UbuntuBSD 16.04b1 im Test

Aus LinuxUser 11/2016

UbuntuBSD 16.04b1 im Test

© elisanth, 123RF

Verteufelt gut

BSD und Linux sind zwei Seiten einer Medaille – und sich dabei so nah wie fern. UbuntuBSD versucht eine Synthese.

Ein Blick über den Tellerrand schadet nie – den wagen wir im Folgenden mit einem Blick auf einen exotischen Neuankömmling im Distributionsdschungel. Es geht um UbuntuBSD, das für sich in Anspruch nimmt, “die Power von FreeBSD mit der Vertrautheit von Ubuntu” zu vereinen.

Mit dem Versuch, einen FreeBSD-Kernel mit einer Linux-Benutzerumgebung zu vereinen, steht UbuntuBSD jedoch keineswegs allein da. Bereits seit 2006 arbeiten Entwickler an Debian GNU/kFreeBSD [1], das 2009 den Status eines offiziellen Debian-Ports erreichte. Bis heute zählt es zur Debian-Familie, führt aber immer noch ein Nischendasein. Ob UbuntuBSD mehr Potenzial besitzt, aus dieser Nische auszubrechen und BSD mehr Geltung zu verschaffen, überprüfen wir im Praxistest.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Zunächst einmal ein Blick darauf, worin Linux und BSD Gemeinsamkeiten aufweisen und was sie trennt: Bei beiden handelt es sich um sogenannte unixoide Systeme [2], doch stammt BSD direkt aus der Unix-Familie, während Linux sich an Unix lediglich anlehnt. Das Kürzel BSD steht für Berkeley Software Distribution und verweist auf die Entstehung des Betriebssystems an der Universität von Kalifornien in Berkeley im Jahr 1977.

Das ursprüngliche BSD wurde der Universität vom Telekommunikationsriesen AT&T für Zwecke der Forschung und Lehre zur Verfügung gestellt. Es basierte auf Unix Sixth Edition (V6) und deren Nachfolgern. Die heute gebräuchlichen Unix-Derivate, die BSD im Namen führen, weisen im Quelltext mit Unix V6 aber keine Gemeinsamkeiten mehr auf. Übrigens basieren Mac OS X und dessen Nachfolger MacOS in großen Teilen auf BSD: Sie verwenden in Form von Darwin [3] einen auf BSD-Basis weiterentwickelten Kernel sowie die Benutzerumgebung von FreeBSD.

Sowohl Linux als auch BSD verwenden eine freie Lizenz. Im Vergleich zur bei Linux verwendeten GNU General Public License (GPL) schränkt die BSD-Lizenz [4] etwas weniger ein. So erlaubt sie es (unter Beachtung einiger Bedingungen), den Quellcode zur Entwicklung eigener proprietärer Programme zu verwenden, ohne dass man diesen zur Verfügung stellen müsste.

Im Unterschied zum Linux-Kernel ist der BSD-Kernel normalerweise nicht von der Distribution losgelöst. So wird der Kernel von FreeBSD im gleichen Repository verwaltet wie auch das Userland dieser BSD-Variante. Gleiches gilt für die anderen Geschmacksrichtungen von BSD, die jeweils eigene Kernel pflegen.

Näher an Unix

Im Vergleich steht BSD näher zu Unix als Linux und hat auch nicht unerheblichen Einfluss auf dessen Entwicklung genommen [5]. Wer heute BSD sagt, meint mit ziemlicher Sicherheit eines der BSD-Derivate wie etwa NetBSD, OpenBSD, DragonflyBSD und FreeBSD. BSD-Systeme finden besonders oft auf Servern Verwendung. FreeBSD kommt hauptsächlich bei Internet-Dienstanbietern, auf Hochleistungsroutern, bei DNS-Servern sowie als Webhosting-Plattform zum Einsatz. Auch einige NAS-Betriebssysteme wie etwa FreeNAS, NAS4Free oder ZFSGuru basieren auf BSD.

Sowohl Linux als auch die BSD-Derivate greifen oft auf einen gemeinsamen Software-Pool zurück – so gibt es etwa die grafischen Desktop-Umgebungen Gnome, KDE und XFCE auch in einer BSD-Variante (Abbildung 1). Allerdings fallen die Paketquellen bei BSD bei Weitem nicht so prall gefüllt aus wie bei den gängigen Linux-Distributionen, da es nicht für alle Linux-Programme eine BSD-Portierung gibt. Mit einem umgangssprachlich “Linuxlator” genannten Tool möchte BSD hier Abhilfe schaffen: Die Software ermöglicht mittels einer ABI und über Modifikationen des BSD-Kernels, Linux-Systemaufrufe korrekt auszuführen und so Linux-Anwendungen direkt zu starten.

Abbildung 1: Sieht aus wie Linux: UbuntuBSD mit Mate als Desktop-Umgebung.

Abbildung 1: Sieht aus wie Linux: UbuntuBSD mit Mate als Desktop-Umgebung.

Attraktive Lizenz

Neben der für bestimmte Zwecke attraktiveren Lizenz fußt die Anziehungskraft von BSD auf seinem Fokus auf Sicherheit und Zuverlässigkeit sowie einer sehr gut gepflegten Dokumentation. Ein weiterer Punkt kam erst unlängst hinzu und bedingte auch die Entstehung von UbuntuBSD: Die Rede ist vom nur mäßig beliebten Systemd, das unter BSD nicht funktioniert. UbuntuBSD verwendet daher ein eigenes Init-System, basierend auf einer Synthese aus Busybox [6] und OpenRC [7].

Als sich Canonical 2015 entschied, Debian zu folgen und künftig Systemd einzusetzen, waren längst nicht alle Anwender davon begeistert. Somit entstand die Idee zu UbuntuBSD, das ohne die umfangreichen Umbauarbeiten von Devuan [8] zu einem Ubuntu ohne Systemd führen sollte. Im August erschien die erste Beta-Version, auf der dieser Test beruht. Noch vor Weihnachten 2016 soll eine erste stabile Version folgen.

Canonical-Chef Mark Shuttleworth zeigte sich von der Idee der Vermählung von Ubuntu und FreeBSD [9] durchaus angetan. Das gibt Anlass zur Hoffnung, dass bei genügend großem Interesse seitens der Anwender UbuntuBSD offiziell Aufnahme in die Ubuntu-Familie aus Ubuntu, Kubuntu, Xubuntu und Co. findet.

Die vorliegende Beta-Version basiert auf Ubuntu 16.04 und dem Kernel aus FreeBSD 10.3 (Abbildung 2). Sie liegt auf Sourceforge [10] als 64-Bit-Image zur direkten Installation bereit; ein entsprechendes Abbild booten Sie auch von der Heft-DVD. Eine Live-Version zum Ausprobieren gibt es noch nicht, jedoch lässt sich das System in einer Virtualbox in wenigen Minuten aufsetzen.

Abbildung 2: UbuntuBSD mit XFCE und dem aktuellen Kernel aus FreeBSD 10.3.

Abbildung 2: UbuntuBSD mit XFCE und dem aktuellen Kernel aus FreeBSD 10.3.

Nach dem Start von der Abbilddatei begrüßt Sie – in Zeiten grafischer Umgebungen etwas ungewohnt – ein textbasierter Installer (Abbildung 3). Er stellt jedoch auch weniger erfahrene Anwender vor keine unüberwindbaren Probleme und schaufelt in wenigen Minuten rund 1 GByte an Daten auf die Festplatte. Neben einer minimalen und einer umfangreicheren Desktop-Installation auf Basis von Xubuntu stellt die Installationsroutine auch verschiedene Serveranwendungen zur Wahl, etwa für den Einsatz als LAMP-, DNS-, Samba-, Datenbank- oder generischer Server.

Abbildung 3: Die Installationsroutine von UbuntuBSD arbeitet rein textbasiert. Bereits im Installer geben Sie den Einsatzzweck des Systems vor.

Abbildung 3: Die Installationsroutine von UbuntuBSD arbeitet rein textbasiert. Bereits im Installer geben Sie den Einsatzzweck des Systems vor.

Zudem erlaubt der Installer die manuelle Auswahl der zu installierenden Pakete. All das gelingt ohne Stolperer. Linux-Kenner müssen sich kaum umgewöhnen, nur Details ändern sich, wie etwa /dev/ada statt /dev/sda als Geräte-ID für Festplatten (Abbildung 4). Als Dateisystem kommt standardmäßig das Unix File System in der Form von UFS2 [11] zum Einsatz. Partitionieren Sie die Festplatten von Hand, steht auch ZFS [12] zu Wahl, das später einmal zum UbuntuBSD-Standard werden soll (Abbildung 5).

Abbildung 4: Das Dateisystem UFS bezeichnet Partitionen mit <code srcset=

adX statt sdX.” width=”300″ height=”167″ /> Abbildung 4: Das Dateisystem UFS bezeichnet Partitionen mit adX statt sdX.

Abbildung 5: Beim manuellen Partitionieren lässt sich auch ein ZFS-Pool anlegen.

Abbildung 5: Beim manuellen Partitionieren lässt sich auch ein ZFS-Pool anlegen.

Als einziger Fehler fiel beim Installer auf, dass er die deutsche Tastatureinstellung nicht in die Installation übernimmt. Das lässt sich später aber unkompliziert in einem grafischen Einstellungsdialog korrigieren. Obendrein funktionierte die deutsche Lokalisierung der Oberfläche und der Anwendungen nicht, wofür jedoch die Installationsroutine nichts kann. Obwohl der Installer den Eindruck vermittelt, er übernähme die Einstellungen, fehlen offenbar Lokalisierungsdaten, und das System verbleibt daher in Englisch.

Auch in der grafischen Oberfläche ließ sich dieses Problem nicht beheben. Die Meldung beim Öffnen von Applications | Settings | Language Support huschte im Test so schnell vorbei, dass deren Inhalt verborgen blieb. Auch durch manuelle Installation der entsprechenden Sprachpakete und Bibliotheken ließ sich das Testsystem nicht davon überzeugen, Deutsch zu sprechen.

Nach dem Start in die XFCE-Oberfläche springt beim Blick auf den rechten Rand der oberen Leiste ein weiterer Fehler ins Auge: Das rote Einfahrt-verboten-Schild signalisiert, dass etwas mit der Paketverwaltung nicht stimmt (Abbildung 6). Dieser Fehler lässt sich jedoch leicht umgehen, indem man im Terminal auf die von Ubuntu und Debian bekannten Kommandos rund um Apt zurückgreift.

Abbildung 6: Die deutsche Lokalisierung des UbuntuBSD-Systems funktioniert noch nicht.

Abbildung 6: Die deutsche Lokalisierung des UbuntuBSD-Systems funktioniert noch nicht.

In Virtualbox funktionieren zudem die Gasterweiterungen nicht. Gemessen am Status als Beta-Version sind diese Fehler verzeihlich und stören beim Testen von UbuntuBSD nur unerheblich. Ein Manko für einige Anwender dürfte allerdings die noch fehlende Unterstützung für proprietäre Grafiktreiber darstellen – hier arbeiten die Entwickler bereits an Abhilfe.

Mit Anwendungen gespart

Das System wirkt trotzt der höchsten Ausbaustufe, die der Installer bietet, recht minimalistisch. Im Bürobereich des Anwendungsmenüs finden sich Abiword, LibreOffice Writer, Gnumeric und Orage. Die Sektion Internet beschränkt sich auf Firefox, Transmission und Pidgin. In der Multimedia-Sparte finden sich lediglich Xfburn und der Parole Media Player. Hinzu kommen die üblichen, mit XFCE ausgelieferten Werkzeuge.

Diese Auswahl lässt sich aber mit den allseits bekannten Anwendungen aus dem Linux-Bereich schnell aufstocken. Auch andere grafische Oberflächen stehen in den Paketquellen bereit – zumindest in der Theorie. Bei Gnome, KDE, LXDE und LXQt wollte die Installation zum Testzeitpunkt jedoch nicht gelingen; es fehlten jeweils Abhängigkeiten. Der Maté-Desktop ließ sich jedoch ohne Komplikationen einrichten und hinterließ einen gut integrierten Eindruck (Abbildung 7).

Abbildung 7: Maté lässt sich per Paketverwaltung nachrüsten, andere Desktops derzeit nicht.

Abbildung 7: Maté lässt sich per Paketverwaltung nachrüsten, andere Desktops derzeit nicht.

Fazit und Ausblick

Anwender, die Ubuntu ohne Systemd bevorzugen, finden nun womöglich mit UbuntuBSD eine einfache Möglichkeit, diesen Wunsch zu realisieren. Die Beta-Version weist noch einige Fehler auf, entsprechende Berichte dazu liegen in der Regel aber bereits in Launchpad [13] vor. Um wirklich Vortrieb zu erlangen, sollten die Entwickler dem System einen grafischen Installer spendieren, der auch Einsteiger sicher durch die Installation geleitet. Derselben Klientel käme auch eine größere Anzahl an vorinstallierten Anwendungen entgegen.

Erfahrenere Anwender werden UFS2 als Dateisystem ebenso zu schätzen wissen wie die Möglichkeit, ZFS zu verwenden. Allerdings hat auch Ubuntu selbst mit dem LTS-Release 16.04 bereits ZFS integriert – aufgrund der unklaren rechtlichen Lage jedoch nicht im Einvernehmen mit großen Teilen der Linux-Community. Hier besteht wegen ZFS also kein Hinderungsgrund für eine Aufnahme in die Ubuntu-Familie. Ansonsten fühlt sich das System erwartet leistungsstark an und läuft rundum rund.

Es wäre BSD insgesamt zu wünschen, dass es etwas mehr Bekanntheit unter den Anhängern freier Software erfährt. FreeBSD gilt als eines der wichtigsten Open-Source-Projekte überhaupt; allerdings fand das System bislang bei Weitem keine so große Verbreitung wie Linux – dabei gilt BSD allgemein als das professionellere Betriebssystem. Ob UbuntuBSD dazu beiträgt, die Verbreitung zu verbessern, steht allerdings noch in den Sternen.

Nach dem Bekanntwerden der Pläne zu UbuntuBSD im April und der jetzigen Beta-Version vom August schien ein Interesse geweckt, das sich zumindest in der Linux-Presse derzeit nicht widerspiegelt. Die Aufnahme in die Runde der offiziellen Ubuntu-Derivate wäre hier sicherlich sehr hilfreich. Dazu bedarf es aber üblicherweise erst zweier oder dreier stabiler Ausgaben. Daher bleiben die Erfolgschancen von UbuntuBSD vorerst noch im Unklaren. Das Zeug zu mehr hat das Projekt in jedem Fall. 

Glossar

ABI

Application Binary Interface. Eine solche Binärschnittstelle definiert ein Interface auf der Ebene der Maschinensprache zwischen einem Programm und dem Betriebssystem. Eine API (Programmierschnittstelle) hingegen definiert ein Interface auf Quelltextebene.

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1 Kommentar
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Hans
6 Jahre her

Das Betonen von systemd-Freiheit als Argument für eine BSD-Variante halte ich ehrlich gesagt für Nonsens; dem Otto-Normalo ist das so ziemlich HansWurst; und die Ablehnung von systemd auch mehr ein ideologischer als rationaler.

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