Rezeptseiten ausführlich (Abbildung 2), wie etwa den im Münsterland und am Niederrhein bekannten Struwen, einem sehr leckeren Hefeteigpfannkuchen. Selbst ein Verweis auf einen Wikipedia-Eintrag fehlt nicht, lässt sich allerdings weder anklicken noch herauskopieren.

Abbildung 2: Die Rezepte – wie hier der Struwen, ein typisches Karfreitagsgericht – stammen aus der Community.

Abbildung 2: Die Rezepte – wie hier der Struwen, ein typisches Karfreitagsgericht – stammen aus der Community.

Fahren Sie mit dem Mauszeiger über das Bild, so erscheinen Pfeile, die Sie zu weiteren Bildern des Gerichts oder direkt zu dessen Zubereitung bringen. Wirken die Fotos anfangs etwas verschwommen, liegt das nicht etwa am Verschmutzungsgrad Ihrer Brille: Das Programm lädt zunächst nur ein winziges Vorschaubild und zieht dann das Bild in höherer Auflösung aus dem Netz nach. Unter der Abbildung blendet die Anwendung bei vielen Rezepten kleine Symbole ein, die Informationen für Allergiker oder bewusst verzichtende Zielgruppen enthalten, wie Vegetarier oder nach religiösen Speisevorschriften lebende Menschen.

Mit dem Knopf Drucken rechts unten bringen Sie das ganze Rezept mit Bild, Zutatenliste und Anleitung zu Papier. Gleiches gilt für die Einkaufsliste: Ein Klick auf Zutaten kaufen links unten fügt die Ingredienzen hinzu; daneben rufen Sie mit dem Knopf Einkaufsliste ansehen den Einkaufszettel ab. Die meisten Rezepte sind für vier Portionen ausgelegt; falls Sie nur für sich selbst oder aber für einen ganzen Linux-Stammtisch kochen, lässt sich mit dem Einstellfeld Ausbeute die Anzahl der Portionen regulieren, auf der die Einkaufsliste basieren soll.

Am Ausdruck der Einkaufsliste gilt es jedoch noch ein wenig zu optimieren (Abbildung 3): Die Mengenangaben und deren programminterne Umrechnung hinterließen einige offene Fragen. Zum Beispiel: Warum berechnet die Anwendung Salz und Zucker nach Volumen, und warum stehen Rosinen, Hefe und Öl als Stückgut auf der Liste? Hier müssen die Entwickler noch an der Lokalisierung feilen.

Abbildung 3: Eine Rosine, bitte? Die Einkaufsliste stiftet in einigen Fällen noch Verwirrung.

Abbildung 3: Eine Rosine, bitte? Die Einkaufsliste stiftet in einigen Fällen noch Verwirrung.

Haben Sie alles Nötige beisammen, dann stoßen Sie mit dem Knopf Jetzt kochen die eigentliche Zubereitung an. Der Bildschirm wechselt in den Vollbildmodus, mit den rechts und links eingeblendeten Pfeilen wechseln Sie zwischen den einzelnen Schritten hin und her.

Verfügen Sie nicht über ein Gerät mit Touchscreen, bedienen Sie das Programm während des Kochens jedoch besser mit der Tastatur. Ein einfacher Druck auf egal welche Taste wechselt zum nächsten Schritt, ein zweimaliger Anschlag zum vorherigen. Mit [Esc] gelangen Sie wieder zum Rezept zurück.

Eine Hilfeeinblendung im ersten Fenster informiert über die Bedienmöglichkeiten (Abbildung 4). Sie können dabei sogar die (in unserem Beispiel 30-minütige) Backzeit überspringen, der eingestellte Alarm nach deren Ende bleibt aber trotzdem erhalten.

Abbildung 4: Beim Kochen schaltet Rezepte in einen Vollbildmodus, der sich auch per Touchscreen steuern lässt.

Abbildung 4: Beim Kochen schaltet Rezepte in einen Vollbildmodus, der sich auch per Touchscreen steuern lässt.

Ihr Einsatz, bitte!

Um eigene Rezepte mit der Community zu teilen, fügen Sie erst einmal Infos zu Ihrer Person hinzu. Über den Eintrag Koch-Information im Anwendungsmenü links oben (oder in der oberen Leiste der Gnome Shell) gelangen Sie in die entsprechende Eingabemaske. Die Anwendung übernimmt dabei den in Gnome eingestellten Benutzernamen, den Sie um einige zusätzliche Infos ergänzen können, aber auch verwerfen und durch einen Fantasienamen ersetzen dürfen.

Mit dem Knopf Neues Rezept links oben öffnen Sie nun das Eingabefenster (Abbildung 5). Die meisten Eingabefelder erklären sich von alleine. Angaben beispielsweise zur Schärfe oder Saison müssen Sie nicht unbedingt ausfüllen. Hilfreich für Allergiker oder Vegetarier sind auf jeden Fall die Markierungen rechts unten.

Abbildung 5: Die Community freut sich über jedes neue Rezept: Fügen Sie einfach Ihr Lieblingsgericht hinzu.

Abbildung 5: Die Community freut sich über jedes neue Rezept: Fügen Sie einfach Ihr Lieblingsgericht hinzu.

Nach einem Klick auf Speichern steht das Rezept in Ihrer eigenen Sammlung zur Verfügung. Mit dem Knopf Weitergeben rechts stellen Sie die Rezeptidee auch anderen Anwendern zur Verfügung (Abbildung 6). Voreingestellt ist An einen Freund schicken, alternativ teilen Sie es über Zum Rezepte-Projekt beitragen mit der Community.

Beide Varianten setzen einen konfigurierten Mailclient voraus. Das Webinterface eines E-Mail-Providers genügt nicht – es sei denn, Sie haben beispielsweise Google Mail mit Gnome Gmail [2] als Dummy für einen nativen Client eingerichtet. Steht kein passendes Programm zur Verfügung, gibt es immer noch die Option, das Rezept als PDF-Dokument auszugeben und als E-Mail-Anhang zu versenden. Damit entgeht Ihnen allerdings die Möglichkeit, es als native Datei weiterzugeben, die sich auf einen anderen Rechner in Gnome Rezepte importieren lässt.

Abbildung 6: Bei Bedarf versenden Sie aus der Anwendung Rezepte per E-Mail an Freunde und Bekannte.

Abbildung 6: Bei Bedarf versenden Sie aus der Anwendung Rezepte per E-Mail an Freunde und Bekannte.

Theoretisch bliebe nun noch der Export des Rezepts über das Anwendungsmenü. Das gelang zwar, aber das Programm stürzte dabei reproduzierbar ab. Hier müssen die Entwickler nachbessern, sei es durch das Stabilisieren der derzeitigen Exportroutine oder eine Möglichkeit, das Rezept direkt als kopierbaren Text zum Einfügen in eine E-Mail anzubieten.

Fazit

Gnome Rezepte präsentiert sich in der hier getesteten Version 2.0.2 vom Dezember 2017 schon als ziemlich pfiffiger Azubi für die Küche. Abstürze kamen dennoch vor, zum Beispiel beim Reaktivieren einer bereits abgeschlossenen Einkaufsliste oder beim Exportieren von Rezepten. Sonstige schwerwiegende Probleme traten nicht auf.

Dass das Programm der aktuellen Gnome-Doktrin zur Gestaltung von Benutzeroberflächen folgt, trübt unter anderen Arbeitsumgebungen etwas das Bild, sollte Sie aber nicht von der Verwendung der Software abhalten. Etwas ärgerlich ist allerdings das große Hauptfenster. Obwohl Gnome-Anwendungen auch auf Netbook-Displays mit 1024 x 600 Pixeln Auflösung gut zu bedienen sein sollten, genügte der Bildschirm unseres Testgeräts mit 900 Pixeln horizontaler Auflösung nicht, um das Fenster ohne Rollbalken anzuzeigen.

Lässt man die oft nur in englischer Sprache oder in lückenhafter Lokalisierung vorliegenden Rezepte einmal beiseite, bleiben auch hinsichtlich der Vielfalt an Vorlagen kaum Wünsche offen. Wie immer lebt freie Software auch hier vom Mitmachen. Scheuen Sie also keine Mühe, Ihre Lieblingskreationen oder regionale Klassiker einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Daneben können Sie auch zur Übersetzung des Programms und der Rezepte beitragen. [3].

Gnome Rezepte einrichten

Anfangs fand Gnome Rezepte nur sehr zaghaft Zugang zu den Paketquellen der gängigen Distributionen, lässt sich aber mittlerweile auf Debian “Sid”, Arch Linux, Mageia “Cauldron” und OpenSuse “Tumbleweed” in einer aktuellen Version installieren. Ubuntu führt Rezepte seit der Version “Zesty Zapus” in den Repos.

Zur Installation aus dem Quellcode kompilieren Sie den aus dem Gnome-Projekt heruntergeladenen Tarball [4] wie in Listing 1 gezeigt. Möchten Sie die Anwendung nur testen, müssen Sie den letzten Befehl nicht zwingend ausführen, das Programm läuft auch direkt aus dem Ordner. Dazu braucht es allerdings einen Trick, ein einfacher Doppelklick auf die Binärdatei genügt nicht. Mit dem Befehl in Listing 2 funktioniert es, wenn Sie ihn im Hauptverzeichnis des entpackten Tarballs aufrufen.

Gnome baut derzeit das Buildsystem schrittweise von den GNU Autotools auf Meson um. Auch Rezepte basiert schon darauf, und so greift der früher bei Gnome übliche Autotools-Dreischritt nicht mehr. Damit das Kompilieren auf Ihrem System funktioniert, benötigen Sie die Kommandos meson und ninja. Letzteres finden Sie zumeist im Paket ninja-build, bei Mageia und Arch Linux in ninja. Außerdem müssen Sie die Entwicklerpakete zu GTK 3, Gnome-online-accounts, Rest, Json-glib und Libsoup auf dem System einspielen.

Alternativ greifen Sie auf das Flatpak-Paket [5] zurück, das die Entwickler selbst auf der Homepage des Projekts anbieten, einschließlich eines “Nightly Builds” auf dem aktuellen Stand der Entwicklung. Das Paket mit der aktuellen Version funktionierte im Test auf Fedora 27 sehr gut. Allerdings benötigen Flatpak-Pakete eine Menge Plattenplatz – einschließlich der notwendigen Laufzeitumgebung belegte die Installation über 200 MByte.

Listing 1

$ rm -rf build
$ meson --prefix=$HOME/.local/build
$ ninja -C build
$ ninja -C build install

Listing 2

$ GSETTINGS_SCHEMA_DIR=build/data ./build/src/gnome-recipes
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2 Kommentare
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Leonie
7 Jahre her

Für eine Installation unter Ubuntu findet man keine Hilfestellung. Da bleibt nur, doch bei den Rezeptsammlung mit Blättern zu bleiben.
Weder LinuxUser noch sonst ein Fund per Suchmaschine helfen weiter. Installation ist wohl nur für Experten (gewollt?).
Die € 8,50 für die Linux-User Ausgabe 05.2018 und Die Zeit für stundenlanges suchen und rumprobieren um eine Installationsmöglichkeit zu finden, hätte ich wohl sinnvoller in ein echtes Kochbuch investiert.

7 Jahre her
Reply to  Leonie

Hallo Leonie, die Installation beschreibt der Kasten “Gnome Rezepte einrichten”. Die Linux-Welt ist allerdings so groß, dass wir nicht alle Distributionen einzeln beschreiben können. Im letzten Abschnitt des Kastens geht der Autor auf das Flatpak-Paket ein. Auf diesem Weg lässt sich das Programm am einfachsten installieren. Inzwischen ist aber auch so viel Zeit vergangen, dass sich Gnome Rezepte in den Paketquellen der großen Distributionen findet (in Ubuntu 18.10 bspw. unter dem Paket gnome-recipes). Die Installation gelingt dann mit ein paar Mausklicks.

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