Puzzle Linux vereint die besten Komponenten aus mehreren Desktops sowie verschiedene Anwendungsszenarien zu einem fertigen Puzzle.
Immer wieder einmal erscheint eine Distribution im Linux-Land, die versucht, Dinge anders zu machen als die Mehrzahl der teils doch recht unisono daherkommenden Linux-Spielarten. Dazu zählt auch das im Sommer 2014 erstmals erschienene Puzzle GNU/Linux [1], das seinem Namen alle Ehre macht. Das gilt sowohl für die Distribution selbst als auch für das etwas undurchschaubare Umfeld. Puzzle stammt aus Italien, besitzt keine englische Webseite und rutschte auch Distrowatch bislang durchs Raster. Es gibt keine Foren, IRC-Kanäle, GitHub-Repositories oder andere Code-Archive. Trotzdem steckt in Puzzle Linux einiges an Potenzial, das sich aber nicht auf den ersten Blick erschließt. Entwickler Roberto Pagliaro bezeichnet seinen Ansatz als Hybrid-DE, wobei DE hier für Desktop-Environment steht.
Drei Desktops in einem
Dabei bleibt Ihnen als Anwender jedoch nicht die Wahl, je nach Bedarf mal Openbox, mal KDE oder Kodi einzusetzen: Pagliaro vereint diese drei Elemente miteinander zu einem eigenen Bedienkonzept. Auch beim Paketmanagement geht Puzzle eigene Wege: So lassen sich zwar alle Apps aus dem Ubuntu-Paketfundus per apt-get über die Konsole installieren, der eigentliche Paketbestand stammt allerdings aus derzeit 115 fertigen Modulen.
Diese Module und deren Kombination definieren, welchen Einsatzzweck das Linux-Puzzle abdeckt. So fungiert die Distribution wahlweise auch als Datei- Mail-, FTP- oder Datenbank-Server oder als Cloud-Instanz. Zudem findet sich ein vorbereitetes Modul für den TV-Streaming-Server Tvheadend [2] an Bord (Abbildung 1). Die entsprechenden Module installieren Sie zur Laufzeit ohne Neustart über ein eigenes Puzzle-Software-Center.

Abbildung 1: Der Streaming-Server Tvheadend lässt sich über das entsprechende Modul sehr bequem installieren.
Wenig auskunftsfreudig
Puzzle Linux verwirrt am Anfang ein wenig. Nach der anfänglichen Irritation durchschaut man jedoch schnell: Hier hat sich jemand abseits des Herkömmlichen Gedanken über Funktionalität gemacht. Vieles bleibt dem Anwender allerdings zur Entdeckung überlassen – die italienische Webseite gibt auch in der Übersetzung wenig darüber preis, wohin es mit Puzzle Linux gehen soll und welche Philosophie sich dahinter verbirgt. An den kaum vorhandenen Ergebnissen einer Google-Suche lässt sich auch ablesen, dass die Verbreitung von Puzzle bisher nicht allzu groß ausfallen kann – daran dürfte die fehlende Internationalisierung der Webseite sowie die nicht vorhandene Pressearbeit Anteil haben.
Jetzt aber endlich ein Blick auf das, was Puzzle Linux bietet: Das aktuell auf der Homepage angebotene Abbild, das sich auch von der dem Heft beiliegenden DVD starten lässt, umfasst 1,9 GByte an Daten und stammt von etwa Mitte Dezember 2014. Der Zeitpunkt ergibt sich aus den Versionen der verwendeten KDE-Pakete, eine offizielle Angabe zum Release-Datum gibt es nicht. Das Abbild steht nur in einer 32-Bit-Version zur Verfügung. Auch zu dieser Information gelangt man nur über einen Blick in das Image; laut Pagliaro soll eine 64-Bit-Version noch folgen.
Vorbereitete Aktionen
Nach dem Start des Live-Abbilds öffnet sich eine freundliche Begrüßung. Am oberen Bildschirmrand zeichnet das Programm Tint2 eine Taskleiste mitsamt vier virtuellen Desktops. Die Arbeitsumgebungen tragen mit Media Center, Preferences, Works1 und Works2 bereits Namen und besitzen mithilfe von Wallpapoz jeweils unterschiedliche, wechselnde Wallpaper (Abbildung 2). Zwischen den Arbeitsflächen wechseln Sie mit [Alt]+[Tab] oder durch Halten von [Strg]+[Alt] und einen Druck auf die Pfeiltasten nach links oder rechts. Die Namensgebung der virtuellen Arbeitsflächen schränkt sie in ihrer Funktion nicht ein; es macht keinen Unterschied, auf welchem Desktop Sie welches Programm starten.

Abbildung 2: Mit Wallpapoz wählen Sie für jeden virtuellen Desktop ein unterschiedliches Hintergrundbild.
Ein Rechtsklick auf den Desktop-Hintergrund fördert ein sehr umfangreiches Menü zutage, das neben sämtlichen installierten Programmen auch eine Vielzahl an Einstellungsoptionen bietet. Darunter finden sich praktischerweise auch im Editor Geany vorbereitete Optionen zum Editieren der Grub-Einstellungen und der Systemdateien /etc/fstab, /etc/hosts und /etc/resolv.conf. Animationen übernimmt bei Puzzle Linux der Fenstermanager Compiz und nicht etwa KDE, wie man vermuten könnte. Letzteres stellt lediglich den Plasma-Desktop sowie das Widgets-System zur Verfügung. Ein Rechtsklick auf den Desktop-Hintergrund bietet im Untermenü Add Panel noch einmal weitere 14 Funktionsleisten an. Trotz der bunten Desktop-Mischung hält sich die Speicherauslastung in Grenzen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Trotz der bunten Mischung aus Komponenten unterschiedlicher Desktop-Umgebungen hält sich der Speicherverbrauch in Grenzen.
Berühren Sie mit dem Mauszeiger die obere Bildschirmkante, erscheint eine zweite Leiste über der ständig sichtbaren Standardleiste am Kopf des Bildschirms. Sie stammt von ADeskBar, einem zu Openbox gehörenden Programmstarter (Abbildung 4). Hier finden Sie ganz links das Menü sowie direkten Zugriff auf Dateimanager, Webbrowser, E-Mail, Terminal und Einstellungen. Am linken Bildschirmrand befindet sich zudem noch eine dritte Leiste, die über Icons die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten als Server anbietet.

Abbildung 4: Das Hauptmenü von ADeskBar mit Status-Icons der im Hintergrund aktiver Anwendungen und den in Kategorien sortierten Apps.
Problemlose Installation
Puzzle Linux bietet gleich beim Start des Live-Mediums die Installation an. Alternativ starten Sie die Installationsroutine aus dem laufenden Live-System über den Menüpunkt Administration. Die Entwickler raten als Mindestvoraussetzungen zu 2 GByte Hauptspeicher und 16 GByte freiem Platz auf der Festplatte. Der Installer entstammt Ubuntu und verrichtet unspektakulär und zuverlässig seine Arbeit. Nach dem ersten Neustart steht wie üblich zunächst eine Systemaktualisierung an. Dazu richten Sie zuerst im Menü unter System Settings | Network den Internetzugang ein. Danach stoßen Sie das Update entweder über ein Terminal (Abbildung 5) oder über das von Ubuntu bekannte Software-Center an.

Abbildung 5: Die erste Aktualisierung des frisch installierten Puzzle-Linux-Systems spült rund 300 neue Pakete auf die Festplatte.
Einiges bleibt an diesem Puzzle rätselhaft: So meldet der Paketmanager in der Live-Version etwa, dass LibreOffice schon installiert wurde. Beim Versuch, eine Anwendung aus der Bürosuite zu starten, zeigt das System aber nur den Befehl zur Installation des Office-Pakets an (Abbildung 6). Auch die Handhabung der Module lässt eine logische Benutzerführung vermissen. Erst nach dem Aktualisieren aller Pakete in der Live-Version erscheint das Büropaket im Menü und startet auch. Das gleiche Verhalten lässt sich bei Paketen wie Google Chrome und anderen ebenfalls beobachten.

Abbildung 6: Puzzle Linux stellt den Anwender vor das eine oder andere reale Puzzle: Ist LibreOffice nun installiert oder nicht?
Die Paketauswahl von Puzzle Linux geht zum Teil eigene Wege und bietet Software an, die eher nicht zum gängigen Repertoire einer Debian- oder Ubuntu-Distribution gehört. Dazu zählen unter anderem das Adressbuch Dexter, das Nachrichtenportal Newsmap, Calligra und Microsofts Office Live sowie Outlook, Apps für Twitter, Facebook und Google Drive, neben Thunderbird die Mail-Clients Geary und Zoo Mail, das Zeichenprogramm Harmony, Photoshop Express, Soundcloud, Wifi Audio, Oracle Java Mission Control oder der etwas gewöhnungsbedürftige, aber durchaus clevere Programmstarter Kupfer [3], der sich durch Plugins noch erweitern lässt. [4].
Fazit
Das Fazit nach dem Test von Puzzle GNU/Linux bleibt zweigeteilt: Interessante Ansätze treffen auf nicht zu Ende entwickelte Funktionen. Die Distribution gänzlich zu Ende zu puzzeln, bleibt dem geneigten Leser überlassen. Der Bogen reicht von Desktop über Mediacenter und Nginx-Server bis hin zu verschiedenen Ausprägungen für das TV-Streaming. Es mangelt an Dokumentation und Unterstützung durch eine Gemeinschaft von Anwendern. Alles Grundsätzliche funktioniert; bei den Eigenkreationen gibt es noch Ecken und Kanten, die bei einer ersten Version der Distribution noch zu verzeihen sind.
Über die Zukunft von Puzzle Linux lässt sich nur spekulieren, da eine Antwort der Entwickler auf unsere Kontaktversuche ausblieb. Als Spielzeug oder Spartendistribution (etwa als TV-Streaming-Server) macht Puzzle Linux durchaus Spaß, als Distribution für den Alltag gibt es allerdings deutlich zu viele Unbekannte. Wer gerne puzzelt, der findet hier auf Tage Beschäftigung.
Infos
[1] Puzzle Linux: http://www.puzzlelinux.it
[2] Tvheadend: https://tvheadend.org
[3] Kupfer: http://engla.github.io/kupfer/help/introduction.html
[4] Kupfer-Plugins: https://github.com/teranex/kupfer-plugins





