Vom Brexit und proprietärer Software

Aus EasyLinux 03/2016

Vom Brexit und proprietärer Software

Liebe Leserinnen und Leser,

Ende Juni haben sich die Briten knapp für den “Brexit” (den British Exit, also das Ausscheiden aus der Europäischen Union) entschieden. Im Kern ging es um die Frage: “Schaffen wir die Aufgaben besser allein oder gemeinsam?” Als vermeintliche Vorteile des Alleingangs wurden Unabhängigkeit und bessere Kontrolle (z. B. über Gesetzgebungsverfahren und Zuwanderung) genannt.

Auch die Software-Industrie kennt diese Unterscheidung zwischen dem Alleingang und dem gemeinsamen Weg: Die Brexit-Variante entspricht dabei proprietärer Software, die EU-freundliche Version gehört im Bild zu Freier und Open Source Software. Bei den kooperativen Entwicklungsmodellen (Linux, Firefox, LibreOffice, und der ganzen weiteren Palette der unter Linux meist verwendeten Programme) geht es um Gemeinsamkeit, Teilhabe, gegenseitiges Geben und Nehmen. Wer in dieser Welt ein neues Programm entwickeln will, muss nicht bei null anfangen, sondern kann auf einen großen Fundus an bestehendem Quellcode aufbauen oder direkt einen “Fork” eines vorhandenen Programms erstellen und damit weiter arbeiten. Wie im Schengen-Raum mit seinen offenen Grenzen zwischen den Mitgliedsländern gibt es hier keine Beschränkungen: Entwickler dürfen den Programmcode anderer Entwickler kostenlos verwenden, anpassen, in eigene Programme integrieren. Mit den Rechten kommen (zumindest bei Software, die z. B. unter der GPL steht) auch Pflichten: Die auf Basis von fremdem Code entwickelte Software muss meist auch wieder unter eine freie Lizenz und ebenfalls im Quellcode verfügbar gemacht werden, damit andere Entwickler von den Verbesserungen und Ergänzungen profitieren können. Auch hier passt wieder die Parallele zur aktuellen Politik (etwa: kein Binnenraum-Zugang ohne Gewähr der Freizügigkeit).

Die Analysen des Brexit-Referendums zeigten, wie sich die Stimmen für Bleiben und Gehen auf verschiedene Bevölkerungsschichten verteilten [1]: Alt, kleinstädtisch, ungebildet – hier gab es Mehrheiten für den Austritt, während die Jungen, die Großstädter und die Bürger mit höherer Bildung mehrheitlich dafür gestimmt haben, in der EU zu bleiben.

Experten empfehlen Kooperation

Die Experten hatten den Briten einheitlich zum Verbleib in der EU geraten, weil der kooperative Ansatz der Gemeinschaft für die Bewältigung der heutigen Probleme einfach besser geeignet ist. Das gilt auch für die Entwicklung von Software: Wer (auch als großes Unternehmen) Software nach dem alten proprietären Modell entwickelt, verzichtet auf die Mithilfe der Gemeinschaft:

  • Er muss ständig “das Rad ständig erfinden”, also Funktionalität neu entwickeln, die es an anderer Stelle bereits gibt – oder alternativ für teures Geld Code von anderen proprietären Anbietern lizenzieren und darauf hoffen, dass diese ihn auch weiter pflegen.
  • Die Entwicklung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, es gibt also keine Unterstützung von interessierten Programmieren außerhalb des Unternehmens.
  • Man kann beim Analysieren der Software nur auf die eigenen Mitarbeiter zurückgreifen, wenn es etwa um angreifbare Schwachstellen geht; in der Welt der Freien und Open Source Software schauen auch andere auf den Code.

Proprietäre Modelle sind auch unflexibel, wenn es darum geht, sich auf geänderte Situationen einzustellen; das sieht man u. a. an den langen Veröffentlichungszyklen: Es dauert bei größeren Programmen oft Jahre, bis eine neue Version erscheint, während in der kooperativen Softwarewelt ständig neue Versionen mit behobenen Fehlern und zusätzlichen Features entstehen.

Damit gilt auch für Anwender: Wer aktuelle Entwicklungen nicht verschlafen möchte, sollte auf Freie und Open Source Software setzen – hier tauchen neue Ideen zuerst auf, und die angebotene Software wird von der Entwicklergemeinschaft auf Fehler und Sicherheitslücken untersucht. Ja zur Gemeinschaft!

Hans-Georg Eßer

Chefredakteur

EasyLinux 03/2016 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

4 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Robert Gruber
9 Jahre her

Sehr geehrter Herr Eßer! Im aktuellen EasyLinux-Heft / Editorial vergleichen Sie den Brexit mit proprietärer Software. Der Vergleich hinkt schwer. Freie Software ist – je nach Lizenz – geprägt durch Freiwilligkeit und Freizügigkeit auf allen Ebenen bis zum Entwickler selbst. Was für die Welt der freien Software seit erster Stunde zutreffend ist, gilt in keiner Weise für die politische Welt. Hier geht es um Macht und nicht um die Menschen. Das wird nun deutlich sichtbar. Die Europäische Union wurde uns insbesondere in den letzten Jahrzehnten als das Friedensprojekt nach dem zweiten Weltkrieg immer wieder über die Leitmedien verkauft. Bringen die… Mehr »

Hans-Georg Eßer
9 Jahre her
Reply to  Robert Gruber

Es ging mir bei meinem Vergleich, den Sie als hinkend empfinden, nicht um eine Gleichsetzung in allen Aspekten. Das Hauptthema der Brexit-Befürworter ist gewesen, dass man dort glaubt, aktuellen Problemen alleine besser als in der Gemeinschaft begegnen zu können. Sie weisen darauf hin, dass Staaten auch ohne den EU-Überbau kooperieren könnten, aber das bedeutet dann wohl individuelle (bilaterale) Vertragsverhandlungen, und sowohl Bürger als auch Unternehmen müssten dann immer prüfen, was jetzt gerade mit welchem anderen Land möglich ist. Um hier wieder die Analogie zur Software-Welt herzustellen: Das entspricht einer Anzahl von Firmen, die proprietäre Software entwickeln und sich in bilateralen… Mehr »

Robert Gruber
9 Jahre her

Zusammenarbeiten kann man auch sehr gut – wie oben angesprochen – auf nationaler Ebene. Es ist schade, dass immer wieder suggeriert wird, dass eine Zusammenarbeit nur auf EU-Ebene möglich ist. Wer möchte nicht zusammenarbeiten? Die Frage, die man sich immer nur stellen muss und eben gerade auch auf politischer Ebene ist das “Wie”? Am Beispiel der Forks sieht man wunderbar, wie sich Entwickler und ganze Entwicklerteams wieder “Luft” schaffen und sich vom Hauptzweig absplitten, um etwas Neues zu erschaffen – immer mit dem Ziel etwas besseres als die eingefahrene Situation vom Hauptzweig zu schaffen. Ob das Ergebnis dann tatsächlich besser… Mehr »

Hans-Georg Eßer
9 Jahre her
Reply to  Robert Gruber

Nur zu den Forks: Die haben Vor- und Nachteile. Die Freiheit, ein Projekt zu forken, hat natürlich schon oft tolle Ergebnisse gebracht – bei größeren Projekten und einer echten Abspaltung hat man aber auch den Effekt, dass die Entwicklerbasis auf zwei fast identische Projekte aufgeteilt wird, wo dann parallel an sehr ähnlichen Dingen gearbeitet wird und jedes der Projekte langsamer voran kommt, weil nur noch die Hälfte der Leute daran mitarbeiten. Auch die Vielzahl der Distributionen hat Vor- und Nachteile und hat zu Initiativen wie der Linux Standard Base geführt, die wenigstens die groben Dinge einheitlich regeln sollte. Die Fragmentierung… Mehr »

Nach oben