Revolutionäre Neuerungen lässt Ubuntu 15.10 gänzlich vermissen, zumindest räumt es aber endlich mit einigen jahrelang mitgeschleppten Bugs auf.
Wie schon die Vorgängerversion beschränkt sich auch Ubuntu 15.10 [1] auf die Pflege und das sanfte Aktualisieren der enthaltenen Software. Weder die Version 8 des Ubuntu-Desktops Unity noch das Paketformat Snappy [2] schafften es ins aktuelle Release. Auch bei den offiziellen Ablegern der Distribution tut sich in der aktuellen Ausgabe wenig.
Kubuntu [3] aktualisiert den Plasma-5-Desktop von Version 5.2 auf 5.4; die Gnome-Ausgabe kommt nun mit der nicht mehr ganz taufrischen Release 3.16 statt dem bereits im September erschienenen Gnome 3.18. Der beim Vorgänger in letzter Minute vollzogene Umstieg auf Systemd [4] zum Starten der Systemdienste hat sich bewährt. Bei den Anwendungen fällt vor allem der Sprung auf LibreOffice 5 ins Auge. Wer das klassische Ubuntu verwendet, bekommt auch mit “Wily” den Unity-Desktop (Abbildung 1) wieder in Version 7.3.2 serviert.

Abbildung 1: Der Standard-Ubuntu-Desktop bleibt auch in “Wily” Unity 7.3.2; die Entwickler behoben jedoch diverse kleine Fehler.
Immerhin behoben die Entwickler einige Bugs [5], aber das war es dann auch schon. So holte bislang ein Druck auf die Startmenü-Taste das Panel nicht in den Vordergrund, solange in einer Vollbildanwendung ein Menü offenstand. Nach fünf Jahren ist dieser Fehler endlich ausgebügelt. Auch zeigt sich das Menü nun in unfokussierten Fenstern. Die Navigation durch das Dash (Startmenü) überspringt jetzt leere Kategorien. Der Tooltip für das Dash-Icon lässt es jetzt endlich erkennen, wenn man die umstrittene Online-Suche deaktiviert hat. Auch die meisten anderen Korrekturen reparieren kleine, über Jahre mitgeschleppte Fehler, die bisher offenbar nicht wichtig genug für einen Fix erschienen.
Wem Canonicals Eigenkreation nicht gefällt, für den stehen in Form der sogenannten Flavours diverse Desktop-Varianten als Alternativen bereit. Alternativ rüsten die Meta-Pakete ubuntu-gnome-desktop, kubuntu-desktop, ubuntu-mate-desktop, xubuntu-desktop und lubuntu-desktop die gleichnamigen Oberflächen in jedem Ubuntu-Ableger problemlos nach.
Frischer Mate-Aufguss
Das erst seit Ubuntu 15.04 als offizielles Flavour erhältliche Ubuntu Mate [6] wartet mit einem weitergepflegten Gnome-2-Desktop auf (Abbildung 2), der aus einer schmalen Leiste am oberen und unteren Rand sowie einem schlichten, wie ein normales Anwendungsmenü aufgebauten Startmenü besteht.

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Abbildung 2: Klassisches Startmenü, zweispaltiger Dateimanager: In den Grundzügen sieht der Mate-Desktop aus wie Gnome 2. DasMate Tweak Tool fügt viele Konfigurationsmöglichkeiten hinzu.Ein Mate Tweak Tool spendiert dem sonst kaum konfigurierbaren Gnome-2-Desktop zahlreiche Einstellungen. So wechselt das Ausklappmenü Panel Layout die Anordnung der Leisten: Ubuntu-MATE ahmt Gnome 2 nach, Redmond erinnert eher an Windows 95. Netbook reduziert den Desktop auf eine Leiste mit integrierter, Icon-basierter Fensterleiste. Passend dazu liefert es zwei Einstellungen, um die Fensterleiste bei Vollbildfenstern platzsparend zu verbergen und Anwendungen immer im Vollbildmodus zu starten.
Das Häkchen Enable advanced menu ersetzt das altbackene Gnome-Startmenü durch eine zeitgemäße und übersichtliche Neuentwicklung. Die vorausgewählten, sparsamen Desktop-Effekte lassen sich für alte Hardware deaktivieren; umgekehrt kostet das Zuschalten glamouröserer Effekte auf der Basis von Compiz ebenfalls nur noch einen Mausklick.
Zurückhaltendes Gnome
Gnome 3 führt die Gnome-Tradition eigentlich nur in einem Punkt fort: Die Entwickler halten sich mit neuen Features eher zurück [7]. Daher darf man beim Update auf 3.16 im Vergleich zum Vorgänger keine Wunder erwarten. Ohnehin blieben einige Komponenten wie der Dateimanager Nautilus in der alten Version 3.14: Ubuntu spendiert hier zwar eigene Funktionen, die aber offenbar noch nicht auf die aktuelle Version portiert wurden.
Die auffallendste Veränderung fand bei der Optik statt: Bei den Bedienelementen herrscht jetzt ein unaufdringliches, randloses Grau vor, das besser zum zurückhaltenden Look der Programmfenster passt. Systemnachrichten erscheinen nun oben in der Bildschirmmitte statt unten rechts. Ein Klick auf die ebenfalls an dieser Stelle platzierte Zeitanzeige öffnet ein Popup, das die Systemnachrichtenliste mit dem Kalender kombiniert – darauf muss man aber erst einmal kommen. Bildlaufleisten erscheinen jetzt nur noch, wenn sich der Mauszeiger im Fenster bewegt. Wandert der Mauszeiger in die Nähe der Leiste, verbreitert sie sich zum Ziehen.
KDEs Plasmafeuer
Bereits Kubuntu 15.04 wagte den Sprung auf Plasma 5 in Version 5.2, das nicht ganz frei von Kinderkrankheiten war: Abstürze und Neustarts zählten zum Alltag. Das in “Wily” ausgelieferte Plasma 5.4 (Abbildung 3) läuft deutlich stabiler, inzwischen wurden auch viele aus Plasma 4 bekannte Desktop-Widgets auf die neue Version portiert. Die Power- und die Netzwerk-Verwaltung bringen Diagramme für den Stromverbrauch respektive die übertragene Datenmenge mit. Auch die Lautstärke- und die Bildschirmhelligkeitsregelung sowie die Konfiguration des Monitors zeigen sich aufpoliert. Für die Lesbarkeit auf großen Bildschirmen lässt sich nun die gesamte Benutzeroberfläche bis auf doppelte Größe skalieren.

Abbildung 3: Kubuntu 15.10 stellt viele der Plasmoids aus KDE 4 bereit. Vor allem aber läuft der Desktop nun wesentlich stabiler.
Hinzugekommen ist eine Mediacenter-Oberfläche, die beim Einloggen anstelle der normalen Plasma-Oberfläche startet. Als Ersatz für das Widget Finder, das unter Plasma 4 den gesamten Desktop zum Starten von Programmen nutzte, gibt es nun ein Vollbild-Startmenü. Es erleichtert das Bedienen mit einem unpräzisen Touchpad, die Optik wirkt allerdings noch etwas unausgegoren. Zu den weiteren kleinen Verbesserungen zählen ein optimiertes Layout in der Ordneransicht sowie eine Digitaluhr, die sich besser an schmale vertikale Leisten anpasst. Programmstarter lassen sich nun wieder aus dem Startmenü auf eine Desktop-Leiste ziehen. In dem über [Alt]+[F2] aufzurufenden Programmstarter funktioniert die History samt Autovervollständigung wieder.
KDE-4-Programme integrieren sich noch immer problemlos. Doch die Portierung schritt soweit voran, dass man jetzt wirklich von “KDE 5” sprechen kann, auch wenn die Entwickler diese Bezeichnung scheuen: Plasma und Begleitanwendungen erscheinen unabhängig voneinander in Version 5.x beziehungsweise 15.x. Die KDE-Anwendungen bringt das neue Kubuntu in Version 15.08.1 [8] mit.
Die Sparsamen
Linux ist und bleibt erste Wahl für alte Hardware. Dafür eignen sich Ubuntu-Flavours mit ressourcenschonenden Desktop-Umgebungen wie Xubuntu [9] mit XFCE (Abbildung 4) oder Lubuntu [10] mit LXDE.

Abbildung 4: Im Vergleich zum Vorgänger gewinnt Xubuntu 15.10 nur ein neues Feature hinzu: die Backup-und-Restore-Funktion für Desktopleisten-Layouts.
Dabei kommt XFCE den großen Geschwistern KDE und Gnome am nächsten: Mit übersichtlichen Konfigurationswerkzeugen lassen sich viele Aspekte an die eigenen Wünsche anpassen; ein nativer Dateimanager und eine Konsole im Desktop-Look gehören zum Standardrepertoire. Dennoch begnügt sich Xubuntu 15.10 nach dem Start mit etwa 350 MByte Arbeitsspeicher. In “Wily” springt XFCE im Vergleich zum Vorgänger von Version 4.12 auf 4.12.1. Neben Bugfixes kam nur ein nennenswertes neues Feature hinzu, eine Backup-Funktion für das Layout der Desktop-Leisten.
Bei Lubuntu hat sich in Sachen Desktop außer einigen Fehlerkorrekturen rein gar nichts getan: Ein neues LXDE-Release lässt bereits seit dem Frühjahr auf sich warten, weil die Entwickler der Arbeitsoberfläche den Desktop zurzeit vom grafischen Toolkit GTK auf Qt portieren.
Neuerungen
Neben den Desktops frischt Ubuntu 15.10 auch die mitgelieferten Anwendungen und den Kernel auf. Eine Übersicht der aktuell enthaltenen Programme zeigt die Tabelle “Neue Software”. Die für Anwender greifbarste Neuerung am Linux-Kernel 4.2 stellt die Unterstützung für neue AMD-Grafikkarten dar. Diese Kernel-Ausgabe unterstützt erstmals auch NVDIMM-Speicherbausteine, die ihren Inhalt bei einer Unterbrechung der Stromversorgung behalten. Außerdem kommt sie mit Intels neuem Mobil-Chipsatz Broxton zurecht, der auf den bislang ARM-dominierten Smartphone- und Tablet-Markt abzielt.
Besonders hervorzuheben ist das Update auf LibreOffice 5.0.1. Neben der aufpolierten Optik kamen einige Verbesserungen hinzu, die die tägliche Arbeit spürbar erleichtern. Das gilt allem voran für das entstaubte zentrale Kontextmenü: Seine Höhe schrumpfte in LibreOffice 5 so weit, dass sich seine Einträge auf einen Blick erfassen lassen. Auch das nun erstmals verfügbare Beschneiden von Grafiken direkt im Dokument steigert die Produktivität. Weitere Verbesserungen und Bugfixes, die sich über die ganze Anwendung vom Microsoft-Office-Import über den Formeleditor bis zur Tabellenkalkulation erstrecken, listen die Release Notes auf [11].
Neue Software
| Programm | Ubuntu 15.04 | Ubuntu 15.10 |
|---|---|---|
| Kernel | 3.19 | 4.2.0 |
| Amarok | 2.8.0 | 2.8.0 |
| Ardour | 2.8.16 | 2.8.16 |
| Audacity | 2.0.6 | 2.0.6 |
| Avidemux | 2.5.4 | 2.5.4 |
| Brasero | 3.12.0 | 3.12.1 |
| Calligra | 2.9.0 | 2.9.7 |
| Chromium | laufende Versionsupgrades | |
| Darktable | 1.4.2 | 1.6.8 |
| Digikam | 4.7.0 | 4.12.0 |
| Evolution | 3.12.11 | 3.16.5 |
| Firefox | laufende Versionsupgrades | |
| Gimp | 2.8.14 | 2.8.14 |
| Handbrake | 0.9.9 | 0.10.2 |
| Inkscape | 0.91 | 0.91.5 |
| K3b | 2.0.3 | 2.0.3 |
| Kdenlive | 0.9.10 | 15.08.1 |
| LibreOffice | 4.4.1 | 5.0.2 |
| Owncloud-Client | 1.7.0 | 1.8.1 |
| Rhythmbox | 3.1 | 3.2.1 |
| Scribus | 1.4.4 | 1.4.5 |
| Thunderbird | 31.5 | 38.2 |
| VirtualBox | 4.3.26 | 5.0.4 |
| VLC | 2.2.0 | 2.2.1 |
| Wine | 1.6.2 | 1.6.2 |
Fazit
Beim aktuellen Ubuntu-Release fallen wieder einmal die angekündigten Revolutionen ins Wasser. Meist profitiert man als Anwender allerdings ohnehin mehr davon, wenn die Entwickler ihre Hausaufgaben machen, als von neuen, visionären Konzepten.
Anwender des Unity-Desktops erhalten immerhin zahlreiche kleine, lange überfällige Bugfixes. Auch Kubuntu 15.10 gibt sich reifer als die Vorgängerversion. Einen großen Sprung bedeutet der Schritt auf Plasma 5.4 für den Anwender zwar nicht, doch wie bei Unity bringt er eine ganze Reihe von Nachbesserungen. Auch unter den Anwendungen dominieren die Bugfix-Releases.
Insgesamt erscheint Ubuntu 15.10 eher langweilig und wirkt wie das, was es wohl auch ist: die letzte Abrundung einer Entwicklungsgeneration. Da darf man schon gespannt sein auf den im April erscheinenden Nachfolger Ubuntu 16.04 “Xenial Xerus”, das gastfreundliche Borstenhörnchen, bei dem es sich obendrein wieder einmal um eine langzeitunterstützte LTS-Version handelt.
Infos
[1] Ubuntu: http://www.ubuntu.com
[2] Snappy Core: https://developer.ubuntu.com/en/snappy/
[3] Kubuntu: http://www.kubuntu.org
[4] Systemd: http://www.freedesktop.org/wiki/Software/systemd/
[5] Unity-Bugfixes: https://launchpad.net/ubuntu/wily/+source/unity/+changelog
[6] Ubuntu Mate: https://ubuntu-mate.org
[7] Ubuntu Gnome: https://ubuntugnome.org
[8] KDE Applications 15.08.1: https://www.kde.org/announcements/announce-applications-15.08.1.php
[9] Xubuntu: http://xubuntu.org
[10] Lubuntu: http://lubuntu.net
[11] LibreOffice 5.0 Release Notes: https://wiki.documentfoundation.org/ReleaseNotes/5.0





