Ubuntu krempelt mit Unity 8 den Desktop um. Die neuen Konzepte überzeugen im derzeitigen Zustand aber nicht immer.
Anders als seine Grundlage Debian erscheint Ubuntu traditionell im Rhythmus von sechs Monaten. Allerdings gerät Canonical mit den angekündigten neuen Funktionen in letzter Zeit stärker in Verzug als je zuvor: Bereits für Ubuntu 15.04 war der von Grund auf neu gestaltete Standard-Desktop Unity 8 geplant. Doch selbst im aktuellen Release lässt die Oberfläche noch immer jede Alltagstauglichkeit vermissen. Dennoch besteht die Möglichkeit, die Vorabversion unity8-desktop-session über den Paketmanager zu installieren.
Die Wurzeln von Unity reichen immerhin bis zur Version 11.04 aus dem Jahr 2011 zurück. Bis zum aktuell stabilen Unity 7 begnügt sich der Canonical-Desktop mit dem unter Linux seit Urzeiten eingesetzten grafischen X-Window-Server. Doch dieser Urahn aus dem letzten Jahrhundert gerät für den Linux-Desktop mehr und mehr zur Altlast: Jedes Smartphone bewältigt heute flüssige 3D-Effekte, doch auf dem Desktop hakt das weiche Einblenden oder Skalieren von Fenstern teilweise immer noch. X-Window läuft als eigenständiger Prozess. Ein Window-Manager wie KWin bei KDE oder Mutter unter Gnome nimmt daher für Animationen immer einen Umweg über mehrere Banden.
Um die Infrastruktur zu modernisieren, hoben einige Entwickler mit Wayland einen neuen Display-Server aus der Taufe, der im Zusammenhang mit entsprechenden Bibliotheken und Toolkits die Arbeit der grafischen Schnittstelle vereinfacht. Das Wayland-Protokoll fällt deutlich unkomplizierter aus als jenes des X-Window-Systems und beherrscht zudem von vornherein 3D-Beschleunigung. Moderne Window-Manager unterstützen die neuen Funktionen direkt, ein eigener Prozess für den Server fällt damit weg. Diese Vorteile trugen Wayland weitgehende Zustimmung in der Community ein. So setzen KDE, Gnome und Enlightenment bei ihren Window-Managern auf Wayland und biegen dabei allmählich auf die Zielgerade ab.
Canonical entschied jedoch, dass Wayland seinen Anforderungen für den geplanten Ubuntu-Smartphone-Einsatz nicht genügt. Daher arbeitet das Unternehmen seit 2013 am eigenen Display-Server Mir [1], auf den Unity 8 aufsetzt. In dieser parallel laufenden Entwicklung von Mir und Wayland zeigt sich, dass der Ersatz einer etablierten Systemkomponente Jahre dauert: So liegt Mir auch unter Ubuntu 16.10 immer noch nicht stabil vor. Es erhebt sich die Frage, ob und wie sich die Combo Unity 8 und Mir letztlich zum modernen Desktop entwickelt.
Achterbahn
In der finalen Version von Ubuntu 16.10 “Yakkety Yak” ist Unity 8 zwar bereits vorinstalliert, Unity 7.5 fungiert jedoch als Standard-Desktop. Nach dem Abmelden bietet der Login-Schirm die Wahl zwischen der stabilen Unity-Umgebung und dem neuen Unity 8 (Abbildung 1).

Abbildung 1: Seinen eigentlichen Zweck offenbart Unity 8, wenn Sie den Modus für den Desktop deaktivieren: Alle Anwendungen starten im Vollbild ohne Fensterleiste, sonst als normale Fenster.
Haben Sie Unity 8 gewählt, startet der experimentelle Desktop, was ihm im Test zügig und ohne Probleme gelang. Das Look & Feel erinnert an das Gespann KDE und Plasma 5 oder aktuelle Versionen von Windows oder Mac OS X: Hier wie dort sind jegliche 3D-Effekte einem schnörkellosen, flachen Look gewichen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Optischen Charme versprüht Unity 8 schon jetzt, wie hier mit dem Umschalter für Anwendungen. Das hilft aber nichts, solange normale Software nur mit Verrenkungen startet.
Anders als beim bisherigen Unity-Desktop, wo die linke Leiste zunächst eingeblendet bleibt und erst nach dem Ändern in den Einstellungen beim Verlust des Fokus einklappt, erscheint sie nun von Anfang an erst beim Kontakt mit der Maus oder einem Druck auf [Super] (“Windows-Taste”). In den noch spärlichen Systemeinstellungen lässt sich das vorerst nicht ändern.
Das sogenannte Dash zum Starten von Programmen, das Sie unter Unity 7 über [Super] öffnen, ist den sogenannten Scopes gewichen, die wie ein normales Programmfenster aussehen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das frei auf dem Desktop verschiebbare Scopes-Fenster mit seiner hakeligen Suche bietet noch keinen vollwertigen Ersatz für das Dash aus Unity 7.
Noch nicht reif
Das Scopes-Fenster erinnert ältere Semester eventuell an den Programmmanager von Windows 3.1 und lässt sich selbst beim besten Willen (noch) nicht als Fortschritt bezeichnen: Bislang verlangt die Software, dass Sie umständlich auf eine Schaltfläche klicken, um nach Programmnamen zu suchen. Einfach mit dem Tippen des Namens zu beginnen, genügt anders als bisher nicht.
Zu den größten Defiziten der neuen Umgebung gehört jedoch, dass – egal, welche Programme Sie auf dem System installieren – die Scopes lediglich die Systemeinstellungen und einen Browser zeigen. Es gibt keine Möglichkeit, Programme ohne Starter-Icon wie bisher mit [Alt]+[F2] oder auf der Konsole zu öffnen. Normale, für die X-Window-Oberfläche geschriebene Programme starten unter Unity 8 momentan nur noch über einen Umweg.
Nach dem Einloggen läuft kein X-Window-System, sondern lediglich der Ubuntu-spezifische Display-Server Mir – gewöhnliche Anwendungen brauchen aus diesem Grund die Zwischenschicht XMir. Im Moment erfordert dies, dass Sie alle Programme für Unity 8 ein zweites Mal im dafür vorgesehenen Container [2] installieren (Abbildung 4).

Abbildung 4: Klassische Anwendungen, also im Moment alle Programme bis auf einen Browser, müssen Sie im Moment für Unity 8 ein zweites Mal installieren – ein langwieriger Prozess, der reichlich CPU-Leistung erfordert.
Zuerst richten Sie dazu die Pakete libertine, libertine-scope und libertine-tools ein. Im Scopes-Fenster erscheint dann das Libertine-Icon. Nach dem Start des Hilfsprogramms zum Einrichten von Containern genügt ein Klick auf das Plus-Icon, um einen solchen anzulegen. Einige Minuten CPU-Volllast und einen großen Download später ist das vollbracht.
Ein weiterer Klick auf den Eintrag für den fertigen Container erlaubt nun die Installation von Debian-Paketen aus den Ubuntu-Repositories in den Container. Jedes schon normal installierte und dann auf diese Weise in Unity 8 integrierte Programm belegt doppelt Platz auf der Platte. Immerhin erscheinen die fraglichen Programme nun in den Scopes unter Anwendungen.
Fazit
Es dürfte sich wohl kaum jemand für den Alltagseinsatz diese Ressourcen verschwendende parallele Installation von Teilen des Systems und aller Anwendungen antun. Infolgedessen taugt Unity 8 lediglich als Technologie-Vorschau, die abgesehen von den genannten Einschränkungen schon weitgehend rund läuft.
Mit den proprietären Grafiktreibern von Nvidia und AMD arbeitet die neue grafische Umgebung noch nicht zusammen. Im Test auf einer virtuellen Maschine fuhr sich Unity 8 lediglich ein einziges Mal bei 100 Prozent CPU-Last fest – das lag aber eventuell nur an der virtualisierten Grafikkarte.
Immerhin war im Betrieb nirgends zu spüren, dass die grafische Umgebung nicht auf dem X-Window-System basierte, sondern auf dem von Grund auf neu geschriebenen Ersatz Mir. In absehbarer Zukunft dürfte Unity 8 also Einsatzreife erlangen – allerdings wohl statt auf Ubuntu-typische Art zu einer bestimmten Release-Nummer eher in Debian-Manier: Wenn’s fertig ist, ist’s fertig.
Infos
[1] Mir: https://wiki.ubuntu.com/Mir/Spec
[2] Flatpak und Snap: Ferdinand Thommes, “Frisch aus dem Ofen”, LU 08/2016, S. 74, https://www.linux-community.de/37028





