Linux, Windows oder OS X – gibt es das beste System?

Aus EasyLinux 04/2014

Linux, Windows oder OS X – gibt es das beste System?

Das System

Drei Betriebssysteme dominieren den Markt der Desktop-PCs und Notebooks: Wir vergleichen Linux, Windows und OS X und helfen bei der Entscheidung – ohne reflexhaft “Linux” zu sagen.

Wenn Sie abenteuerlustig sind, könnten Sie auf Ihrem PC das Betriebssystem eComStation [1] installieren: Das ist eine aktualisierte Fassung des einst von IBM entwickelten OS/2 (Abbildung 1). Wenn es etwas moderner und Linux-ähnlich sein soll, bieten sich auch FreeBSD [2], NetBSD [3] oder OpenBSD [4] an. Für die meisten Anwender sind dies aber keine echten Kandidaten, stattdessen heißt es: Windows, Linux, OS X oder eine Kombination auf mehreren Rechnern bzw. im Dual- oder Triple-Boot-Betrieb. Darum werfen wir in unserem Betriebssysteme-Vergleich auch nur auf die drei Marktführer einen Blick.

Abbildung 1: eComStation ist eine Aktualisierung des Betriebssystemeklassikers OS/2.

Abbildung 1: eComStation ist eine Aktualisierung des Betriebssystemeklassikers OS/2.

Für Redakteure einer Linux-Zeitschrift stellt sich die Frage nach dem besten Betriebssystem für Desktop-PCs nicht (Linux, was sonst?). Aber es gibt eine irritierende Mehrheit von Windows-Benutzern, also muss an dem Microsoft-System auch etwas Positives zu finden sein. Daneben hat sich, vor allem seit der Einführung von iPod und iPhone, auch der Anteil der Anwender erhöht, die sich für einen Mac entscheiden und damit automatisch Apples Betriebssystem OS X erhalten.

Die gute Nachricht zu Beginn ist: Alle drei Systeme sind technisch ausgereift und haben unter Normalbedingungen keine Stabilitätsprobleme. Der früher oft erwähnte “Blue Screen of Death” (wörtlich: blauer Bildschirm des Todes), mit dem sich Windows vollständig verabschiedete und einen Rechnerneustart erforderte, ist heute nur noch selten zu sehen, auch wenn er kürzlich durch ein misslungenes Windows-Update wieder etwas häufiger wurde [5].

Damit stellt sich die Frage, was sinnvolle Entscheidungskriterien sein könnten, wenn es darum geht, welches System auf Ihrem nächsten (oder aktuellen) Rechner laufen soll.

Programmvielfalt

Oft ist die Entscheidung allein davon abhängig, für welche Betriebssysteme ein bestimmtes, zwingend erforderliches Programm verfügbar ist. Beispiele dafür sind die Textverarbeitung Microsoft Word und das Layoutprogramm Adobe InDesign. Beide gibt es nur für Windows und OS X, und wessen Arbeitstag sich zu 100 % um eine dieser Anwendungen dreht, der wird nicht daran vorbei kommen, mit einem klassischen Windows-PC oder einem Mac zu arbeiten – es hat wenig Sinn, auf einem Linux-System eine virtuelle Windows-Maschine zu installieren, wenn man den ganzen Tag Briefe mit Word schreibt.

Zwar steht mit LibreOffice ein Office-Paket für Linux zur Verfügung, das die meisten Features von Word und Excel beherrscht, aber die Kompatibilität der Dateiformate ist eingeschränkt, und Visual-Basic-Makros funktionieren unter LibreOffice nicht ohne Weiteres. Darum muss es in manchen Situationen eben Word (Abbildung 2) und nicht Writer sein. Ähnlich sieht es mit InDesign aus: Zwar ist das Desktop-Publishing-Programm Scribus inzwischen sehr leistungsfähig, wie der Workshop ab Seite 48 dieser Ausgabe zeigt, in dem wir das Layout eines EasyLinux-Artikels nachbauen. Doch solche Anwendungen sind sehr komplex, und vorhandenes, teils über viele Jahre erworbenes Praxiswissen zu InDesign lässt sich nicht in Kürze auf Scribus übertragen.

Abbildung 2: Microsoft Word dominiert immer noch den Markt der Textverarbeitungen. Es läuft nur unter Windows und OS X.

Abbildung 2: Microsoft Word dominiert immer noch den Markt der Textverarbeitungen. Es läuft nur unter Windows und OS X.

Für Linux gibt es übrigens kein entsprechendes Beispiel, da praktisch alle wichtigen Linux-Anwendungen Open Source oder Freie Software sind. Damit liegen sie im Quellcode vor und sind meist auch unter Windows und OS X verfügbar. Probleme machen immer nur die proprietären Programme, deren Quellcode die Hersteller unter Verschluss halten – darum gibt es keine Linux-Versionen von Word, Excel und InDesign.

Freie Desktop-Wahl

Ein entscheidendes Plus hat Linux bei der Konfigurierbarkeit der grafischen Oberfläche zu bieten. Windows und OS X zwingen dem Anwender ihre eigenen Vorstellungen vom perfekten Desktop auf, was z. B. Windows-Anwendern den unsäglichen neuen Start-Bildschirm von Version 8 beschert hat. Das bedeutet nicht, dass die Desktops von OS X und Windows (in der klassischen Variante) schlecht wären – sie sind erprobt und haben sich auch bewährt, aber wer damit nicht zufrieden ist, kann eben nicht vollständig auf andere Software wechseln, sondern höchstens Zusatzprogramme für den Desktop nachinstallieren, die nützliche Features ergänzen.

Linux-Anwender können nicht nur zwischen den Desktops KDE, Gnome, LXDE, Xfce und Ubuntus Unity wählen, sondern greifen darüber hinaus noch auf eine Reihe von einfacher gestrickten Window-Managern zu (Abbildung 3), die sich mit weiteren Tools zu total unterschiedlich bedienbaren Umgebungen zusammenbauen lassen – wer es mag, kann sogar eine vollständig mit der Tastatur bedienbare Oberfläche einrichten, welche die Maus überflüssig macht. Eine Grundüberzeugung in der Linux-Szene ist, dass nicht jeder Anwender denselben Geschmack hat und es entsprechend keinen Grund gibt, alle über einen Kamm zu scheren. Auch unterscheiden sich die Anforderungen eines reinen Office- und Web-Anwenders deutlich von denen eines Administrators oder eines Programmiers, und das spiegelt sich bei der Linux-Installation auch in der Wahl des individuell am besten geeigneten Desktops wieder.

Abbildung 3: Keine Lust auf einen komplexen Desktop? Der klassische Window-Manager "fvwm" ist nur eine von zahlreichen schlanken Alternativen.

Abbildung 3: Keine Lust auf einen komplexen Desktop? Der klassische Window-Manager “fvwm” ist nur eine von zahlreichen schlanken Alternativen.

Virtuelle Desktops

Linux bietet schon seit den frühen Anfängen grafischer Oberflächen (bevor erste Versionen von KDE und Gnome erschienen sind) die Möglichkeit, mehrere virtuelle Desktops zu nutzen und zahlreiche Fenster auf diese Desktops (oder deutsch: Arbeitsflächen) zu verteilen, was bei intensiver Nutzung vieler Anwendungen den Überblick deutlich verbessert. So lassen sich z. B. thematisch sortiert Fenster auf einem Desktop bündeln, die zusammen gehören, und wer an mehreren Projekten parallel arbeitet, nutzt für jedes einen separaten Desktop und hat damit immer direkten Zugriff auf alles (und nur das), was zum gerade aktuellen Projekt gehört.

OS X hat dieses Feature übernommen (Abbildung 4); das ist auch angemessen für ein Betriebssystem, das einen Unix-Kernel nutzt, also als Verwandter von Linux durchgeht. Die Flexibilität ist hier allerdings eingeschränkt; neuere OS-X-Versionen können z. B. mehrere Desktops nur noch in einer langen Reihe und nicht mehr in Matrixform anordnen. Wer es gewohnt ist, in Kategorien wie “das liegt auf dem Desktop gleich über dem aktuellen” zu denken, muss dort umlernen und sich z. B. die Desktopnummern merken – mit [Strg]+[1],[Strg]+[2] usw. kann man direkt den Desktop mit der jeweiligen Nummer ansteuern.

Abbildung 4: Virtuelle Desktops heißen bei OS X "Spaces", sonst ändert sich nichts. Ältere Versionen (im Bild: 10.6.8) erlaubten noch die Matrix-Anordnung.

Abbildung 4: Virtuelle Desktops heißen bei OS X “Spaces”, sonst ändert sich nichts. Ältere Versionen (im Bild: 10.6.8) erlaubten noch die Matrix-Anordnung.

Windows bietet von Haus aus keine virtuellen Desktops, dort lässt sich das Feature aber nachinstallieren, zum Beispiel mit dem freien Programm VirtuaWin [12].

Windows: kompatibel

Microsoft hatte den richtigen Riecher, als man dort IBM für den Ur-PC eine MS-DOS-Lizenz anbot anstatt einfach die Software zu verkaufen: Zum IBM PC gesellten sich kompatible Nachbauten anderer Hersteller, die dann auch mit MS-DOS liefen, und damit etablierte sich der Standard für “persönliche Computer”.

Die ersten Versuche, DOS mit Windows eine grafische Oberfläche zu verpassen, waren nicht sonderlich erfolgreich, und es gab zeitgleich bessere Alternativen (z. B. GeoWorks Ensemble [15], das mit einer brauchbaren Textverarbeitung ausgeliefert wurde, Abbildung 5), aber ab Version 3.11 (Windows for Workgroups) war Windows auch netzwerkfähig, und die gute Kompatibilität zu alten DOS-Anwendungen sorgte dafür, dass sich Windows ab diesem Zeitpunkt schnell verbreitete.

Abbildung 5: GeoWorks Ensemble war eine alternative grafische Oberfläche für MS-DOS, die unter dem Namen "Breadbox Ensemble" immer noch erhältlich ist.

Abbildung 5: GeoWorks Ensemble war eine alternative grafische Oberfläche für MS-DOS, die unter dem Namen “Breadbox Ensemble” immer noch erhältlich ist.

“Abwärtskompatibilität” ist überhaupt die vielleicht beste Zusammenfassung der schon Jahrzehnte währenden Windows-Weiterentwicklung: Viele uralte Windows-Programme lassen sich noch unter der aktuellsten Version zum Laufen bringen, und diese Eigenschaften, die es Anwendern ermöglicht, ihre alten und nicht länger vom Hersteller gepflegten Programme beim Umstieg weiter zu verwenden, hat sicher großen Anteil an der Popularität. Ian Murdock berichtet auf seiner Webseite von der Anekdote, dass Microsoft in der Testphase für Windows XP Probleme mit dem damals populären Spiel SimCity feststellte, das fehlerhaft programmiert war. Um Anwender zu schützen, wurde die Speicherverwaltung von XP so angepasst, dass sie auf SimCity Rücksicht nahm und das Spiel trotz seiner Fehler korrekt unter XP lief [6]. Aktuelle Windows-Versionen verzichten allerdings teilweise auf die Kompatibilität, so führt etwa ein 64-Bit-Windows keine alten 16-Bit-Programme mehr aus.

Der Preis, den die Microsoft-Entwickler (und auch die Anwender) für die starke Kompatibilität zahlen müssen, ist aber mangelnde Innovationskraft; an der Oberfläche hat sich von Windows 95 bis Windows 7 nichts Wesentliches geändert. Bei Version 8 hat Microsoft mit dieser Tradition gebrochen – ausgerechnet, um eine Tablet-Touch-Oberfläche zum neuen Standard für Desktop-PCs und Notebooks auszurufen. Viel stärker als vorher die Einführung des Menünachfolgers “Ribbon” (Menüband) in Office und anderen Windows-Programmen hat die neue Startseite mit dem Touch-Look & Feel Widerstände hervorgerufen. Für Windows 9 hoffen darum viele Anwender auf ein Einsehen und die Rückkehr des alten Startmenüs – das deutet sich auch an [14].

Linux: Innovation und Vielfalt

Was bei Windows kaum vorhanden ist (und wenn doch, dann in die Hose geht), ist eine der besonderen Stärken von Linux: Zahlreiche Teams werkeln an grafischen Oberflächen für Linux, die ganz unterschiedliche Bedienkonzepte umsetzen. Einzelne Vertreter, etwa Unity von Ubuntu, finden manche Anwender gruselig, während andere sie bejubeln. Doch das Schöne an Linux ist: Wenn Ihnen der Standard-Desktop nicht gefällt, tauschen Sie ihn einfach aus. Windows- und OS-X-Anwender haben eine solche Möglichkeit nicht, weil die vorgegebene Oberfläche so fest mit dem Gesamtsystem verwoben ist, dass man damit leben muss.

Um es Freunden eines bestimmten Desktops leicht zu machen, gibt es viele Linux-Distributionen gleich in mehreren Varianten (wie bei Ubuntu etwa Kubuntu, Ubuntu Gnome, Lubuntu und Xubuntu, Abbildung 6): Die enthalten jeweils nur die Desktop-Software für die gewünschte Oberfläche und verhindern Fehlinstallation. Bei anderen Distributionen findet sich alles auf einer DVD, und im Installationsprozess haben Sie die Möglichkeit, sich für Ihren Lieblingsdesktop zu entscheiden. Trotzdem laufen auch populäre Anwendungen, die für einen bestimmten Desktop entwickelt wurden, auf allen anderen Oberflächen – möchten Sie etwa K3b zum DVD-Brennen nutzen, setzen Sie das Programm auch unter Gnome oder Unity ein. So stellen Sie sich Ihr System Stück für Stück aus den für Sie besten Komponenten zusammen.

Abbildung 6: Von Ubuntu gibt es verschiedene "Flavors", die jeweils einen anderen Standard-Desktop installieren.

Abbildung 6: Von Ubuntu gibt es verschiedene “Flavors”, die jeweils einen anderen Standard-Desktop installieren.

Unter der Oberfläche geht es genauso innovativ zu, auch wenn Anwender davon wenig mitbekommen. Der Linux-Kernel, also das eigentliche Betriebssystem, erscheint in so kurzer Folge in aktualisierten Fassungen, dass sich hier ständig etwas tut. Unsere Kollegen vom Linux-Magazin haben darum eine eigene Rubrik “Zacks Kernel-News”, in der Zack Brown monatlich über die Neuigkeiten bei der Kernel-Entwicklung berichtet. Beliebte Felder für Verbesserungen sind u. a. Dateisysteme und der Scheduler, letzteres ist die Betriebssystemkomponente, die darüber entscheidet, wann welches der geladenen Programme ausgeführt (und wieder unterbrochen) wird – schließlich soll ein Multitasking-System möglichst effizient mehrere Programme parallel laufen lassen. Neue Erkenntnisse aus der Betriebssystemforschung finden damit schnell Eingang in Linux.

OS X: Hübsch verpacktes Unix

Der Abschied von OS 9 hat die Apple-Computer in die Neuzeit geholt. OS 9 und seine Vorgänger boten eine hässliche und instabile Umgebung, aber OS X setzt auf ein Unix-System und ergänzt dieses um eine intuitive grafische Oberfläche, die viele Anleihen bei Linux & Co. genommen hat. So gibt es dort etwa auch die schon erwähnten Arbeitsflächen, was Intensivnutzern hilft, die Übersicht zu bewahren. Zudem ist ein brauchbares Terminalprogramm vorinstalliert, in dem OS X automatisch die Bash-Shell startet (Abbildung 7).

Abbildung 7: Die unter Linux übliche Shell "bash" ist bei OS X automatisch dabei.

Abbildung 7: Die unter Linux übliche Shell “bash” ist bei OS X automatisch dabei.

Für OS X stand auch von Anfang an die große Welt der leistungsfähigen Kommandozeilentools von Linux und anderen Unix-Systemen zur Verfügung: In vielen Fällen mussten diese unter OS X nur neu übersetzt werden und waren direkt lauffähig. Gerade Linux-Profis (Entwickler und Administratoren) wissen das zu schätzen, wenn sie mal einen Mac verwenden.

Überzeugungstäter

Besondere Sympathie erhält Linux regelmäßig, weil es sich hier um freie Software handelt. Linux wird unter der GPL (GNU General Public License) veröffentlicht, und das bedeutet, dass der Quellcode des Systems frei verfügbar ist und auch beliebige Veränderungen erlaubt. Dadurch konnte z. B. Google den Linux-Kernel nehmen und daraus das Smartphone-Betriebssystem Android entwickeln. Die einzige mit der GPL verbundene Auflage ist, dass veränderte Softwareversionen auch wieder unter der GPL zur Verfügung gestellt werden müssen; der Grundgedanke ist hier: Wer auf Basis von etwas Geschenktem etwas Neues entwickelt, soll nicht allein davon profitieren, sondern es der Gemeinschaft zurückgeben.

Im Gegensatz dazu sind Windows und OS X proprietäre Betriebssysteme, bei denen der Quellcode nicht mal eingesehen werden kann. (Der OS-X-Kernel Darwin wurde unter der freien Apple Public Source License veröffentlicht, aber mit Darwin allein lassen sich keine OS-X-Programme starten.) Damit sind auch keine unabhängigen Analysen durch Dritte möglich – über die Frage, ob Windows und OS X Hintertüren für NSA & Co. haben, lässt sich beliebig spekulieren, eine Antwort könnte nur der jeweilige Hersteller geben. Die Quellen von Linux kann jede interessierte (und fachkundige) Person herunterladen und untersuchen.

Dass Linux auch kostenlos ist, folgt nicht zwangsläufig aus der GPL-Lizenz – die verbietet nämlich keine kommerzielle Verwertung, sondern nur den proprietären Einsatz. Dieser Unterschied wird oft nicht verstanden, das GNU-Projekt sagt dazu: “Um das Konzept zu verstehen, sollte man an frei wie in Redefreiheit denken, nicht wie in Freibier.” [7] Im englischen Original klingt der Satz griffiger: “Think of free as in free speech, not as in free beer.”

Unabhängig davon sehen es aber viele Anwender als wesentlichen Vorteil an, dass sie diverse Linux-Distributionen gratis aus dem Netz oder von einer Heft-DVD beziehen können, ohne dafür zahlen zu müssen.

Berufliche Relevanz

In vielen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen hat Windows noch eine zentrale Position, und wer dort arbeiten will, muss in der Regel passende Kenntnisse aus dem Windows- und Microsoft-Office-Umfeld mitbringen. Doch hier tut sich einiges, wie etwa die erfolgreiche Umstellung auf Linux bei der Münchner Stadtverwaltung gezeigt hat [8]. Zu letzterer heißt es zwar gerade, der neu gewählte Oberbürgermeister hätte eine Neuorientierung (zurück zu Windows) angestoßen, diese Gerüchte wurden aber bisher nicht bestätigt. Das LiMux-Projekt hat jedenfalls eine Erfolgsbilanz [9] präsentiert.

In der Praxis sind “heterogene Landschaften” üblich, also der Mischbetrieb mehrerer Betriebssysteme. Für Administratoren, die ausschließlich Windows-Kenntnisse haben, wird es in Zukunft darum schwieriger werden, eine gut bezahlte Stelle zu finden. Im Gegenzug steigt die Nachfrage nach Linux-Profis: Anfang Juni haben die Linux Foundation und die Firma Dice Holdings den “Linux Jobs Report 2014” [10] veröffentlicht, der erstmals separate Zahlen für den europäischen Markt ausweist. Aus der Studie ergibt sich, dass 87 % der befragten europäischen Personalverantwortlichen 2014 mit hoher Priorität nach Linux-Experten suchen. 93 % berichten zudem, dass es schwierig sei, Experten zu finden, deren Linux-Know-how ihren Erwartungen entspricht.

Shawn Powers vom amerikanischen Linux Journal erklärt die besondere Nachfrage nach Linux-Profis wie folgt: Fast alle Linux-Administratoren sind es gewohnt, in heterogenen Umgebungen zu arbeiten, weil Unternehmen, in denen nur Linux eingesetzt wird, selten sind. Darum sind sie gezwungen, die Arbeit mit verschiedenen Systemen zu beherrschen, und dadurch besonders qualifiziert. Das gilt nicht im gleichen Maße für Windows-Administratoren, die bisher oft in reinen Windows-Umgebungen tätig sind und entsprechend keine Kenntnisse außerhalb der Windows-Welt erwerben [11].

Mix-Tape

Wer ein bestimmtes System nutzt, dabei aber nicht auf alternative Features verzichten möchte, hat in vielen Fällen gute Chancen, dass sich die Funktionen nachrüsten lassen. Die virtuellen Desktops für Windows (VirtuaWin) haben wir bereits erwähnt, unter Windows lässt sich darüber hinaus mit den Cygwin-Tools [13] eine vollständige Unix-Shell-Umgebung nachrüsten (Abbildung 8), so dass niemand gezwungen ist, die historische Shell CMD.EXE oder den moderneren aber schwerer zu erlernenden Nachfolger PowerShell zu nutzen – Cygwin funktioniert auch unter Windows 8 gut [16].

Abbildung 8: Dank Cygwin können auch Windows-Anwender einen Großteil der Linux-Shell-Tools nutzen.

Abbildung 8: Dank Cygwin können auch Windows-Anwender einen Großteil der Linux-Shell-Tools nutzen.

OS X hat eine noch höhere Kompatibilität zu Linux: Der Kernel (Darwin) basiert u. a. auf BSD, einem echten Unix-System, und die unter Linux übliche Shell bash sowie alle klassischen Shell-Kommandos werden automatisch installiert. Auch grafische Unix-Anwendungen (die das X Window System voraussetzen) laufen auf dem Mac, aber das gilt ebenso für Windows, wenn man einen freien X-Server nachinstalliert.

Für alles, was fehlt, bleibt noch die Virtualisierungslösung, bei der ein anderes Betriebssystem als “Gast” unter dem eigentlichen System läuft und damit den Einsatz der für den Gast verfügbaren Programme erlaubt (siehe Artikel ab Seite 32) – zum Beispiel Windows 8.1 unter Linux (Abbildung 9) oder anders herum.

Abbildung 9: Mit VMware (oder VirtualBox) können Sie Windows unter Linux und Linux unter Windows nutzen.

Abbildung 9: Mit VMware (oder VirtualBox) können Sie Windows unter Linux und Linux unter Windows nutzen.

Das beste System …

… gibt es nicht, auch wenn wir hier gerne einfach den Namen “Linux” einsetzen würden – es hängt einfach von den individuellen Anforderungen und Vorlieben jedes Anwenders ab. Dass es überhaupt die Wahl zwischen den drei großen Betriebssystemen (und einigen weniger poulären, wie etwa den am Anfang erwähnten BSD-Systemen, die oberflächlich sehr Linux-ähnlich sind) gibt, ist in jedem Fall ein großer Gewinn für alle PC-Anwender. So ist niemand gezwungen, mit einer Umgebung zu arbeiten, die ihm nicht gefällt, egal ob das an fehlenden Features, den falschen (ethischen) Werten oder anderen Gründen liegt. (hge)

“Warum ich mich in der Windows-Welt wohl fühle”

Gastbeitrag von Martin Geuß, “Dr. Windows”

Als mich der Chefredakteur dieser Zeitschrift fragte, ob ich nicht Lust hätte, einen Gastbeitrag unter dem Titel “Warum Windows das beste System ist” zu schreiben, dachte ich sofort: Achtung, Troll-Alarm! Das kann ja nur böse enden. Als bekennender Windows-Fan den Lesern einer Linux-Fachzeitschrift mitteilen, dass sie alle auf dem falschen Dampfer sind. Was für eine Gelegenheit!

Aber Spaß beiseite, das werde ich nicht tun. Ich freue mich, dass wir in einer Welt der Vielfalt leben. Spätestens seit der mobilen Revolution, in der Microsoft und Windows ja nun wirklich alles andere als die erste Geige spielen, haben wir die freie Wahl. Das ist gut so und soll so bleiben, und ich selbst halte überhaupt nichts davon, wenn persönliche Plattform-Präferenzen zu Glaubenskriegen hochstilisiert werden. Wenn ich sehe, wie sich zwei fremde Leute in einem Forum mit Dreck bewerfen, weil der eine die Windows- und der andere die Linux-Fahne hoch hält, dann stelle ich mir gerne vor, dass das vielleicht dieselben fremden Leute sind, die sich am Tag zuvor beim Heimspiel ihres gemeinsamen Lieblingsvereins jubelnd in die Arme gefallen sind. Nein, unterschiedliche Ansichten über so etwas Unwichtiges wie ein Betriebssystem sollten nicht darüber entscheiden, ob wir einen Menschen sympathisch finden oder nicht.

Aber genug der Predigt – kommen wir zu der Frage, warum ich mich persönlich unter Windows am wohlsten fühle und warum es für mich tatsächlich das beste System ist. Wobei, da fängt es ja schon wieder an: Wie vergleicht man das denn? Auf dem Desktop habe ich seit über zehn Jahren nichts anderes mehr benutzt, wenn also jetzt jemand behauptet, ich würde nur aus Bequemlichkeit Windows benutzen, kann ich nicht mal glaubhaft widersprechen.

Ein bisschen mehr ist es dann aber schon. Früher hatte man einen PC zu Hause stehen, der mehr oder weniger gut an die Außenwelt angebunden war, und damit hatte es sich. Jetzt haben wir mehrere Endgeräte: Tablets, Notebooks, Smartphones, smarte Fernseher und in nicht allzu ferner Zukunft auch noch smarte Kühlschränke, Waschmaschinen und jede Menge Technik, die wir sogar anziehen können. Dazu kommen unzählige Dienste, die um unsere Gunst buhlen, vom Cloudspeicher über Musik- und Video-Streaming bis hin zu vielen neuen Kommunikationsmedien. Wir entscheiden uns künftig also nicht mehr nur für eine Plattform, sondern auch für Ökosysteme. Und natürlich haben alle Anbieter das Ziel, uns so fest wie möglich an ihre Ökosysteme zu binden, damit ein Wechsel so unbequem wie nur irgend möglich gemacht wird.

In all dem, was in den letzten fünf bis sechs Jahren entstanden ist, spielt Microsoft keine große Rolle. Und das hat zu einem interessanten Effekt geführt: Microsoft hat sich für andere Plattformen in einer Art und Weise geöffnet, die einst undenkbar schien. Für alle Microsoft-Dienste gibt es Apps für iOS und Android, das touchoptimierte Office erschien sogar bereits für das iPad, während es auf der Windows-Plattform noch auf sich warten lässt. Tatsächlich ist es so, dass man als Kunde des Microsoft-Ökosystems nun die freie Wahl hat, welche mobile Plattform man nutzen möchte. Umgekehrt ist das nicht der Fall, Apple und Google unterstützen die Microsoft-Welt überhaupt nicht. Warum auch, sie haben ja keine Not. Ich hoffe jedoch, dass auch diese Firmen noch die Erfahrung machen werden, dass man seine Kunden nicht dauerhaft kasernieren kann. Nicht, weil ich Microsoft mehr Erfolg wünsche, sondern weil ich mir für uns alle die freie Wahl wünsche.

Anders als auf dem Desktop schaue ich im mobilen Bereich stärker über den Tellerrand. Neben diversen Windows Phones und Tablets besitze ich auch mehrere Android-Geräte, die ich gerne und regelmäßig nutze. Mein iPad habe ich wieder verkauft, iOS und ich passen einfach nicht zusammen. Kann ich nicht mal begründen, ist eben einfach so. Ich werde damit nicht warm.

Windows Phone nutze ich bevorzugt, weil das eben am besten mit meinem Windows-PC zusammenspielt. Ich bin auch überzeugt, dass Microsoft, obwohl momentan in der Rolle des Außenseiters, den vielversprechendsten Ansatz hat: Ein einheitliches App-Ökosystem, ein einheitliches Bedienkonzept über alle Formfaktoren hinweg, optimiert auf das jeweilige Endgerät – das ist die Vision, die im kommenden Jahr Realität werden soll. Ob es gelingt? Wer weiß das schon. Der Glaube daran ist es, der mich auf der Windows-Plattform hält. Und die Gewissheit, dass es die Plattform ist, von der ich am leichtesten auf eine andere wechseln kann, wenn ich das eines Tages tatsächlich will. (Martin Geuß)

Martin Geuß betreibt mit "www.drwindows.de" eine der größten deutschsprachigen Blog-Communities zu Windows- und Microsoft-Themen. Seit 2009 wurde er sechsmal in Folge mit dem Award "Most Valuable Professional" von Microsoft ausgezeichnet, der jährlich an ausgewählte Experten verliehen wird. Wenn er gerade nicht am PC sitzt, streift er mit seinem Hund durch die Wälder oder bastelt an neuen Lego-Modellen.

Martin Geuß betreibt mit “www.drwindows.de” eine der größten deutschsprachigen Blog-Communities zu Windows- und Microsoft-Themen. Seit 2009 wurde er sechsmal in Folge mit dem Award “Most Valuable Professional” von Microsoft ausgezeichnet, der jährlich an ausgewählte Experten verliehen wird. Wenn er gerade nicht am PC sitzt, streift er mit seinem Hund durch die Wälder oder bastelt an neuen Lego-Modellen.

Infos

[1] eComStation: http://www.ecomstation.com/

[2] FreeBSD: http://www.freebsd.org/de/

[3] OpenBSD: http://www.openbsd.org/

[4] NetBSD: http://netbsd.org/

[5] Rob Williams: “Windows 8.1 Update Crippling PCs With BSOD, Microsoft Suggests You Roll Back”, http://hothardware.com/News/Windows-81-Update-Crippling-PCs-With-BSOD-Microsoft-Suggests-You-Roll-Back/

[6] Ian Murdock: “On the importance of backward compatibility”, http://ianmurdock.com/platforms/on-the-importance-of-backward-compatibility/

[7] GNU-Projekt: “Was ist Freie Software?”, http://www.gnu.org/philosophy/free-sw.html

[8] LiMux-Projekt der Stadt München: http://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Direktorium/LiMux.html

[9] Abschlussbericht des LiMux-Projekts, 09/2013, http://www.ris-muenchen.de/RII2/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/3176223.pdf

[10] Linux Foundation: “Linux Jobs Report 2014: European Figures Released”, http://www.linuxfoundation.org/news-media/announcements/2014/06/linux-jobs-report-2014-european-figures-released

[11] Shawn Powers: “The sought after Linux professional”, http://opensource.com/business/14/6/linux-professionals-jobs

[12] VirtuaWin: http://virtuawin.sourceforge.net/

[13] Cygwin: http://cygwin.com/

[14] Roland Quandt: “Windows 9: Startmenü geht auch ganz ohne Live Tiles”, http://winfuture.de/videos/Software/Windows-9-Startmenue-geht-auch-ganz-ohne-Live-Tiles-12912.html

[15] GeoWorks-Nachfolger Breadbox Ensemble: http://www.breadbox.com/products-ensemble.php

[16] Cygwin-Artikel: Hans-Georg Eßer, “Linux-Tools für Windows”, EasyLinux 02/2013, S. 48 ff., http://linux-community.de/28511

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