Mithilfe des Soundeditors Audacity retten Sie mit wenig Aufwand den analogen Inhalt von Schallplatten, Tapes und Musikkassetten hinüber in die digitale Welt.
Schallplatte und Musikkassette waren seinerzeit zweifellos Meilensteine in der Entwicklung von Tonträgern. Bei vielen von uns lagern nach wie vor größere Mengen dieser nun schon als archaisch zu bezeichnenden Klangspeicher auf dem Dachboden oder Keller. Während die schwarze Vinylscheibe wieder einen wachsenden Freundeskreis um sich schart, verharrt die Miniaturausführung des Spulentonbands in der Bedeutungslosigkeit.
Viele Ihrer alten Schätze haben Sie vielleicht bereits durch CDs gleichen Inhalts ersetzt. Doch alte Aufnahmen gibt es nur dann auf CD, wenn sich bereits ein Plattenstudio des Albums angenommen hat. Viele Tonaufnahmen wird es wohl nie auf CD geben, private Aufnahmen oder die Demos Ihrer ersten Schülerband schon gar nicht. Es gilt daher, diese Schätze vor dem Verfall zu bewahren.
Professionell
Der einfachste Weg führt über eine direkte Verbindung zwischen Abspielgerät und digitalem Speichermedium. Daher gibt es derzeit auf dem Markt etliche All-in-One-Geräte, die Plattenspieler, Speicherkartenslot und oft auch Kassettenlaufwerk in sich vereinen. Die Hardware gehört dabei meist der unteren Mittelklasse an, und auch die Beeinflussungsmöglichkeiten bei der Aufnahme gehen in der Regel gegen null.
Diese Einschränkungen schlagen sich zwangsläufig in einer oft inakzeptablen Qualität nieder. Besser ist der Anschluss des Plattenspielers oder Kassettenlaufwerks an die Soundkarte eines PCs oder einen USB-Adapter, der idealerweise oft auch noch einen entsprechenden Vorverstärker mitbringt (siehe Kasten “Anschluss”).
Für die Aufnahmen benötigen Sie außerdem eine Soundeditor-Software. Der Artikel konzentriert sich für diese Aufgabe auf das Open-Source-Tool Audacity [1], das neben den grundlegenden Aufnahmetools auch gleich passende Restaurierungsfunktionen zum Optimieren der Aufnahmen mitbringt.
Anschluss
Ein klassischer Plattenspieler tastet die Rille der Platte ab und wandelt deren Auslenkung in Tonsignale um. Das daraus resultierende Signal der filigranen Nadel fällt allerdings so schwach aus, dass es sich nicht direkt in den Line-Eingang einer Soundkarte einspeisen lässt. Zwar gibt es Plattenspieler, die einen eigenen Vorverstärker besitzen, aber in der Regel braucht es einen Verstärker mit Phono-Eingang. Steht kein solcher zur Verfügung, stellt ein spezieller USB-Vorverstärker eine passable Lösung dar – insbesondere bei Laptops, die oft gar keinen Line-Eingang mehr besitzen. Meist muss man eine solche externe Soundkarte in den Klangeinstellungen des Systems noch aktivieren beziehungsweise auf den alternativen Eingang umschalten. Kassettendecks brauchen keinen Vorverstärker und lassen sich direkt an Line-Eingängen betreiben.
Aufnahme läuft!
Nach dem Start von Audacity legen Sie erst einmal mit Datei | Neu ein Projekt an und speichern es. Dann klicken Sie einfach auf den Aufnahmeknopf in der Werkzeugleiste und starten die Wiedergabe am Kassettendeck oder senken die Abtastnadel auf die Platte ab. Im Prinzip dürfen Sie nun bis zum Ende der Aufnahme einen Kaffee trinken gehen. Sie sollten sich aber die Zeit nehmen und die zwei grünen Balken der Pegelanzeige rechts oben beobachten: Sobald diese zu weit nach rechts ausschlagen und sich rot verfärben, müssen Sie entweder am Verstärker oder mit dem Schieberegler unterhalb der Anzeige das Signal abdämpfen und die Aufnahme noch einmal neu starten, damit solche Übersteuerungen den Klang nicht verzerren.
In der Regel müssen Sie diese Einstellung nur einmal vornehmen, sofern Sie die Gerätekonstellation nicht verändern. Als hilfreich beim Finden solcher Spitzenpegel erweist es sich, sich vorher besonders laute Stellen kurz anzuhören und diese probeweise aufzunehmen. So lassen sich schon im Vorfeld Verzerrungen verhindern, ohne gleich eine ganze Plattenseite verwerfen zu müssen. Das Ergebnis sieht so aus wie in Abbildung 1: Durch Klicken auf die Plus- und Minus-Symbole in der Werkzeugleiste zoomen Sie die Aufnahme und kontrollieren so bestimmte Bereiche genauer.

Abbildung 1: Nach der Aufnahme verschaffen Sie sich durch Herauszoomen erst einmal einen groben Überblick.
Frühjahrsputz
Als analoge, mechanisch abgetastete Tonträger bringen Schallplatten nicht nur das Nutzsignal mit, sondern auch allerlei Unrat. Häufig abgespielte Platten knistern, knacksen oder verzerren durch verschmutzte Rillen das Signal. Hier hilft eine Reinigung mit einer antistatischen Bürste vor jedem Abspielen, aber es gibt noch weitere Tricks, eine alte Scheibe ein wenig mehr auf jugendlich zu trimmen (siehe Kasten “Aus alt mach neu”).
Aus alt mach neu
Neben der obligatorischen Bürstenreinigung der Schallplatte gibt es weitere Möglichkeiten, Schmutz zu entfernen. Eine davon besteht in einem zweiten “Tonarm”, der gegenüber vom echten auf das Gehäuse aufgesetzt mit feinen Borsten eine spezielle Flüssigkeit im abgespielten Bereich verteilt. Das typische Vinylknistern lässt sich so deutlich reduzieren. Die Flüssigkeit verdunstet rückstandsfrei; allerdings klingt die Platte beim nächsten trockenen Abspielen noch verschlissener als zuvor.
Eine Alternative dazu bietet eine Art Waschmaschine, in der zwei in Flüssigkeit laufende Bürsten die Platte reinigen. Abdeckungen schützen dabei das Label der Platte vor dem Ablösen. Da Sie die Platte danach nicht “nass” fahren müssen, sondern sie erst trocknen darf, kommt hier destilliertes Wasser mit Spülmittel zum Einsatz.
Für ganz hartnäckige Verschmutzungen, die sich auf die beschriebenen Weisen nicht entfernen lassen, findet sich im Handel ein spezieller Lack. Damit streichen Sie die Platte ein und ziehen ihn nach dem Trocknen wie eine Schönheitsmaske samt der anhaftenden Schmutzpartikel ab. Die eingetrocknete Folie ist wasserlöslich und lässt sich durch Aufkochen in Wasser zumindest einige Male wiederverwenden (wenngleich die Hersteller solcher Lacke diese Möglichkeit eigentlich nicht propagieren).
Bei allem Aufwand bleiben zumindest Kratzer davon unbeeindruckt. Auch die beste Reinigung verhindert die daraus resultierenden Knackgeräusche nicht. Das Knacken erzeugt in der Ansicht kurze Impulsspitzen mit steilen Pegelanstiegen, die deutlich im Wellenverlauf hervortreten. Markieren Sie den entsprechenden Bereich mit der Maus, und zoomen Sie mit dem Plus-Symbol in der Werkzeugleiste oder durch Ansicht | Vergrößern im Menü (alternativ durch Drücken von [Strg]+[1]) so weit hinein, dass der Kratzer als einzelner Impuls erscheint (Abbildung 2). Das klappt am besten, indem Sie mit Ansicht | Auswahl anzeigen den markierten Bereich in die Ansicht einpassen und die Markierungen mit der Maus immer weiter zusammenziehen.
Nun glätten Sie mit der Funktion Effekte | Ausblenden den Kratzer virtuell. Ein einmaliges Anwenden des Effekts klopft den unerwünschten Impuls noch nicht gänzlich platt, die Prozedur müssen Sie in der Regel mehrfach wiederholen. Am Ende sollte das Knacksen in der Aufnahme komplett verschwinden. Um bei Problemen mit der Anwendung Datenverluste zu vermeiden, sollten Sie das Projekt zwischendurch immer wieder einmal speichern.
Alternativ findet sich in Audacity eine halbautomatische Kratzerentfernung, die Sie über Effekt | Klick-Entferner aufrufen (Abbildung 3). Ein wenig Herumdrehen an den voreingestellten Werten führt in der Regel durchaus zu hörbaren Verbesserungen, aber der tatsächliche Effekt lässt sich mit dem der beschriebenen manuellen Kratzerentfernung kaum vergleichen: Audacity gehen dabei zu viele Kratzer durch die Lappen. Bei allzu großzügigen Werten leidet womöglich sogar der Schlagzeug-Part der Aufnahme am zu rigorosen Vorgehen des Algorithmus, daher sollten Sie beim Einsatz der Funktion vorsichtig sein.

Abbildung 3: Audacity kann Kratzer auch halbautomatisch glätten, die Wirkung hält sich aber in Grenzen.
In jedem Fall handelt es sich bei einer Schallplatte um einen analogen Tonträger, dem man mit Automatismen nur schwer beikommt. Daher ist auch gegen das typische Vinylknistern kein Kraut gewachsen. Eine moderate Verbesserung lässt sich mit der in Audacity integrierten Funktion Rausch-Verminderung erzielen. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie das Programm beim Öffnen von Effekte | Rausch-Verminderung zuerst nach einem Rauschprofil fragt: Die spektrale Zusammensetzung des Rauschens fällt so vielfältig aus, dass es Audacity schwerfällt, sie einzuschätzen. Markieren Sie dazu einen kleinen rauschenden Bereich vor oder zwischen den Titeln und klicken auf Rauschprofil ermitteln. Audacity speichert das Profil daraufhin im Projekt. Danach wählen Sie mit Bearbeiten | Auswählen | Alles die gesamte Aufnahme an und wenden den Effekt darauf an.
Sie sollten sich aber nicht der Illusion hingeben, dass die Platte nun wie frisch aus dem Laden klingt: Das Knistern ist dafür zu inhomogen. Viel bessere Ergebnisse erzielen Sie jedoch beim Aufbereiten von Aufnahmen von Audio-Kassetten. Deren Rauschen entsteht durch die geringe Geschwindigkeit des vormagnetisierten Bandes und besitzt ein viel gleichmäßigeres Frequenzspektrum.
Klangentfaltung
Neben der Beseitigung von Störungen beherrscht Audacity das Entzerren des Frequenzgangs. Ein typisches Beispiel dafür bietet ein Rumpelfilter, der die tieffrequenten Geräusche des Plattenspielerantriebs minimiert. Unter Effekt | Equalizer finden Sie ein Einstellungsfenster (Abbildung 4), in dem sich bereits diverse Entzerrungskurven auswählen lassen. Beim Rumpelfilter handelt es sich elektroakustisch betrachtet um einen Hochpass, der tiefe Frequenzen dämpft. Wenn die voreingestellten 100 Hz zu viel Bass schlucken, lässt sich die Kurve durch Ziehen mit der Maus noch etwas entschärfen, bis Sie einen brauchbaren Kompromiss gefunden haben.

Abbildung 4: Ein Rumpelfilter ist hilfreich, wenn der Phonoverstärker keinen solchen Filter mitbringt.
Zum Verbessern der Audioaufnahme lohnt sich außerdem ein Blick auf die RIAA-Entzerrung [2]. Sie senkt die Höhen ab und hebt dafür die Bässe an. Was am Ende besser klingt, bleibt Ihnen überlassen. Die genormte Frequenzanpassung muss dabei nicht unbedingt die beste Wahl darstellen.
Auch für Bandaufnahmen ist der Equalizer interessant. Eine mit einem Dolby-Verfahren aufgenommene Kassette [3] verzerrt den Frequenzgang ebenfalls, wenn Sie sie nicht in einem Dolby-fähigen Wiedergabegerät abspielen. Allerdings bietet Audacity hierfür keine passende Kurve an. Die entsprechenden Standards dafür finden Sie im Netz [4].
Teile und herrsche
Auf der Schallplatte lassen sich Pausen zwischen den Titeln noch mit bloßem Auge erkennen, auf der Kassette funktioniert das nicht. Doch selbst beim Digitalisieren der Platte verschwinden die Pausen in der Aufnahme erst einmal, das komplette Album besteht aus einer Datei. Die Trennung in einzelne Titel stellt jedoch das Mindestmaß an Komfort dar, das uns die CD seit Jahrzehnten vorgibt. Die Aufnahme gehört daher in einzelne Titel zerlegt.
Beim Auffinden der Pausen hilft die Zeitleiste über der Ansicht der Aufnahme. Sofern das Plattencover die Spielzeiten auflistet, lässt sich leicht errechnen, wo Sie das virtuelle Messer ansetzen müssen. Klicken Sie einfach in die Ansicht, und ziehen Sie mit gedrückter Maustaste einen Bereich auf, der dem gewünschten Titel entspricht. Anhaltspunkte geben auch die Pegelabsenkungen in der Ansicht, die aber speziell bei Live-Alben schnell in die Irre führen.
In der Praxis hat es sich als das beste Vorgehen erwiesen, am Ende der Aufnahme zu beginnen. Ein wenige Sekunden langer markierter Bereich am Ende lässt sich schneller durchhören als ein ganzer Titel, sodass Sie den Titel sauber ausklingen lassen können. Passt das Ende, ziehen Sie den vorderen Rand des markierten Bereichs auf den vermuteten Titelanfang. Durch kurzes Anhören und Verschieben der Markierung finden Sie schnell den exakten Startpunkt.
Passt die Auswahl, exportieren Sie den aktuellen Titel in einem für Audioplayer gängigen Format. Mit Datei | Ausgewähltes Audio exportieren öffnen Sie einen Dateidialog, der die Auswahl standardmäßig als unkomprimiertes WAV speichert. Unten rechts wählen Sie weitere Codecs aus, zum Beispiel Ogg Vorbis oder MP3. Bei der Auswahl erscheinen zusätzliche Optionen, etwa zur Bitrate oder der Qualität. Unter (externes Programm) lässt sich eine benutzerdefinierte Befehlszeile angeben, sodass auch exotische Encoder nicht außen vor bleiben.
Das Aufrollen der Aufnahme von hinten stellt auch eine sehr bequeme Möglichkeit dar, Live-Alben ohne Verluste aufzusplitten. Für den vorletzten Titel ziehen Sie die Endmarkierung des letzten Titels einfach mit der Maus nach vorn auf den neuen Titelanfang. Auf diese Weise wird der Anfang des zuerst gespeicherten Titels exakt zum Ende des neuen Titels.
Geheimcode
Früher bezogen Abspielprogramme Informationen zum Künstler, dem Album oder dem Musikstück aus dem Dateinamen. Das zugehörige Albencover erschien nur dann, wenn es im Ordner bereitlag. Das funktioniert nur noch selten so, heute stecken Details zur Aufnahme direkt als Metadaten in der Audiodatei. Beim Export in solche Formate öffnet sich ein entsprechender Editor (Abbildung 5), in dem Sie Angaben zum Titel, Interpret, Albumname, Erscheinungsjahr und vieles mehr hinzufügen.

Abbildung 5: Der Metadaten-Editor erfüllt seinen Zweck, kann aber Spezialisten in diesem Bereich nicht das Wasser reichen.
In der Standardeinstellung listet der Dialog jedoch nur wenige Tags auf, für mehr benötigen Sie einschlägige Kenntnisse der Metadaten-Standards des gewünschten Formats. Außerdem ist der Editor nicht besonders hilfreich, wenn Sie ein ganzes Album bearbeiten wollen. Aus demselben Projekt exportierte Titel erscheinen immer wieder mit denselben Tags wie bei der zuvor gespeicherten Datei. In vielen Fällen lohnt es sich daher, die Aufnahmen ohne Metadaten zu exportieren und diese mit einem Spezialisten wie Easytag [5] nachträglich hinzuzufügen.
Fazit
Audacity erledigt die gestellte Aufgabe bestens. Mit vergleichsweise wenig Aufwand retten Sie Scheiben und Bänder als MP3 oder FLAC hinüber in die digitale Welt. Einige Mankos gibt es dennoch, zum Beispiel den nicht immer praxisgerechten Metadaten-Editor. Auch die wxGTK-Basis des Programms macht sich an manchen Stellen unschön bemerkbar. Der derzeitige Wechsel von GTK2 auf GTK3 führt gelegentlich zu Darstellungsfehlern.
Die Auswahl an Alternativen hält sich in engen Grenzen. Der in der letzten Ausgabe vorgestellte Eko ist dafür nur bedingt brauchbar, was auch auf andere einfachere Soundeditoren zutrifft. Einzig Kwave [6] wartet mit ähnlicher Funktionsvielfalt auf wie Audacity, ansonsten werden Sie kaum einen besseren Audioeditor in den Paketquellen finden.
Glossar
- RIAA-Entzerrung
- Die Bewegungsgeschwindigkeit einer Abtastnadel ist nicht linear, sondern wird zur Klangverbesserung angepasst. Die daraus resultierende Verzerrung des Frequenzgangs hat der Verband der amerikanischen Musikindustrie (RIAA) genormt; viele, aber nicht alle Verstärker gleichen sie wieder aus.
- Dolby-Verfahren
- Um das Bandrauschen in den Griff zu bekommen, entwickelten die amerikanischen Dolby Laboratories seit Mitte der 60er-Jahre verschiedene Verfahren, die sie im Laufe der Jahrzehnte immer wieder verbesserten. Da das Rauschen vor allem hohe Frequenzen enthält, wird das Nutzsignal in diesem Bereich abhängig vom Eingangspegel angehoben und bei der Wiedergabe wieder abgesenkt. Damit vermindert sich auch das Rauschen. Mit dem im Studiobereich eingesetzten Dolby SR ließ sich der Rauschpegel um bis zu 25 dB verringern.
Infos
- Audacity: http://www.audacity.de/
- RIAA-Entzerrung: https://de.wikipedia.org/wiki/Schneidkennlinie
- Rauschminderungssysteme: https://de.wikipedia.org/wiki/Dolby
- Dolby-Kurven: http://hyperphysics.phy-astr.gsu.edu/hbase/Audio/tape5.html
- Metadaten-Editor: https://wiki.gnome.org/Apps/EasyTAG
- Alternative Kwave: https://www.kde.org/applications/multimedia/kwave/






