Skype-Alternativen für Audio-, Video- und Text-Chats

Aus LinuxUser 10/2016

Skype-Alternativen für Audio-, Video- und Text-Chats

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Nicht erst seit der Übernahme durch Microsoft hegen Linux-Anwender eine Hassliebe zu Skype. Wer sich von dem proprietären Platzhirsch trennen möchte, findet zahlreiche Alternativen. Davon besetzt fast jede ganz gezielt eine Nische, in der sie ihre jeweilige Aufgabe sehr gut erfüllt.

Möchte man mit anderen über das Internet chatten, gab und gibt es unzählige Möglichkeiten: Facebook Messenger, Google Talk, Whatsapp, um nur ein paar Optionen zu nennen. Die Betreiber dieser Dienste führen die Benutzer jedoch an der kurzen Leine. Als Anwender muss man sich registrieren und die offiziellen Apps verwenden. Anonyme Accounts, in eigener Regie betriebene Server oder alternative Clients gibt es in der Regel nicht.

Aktuell bekommen Skype-Nutzer diese Macht zu spüren. Nicht, dass der Linux-Client bei Skype jemals eine große Rolle gespielt hätte, aber bis zur Übernahme des Diensts durch Microsoft gab es in mehr oder minder großen Abständen zumindest eine neue Linux-Version des Skype-Clients. Viele Wünsche, wie etwa eine 64-Bit-Version, blieben jedoch unerfüllt. Manch ein Skype-User bevorzugte jedoch gar die Linux-Variante, da diese auf unnötigen Schnickschnack oder gar Anzeigen verzichtete.

Skype mit neuer Alpha

Seit der Microsoft-Übernahme geht es in den Augen vieler Linuxer mit Skype stetig abwärts. Viele beklagten sich zwischendurch, dass sie Gesprächen nicht mehr beitreten konnten [1]. Die erst kürzlich vorgestellte Alpha der neuen “Linux-Version” [2] besteht im Endeffekt nur aus einer auf Electron [3] basierenden Hülle rund um den Web-Client von Skype (Abbildung 1). Eine ähnliche Lösung findet sich schon seit längerer Zeit als Ghetto Skype [4] im Netz. Zudem fehlen der Alpha-Version noch wichtige Funktionen – so beherrscht sie noch keine Video-Chats.

Abbildung 1: Die Alpha-Version des komplett neuen Skype-Clients beherrscht bereits Telefonate, Video-Chats sind bisher aber nicht möglich.

Abbildung 1: Die Alpha-Version des komplett neuen Skype-Clients beherrscht bereits Telefonate, Video-Chats sind bisher aber nicht möglich.

Unter anderem aus diesen Gründen (Zweifel an der Integrität des Diensts einmal außen vor) suchen viele Linux-User eine freie Alternative zu Skype. Zwar gibt es so etwas durchaus, doch setzt man die Kriterien “plattformübergreifend verfügbar”, “einfach” und “zuverlässig” an, bleiben nicht mehr viele Optionen übrig. Dieser Artikel wirft einen Blick auf sieben potenzielle Skype-Alternativen, die jedoch nur selten allen Anforderungen entsprechen (siehe Tabelle “Skype- und IM-Alternativen”).

Skype- und IM-Alternativen

  Retroshare Ricochet 1.1.2 Ring Signal Tox (uTox) WebRTC
Funktionen
Chat ja ja ja ja ja ja(1)
Kontaktliste ja ja ja ja ja nein
Gruppenchats ja nein nein nein ja ja(1)
Chat-Verlauf-Synchronisierung nein nein ja ja nein nein
Voice/Video-Chats ja/ja nein/nein ja/ja ja (nur mobil)/nein ja/ja ja/ja
Desktop-Freigabe nein nein nein nein ja ja(1)
Dateiversand ja nein nein ja ja ja(1)
Sicherheit/Privatsphäre
Verschlüsselung ja ja ja ja ja ja
Zentraler Server nein nein nein ja nein ja(2)
Betriebssysteme
Linux ja ja ja ja ja ja
Mac OS X ja ja ja ja ja ja
Windows ja ja ja ja ja ja
Android nein nein ja ja ja(4) ja
iOS nein nein nein ja ja(4) ja(3)
(1) Je nach Anbieter.
(2) WebRTC ist ein offener Standard, daher kann man selbst einen Server hosten.
(3) Das WebKit-Backend von Apple Safari beherrscht noch kein WebRTC, der Open-Source-Browser Bowser für iOS kann jedoch damit umgehen.
(4) Je nach Client unterschiedliche Funktionen.

Retroshare

Retroshare [5] kombiniert eine Reihe von Funktionen zur verschlüsselten Kommunikation unter einer Oberfläche. Das Programm beschränkt sich dabei nicht nur auf Audio/Video- und Text-Chats, sondern unterstützt auch E-Mails, Newsgroups sowie Freigaben für den Datenaustausch mit befreundeten Usern sowie (auf Wunsch) auch mit Freunden von Freunden. Für den Datenaustausch baut das Programm via Turtle-Routing [6] ein “Friend-to-Friend”-Netzwerk (oder kurz F2F) auf. Im Gegensatz zu einem klassischen P2P-Netz routet Retroshare die Daten also nicht zwischen allen Teilnehmern im Netz, sondern nur zwischen Freunden und deren Freunden.

Die Entwickler bieten das unter GPLv2 lizenzierte Programm für Linux, Mac OS X sowie Windows an – Versionen für mobile Betriebssysteme fehlen komplett. Das Projekt betreibt für alle größeren Distributionen Paketquellen oder erstellt dafür über die Paketverwaltung installierbare Pakete [7]. Dabei unterscheidet die Entwickler zwischen “Stable”- und (ausführlich getesteten) “Unstable”-Versionen. Auf einem System mit Ubuntu 16.04 ließ sich allerdings im Test nur die “Unstable”-Quelle einrichten (Listing 1).

Listing 1

$ sudo add-apt-repository ppa:retroshare/unstable
$ sudo apt update
$ sudo apt install retroshare06

Beim Installieren sollten Sie beachten, dass das aktuelle Retroshare 0.6 zu älteren Versionen des Programms nicht mehr kompatibel ist, da sich das Protokoll grundlegend geändert hat. Sollte sich in den Paketquellen der von Ihnen genutzten Distribution noch eine ältere Ausgaben des Programms finden, dann installieren Sie besser gleich die aktuelle Ausgabe von Hand.

Beim ersten Start müssen Sie ein Profil (unter der Haube eigentlich nur einen PGP-Schlüssel) erstellen. Dabei nutzt Retroshare zum Erzeugen solider Zufallswerte die Bewegungen des Mauszeigers. Freunde fügen Sie dann über diesen Schlüssel hinzu: Dazu tauschen Sie mit dem zukünftigen Retroshare-Freund die öffentlichen Schlüssel aus (am besten Offline via USB-Stick oder zur Not auch via E-Mail oder über ein anderes Chat-Programm) und fügen diese über Hinzufügen aus der Kopfleiste der Anwendung ein. Anschließend erscheint der neue Kontakt als befreundeter Netzwerkknoten. Einen Chat starten Sie dann über das Kontextmenü des Kontakts (Abbildung 2).

Abbildung 2: Retroshare bietet mehr als Chats: Das Programm dient mit Mails, Foren und Feedreader als Kommunikationszentrale.

Abbildung 2: Retroshare bietet mehr als Chats: Das Programm dient mit Mails, Foren und Feedreader als Kommunikationszentrale.

In der Praxis erweist sich die Oberfläche von Retroshare als zwar funktionell, aber unübersichtlich. Da das Programm weit mehr Funktionen bietet als nur Chats (Audio-, Video- und Text-Chats), müssen Sie sich durch zahlreiche Menüs und Reiter hangeln. Klassische Gruppenchats kennt Retroshare nicht; in der Chatlobbys finden Sie jedoch eine Möglichkeit, sich mit mehreren Personen gleichzeitig zu unterhalten. Private Lobbys erreichen Sie nur auf Einladung, Öffentliche Lobbys hingegen dürfen sämtliche Retroshare-User betreten.

Ricochet

Die Chat-App Ricochet [8] beschränkt sich auf textbasierte Konversationen (Abbildung 3). Audio- und Video-Chats stehen zwar zur Diskussion, doch konkrete Pläne dafür gibt es noch nicht [9]. Die getestete Version 1.1.2 stammt vom Februar 2016; der Commit-Graph auf der Github-Seite des Projekts zeigt, dass die Entwickler seit 2014 regelmäßig am Code arbeiten [10]. Auf der Projekt-Homepage finden Sie Pakete für Linux, Mac OS X und Windows. Distributionen wie Debian oder Ubuntu führen das Programm zudem in ihren Paketquellen, allerdings erst bei relativ aktuellen Ausgaben.

Abbildung 3: Bei Ricochet gibt es nur Text-Chats, dafür laufen diese komplett anonym und sicher verschlüsselt ab.

Abbildung 3: Bei Ricochet gibt es nur Text-Chats, dafür laufen diese komplett anonym und sicher verschlüsselt ab.

Was Ricochet an Funktionen fehlt, macht das Programm an Anonymität und Sicherheit wieder wett. Es benötigt als dezentrales Netzwerk keinen Server, gegenüber dem man sich authentifizieren müsste. Zudem baut es die Verbindung zu den Chat-Partnern über den Onion Router Tor auf, wodurch sich die IP-Adressen der Teilnehmer nicht ermitteln lassen. Schließlich speichert Ricochet die Kontaktliste lokal ab und schreibt den Verlauf der Chats nicht auf die Festplatte: Sobald ein User den Dialog schließt, lässt sich dieser nicht wiederherstellen.

Trotz der Versuche von Ricochet, einen anonymen Messenger zu entwickeln, liegen noch ein paar Baustellen offen. So fehlt eine stärkere Verschlüsselung; zudem empfiehlt das im Februar 2016 erstellte Sicherheits-Audit [11], die Daten auf einem verschlüsselten Datenträger abzulegen, da diese im Klartext auf der Festplatte liegen. Alles in allem bedient Ricochet eher auf Privatsphäre bedachte Anwender, die auf erweiterte Funktionen gerne verzichten. Die Entwickler-Community hinter dem Programm hegt jedoch auch Pläne, die Anwendung auf mobile Betriebssysteme zu portieren und die Funktionen zu erweitern.

Ring

Ring [12] entstammt der inzwischen eingestellten SIP-Software SFLphone des frankokanadischen Beratungsunternehmens Savoir-faire Linux [13]. Die Entwickler positionieren Ring als Alternative zu Skype: Die Software beherrscht neben konventionellen Chats auch Audio- und Video-Gespräche sowie Video-Konferenzen. Sämtliche Datentransfers laufen verschlüsselt über ein verteiltes Netzwerk, das sich ähnlich wie etwa Bittorrent über eine verteilte Hash-Tabelle (Distributed Hash Table) namens OpenDHT organisiert [14]. Daher benötigt Ring keine zentralen Server und legt somit auch keine Profile an.

Vom Aufbau her bildet Ring ein Gespann aus einem lokal im Hintergrund aktiven Server und einem Client. Von daher müssen Sie unter Linux in der Regel zwei Pakete installieren. Dazu bietet Ring Paketquellen für Debian, Fedora und Ubuntu an und gibt auf der Homepage ausführliche Hinweise zur Installation [15]. Für Ubuntu 16.04 finden Sie die Kommandos zum Einbinden des Repositories in Listing 2 . Alternativ unterstützt Ring Mac OS X sowie Windows. Zudem gibt es einen offiziellen Client für Android-Smartphones, den Sie über Googles Play Store [16] oder den Open-Source-Market F-Droid [17] erhalten.

Listing 2

$ sudo sh -c "echo 'deb https://dl.ring.cx/ring-nightly/ubuntu_16.04/ ring main' > /etc/apt/sources.list.d/ring-nightly-man.list"
$ sudo apt-key adv --keyserver pgp.mit.edu --recv-keys A295D773307D25A33AE72F2F64CD5FA175348F84
$ sudo apt update
$ sudo apt install ring-gnome

Nach der Installation legen Sie beim ersten Start ein “Ring-Konto” an. Es besteht lediglich aus einem 40-stelligen kryptografischen Schlüssel, ähnlich einem Public-Key bei der Kommunikation per PGP – einen klassischen Account auf einem zentralen Server gibt es bei Ring nicht. Diesen Key geben Sie an Ihre Bekannten weiter; alternativ rufen Sie aus der Anwendung heraus einen QR-Code auf, der sich mit der Smartphone-Variante des Programms einscannen lässt (Abbildung 4). Ihren Key können Sie zudem als RING-Datei zusammen mit einem Passwort exportieren und so den Account auf mehreren Geräten gleichzeitig nutzen.

Abbildung 4: Ring benötigt ebenfalls keine zentralen Server, unterstützt zudem Audio- und Video-Chats.

Abbildung 4: Ring benötigt ebenfalls keine zentralen Server, unterstützt zudem Audio- und Video-Chats.

Auf dem Papier ergibt sich somit ein sehr vollständiges Bild; in der Praxis muss Ring jedoch noch etwas reifen. Sowohl der Desktop- wie auch der Android-Client stürzten im Test des Öfteren ab. Ein unter Arch Linux aus dem Git gebauter Client erwies sich als besonders instabil. Dagegen gab sich die unter Ubuntu aus der Paketquelle installierte Version praxistauglich: Audio- und Video-Chats funktionierten zuverlässig, selbst über dünne Leitungen.

Signal

Signal [18] hatte in den letzten Jahren immer wieder prominente Fürsprecher: Der Kryptografie- und IT-Sicherheitsspezialist Bruce Schneier, der an der Johns Hopkins University lehrende Kryptografie-Professor Matthew Green sowie der Whistleblower Edward Snowden sprachen sich für den komplett freien Messenger aus. Das Programm stammt aus der Feder der Non-Profit-Software-Gruppe Open Whisper Systems um Hacker Moxie Marlinspike [19]. Die hatte zuvor schon mit Textsecure und Redphone zwei Apps zum Verschlüsseln von SMS und Telefonaten entwickelt.

In der Praxis erinnert Signal stark an Whatsapp oder andere Instant-Messenger, die primär auf Smartphones zu Hause sind (Abbildung 5). Daher benötigen Sie für Signal auch zwingend ein solches, da der Dienst zur Authentifizierung auf die Handynummer zurückgreift. Andere Arten der Registrierung (etwa über eine E-Mail-Adresse) stehen zwar zur Diskussion [20], liegen jedoch bislang nicht vor. Die Desktop-Version von Signal gibt es zudem nur als Browser-App für Chrome oder Chromium [21] – die Installation beschränkt sich daher auf das Einspielen der Erweiterung.

Abbildung 5: Signal kennen viele Anwender von Smartphones, per Browser-Erweiterung landet der Dienst auch auf dem Linux-Desktop.

Abbildung 5: Signal kennen viele Anwender von Smartphones, per Browser-Erweiterung landet der Dienst auch auf dem Linux-Desktop.

Obwohl Signal nicht als eigenständige Anwendung läuft, erscheint das Programm in den Anwendungsmenüs der Desktop-Umgebung. Nachrichten und Kontaktliste gleicht Signal über das Netz ab. So können Sie Chats auf dem Smartphone beginnen und auf dem PC fortsetzen. Das Programm bietet neben rein textbasierten Chats auch Telefonate, allerdings bislang nur über die Smartphone-Clients. Die Kommunikation erfolgt bei Signal per Ende-zu-Ende-Verschlüsselung; allerdings kann der Dienst auf seinen zentralen Servern Metadaten sammeln, weiß also potenziell, wer wann mit wem in Kontakt steht. Signal weigert sich auch, den Quellcode der Server-Komponente zu veröffentlichen.

Tox

Tox [22] gehört zu den Vorreitern unter den P2P-Chat-Clients: Das Programm entstammt einer Diskussion rund um die Privatsphäre von Skype-Usern im berühmt-berüchtigten 4chan-Forum [23]. Seit dieser Zeit hat sich im Projekt viel getan: Tox unterstützt (Gruppen-)Chats, Dateitransfers, Audio- und Video-Calls sowie Offline-Nachrichten. Dabei unterscheidet es zwischen dem Client und der Kernbibliothek, die das Protokoll und die API zur Verfügung stellt. Daher gibt es eine Reihe unterschiedlicher Tox-Programme, die – je nach Entwicklungsstand – teils nur einen Ausschnitt der bereits implementierten Funktionen unterstützen.

Zu den fortschrittlichsten und komplettesten Tox-Clients gehören uTox [24] und qTox [25]. Letzteres (Abbildung 6) finden Sie oft in den Paketquellen aktueller Distributionen. Die aktuelle Version installieren Sie über die offizielle Paketquelle der Entwickler, so wie in Listing 3 für Debian 8 oder Ubuntu 16.04 [26]. Beim ersten Start müssen Sie ein Tox-Profil anlegen. Es besteht aus einem privaten und öffentlichen Schlüssel; Tox speichert diese Daten nur lokal ab. Der öffentliche Schlüssel entspricht Ihrer Tox-ID, zum Chatten geben Sie den Schlüssel als Text oder in Form eines QR-Codes an Ihre Kontakte weiter. Optional registrieren Sie den Schlüssel zusammen mit Ihrer E-Mail-Adresse im Toxme-Register: So finden Freunde Sie leichter im Tox-Netz wieder [27].

Abbildung 6: Tox arbeitet ohne Registrierung und zentrale Server. Mit Text-, Audio- und Video-Chats bietet es das volle Programm.

Abbildung 6: Tox arbeitet ohne Registrierung und zentrale Server. Mit Text-, Audio- und Video-Chats bietet es das volle Programm.

Listing 3

$ sudo sh -c 'echo "deb https://pkg.tox.chat/debian/ nightly release" > /etc/apt/sources.list.d/tox.list'
$ wget -qO - https://pkg.tox.chat/debian/pkg.gpg.key | sudo apt-key add -?$ sudo apt update
$ sudo apt install qtox

In der Praxis erweist sich Tox in Kombination mit qTox als durchaus tauglich: Das Hinzufügen der Kontakte über die öffentlichen Schlüssel klappt problemlos, Chats und Dateiversand gelingen ohne weitere Konfiguration. Eine Screensharing-Funktion bietet bislang nur uTox. Allerdings lassen sich aus qTox heraus Screenshots des Desktops oder einzelner Programme erstellen und an den Chatpartner verschicken. Audio- und Video-Chats klappten im Test auf Anhieb, allerdings reicht die Qualität nicht an jene bei Skype oder von WebRTC-Konferenzen heran.

Aus der Trennung zwischen Back- und Frontend resultiert eine Vielzahl von Tox-Client-Programmen. Neben den qTox und uTox finden Sie Tox-Clients für die Kommandozeile, ein Plugin für den Multi-Messenger Pidgin und mit Antox [28] wie auch Antidote [29] auch Tox-Clients für Android beziehungsweise iOS. Bei Antox arbeiten die Entwickler jedoch noch daran, der Audio- und Video-Funktion die Fehler auszutreiben.

WebRTC

Die Zeiten, in denen Webbrowser lediglich HTML renderten und statische Webseiten anzeigten, gehören schon lange der Vergangenheit an. Heute lassen sich im Browser über HTML5 und Javascript selbst Bürosuiten oder 3D-Spiele ausführen – was allerdings nicht nur Vorteile mit sich bringt. Nichtsdestotrotz ermöglichen diese Technologien zahlreiche Anwendungsgebiete, die bisher dedizierten Anwendungen vorenthalten waren. Von diesen Möglichkeiten macht auch WebRTC [30] Gebrauch – das Kürzel steht für “Web Real-Time Communication”.

Via WebRTC lassen sich Daten nicht nur in Echtzeit von Webservern abrufen, sondern auch von Browsern anderer Benutzer. Das ermöglicht, klassische Skype-Funktionen wie Chats, Videokonferenzen oder Desktop-Sharing im Browser abzubilden. Angetrieben von Google, Mozilla und Opera Software hat sich WebRTC als anerkannter quelloffener Standard etabliert. Infolgedessen unterstützen Chrome, Firefox und Opera WebRTC am besten. Zusätzliche Software, etwa Browser-Erweiterungen oder Plugins, benötigen Sie für WebRTC in der Regel nicht. Auch Skype experimentiert mit dem Protokoll: Die Alpha-Version des zukünftigen Skype-Client für Linux setzt darauf auf [31].

Für den Verbindungsaufbau braucht es – im Gegensatz zu den über Hash-Tabellen arbeitenden Lösungen – jedoch einen zentralen Webserver. Aufgrund des offenen Standard gibt es hier eine Reihe von Alternativen; an dieser Stelle seien als Beispiel die Portale von Appear.in, Meet.jit.si oder Palava.tv genannt. Letzteres betreibt ein gemeinnütziger Verein aus Deutschland. Viele dieser Angebote lassen sich wie etwa Jitsi Meet auch über Github forken und auf einem eigenen Server betreiben [32]. Mozilla integriert mit Firefox Hello [33] gar seit Version 34.0 einen eigenen Dienst in seinen Browser, stellt jedoch mit Firefox 49 diese Funktion schon wieder ein. In Zukunft übernimmt ein Firefox-Addon [34] diese Funktion.

Für viele der WebRTC-Portale im Netz benötigen Sie keinen Account. Meist genügt es, einen Chat-Room zu benennen und den dadurch generierten Link den Teilnehmern der Konferenz zukommen zu lassen. Diese öffnen die Seite in ihrem Browser, erlauben den Zugriff auf Webcam und Mikrofon, und schon steht die Verbindung. Theoretisch könnte jeder Nutzer im Web dieser Konferenz beitreten. Wählen Sie daher für private Unterhaltungen einen Zufallsnamen – manche Portale besitzen dafür sogar einen Generator.

Dienste wie Jitsi Meet (Abbildung 7) gehen noch einen Schritt weiter und geben dem Ersteller einer Konferenz Moderatorenrechte, sodass dieser unerwünschte Besucher aus der Unterhaltung entfernen oder bei Bedarf stummstellen kann. Zudem lässt sich der Raum mit einem Passwort ganz gegen unbekannte Besucher absichern. Eine Chat-Funktion sowie ein kollaborativer Editor auf Basis von Etherpad Lite [35] runden das Paket ab. Mit dem Browser-Plugin Jitsi Desktop Streamer (verfügbar für Chrome [36] und Firefox [37]) lässt sich dann auch noch der Inhalt einzelner Programmfenster oder des kompletten Desktops streamen.

Abbildung 7: WebRTC, wie hier Jitsi Meet, benötigt dank HTML5 keinen gesonderten Client: Ein moderner Browser genügt völlig.

Abbildung 7: WebRTC, wie hier Jitsi Meet, benötigt dank HTML5 keinen gesonderten Client: Ein moderner Browser genügt völlig.

Auf Smartphones genügt ein WebRTC-fähiger Browser, unter Android etwa Chrome oder Firefox. Allerdings sind manche WebRTC-Portale nicht gerade für mobile Browser optimiert, so auch Jitsi Meet. Apples Safari-Browser und das darunterliegene WebKit-Backend können bisher noch nichts mit WebRTC anfangen [38], allerdings arbeitet Apple an einer Implementation der Technologie. Als Alternative bietet sich dort der Open-Source-Browser Bowser [39] an. Manche Portale, wie etwa Appear.in, bieten jedoch auch native Apps für Android [40] und iOS [41] an.

Fazit

Die breite Masse an Usern nutzt Skype, Whatsapp, den Facebook Messenger oder vielleicht Threema und Signal: Die entsprechenden Dienste sind schon seit Jahren aktiv oder finden sich in populären Online-Diensten beziehungsweise vorinstalliert auf dem Smartphone. Doch die Alternativen bieten durchaus Potenzial.

Anwendungen wie Retroshare, Ring oder Tox benötigen keine zentralen Server und pflegen somit keine Profile. Das macht die Organisation von Kontakten und den Abgleich der Chat-Historie zwar schwieriger, wahrt dafür jedoch die Privatsphäre der Benutzer. Auf erweiterte Funktionen muss man dabei keineswegs verzichten: Audio- und Video-Chats stellen quasi den Standard dar, auch Screensharing ist keine Seltenheit.

Auch WebRTC darf man nicht unterschätzen. Implementationen wie Meet Jitsi bieten im Endeffekt alles, was Skype leistet, ohne dass man einen proprietären Client installieren müsste. Der Dienst ist durch und durch Open-Source; wer möchte, installiert sich eine eigene Instanz und organisiert Audio- und Video-Konferenzen in eigener Regie. 

Infos

[1] “Dear Skype/Microsoft”: http://nickforall.nl/skype/

[2] Skype für Linux Alpha-Version: https://support.skype.com/en/faq/FA34656/more-information-about-skype-for-linux-alpha

[3] Electron: http://electron.atom.io/

[4] Ghetto Skype: https://github.com/stanfieldr/ghetto-skype

[5] Retroshare: https://retroshare.github.io

[6] Turtle: http://turtle-p2p.sourceforge.net

[7] Retroshare installieren: https://retroshare.github.io/downloads.html

[8] Ricochet: https://ricochet.im

[9] Voice-/Video-Chats in Ricochet: https://github.com/ricochet-im/ricochet/issues/308

[10] Ricochet bei Github: https://github.com/ricochet-im/ricochet/graphs/contributors

[11] Audit zu Ricochet: https://ricochet.im/files/ricochet-ncc-audit-2016-01.pdf

[12] Ring: https://ring.cx/en

[13] Savoir-faire Linux: https://www.savoirfairelinux.com

[14] OpenDHT: https://github.com/savoirfairelinux/opendht

[15] Ring installieren: https://ring.cx/en/download/gnu-linux

[16] Google Play: https://play.google.com/store/apps/details?id=cx.ring

[17] F-Droid: https://f-droid.org/repository/browse/?fdid=cx.ring

[18] Signal bei Open Whisper Systems: https://whispersystems.org

[19] Moxie Marlinspike: https://moxie.org

[20] “Allow different kinds of identifiers for registration”: https://github.com/WhisperSystems/Signal-Android/issues/1085

[21] Signal für Chrome/Chromium: https://chrome.google.com/webstore/detail/signal-private-messenger/bikioccmkafdpakkkcpdbppfkghcmihk

[22] Tox: https://tox.chat/

[23] “Daily reminder that Skype reads the URLs you send”: http://rbt.asia/g/thread/S34778013#p34778939

[24] uTox: http://utox.org

[25] qTox: https://github.com/qTox/qTox

[26] Installation von qTox: https://wiki.tox.chat/clients/qtox

[27] Toxme User Lookup: https://toxme.io/

[28] Antox: https://github.com/Antox/Antox

[29] Antidote: https://github.com/Antidote-for-Tox/Antidote

[30] WebRTC: https://webrtc.org

[31] “Neues Skype für Linux nutzt WebRTC”: http://www.golem.de/news/videochat-neues-skype-fuer-linux-nutzt-webrtc-1607-122102.html

[32] Jitsi Meet: https://github.com/jitsi/jitsi-meet

[33] Firefox Hello: https://www.mozilla.org/de/firefox/hello/

[34] Addon für Firefox Hello: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/firefox-hello-beta/

[35] Etherpad Lite: https://github.com/ether/etherpad-lite

[36] Jitsi Desktop Streamer für Chrome: https://chrome.google.com/webstore/detail/jitsi-desktop-streamer/diibjkoicjeejcmhdnailmkgecihlobk

[37] Jitsi Desktop Streamer für Firefox: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/jitsi-desktop-streamer/

[38] WebKit-Unterstützung von WebRTC: https://webkit.org/status/#specification-webrtc

[39] Bowser: http://www.openwebrtc.org/bowser/

[40] Appear.in für Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=appear.in.app

[41] Appear.in für iOS: https://itunes.apple.com/de/app/appear.in-free-group-video/id878583078?mt=8

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