Zu den unzähligen Debian-Derivaten gesellt sich mit Point Linux nun eine gertenschlanke Distribution mit Maté-Arbeitsoberfläche, die speziell auf Anwender älterer Hardware abzielt.
Moderne Rechner bieten mehr als genug Rechenleistung für jede Linux-Spielart, selbst mit allerlei 3D-Effekten überfordern sie die integrierten Grafikchipsätze aktueller PCs nicht. Legen Sie aber Wert auf effizientes Arbeiten, einen ergonomischen Desktop und ein stabiles Grundsystem, schrumpft die Auswahl.
Debian gilt zwar aufgrund seiner langen Release-Zyklen und dadurch häufig nicht mehr ganz aktueller Software als stockkonservativ, glänzt dafür jedoch mit hoher Stabilität und Betriebssicherheit. Bei den Desktop-Umgebungen galt lange Gnome als erste Wahl für produktive Anwender, geriet aber aufgrund zahlreicher Mängel und ergonomischer Schwächen in den ersten Versionen von Gnome 3 zunehmend ins Hintertreffen. Nach einer kurzen Blütezeit von XFCE trat der unscheinbare Maté-Desktop in die Fußstapfen von Gnome 2.
Maté avancierte schnell von einer Notlösung zu einem ansehnlichen, nachhaltigen Projekt. Es erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit, was sich auch in der zunehmenden Zahl von Distributionen niederschlägt, die den jungen Desktop als Standard-Arbeitsoberfläche einsetzen. Der geringe Ressourcenbedarf im Vergleich zu Schwergewichten wie Gnome oder KDE Plasma prädestiniert Maté für den Einsatz auf älterer Hardware. Die von Gnome 2 übernommene Basis versorgt Maté mit einer ganzen Reihe kleiner Applikationen und Tools, die bei manch anderem Desktop fehlen. Die Oberfläche wirkt in der Grundkonfiguration optisch unspektakulär, bleibt dafür aber auch frei von Defiziten oder Kinderkrankheiten.
Point Linux
Als reine Desktop-Distribution nutzt das aus Russland stammende Point Linux bereits seit mehreren Releases Maté als Standard-Desktop, wobei Debian als Unterbau für eine stabile Basis sorgt. Die Entwickler verzichteten auf jedwede Form von Gimmicks: So kommt Maté mit einem unscheinbaren Hintergrundbild und ohne optische Effekthascherei daher. Debian steuert den nicht mehr ganz taufrischen Kernel 3.16.7 sowie ältere Versionen der gängigen Linux-Kernkomponenten bei. Die im ISO-Image enthaltenen Anwendungen bestehen ebenfalls aus älteren Paketen.
Sie erhalten das ISO unter http://pointlinux.org gleich in mehreren Varianten für ältere 32-Bit-Hardware und aktuelle 64-Bit-Computersysteme. Dabei gibt es für jede Architektur neben der Maté-Version auch eine XFCE-Ausgabe, außerdem stehen jeweils Voll- und Minimalversionen bereit.
Während die Vollversionen viele Zusatzpakete inklusive unfreier Codecs enthalten, verzichten die Minimalpakete auf Boliden wie Firefox, Thunderbird, LibreOffice oder VLC. Das spart jeweils rund 300 MByte, sodass die dann rund 770 MByte großen Images noch auf eine CD passen. Die größere Varianten beansprucht dagegen mit je rund 1100 MByte eine DVD.
Erster Start
Point Linux lässt sich aus Grub heraus nicht direkt auf die Platte befördern, sondern nur als Live-System starten. Dabei fällt das im Vergleich zu anderen auf Debian basierenden Distributionen das agile Startverhalten auf: Der betriebsbereite Maté-Desktop erscheint deutlich schneller auf dem Bildschirm als eine aktuelle Gnome- oder Plasma-Umgebung. Auf dem Desktop selbst finden Sie lediglich drei Icons, wovon eines die Installation gestattet.
Die zunächst englischsprachige Oberfläche zeigt einen kaum modifizierten Maté-Desktop, frühere Gnome-2-Anwender finden sich sofort zurecht. Auch in den Menüs geht es unspektakulär zu: Hier residieren in der Vollversion neben allen gängigen Standardanwendungen (außer Gimp) noch eine Reihe kleinerer Applikationen aus dem Maté-Fundus.
Um die Tastaturbelegung anzupassen, aktivieren Sie unter System | Control Center | Keyboard das deutsche Layout. Das System selbst spricht jedoch weiterhin Englisch, im Live-System finden sich hierzu auch keine weiteren Lokalisierungsoptionen.
Um Point Linux zu installieren, klicken Sie auf der Arbeitsoberfläche auf den Starter Install Point Linux. In den ersten Dialogen der Routine stellen Sie das System auf Deutsch um. Dann legen Sie ein Benutzerkonto an und partitionieren mithilfe von Gparted die Festplatte oder SSD. Für proprietäre Binär-Blobs oder Firmware-Dateien, die Sie zum Betrieb bestimmter Hardware-Komponenten benötigen, gibt es ein eigenes, von den Entwicklern von Point Linux gepflegtes Repository.
Abschließend zeigt der Installationsassistent die getätigten Optionen in einer übersichtlichen Tabelle an, die Installation kann anlaufen. Nach wenigen Minuten und einem Neustart steht das System dann komplett zur Verfügung, mitsamt nun vollständiger deutscher Lokalisierung (Abbildung 1).
Nach dem ersten Start von Platte empfiehlt es sich, das System auf den neuesten Stand zu heben. Dazu öffnen Sie via System | Systemverwaltung das grafische Frontend Synaptic und lesen über einen Klick auf Neu laden die Paketquellen neu ein. Anschließend klicken Sie auf Alle Aktualisierungen vormerken und spielen über Anwenden die Updates ein.
Software
Ähnlich zurückhaltend wie beim optischen Erscheinungsbild präsentiert sich Point Linux auch bei der Software-Ausstattung. Zwar bietet die installierte Variante sämtliche gängigen Untermenüs an, dort findet sich jedoch nur eine Grundausstattung: So enthält etwa das Untermenü Multimedia mit der CD-Brennsoftware Brasero und dem universellen Medienabspieler VLC gerade einmal zwei Programme.
Das Untermenü Grafik listet mit dem Bildbetrachter Eye of Maté sogar nur eine Applikation auf. Die Menüpunkte Internet, Büro, Systemwerkzeuge und Zubehör sind zwar opulenter ausgestattet, weisen jedoch ebenfalls keine Doppelbelegungen auf. Somit gibt es für die meisten Einsatzzwecke genau ein Programm. Dabei entstammen viele der kleineren Anwendungen ursprünglich dem Fundus von Gnome 2 und wurden lediglich durch eine entsprechende Namensänderung an den Maté-Desktop angepasst.
Dadurch gewinnt das gesamte System deutlich an Agilität und Arbeitsgeschwindigkeit. Besonders für Einsteiger positiv: Anders als das originale Debian bringt Point Linux einige spezielle Applikationen von Haus aus mit, wie etwa den proprietären Flash-Player oder auch Multimedia-Codecs. Insgesamt erhalten Sie über das Synaptic-Frontend nahezu 45?000 Pakete zur bequemen Installation, sodass sich auch exotische Software-Wünsche erfüllen lassen.
Wechselspiel
Neben Maté und XFCE führt Point Linux noch weitere Arbeitsumgebungen in den Paketquellen. Um etwa KDE Plasma zu laden, installieren Sie per Synaptic das Paket kde-workspace, das Plasma in der ausgereiften Version 4.11.13 auf den Massenspeicher packt. Abhängigkeiten zieht die Routine dabei automatisch nach.
Auch andere Desktops lassen sich parallel nutzen. Mit dem Paket pointlinux-gnome-desktop wechseln Sie zu Gnome, task-lxde-desktop packt das schlanke LXDE auf die Platte. Nach der Installation eines weiteren Desktops wählen Sie diesen beim Systemstart im Login-Dialog aus. Dazu klicken Sie in der am oberen Bildschirmrand eingeblendeten Panelleiste rechts auf das Werkzeug-Symbol. Nach Auswahl der Arbeitsumgebung melden Sie sich wie gewohnt an, woraufhin Point Linux den ausgewählten Desktop startet. Alle Einstellungen zur Lokalisierung bleiben erhalten.
Allerdings verändert sich je nach Desktop die verfügbare Software: So tauchen beispielsweise bei aktivem LXDE-Desktop neben den Maté-Applikationen und den von einer Arbeitsoberfläche unabhängigen kleineren Programmen auch weitere Pakete auf, darunter Gimp und Xsane. Im LXDE-Menü Debian finden Sie außerdem Programme aus dem Gnome- und XFCE-Fundus, die Maté zunächst nicht in seinen Menüs auflistet.
Nach einem erneuten Wechsel zu Maté erscheinen nun jedoch viele dieser Applikationen in den Untermenüs. Allerdings führt diese Inkonsistenz in den Menüs zu unerwünschten Nebeneffekten: So erscheint nach einem Desktop-Wechsel im Menü Anwendungen | Internet der Webbrowser Firefox gleich dreimal. Neben zwei Einträgen für die Version 45.7.0 ESR gibt es die Version 39.0 extra. Es empfiehlt sich also, die Menüs entsprechend anzupassen (Abbildung 2).
Effekthascherei
Bei entsprechend potenter Hardware lässt sich der Desktop zu einem echten Hingucker aufpeppen. Dazu bietet es sich an, mithilfe des Cairo-Docks am unteren Bildschirmrand eine animierte Starterleiste zu integrieren (Abbildung 3). Sie müssen lediglich das Metapaket cairo-dock installieren. Nach einem erneuten Warmstart rufen Sie dann das Cairo-Dock in Maté über das Menü Anwendungen | Systemwerkzeuge | Cairo-Dock auf.
Neben dem animierten Starterpanel finden Sie links unten einen Arbeitsflächenumschalter, der verschwindet, sobald Sie mit dem Mauszeiger über die Starterleiste fahren. Zusätzlich lassen sich für die jeweilige Arbeitsoberfläche diverse Hintergründe und Themes aus Synaptic heraus installieren. Dazu gibt es jeweils desktopspezifische Konfigurationsdialoge. Beachten Sie jedoch bitte, dass nicht alle Optionen in allen Umgebungen zur Verfügung stehen.
Fazit
Point Linux bietet eine interessante Alternative zu den gängigen Distributionen – vor allem für jene Anwender, die sich ein schlankes und schnelles Betriebssystem mit einem effizienten Desktop ohne Gimmicks wünschen. Dabei müssen Sie keinerlei Abstriche an der Stabilität oder Funktionalität des Systems hinnehmen. Dank der Basis Debian steht reichlich Software zur Auswahl. Als einziges Manko fallen die an mehreren Stellen auftretenden Inkonsistenzen in den Anwendungsmenüs auf, sobald man mehrere Desktops parallel installiert. Hier steht dann manuelle Nacharbeit an.








