Poedit bearbeitet durch Gettext erstellte PO-Dateien und hält in der Major-Version 2 etliche Überraschungen bereit.
README
Seit einigen Wochen liegt der beliebte Gettext-Editor Poedit in Version 2.0 vor. Wir prüfen, ob Sie eine Revolution oder behutsame Umgestaltung zu erwarten haben.
Nicht von ungefähr gilt Poedit [1] als einer der meistgenutzten Übersetzungseditoren überhaupt. Dazu trägt die Tatsache bei, dass es das Programm außer für Linux und BSD auch für Mac OS X und Windows gibt, sodass Sie ganz nach Belieben auf verschiedenen Plattformen an derselben Datei arbeiten können. Ausstattungswünsche lässt Poedit ohnehin kaum offen, und Gtranslator – ein direkter Mitbewerber aus dem Portfolio von Gnome – erfährt von den Entwicklern wenig Pflege.
Kürzlich hob der Poedit-Entwickler Vaclav Slavik die Versionsnummer des Programms auf 2.0 an. Der Versionssprung ging mit neuen Funktionen einher, die bereits in den letzten Ausgaben ihre Schatten vorauswarfen. Nun sollte man meinen, dass ein solcher Schritt wohlüberlegt erfolgt und die Benutzer eine stabile, ausgereifte Software an die Hand erhalten. Zunächst ließ sich jedoch auf unixoiden Systemen die Stabilität und Reife kaum prüfen, da der Code die aktuelle Git-Version der wxGTK-Bibliothek erforderte, die sich noch in keiner Distribution findet. Die Varianten für die proprietären Betriebssysteme dagegen lieferten den passenden Code gleich mit.
Version 2.0.1 war benutzbar, aber auch nur mit einigen Macken. Erst das nach einem Bugfix-Update von wxGTK [2] veröffentlichte Poedit 2.0.2 funktionierte weitestgehend fehlerfrei. Allerdings gelang es auf vielen Systemen nicht, damit eine PO-Datei direkt aus dem Dateimanager heraus zu öffnen: Das Programm stürzte dabei reproduzierbar ab. Das Öffnen von Dateien aus einer laufenden Instanz heraus hingegen funktionierte.
Auf einem Testsystem mit Fedora 26 ließ sich das Problem durch einen Backport aus dem Git-Repository von Poedit beheben. Noch immer passt an dem Editor nicht alles, aber die Unregelmäßigkeiten halten sich im erträglichen Rahmen. Wie bei anderer Software auch dürfte so manches Problem dem zuweilen unberechenbaren Multiplattform-Toolkit wxGTK geschuldet sein.
Verfügbarkeit
Nur wenige Distributionen führen Poedit 2.x schon in den Paketquellen. Fedora 26 ist – mit geringfügigen Einschränkungen – bereits auf dem neuesten Stand; Arch Linux, Ubuntu und OpenSuse “Tumbleweed” hinken knapp hinterher. Ansonsten müssen Sie mit älteren Ausgaben der Anwendung vorliebnehmen oder zu Quelltext und Compiler greifen. Den Tarball der aktuellen Version finden Sie auf der Homepage des Projekts [3] sowie auf der Heft-DVD dieser Ausgabe.
Den Knackpunkt bilden bei den meisten Distributionen die Bibliotheken Cld2 [4] und Cpprest [5]. Erstere erkennt in über 80 Sprachen Unicode-Texte, Letztere stellt ein Gateway zu Cloud-Diensten bereit. Für Zugriffe auf die Online-Übersetzungsplattform Crowdin [6] benötigen Sie Cpprest zwingend. Poedit 2.x selbst funktioniert auch ohne diese Sonderausstattung.
Debian und dessen Ableger sowie OpenSuse führen Cld2 schon länger in den Repos, Cpprest gibt es bislang nur in Fedora 26. Beides zusammen bekommen Sie momentan nur in Arch Linux aus dem AUR. Nach der Installation dieser beiden Hilfswerkzeuge müssen Sie Poedit selbst mit den Configure-Parametern --with-cpprest und --with-cld2 kompilieren.
Erster Blick
Optisch bietet Poedit 2.0 wenig Änderungen. Das Hauptfenster (Abbildung 1) gliedert sich in die zweispaltige Vorschauliste der zu übersetzenden Strings oben, die ausführliche Ansicht darunter und die Seitenleiste mit Übersetzungsvorschlägen und Kommentaren rechts daneben.
Der früher in der Werkzeugleiste angesiedelte Knopf zum Umschalten des Unklar-Status eines Strings wanderte nach unten in die Übersetzungsansicht. Das erscheint zwar logisch, doch mit alternativen GTK-Themen lässt sich der Status jetzt nur noch schwer ausmachen, da Poedit ihn lediglich über einen kaum wahrnehmbaren Farbwechsel des Knopfs signalisiert. Als zweites Erkennungsmerkmal fungiert zwar immer noch die hellbraune Färbung eines unklaren Strings in der Vorschauliste oben, aber das lässt sich bei fokussierten Strings mit andersfarbigem Zeilenhintergrund nicht mehr erkennen.
Subtile Details kamen in der Seitenleiste hinzu. Die Anwendung markiert Übersetzungsvorschläge nun mit Prozentwerten, die angeben, wie gut der Vorschlag zum aktuellen String passt. Bei völliger Übereinstimmung zeigt ein grünes Häkchen an, dass man den Text unbesehen übernehmen kann.
Das Thema Übersetzungsqualität bleibt dabei nicht außen vor. Poedit bezieht die Vorschläge aus seiner internen Datenbank, wo es auch bei jedem Speichern einer Datei die enthaltenen Strings verewigt. Auf diese Quelle stützt es sich dann später und vermeidet so weitestgehend falsche Vorschläge, da die eigenen Übersetzungen ja tunlichst fehlerfrei sein sollten. Unter Bearbeiten | Einstellungen konfigurieren Sie im Reiter TM das Verhalten des Übersetzungsspeichers (Abbildung 2).

Abbildung 2: Die Auswahl von Übersetzungsvarianten fällt durch Prozentangaben für die Deckungsgleichheit leichter.
Die hier früher angebotene Möglichkeit, das ganze System sowohl nach PO-Dateien als auch nach deren kompilierten Pendants (.mo oder .gmo) abzusuchen und diese in der Datenbank speichern zu lassen, entfiel sinnigerweise. Auf diese Weise gelangten – je nach Rechnerleistung oft erst nach Stunden – nicht nur kleine Vertipper in die Datenbank, sondern auch größere Fehler inklusive Verstößen gegen sämtlichen Regeln der deutschsprachigen Übersetzerteams. In der aktuellen Version lassen sich zwar weiterhin komplette Ordnerhierarchien einlesen, aber damit sollten Sie Vorsicht walten lassen (Abbildung 3).
Plausibilitätsprüfung
Schon seit Längerem zeigt Poedit beim Speichern einer Datei die aus den Befehlsausgaben von Gettext stammenden Fehler an. Falsch gesetzte Variablen, inkorrekte Syntax, unvollständig bearbeitete Pluralformen und noch einiges mehr erscheinen rot unterlegt am Anfang der Übersicht. Außerdem informiert ein Fehlerdialog über die gefundenen Ausrutscher. Hier zeigt Poedit allerdings ebenfalls nur die Gettext-Fehlermeldung an und hat keine konkreten Tipps parat, wo genau im String das Problem liegt und wie es sich beheben lässt.
Für diese Prüfung gibt es in der Version 2.0 eine Neuerung: Fehlende oder überzählige Leerzeichen am Anfang oder Ende eines Strings erscheinen nicht mehr nur in der Textansicht farblich hervorgehoben, sondern Poedit setzt sie mit einem Warnsymbol markiert an den Anfang der Übersicht. Zuweilen treibt die neue String-Nachlese jedoch seltsame Blüten: Dann bemängelt Poedit ganz normale Unterschiede in Interpunktion und Satzbau, wie sie zwischen verschiedenen Sprachen auftreten.
So soll nach Meinung von Poedit ein im englischen Original mit einem Kleinbuchstaben beginnender String auch in der Übersetzung mit einem solchen starten. Ebenso bemängelt Poedit in Anführungszeichen gesetzte Teile, wenn sie am Anfang oder Ende eines Strings stehen und in der Übersetzung anders positioniert wurden (Abbildung 4). Dass sich die Syntax verschiedener Sprachen unterscheidet, berücksichtigt Poedit ebensowenig wie die Art der lokal üblichen Anführungszeichen.
Das macht sich besonders bei großen Dateien unangenehm bemerkbar. Wenn Poedit 200 von 1000 Strings durchfallen lässt, wird es sehr mühsam, Fehlalarme von echten Problemfällen zu unterscheiden. Derzeit gibt es auch keine Möglichkeit, die Ansprechschwelle für die Fehlererkennung zu regulieren oder die Art der angezeigten Meldungen einzugrenzen. Hier schießt das Programm deutlich über das Ziel hinaus.
Tastaturbedienung
Wie jedes andere sorgfältig entwickelte GTK-Programm lässt sich Poedit (fast) vollständig über die Tastatur bedienen. Das schließt grundlegende Funktionen wie [Strg]+[S] zum Speichern oder [Strg]+[C] zum Kopieren ein. Allerdings finden sich in den Menüs für die meisten Aktionen eigenständige Shortcuts, jedoch nicht die typischen unterstrichenen Buchstaben, über die sich der Punkt direkt anwählen ließe. Lediglich die Einträge direkt in der Menüleiste lassen sich so öffnen.
Bis zur letzten Version der 1.x-Serie funktionierte das Kürzel [Strg]+[F] zum Suchen noch problemlos. Die Tastenkombination funktioniert zwar im Prinzip auch unter Poedit 2.0 noch, aber der Suchdialog öffnet sich nur dann, wenn Sie gerade im unteren Teilfenster arbeiten. Bei aktiver oberer Übersicht klappt nur ein kleines Eingabefeld heraus (Abbildung 5).
Zwar lassen sich dort Suchbegriffe eingeben und die Suche starten, aber bis auf das stille Verschwinden des Textfelds passiert nichts. Vermutlich handelt es sich dabei um eine Verkettung ungünstiger Umstände in GTK. Beim Zugriff auf die Suchfunktion über das Menü Bearbeiten | Suchen… tritt das Problem nicht auf.
Fazit
Poedit bleibt auch in der Version 2 einer der beliebtesten Software-Lokalisierer, obwohl so manches ein Stirnrunzeln hervorruft. So erfordert das Ausfüllen des Dateikopfs nach wie vor einen Texteditor, da Poedit nach wie vor lediglich Optionen zum Ändern des Namens und der E-Mail-Adresse des Bearbeiters sowie des Zeitstempels bietet.
Alles in allem überwiegen die Vorteile der neuen Features, wenn es nicht gerade um das Lokalisieren der Benutzeroberflächen von Gimp oder Evolution geht, die Tausende von Strings umfassen: Hier stehen Ihnen beim Trennen der Spreu (den Fake-Warnungen) vom Weizen (den echten Fehlern) schnell die Schweißperlen auf der Stirn.
Wenn Sie vielleicht gerade Ihre Erfahrungen mit Online-Plattformen wie Transifex oder Launchpad auf lokale Übersetzungswerkzeuge ausdehnen wollen, dann bleibt es für Poedit bei einer klaren Empfehlung. Aber auch erfahrene Gettexter sollten das Programm im Auge behalten: Die von Kontinuität gekennzeichnete Weiterentwicklung von Poedit bleibt interessant.
Infos
-
Poedit: https://poedit.net
-
WxGTK 3.0.3: https://github.com/wxWidgets/wxWidgets/blob/v3.0.3/docs/readme.txt
-
Quellcode: https://poedit.net/download
-
Crowdin: https://crowdin.com









