Action- und Geschicklichkeitsspiel Superhot

Aus EasyLinux 03/2016

Action- und Geschicklichkeitsspiel Superhot

In Zeitlupe

Ein kleines polnisches Team hatte eine einfache aber brillante Idee: In ihrem Actionspiel läuft die Zeit nur dann weiter, wenn man sich selbst bewegt. Wer in der sterilen weißen Welt voran kommen möchte, benötigt daher neben etwas Geschick auch ein helles Köpfchen.

Der Blick wandert durch einen langen, weiß gestrichenen Gang. Am Ende stehen zwei Personen, die gerade seelenruhig ihre Waffen ziehen und zwei Schüsse abfeuern. In jedem anderen Computerspiel würde man jetzt in Panik verfallen und möglichst schnell Deckung suchen. Sobald man jedoch im Actionspiel Superhot regungslos stehen bleibt, läuft das Geschehen nur noch in extremer Zeitlupe ab. Zudem ziehen die Pistolenkugeln rote Spuren hinter sich her, womit sich ihre Flugbahnen recht gut vorhersagen lassen. Im weißen Gang kann man folglich elegant mit einem Schritt nach links den Geschossen ausweichen, dann zur Mitte des Gangs laufen, die dort liegende Pistole aufheben und zurückschießen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Geschosse ziehen eine rote Spur hinter sich her. Waffen muss man wie hier meist erst aufheben oder einem Ganoven aus der Hand reißen.

Abbildung 1: Geschosse ziehen eine rote Spur hinter sich her. Waffen muss man wie hier meist erst aufheben oder einem Ganoven aus der Hand reißen.

Im weißen Glashaus

Superhot markiert sämtliche Angreifer leuchtend rot, so dass man sie in der sterilen weißen Umgebung überdeutlich gut erkennen kann. Dennoch ist Superhot alles andere als leicht zu meistern. So greifen die Gegner meist von mehreren Seiten zeitversetzt an. Darüber hinaus gibt es in einigen Abschnitten bewegliche Hindernisse, wie etwa ein Auto, das auf den Spieler zurast. Mit einem (dauerhaften) Druck auf die Leertaste kann man zwar über das Auto hinwegspringen, dabei läuft jedoch die Zeit in normaler Geschwindigkeit weiter.

Die aus rotem Glas bestehenden Gegner lassen sich mit einem gezielten Schuss erledigen und zersplittern dann in tausend kleine Teile (Abbildung 2). Eine Waffe muss man jedoch meist erst finden und dann zeitraubend aufheben. Im Zweifelsfall lässt sich ein Angreifer auch im Nahkampf mit mehreren Faustschlägen ausknocken. Besitzt er eine Waffe, kann man ihm diese auch gleich noch abnehmen. Allerdings läuft man dabei immer Gefahr, dass der Gegner doch noch kurz vorher schießt. Mit etwas Glück findet man eine Bierflasche, einen Koffer oder einen anderen herumstehenden Gegenstand, den man einem Angreifer über das Glashirn ziehen kann (Abbildung 3).

Abbildung 2: Getroffene Gegner zersplittern in tausende Teile. Die rot glühenden Bereiche im Hintergrund markieren die Stellen, an denen gleich neue Gegner die Szene betreten.

Abbildung 2: Getroffene Gegner zersplittern in tausende Teile. Die rot glühenden Bereiche im Hintergrund markieren die Stellen, an denen gleich neue Gegner die Szene betreten.

Abbildung 3: Häufig starrt man direkt in die Mündung einer Pistole. Hier könnte man mit der Flasche auf dem Tresen das rote Männchen ins Reich der Träume schicken, um seinen Schuss zu verhindern.

Abbildung 3: Häufig starrt man direkt in die Mündung einer Pistole. Hier könnte man mit der Flasche auf dem Tresen das rote Männchen ins Reich der Träume schicken, um seinen Schuss zu verhindern.

Aber auch eine Waffe in der Hand ist kein Lotteriegewinn: Zum einen ist die Munition begrenzt, und zum anderen lädt die Waffe nach jedem Schuss erst einmal langsam nach. Man muss sich folglich gut überlegen, wann man einen Schuss wohin abfeuert. Solche Entscheidungen fallen wegen der verlangsamten Zeit schwer: Hat man einen laufenden Gegner direkt im Visier und drückt ab, kommt die Kugel erst an, wenn die rote Figur schon an einer anderen Stelle steht. Folglich muss man den Laufweg und die Geschwindigkeit des Angreifers abschätzen und dann auf eine passende Stelle neben ihm zielen.

Im späteren Spielverlauf darf der Spieler zudem den Körper mit dem eines Gegners tauschen. Auf diese Weise lässt sich insbesondere recht nahen Geschossen noch in letzter Sekunde ausweichen. Der Körpertausch ist jedoch immer erst nach einer etwas längeren Wartezeit möglich, Spieler können also nicht einfach munter einen Gegner nach dem anderen übernehmen.

Gefährliches Spiel

Jeder Treffer in Superhot wirkt umgehend tödlich. Das gilt sowohl für alle roten Gegner als auch für die Spielfigur. Per Tastendruck spult das Spiel jedoch zum Anfang des Abschnitts zurück, so dass man sein Glück erneut versuchen kann. Da niedergestreckte Gegner nur zersplittern, fließt in Superhot kein Blut. Dennoch ist das Actionspiel von der USK erst ab 16 Jahren freigegeben.

Das Spiel mit der Zeitlupe bettet Superhot in eine Geschichte ein, die leicht an den Film Matrix erinnert. Zu Beginn präsentiert Superhot nur einen kargen, merkwürdigen Textbildschirm. In ihm läuft ein Chat mit einer offenbar befreundeten Person, die dem Spieler ein neues geniales Actionspiel namens Superhot empfiehlt. Der Chat-Partner fackelt zudem nicht lange und kopiert gleich eine raubkopierte Fassung auf die Festplatte des Spielers. In einer an das gute alte MS-DOS erinnernden Benutzeroberfläche (Abbildung 4) muss dieser nur noch das Spiel anklicken – und findet sich umgehend in der weißen, sterilen Welt wieder, in der ihn eine rote gläserne Figur angreift. Weitere Informationen erhält man zunächst nicht – offenbar muss man nur diese roten Gesellen allesamt ausschalten. Im Laufe des Spiels meldet sich immer wieder mal der Chat-Partner zu Wort. Allerdings scheint sich in die Diskussion mit ihm zunehmend jemand einzumischen.

Abbildung 4: Das Hauptmenü sieht wie ein Uralt-Betriebssystem aus dem Hause Microsoft aus. Ein Klick auf "exit.exe" beendet das Spiel.

Abbildung 4: Das Hauptmenü sieht wie ein Uralt-Betriebssystem aus dem Hause Microsoft aus. Ein Klick auf “exit.exe” beendet das Spiel.

Nur sieben Tage

Superhot entstand ursprünglich im Rahmen des “Seven Day First Person Shooter Game Jam” (kurz 7DFPS). Bei diesem regelmäßig stattfindenden Wettbewerb müssen die Teilnehmer binnen einer Woche ein komplettes kleines Actionspiel entwickeln. Die in diesem Rahmen im August 2013 veröffentlichte erste Version von Superhot fand extrem schnell zahlreiche Fans; die davon motivierten Entwickler sammelten Anfang 2014 auf Kickstarter Geld, um Superhot zu einem richtigen Spiel ausbauen zu können [6]. Insgesamt kamen bei dieser Aktion über 250?000 Dollar zusammen. Die Arbeiten an Superhot zogen sich allerdings noch bis zum Februar 2016 hin.

Seitdem bietet das polnische Team sein Actionspiel für knapp 23 Euro im Onlineshop von Steam [2], im Humble Store [3] und bei Gog.com [4] an. Wer Superhot auf Steam kauft, benötigt zwingend den Steam-Client [7, 8]. Im Humble Store erhält man wiederum nur einen Schlüssel, mit dem sich das Spiel auf Steam freischalten lässt. Allerdings überweist der Humble Store einen Teil des Kaufpreises an eine vom Käufer bestimmte Hilfsorganisation, wie etwa das Rote Kreuz. Eine komplett kopierschutzfreie Version von Superhot gibt es nur bei Gog.com. Diese Fassung unterstützt zwar offiziell nur Ubuntu 14.04 und 16.04, läuft aber auch problemlos unter anderen Distributionen (siehe Kasten Inbetriebnahme).

Inbetriebnahme

Wenn Sie das Spiel bei Gog.com kaufen, erhalten Sie eine Datei mit der Endung .sh. Klicken Sie diese Datei mit der rechten Maustaste an und wählen Sie Eigenschaften. Stellen Sie jetzt auf dem Register Berechtigungen mit einem Mausklick in das Kästchen vor Ausführbar sicher, dass dieses blau ausgefüllt ist bzw. unter OpenSuse 13.2 einen Haken trägt. Schließen Sie das Fenster mit OK und klicken Sie dann die Datei mit der Endung .sh mit der linken Maustaste an. Unter Kubuntu und OpenSuse Leap wählen Sie im erscheinenden Fenster Ausführen.

In jedem Fall erscheint jetzt ein Installationsassistent. In ihm gehen Sie einen Schritt Weiter, klicken noch einmal auf Weiter, nicken die Lizenz mit Yes beziehungsweise Ja ab und wählen ein Installationsverzeichnis für Superhot. Normalerweise können Sie den Vorschlag einfach mit Weiter übernehmen. Nach einem erneuten Klick auf Weiter startet die Installation. Schließen Sie danach das Fenster mit Fertig stellen. Superhot finden Sie jetzt unter Kubuntu im Startmenü unter Anwendungen / Spiele, bei OpenSuse Leap in der Gruppe Spiele und unter OpenSuse 13.2 nach einer Ab- und erneuten Anmeldung im Bereich Anwendungen / Anwendungen.

Mit den Tasten [W],[A],[S] und [D] bewegen Sie sich durch die Landschaft, mit der Maus schauen Sie sich um. Die linke Maustaste führt einen Schlag aus, löst einen Schuss aus oder hebt einen Gegenstand auf. Mit der rechten Maustaste werfen Sie die Waffe oder den Gegenstand von sich weg.

Probleme bei Drehungen

Die zum Redaktionsschluss erhältliche Linux-Version zeigte noch ein paar Macken. So sprach sie ausschließlich Englisch. Schwerer wiegt jedoch, dass man sich auf einigen Systemen mit der Maus nicht vollständig umdrehen kann. Klicken Sie in einem solchen Fall einmal mit der linken Maustaste, was wieder einen Rundblick ermöglichen sollte. Dieser Klick ist immer dann notwendig, wenn Sie vom Hauptmenü aus das eigentliche Spiel betreten. Die Entwickler kennen diese Probleme und arbeiten bereits an einer korrigierten Version.

Abbildung 5: Hinter den Säulen und anderen größeren Gegenständen kann man Deckung suchen – solche Möglichkeiten sind aber meist rar gesät.

Abbildung 5: Hinter den Säulen und anderen größeren Gegenständen kann man Deckung suchen – solche Möglichkeiten sind aber meist rar gesät.

Fazit

Superhot bietet eine unverbrauchte und geniale Spielidee. Dazu kommt ein stimmungsvoller, steriler Grafikstil, der den Blick auf das Wesentliche richtet. Die einzelnen Abschnitte haben die Entwickler herausfordernd und abwechslungsreich gestaltet, der Schwierigkeitsgrad steigt langsam an. Superhot erzeugt zudem ein “Das muss doch zu schaffen sein”-Gefühl, das den Spieler vor dem Bildschirm fesselt. Das Actionspiel wäre somit eigentlich eine uneingeschränkte Empfehlung wert, gäbe es nicht auch ein paar kleinere Macken.

Wer sich nicht ganz ungeschickt anstellt, hat die Kampagne bereits in rund zwei bis drei Stunden komplett gelöst. Die dabei erzählte Hintergrundgeschichte beginnt zunächst zwar spannend, wird dann aber etwas wirr und wirkt künstlich aufgesetzt. Darüber hinaus nerven einige Stellen, an denen Gegner plötzlich im Rücken des Spielers materialisieren oder ihn in einer scheinbaren Übermacht umzingeln. Dank der eingebauten Rückspulfunktion hält sich der Frust jedoch in Grenzen: Mit etwas Köpfchen und einer passenden Taktik lassen sich alle Situationen meistern.

Vor allem wegen der äußerst kurzen Spielzeit wirken die verlangten 23 Euro etwas überhöht. Immerhin wollen die Entwickler demnächst kostenlos neue Inhalte nachreichen. Interessenten sollten jedoch vor dem Kauf zunächst in einem der genannten Onlineshops das dort präsentierte Vorschauvideo ansehen. (hge)

Superhot

Entwickler Superhot Team
Lizenz Kommerziell
Preis 23 Euro
Altersfreigabe Ab 16 Jahren (USK)
Voraussetzungen Aktuelle Linux-Distribution mit 64 Bit und aktivierter 3-D-Grafik, Prozessor ab Klasse Intel Core i5-4440 mit 3,10 GHz, 8 GByte RAM, Grafikkarte mit 2 GByte Speicher

Infos

[1] Superhot: http://superhotgame.com/

[2] Steam: http://store.steampowered.com/app/322500/

[3] Humble Store: https://www.humblebundle.com/store/superhot

[4] Gog.com: https://www.gog.com/game/superhot

[5] Kostenloser Prototyp: http://superhotgame.com/play-prototype/

[6] Kickstarter-Aktion: https://www.kickstarter.com/projects/375798653/superhot

[7] Linux-Spiele über Steam kaufen: Tim Schürmann, “Unterhaltsame Dampfmaschine”, EasyLinux 02/2013, S. 56 ff., http://linux-community.de/artikel/28568

[8] Spielen unter Linux, Tim Schürmann: “Gaming-Plattform”, EasyLinux 03/2015, S. 45 ff., http://linux-community.de/artikel/35098

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