Seit Oktober liegt die neue Version von Mandriva vor: 2008.0. Wir haben uns in der letzten Beta-Version angeschaut, ob das neue Mandriva Linux hält, was der Hersteller verspricht.
Umfassende Hardwareunterstützung, große Stabilität im Betrieb, komfortables Arbeiten: Mandriva ist eine der meistverbreiteten Linux-Distributionen. Bis vor zwei Jahren hieß der aus Frankreich stammende Hersteller noch MandrakeSoft; nach Börsengang und Konkurs gelang dem Unternehmen 2004 die Kehrtwende und – nach der Übernahme diverser Firmen – auch der Umschwung: Seitdem gibt es ein- bis zweimal im Jahr neue Releases. Nach der Spring-Variante vom April dieses Jahres liegt uns nun Mandriva Linux in einer Beta-Ausgabe der Version 2008.0 vor.
Die Installation
Wer schon beim Installer Fortschritte erwartet, sieht sich ernüchtert: Bis auf den Schriftzug am oberen rechten Bildrand gleicht er seinem Vorgänger bis aufs i-Tüpfelchen. Die einzelnen Installationsschritte sind praktisch identisch, der Installer stellt die gleichen Fragen, und sogar die Werbeeinblendungen während der Paketinstallation bieten einen hohen Wiedererkennungswert. Das bestätigt einen Trend, der sich auch bei anderen Distributionen abzeichnet: Die Installationsroutinen sind mittlerweile so gut, dass tiefgreifende technische Veränderungen nur noch selten nötig sind.
Im Test hatte der Installer jedenfalls keine Probleme, eine Parallelinstallation von Windows XP zu erkennen und die Festplatte für den gemeinsamen Betrieb von Windows und Linux einzurichten. Wie beim Vorgänger verlief der Rest der Installation unproblematisch, fast alle notwendigen User-Eingaben lassen sich per Klick auf OK erledigen. Wie gewohnt, hat der Benutzer die Wahl, ob er als Oberfläche lieber mit Gnome oder mit KDE arbeiten möchte.
Erste Schritte
Nach der Installation startet der Benutzer standardmäßig auf einem normalen KDE-Desktop (Abbildung 1), der die Veränderungen zur Vorversion erst auf den zweiten Blick offenbart: So fehlt in der neuen Version KDE 3.5 zunächst der Desktop-Switcher in der Startleiste, mit dem der Benutzer zwischen einzelnen Desktops hin- und herschaltet. Die Icons sind identisch mit denen der letzten Version, und auch optisch reicht der KDE-Desktop von Mandriva Linux nicht an das heran, was Distributionen wie Ubuntu oder OpenSuse vorgelegt haben. So zeigt sich der Desktop noch immer in einem langweiligen Qt-Theme und wirkt damit eher trist. Über das KDE-Kontrollzentrum lässt sich das jedoch leicht ändern, zumal sich die Auswahl an Fensterdekorationen und Farbschematas durchaus sehen lassen kann.

Abbildung 1: Wenig Neues: Der Mandriva-Desktop ist schlicht und kaum vom Vorgängermodell zu unterscheiden.
Ordnung in den Menüs
Eines der expliziten Ziele von Mandriva Linux 2008.0 ist es, Ordnung in den Menüs zu schaffen. Die Macher haben dafür die mitgelieferten Programme in Kategorien eingeteilt, die Sie im K-Menü als Menüpunkte der ersten Ebene entdecken. Dort finden Sie – nach Bedeutung sortiert – alle Programme, die zu einer Kategorie passen. Häufig verwendete Anwendungen stehen in der Hierarchie weiter oben; das gilt übrigens auch plattformübergreifend: Die Top-Tools unter Gnome erscheinen auch im KDE-Menü an exponierter Stelle – und umgekehrt.
Unter der Haube
Große optische Veränderungen gibt es also nicht. Das führt uns zu der Frage, was sich unter der Haube getan hat. Zunächst fällt der Blick auf das Tool zur Netzwerkkonfiguration, das Mandriva in die neue Release eingebaut hat. Das Drakenetcenter vereint alle für das Netzwerk wichtigen Einstellungen in einer übersichtlichen Oberfläche (Abbildung 2). Es integriert sich nahtlos in das Kontrollzentrum von Mandriva und ersetzt die vielen Einzelprogramme, die bisher zur Konfiguration von Netzwerken nötig waren. Sogar ein Fenster mit grafischer Darstellung der ein- und ausgehenden Datenpakete ist vorhanden, was die Fehlersuche bei Netzwerkproblemen deutlich erleichtert. Mit dem neuen Netzwerk-Manager lassen sich zudem auch drahtlose Verbindungen schnell und komfortabel einrichten; dabei unterstützt das Werkzeug die aktuelle WLAN-Verschlüsselung WPA-EAP schon von Hause aus.

Abbildung 2: Der neue Netzwerkmanager in Mandriva erleichtert Konfiguration und Pflege von Netzwerken deutlich.
Kernige Angelegenheit
Der Mandriva-Kernel der 2007er-Versionen ist mittlerweile veraltet, so dass es nachvollziehbar ist, warum die Version 2008.0 einen neuen Kernel bekommen hat. Der aktuelle Kernel 2.6.22 wird auch Grundlage der nächsten Spring-Variante von Mandriva Linux sein, die im kommenden Jahr auf den Markt kommt. Wie fast alle Hersteller stattet auch Mandriva seinen Kernel mit einigen speziellen Features aus: Erstmals ist im 2008.0-Kernel beispielsweise der Devicescape-Treiber enthalten [4], der große Verbesserungen bei der Unterstützung von WLAN-Treibern verspricht. Auch für Laptop-Benutzer gibt es Neuigkeiten: Der aktuelle Mandriva-Kernel enthält nicht nur die Tickless-Technik, die die CPU-Last im Leerlauf deutlich senken soll, sondern daneben eine aktualisierte Suspend-Funktion, die Laptops sanft in den Schlaf wiegen und sie genauso sensibel wieder aufwecken soll. Das Kernel-Update bringt außerdem einige neue Treiber mit, die die Hardwareunterstützung insgesamt verbessern.
Versionspflege
Die obligatorische Versionspflege hat Mandriva auch bei den mitgelieferten Programmen nicht vergessen. Neben den bereits erwähnten Aktualisierungen bei Kernel und KDE liefert Mandriva Linux OpenOffice als Version 2.2 aus, X.org in 7.2 sowie – als grafisches Element – eine neue Version des 3D-Desktop-Managers Compiz Fusion. Auch Firefox, Thunderbird oder der C-Compiler gcc sind auf dem aktuellen Stand.
Dass Mandriva Linux trotz KDE-Desktop noch immer eine spürbare Neigung zu Gnome hat, entnehmen wir der Liste der übrigen Aktualisierungen; neben Gnome 2.20 liefert der Distributor die – allerdings auch für KDE-Benutzer interessante – VoIP-Software Ekiga in der aktuellen Version 3.0 sowie den Outlook-Ersatz Evolution mit, der in der ebenfalls aktuellen Fassung 2.12 daherkommt.
KDE 4.0
Mandriva muss wie Ubuntu damit leben, dass das KDE-Projekt die Veröffentlichung der Version 4.0 ein Stück nach hinten verschoben hat. Ähnlich wie Ubuntu plant Mandriva daher, parallel zu KDE 3.5 Pakete auch als KDE-4.0-Versionen anzubieten – allerdings waren bei Redaktionsschluss noch keine verfügbar und können darum hier auch nicht vorgestellt werden.
Umsteigen
Ein besonderes Begrüßungsgeschenk hält Mandriva Linux 2008.0 für umstiegswillige Windows-Anwender bereit: Der Migrationsassistant ist ein Tool, das seinen Weg vom Debian-Projekt über Ubuntu zu Mandriva gefunden hat. Es wandelt eine Vielzahl von unterschiedlichen Windows-Formaten in die passenden Linux-Dateien um. Das aus früheren Versionen von Mandriva bekannte transfugdrake fungiert dabei als grafische Schnittstelle für den Migrationsassistenten.
Auf dem Weg zu Standards
Der Blick auf die Neuerungen von Mandriva 2008.0 [1] offenbart, dass das Projekt intensiv daran gearbeitet hat, eher verborgene Systemprozesse an gängige Standards anzupassen. Erstmals kommt in dieser Version statt der bisher verwendeten Hardwaredatenbank von Mandriva die PCI-IDs-Datenbank des Linux-Kerns selbst zum Einsatz. Das befreit das Projekt von der Last, eine eigene Datenbank zu pflegen, und soll zudem die Hardwareerkennung deutlich verbessern. Teile davon hat Mandriva übrigens von Fedora übernommen. Ebenfalls eine Übernahme ist die noch gar nicht veröffentlichte Spezifikation zu Desktop-Icons von FreeDesktop.org – ein dennoch längst überfälliger Schritt, den andere Distributionen schon hinter sich gebracht haben.
Fazit
Mandriva liefert mit der Version 2008.0 eine um einige Zutaten erweiterte, aber dennoch biedere Hausmannskost. Der neue Manager für alle Fragen rund ums Netzwerk ist schon fast das einzige echte Highlight, und der aktualisierte Kernel löst nun endlich das eine oder andere Hardwareproblem.
Insgesamt zeigt sich das System wie gewohnt robust und stabil. Wer schon mit Mandriva Linux 2007 keine Schwierigkeiten hatte, wird auch mit der neuen Version glücklich werden – gerade deshalb, weil es kaum äußere Veränderungen gibt.
Die neue Version erhalten Sie über die Download-Seiten des Projekts [2], passende CD-Boxen gibt es alternativ über den deutschen Mandriva-Distributor Fidu [3].
[1] Neuerungen in Mandriva 2008.0: http://wiki.mandriva.com/en/Releases/Mandriva/2008.0/What%27s_New
[2] Mandriva-Downloadseite: http://www.mandriva.com/de/download
[3] Mandriva-Distributor Fidu: http://www.fidu.de
[4] Devicescape – Open Source Wireless: http://www.devicescape.org

