Mit Gimp zum perfekten Foto

Aus EasyLinux 04/2015

Mit Gimp zum perfekten Foto

© Sergey Sukhorukov, 123RF

Schieflage

Aus der großen Zahl digitaler Urlaubsbilder haben Sie bereits die Kandidaten für Fotoalbum, Kalender oder Fotobuch ausgewählt – mit Gimp geben Sie den Bildern nun den letzten Schliff, bevor Sie die Druckaufträge abschicken.

Beim Vergleich von Digitalkameras mit klassischen Fotoapparaten verblüfft deren Intelligenz. Die mitdenkenden Digitalen geben kein Bild verloren, selbst unter den armseligsten Lichtverhältnissen produzieren sie häufig noch korrekt belichtete Bilder. Meist versorgt die Digitalkamera den Besitzer auch mit überraschend scharfen Aufnahmen. Dafür sorgt eine Unmenge Computerleistung im Inneren der mehr oder minder zierlichen Kameras. Wozu also noch Bildbearbeitung am heimischen PC?

Ursachenforschung

In der inzwischen weitgehend technikorientierten Gesellschaft vertrauen viele Anwender dem Rechner nahezu grenzenlos – so auch dem Computer in der Kamera. Und dann ist da dieses eine Bild, von dem sich der Fotograf bei der Aufnahme so viel versprach und das nun in der JPEG-Datei so jämmerlich aussieht. Was ist passiert? Da gibt es eine ganze Reihe von möglichen Ursachen:

  • Der hohe Bildkontrast führte zu einer Mittelwertbildung der Belichtung, die dunkle Bereiche im schwarzen Morast versinken und helle Stellen “absaufen” lässt.
  • Die ungewöhnliche Farbumgebung verführte die Kamera zu einer Weißlichtbalance, die nicht der wirklichen Bildstimmung entsprach.
  • Das fotografierte Objekt erscheint zwar scharf, der Hintergrund aber auch – was den Bildeindruck erheblich beeinflusst. Besonders Kompaktkameras leiden unter einer viel zu großen Schärfentiefe.
  • Die Szene war zu dunkel, um sie ohne Blitz abzulichten. Die bekanntesten Folgen: rote Augen bei Personen im Bild und starker Kontrast bei Aufnahmen mit räumlicher Tiefe.
  • Bei einer Architekturaufnahme kippt das Bauwerk wegen der nach oben geneigten Kamera optisch nach hinten weg: die unschönen stürzenden Linien.
  • Der Horizont erstreckt sich schief übers Bild – das Meer läuft aus.
  • Manchmal lichtet die Kamera das Motiv präziser ab als gewünscht: Sie betont in Porträts leichte Hautunreinheiten und Fältchen mehr, als Fotograf und Porträtiertem lieb ist. Hier liegt zwar kein Kamerafehler vor, das macht das Resultat aber auch nicht besser.

Bei den meisten der genannten Probleme hilft ein gutes Bildbearbeitungsprogramm, das Foto zu retten, die besondere Stimmung zu erhalten oder sie gar zu verbessern. Linux-Nutzer bevorzugen dafür traditionell Gimp [1], das hilft, die Bildprobleme zu beseitigen.

Bildteile zu dunkel

Abbildung 1 zeigt ein in Gimp geladenes Karibu zusammen mit dem Histogramm der Aufnahme. Letzteres erreichen Sie im Menü über Farben / Werte; klicken Sie im Dialog auf Diese Einstellung als Kurven bearbeiten.

Abbildung 1: Das Bild des Karibus weist im Mittel zwar die richtige Belichtung auf, die wichtigen Bereiche erscheinen aber zu dunkel.

Abbildung 1: Das Bild des Karibus weist im Mittel zwar die richtige Belichtung auf, die wichtigen Bereiche erscheinen aber zu dunkel.

Wie schon im Bild ersichtlich, dokumentiert auch das Histogramm die zu dunkle Gesichtspartie, die es aufzuhellen gilt. Da es sich beim Histogramm um das mächtigste Werkzeug handelt, das Gimp zum nachträglichen Verbessern der Ausleuchtung bereitstellt, gehen wir etwas näher darauf ein.

Die X-Achse zeigt die Helligkeitsverteilung im Bild. Bei einem Bild im JPEG-Format reicht diese von 0 (Schwarz) bis 255 (Weiß), was 8 Bit pro Pixel entspricht. Die Y-Achse zeigt die Anzahl der Pixel mit den Helligkeitswerten. Sie ist keine Konstante, sondern stellt die Gesamtheit der Sensorpixel dar. Wurde ein 16-Megapixel-Sensor verwendet, entspricht die Gesamtfläche des Histogramms genau dieser Zahl. Bei einem anderen Sensor ergibt die Fläche zwar einen anderen Pixelwert, bei gleichen Aufnahmebedingungen unterscheiden sich die Histogramme aber nicht.

An beiden Achsen befindet sich zusätzlich eine Grauskala. Diese bekommt ihre Bedeutung durch die Kennlinie des Histogramms, zu Beginn der Bildbearbeitung ist das eine Diagonale. Sie lässt sich mit der Maus wie ein Gummiband verformen, was die Helligkeitswerte bzw. deren Verteilung im Histogramm und im Bild verändert. Der auf der X-Achse ursprüngliche Helligkeitswert erhält nun den Helligkeitswert, den der Funktionswert der Y-Achse zeigt.

Auf diese Weise nehmen Sie einfache Helligkeitskorrekturen vor. Aktivieren Sie die Checkbox Vorschau, sehen Sie den Effekt sofort im Bild (Abbildung 2). Allerdings bringt dieses Verfahren auch Nachteile mit sich, die am JPEG-Format liegen: Bei Veränderungen der Kennlinie zeigen sich Lücken im Histogramm.

Abbildung 2: Die Veränderung der Kennlinie hellt die zu dunklen Bildteile auf.

Abbildung 2: Die Veränderung der Kennlinie hellt die zu dunklen Bildteile auf.

Besser RAW

Die damit verbundene Reduzierung der Anzahl an Grautönen liegt daran, dass die Kamera die analoge Helligkeitsverteilung in 8 Bit pro Pixel digitalisiert. Das veränderte Bild enthält weniger Graustufen und mutiert im Extremfall zu einer reinen Schwarz-Weiß-Grafik.

Deswegen nehmen Profifotografen ihre Bilder im Regelfall im RAW-Format auf, das ein Bild nicht mit 8 Bit pro Pixel, sondern – je nach Sensor – mit 12, 14 oder gar 16 Bits speichert. Das erhöht den Dynamikumfang des Bilds und kompensiert damit den Verlust von Helligkeitswerten. Allerdings arbeitet Gimp nur im 8-Bit-Modus und reduziert beim Import von RAW-Dateien deren Dynamikumfang entsprechend. Einer der wichtigsten Vorteile des RAW-Formats geht damit verloren.

Erst das Programm RawTherapee [2] bringt beim Verwenden des Histogramms wirklich Vorteile, denn es rechnet die 12, 14 oder 16 Bit pro Pixel und Farbe in eine 32 Bit breiten Fließkommazahl um, mit der es dann arbeitet. Daher lassen sich RAW-Bilder ohne jeden Verlust an Helligkeitswerten über das Histogramm aufhellen oder abdunkeln. Erst nach dem Export ins JPEG-Format reduziert RawTherapee den Dynamikumfang wieder auf 8 Bit je Pixel, dann aber ohne Lücken im Histogramm.

Weißabgleich

Ein typisches Beispiel, bei dem der automatische Weißabgleich von Kameras häufig versagt, zeigt Abbildung 3. Das transparente Dach verfremdet den abgelichteten Zwergpapagei ins Gelbliche. Über das Farbabgleichwerkzeug, das Sie unter Farben / Farbabgleich finden, gelingt das nachträgliche Anpassen mühelos.

Abbildung 3: Mit dem Werkzeug "Farbabgleich" korrigieren Sie farbstichige Bilder.

Abbildung 3: Mit dem Werkzeug “Farbabgleich” korrigieren Sie farbstichige Bilder.

In der Aufnahme wurde im Schatten der Gelb-Blau-Bereich mit 22 korrigiert, im Mittenbereich mit 16 und im Glanzlichtbereich mit -12. Das Ergebnis zeigt eine deutliche Verbesserung des Gesamtfarbeindrucks. Um spätere Verärgerung zu vermeiden, sollten Sie immer das Original erhalten und das Ergebnis der Bearbeitung als neue Datei speichern.

Vordergrund hervorheben

Erscheint der Hintergrund eines Bilds zu scharf, stört er nicht selten das eigentliche Motiv. Die im Folgenden beschriebenen Schritte stellen das eigentliche Objekt frei (Abbildung 4).

  1. Fertigen Sie durch Anklicken des Duplikat-Buttons im Ebenenfenster zunächst eine Kopie-Ebene an.
  2. Rechtsklicken Sie danach auf die neu erstellte Kopie-Ebene und wählen Sie aus dem Kontextmenü Ebenenmaske hinzufügen. Im Dialog wählen Sie die Option Graustufenkopie der Ebene und bestätigen mit einem Klick auf Hinzufügen.
  3. Rechtsklicken Sie nun auf die Ebenenmaske und aktivieren Sie im Kontextmenü die Einträge Ebenenmaske anzeigen und Ebenenmaske bearbeiten. Gimp zeigt danach ausschließlich diese an.
  4. Öffnen Sie danach den Dialog Farben / Schwellwert und stellen Sie ihn so ein, dass der Vogel weiß und der Hintergrund schwarz erscheint. Eventuelle helle Flecken im Hintergrund korrigieren Sie manuell mit dem Pinsel, schwarze Flecken im Vogel übermalen Sie weiß. Danach invertieren Sie die Ebenenmaske, indem Sie unter Farben den Eintrag Invertieren anklicken. Der Vogel erscheint jetzt schwarz, der Hintergrund weiß.
  5. Im Anschluss deaktivieren Sie in der Ebenenmaske die Checkboxen Ebenenmaske anzeigen und Ebenenmaske bearbeiten, worauf die schwarzen Felder transparent erscheinen und der Vogel aus der darunterliegenden Ebene zum Vorschein kommt. Die weißen Bereiche der Ebenenmaske, also der Hintergrund, bleiben in der Kopie-Ebene undurchsichtig.
  6. Wenden Sie jetzt auf die Kopie-Ebene den Gaußschen Weichzeichner (Filter / Weichzeichner / Gaußscher Weichzeichner) mit einem hohen Wert an. Das Ergebnisbild aus Abbildung 4 verwendet den Wert 1500. Damit verschwindet jede Struktur des Hintergrunds.

Diese Methode eignet sich übrigens auch hervorragend zum Freistellen von Objekten.

Abbildung 4: Das Absetzen des Vogels vom Hintergrund erfordert zwar etwas Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Der Einsatz lohnt sich aber in jedem Fall.

Abbildung 4: Das Absetzen des Vogels vom Hintergrund erfordert zwar etwas Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Der Einsatz lohnt sich aber in jedem Fall.

Rote Augen

Blitzen Sie eine Person frontal an, entstehen durch die Reflexion der Netzhaut häufig die berüchtigten “roten Augen”. Um die getrennten Augenbereiche zu erfassen, aktivieren Sie die Elliptische Auswahl. Nun markieren Sie zunächst das eine Auge und mit gedrückter Umschalttaste auch das zweite. Danach rufen Sie via Farben / Farbton/Sättigung) das Sättigungswerkzeug auf, das nur auf den ausgewählten Bereich wirkt, also die beiden Augen.

Darin markieren Sie die rote Farbe und ziehen den Regler Sättigung so weit nach links, bis der Rotstich verschwindet (Abbildung 5). Als Ergebnis erscheinen die Augen wesentlich natürlicher. Perfektionisten können versuchen, die Augen mit der tatsächlichen Augenfarbe des Dargestellten einzufärben. Da die roten Augen aber meist bei weiter entfernten Personen auftreten, lohnt sich dieser Aufwand normalerweise nicht.

Abbildung 5: Das Entsättigen der markierten Augenbereiche führt zu normalem Aussehen.

Abbildung 5: Das Entsättigen der markierten Augenbereiche führt zu normalem Aussehen.

Perspektivkorrekturen

Wer im Urlaub Gebäude fotografiert, möchte sie später auf dem Bild so sehen, wie sie in der Landschaft stehen. Das gelingt jedoch nicht immer, weil Sie zuweilen die Kamera nach oben halten müssen, um das ganze Gebäude zu erfassen. Als Ergebnis treten im Bild die berüchtigten stürzenden Linien auf.

Um diese zu korrigieren, klicken Sie im Werkzeugkasten auf das Icon Perspektive (Abbildung 6). Nach Aktivierung der entsprechenden Maske navigieren Sie mit dem Mauszeiger zu einem der Anfasser an den Ecken und ziehen die Maske in die passende Position. Die Vorschau zeigt die Wirkung direkt im Bild an. Ein Klick auf Transformieren im Dialog Perspektive übernimmt die Änderungen im Bild und korrigiert damit die Geometrie der Aufnahme.

Abbildung 6: Das Werkzeug "Perspektive" erlaubt es, stürzende Linien beispielsweise bei Gebäudeaufnahmen wirkungsvoll zu korrigieren.

Abbildung 6: Das Werkzeug “Perspektive” erlaubt es, stürzende Linien beispielsweise bei Gebäudeaufnahmen wirkungsvoll zu korrigieren.

Um das Bild wieder in die gewohnte rechteckige Form zu bringen, aktivieren Sie das Rechteckauswahlwerkzeug und markieren den Bereich, den Sie im Bild übernehmen möchten. Drücken Sie dann [Strg]+[C], um ihn in die Zwischenablage zu kopieren, und danach [Umschalt]+[Strg]+[V], um ihn in einem neuen Bild zu öffnen.

Schiefer Horizont

Ein Urlaubsfoto vom Strand ist nur halb so schön, wenn der Horizont schief hängt. Das korrigieren Sie mit einer leichten Rotation des Bilds. Dazu aktivieren Sie das Drehwerkzeug aus dem Werkzeugkasten und klicken dann ins Bild. Daraufhin erscheinen der Drehen-Dialog sowie eine Maske über dem Bild mit einem Kreis in der Mitte, der die Rotationsachse anzeigt. Die Vorschau erlaubt ein sehr genaues Einstellen des Drehwinkels (Abbildung 7). Passt der Horizont, klicken Sie im Dialog auf Rotieren, um die Änderungen zu übernehmen.

Abbildung 7: Mit dem "Drehen"-Werkzeug richten Sie den schiefen Horizont wieder gerade aus.

Abbildung 7: Mit dem “Drehen”-Werkzeug richten Sie den schiefen Horizont wieder gerade aus.

Haut retuschieren

Wenn die Kamera übers Ziel hinausschießt und die Bilder schärfer als gewünscht ausfallen, gilt es, Hand anzulegen, die Falten zu glätten und die Unreinheiten zu kaschieren. Meistens zeigen sich Falten um die Augen herum, wo dann das Problem auftritt, dass zwar die Falten verschwinden sollen, nicht aber die pixelmäßig ähnlichen Wimpern oder Strukturen der Iris.

Gimp bietet hierfür das Werkzeug Verschmieren an, das Sie auf Wunsch auch mit verschiedenen Pinselformen kombinieren. Um es zu aktivieren, klicken Sie im Werkzeugfenster auf den Button mit dem ausgestreckten Finger. Wenn Sie einen “Fuzzy”-Pinsel mit weichen Rändern wählen, gerät das Verschmieren am Rand nicht so stark wie im Zentrum des Pinsels. Ein Hineingleiten in zu verschonende Bildregionen ist also nicht so kritisch (Abbildung 8).

Abbildung 8: Das Verschmierwerkzeug zeichnet mit dem Mauszeiger Bildbereiche weich. In Kombination mit einem Fuzzy-Pinsel ist die Wirkung auf benachbarte Bildbereiche schwächer.

Abbildung 8: Das Verschmierwerkzeug zeichnet mit dem Mauszeiger Bildbereiche weich. In Kombination mit einem Fuzzy-Pinsel ist die Wirkung auf benachbarte Bildbereiche schwächer.

Als Ergebnis erhalten Sie bei vorsichtiger Anwendung ein Foto, in dem die Fältchen verschwunden sind, die gestaltenden Elemente aber in voller Schärfe erhalten bleiben.

Fazit

Gimp bietet Fotografen zahlreiche Werkzeuge, mit denen sie Fotos verbessern können. Aber: Ohne Fleiß kein Preis. Wie jede komplexe Software benötigt auch Gimp eine gewisse Einarbeitungszeit, in der Sie sich mit seinen wichtigsten Elementen vertraut machen.

Leider beherrscht das Programm nur den Umgang mit einer maximalen Farbtiefe von 8 Bit pro Pixel. Das stört vor allem bei Kontrast- und Helligkeitsanpassungen, bei denen sich das Fehlen dieser zusätzlichen Bildinformationen negativ bemerkbar macht, speziell bei RAW-Dateien. Auch das Gimp-eigene XCF-Bildformat hilft hier nicht. Immerhin soll die nächste Major-Release 2.10 von Gimp auf interne 32-Bit-Fließkomma-Arithmetik umstellen, wie sie schon RawTherapee verwendet. 

Glossar

Fließkommazahl

Interne Darstellung einer Zahl mit Nachkommastellen; Computer speichern solche Zahlen meist nur mit einer begrenten Anzahl an Stellen vor und nach dem Komma, so dass sich gleichzeitig sehr große Zahlen (mit geringer Genauigkeit) und sehr kleine Zahlen (mit hoher Genauigkeit) verarbeiten lassen.

Infos

[1] Gimp: http://gimp.org/

[2] RawTherapee: http://rawtherapee.com/

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