Suchen Sie ein stabiles und zuverlässiges Debian-Derivat, das modern aussieht und topaktuelle Software mitbringt? Dann liegen Sie mit ZevenOS Neptune goldrichtig.
Debian gilt aufgrund seiner langen Release-Zyklen zwar als etwas altbacken, doch immerhin auch als sehr stabil. Die deutschen Entwickler von ZevenOS, eines äußerlich an das legendäre BeOS angelehnten Xubuntu-Derivats, haben nun mit Neptune 4.0 eine neue Version ihres Debian-Ablegers herausgebracht. Die Kernkomponenten des Systems weisen erheblich neuere Versionsnummern auf als beim Original, das äußere Erscheinungsbild wirkt ebenfalls signifikant frischer. Als Desktop setzt Neptune auf KDE statt auf XFCE, wodurch sich die Hardware-Anforderungen erhöhen. Konsequent bietet das Projekt die Distribution denn auch ausschließlich für die 64-Bit-Architektur an.
Start mit Hürden
Neptune wird auf der neu gestalteten Webseite http://www.neptuneos.com als Live-System für den Einsatz mit USB-Sticks beworben. Hier steht auch das rund 1,8 GByte große ISO-Image zum Herunterladen bereit. Um jedoch das Betriebssystem auf einen USB-Stick praktizieren zu können, müssen Sie zunächst einen optischen Datenträger mit Neptune darauf vorbereiten – oder Sie verwenden die Seite B der Heft-DVD. Das direkte Installieren des ISO-Images auf einem USB-Stick mithilfe von Unetbootin und dem Fedora LiveUSB Creator schlug im Test fehl.
Von der DVD startet das System in einen Grub-Standardbildschirm, der den Live-Betrieb in deutscher und englischer Sprache sowie jeweils einen abgesicherten Startmodus anbietet. Die direkte Installation auf einem stationären Massenspeicher sieht das Bootmenü nicht vor.
Beim ersten Start wollte Neptune auf unterschiedlichen mobilen Testsystemen jedoch nicht recht mit der Hardware kooperieren: So endete das Booten in der Standardvariante auf mehreren Notebooks mit einem Blackout. Erst im abgesicherten Modus ließ sich Neptune zur Mitarbeit bewegen. Offensichtlich unterstützt das System bei einigen modernen Intel-Grafikkarten in Chipsätzen für Mobilcomputer den Framebuffer nur ungenügend. Mit dem Parameter vga=normal deaktivieren Sie diesen und umgehen so das Startproblem.
Nach dem Booten begrüßt uns Neptune mit einem unauffälligen KDE-Desktop in der Version 4.13.2. Er hält Icons für den Home-Ordner, für PDF-Schnellanleitungen in Deutsch und Englisch sowie Starter für die Softwareverwaltung, den Installer und das Anlegen eines persistenten Bereichs auf einem Speicherstick bereit.
Der Persistent-Creator dient in erster Linie dazu, in Kombination mit einem Live-System Daten dauerhaft zu speichern. Dieses bereits mit Neptune 3.0 eingeführte Konzept ermöglicht es, im Falle von Softwareproblemen durch Abtrennen des persistenten Bereichs das Live-System wieder in den Ursprungszustand zu versetzen.
Ein Klick auf Install Neptune führt in wenigen Schritten zu einem vollständig auf der Festplatte installierten Betriebssystem (Abbildung 1). Im Gegensatz zu den meisten anderen Distributionen nutzt Neptune als Standarddateisystem das für SSD-Laufwerke optimierte Btrfs. Von Oracle entwickelt und unter der GPL veröffentlicht, bietet es im Vergleich zu Ext4 eine ganze Reihe von Vorteilen, wie etwa einen effizienteren Umgang mit kleinen Dateien.
Softwarebestand
Neptune installiert deutlich mehr Programme vor als seine Basis Debian “Wheezy”. Dabei handelt es sich überwiegend um desktopunabhängige Software, die den Nutzen des Systems erweitert. Dazu gehören beispielsweise Truecrypt 7.1a, das Löschprogramm Sweeper, der Netzanalysator Wireshark, der Audioeditor Audacity und der Videoplayer VLC.
Unter der Haube zeigt sich Neptune deutlich aktueller als “Wheezy” und glänzt mit Kernel 3.13.11, Systemd 204 und GCC 4.7.2. Beim Webbrowser setzt es ganz auf Chromium 35 samt Flash- und HTML5-Unterstützung: Die Distribution installiert weder Firefox noch dessen Debian-Derivat Iceweasel.
Neptune beeindruckt zudem vor allem in der sehr gut ausgestatteten Menügruppe Multimedia mit einigen Eigenentwicklungen: So finden Sie hier das kinderleicht zu nutzende Programm Encode, das unterschiedlichste Multimedia-Dateiformate konvertiert (Abbildung 2), sowie YAVTD für das schnelle und unkomplizierte Herunterladen von Youtube-Videos und deren Umwandlung. Auch die gängigen Codecs bringt Neptune gleich mit.

Abbildung 2: Das distributionseigene Tool Encode macht die Konvertierung von Multimedia-Inhalten zum Kinderspiel.
Aus den umfangreichen Repositories von Debian, ZevenOS und Neptune lassen sich knapp 60?000 Pakete nachinstallieren. Dazu stellt die Distribution im Menü System mit Apper und Muon gleich zwei neu grafische Frontends bereit, das altbekannte Synaptic-Frontend hingegen fehlt. Während Sie in Apper (Abbildung 3) unterschiedliche Programmgruppen per Icon auswählen und daraus einzelne Pakete über eine Listenansicht zur Installation bestimmen, bietet Muon eine eher an Synaptic erinnernde Oberfläche, die demgegenüber optisch etwas altbacken wirkt. Hier pflegen Sie im Bedarfsfall über das Menü Einstellungen | Software-Quellen einrichten weitere Repositories ein.
Neptune macht es Ihnen hier jedoch erheblich leichter als Debian, das ohne unfreie Firmware kommt. Der ZevenOS-Ableger installiert die Firmware für gängige proprietäre Komponenten bereits von Haus aus, sodass es etwa kein Problem darstellt, gleich nach der Installation WLAN-Komponenten von Intel in Betrieb zu nehmen.
Werkzeugkasten
In den Menüs Einstellungen und System finden sich zahlreiche Verwaltungs- und Wartungsprogramme, die größtenteils über grafische Oberflächen verfügen. Dazu zählen neben dem Backup-Programm Back In Time vor allem unterschiedliche Prozessmanager sowie mehrere Tools für das Warten der Massenspeicher. Letzteres unter besonderer Berücksichtigung von Flash-Speichern und externen Festplatten.
Neptune bringt außerdem viele Wartungs- und Verwaltungsprogramme aus dem KDE-Bestand mit, wie etwa KwikDisk und KDiskFree. Aus dem ZevenOS-Softwarefundus hat es der Hardware Manager mit in das Menü Einstellungen geschafft, der das bequeme Einrichten von Drucker- und Grafiktreibern ermöglicht.
Fazit
Der ZevenOS-Abkömmling Neptune präsentiert sich in Version 4.0 als eigenständige Distribution mit unverwechselbarem Erscheinungsbild und weist auch technisch mit ZevenOS nur noch rudimentäre Gemeinsamkeiten auf.
Das System gefällt vor allem durch seine Stabilität und Leistungsfähigkeit insbesondere auf Rechnern mit einer SSD. Der enorme Softwarebestand erfüllt selbst exotische Bedürfnisse, der aktuelle Kernel und die sehr gute Treiberausstattung kommen auch mit brandneuer Hardware bestens zurecht.
Einziges Manko: Die Live-Variante tritt noch nicht ganz so ausgereift auf wie ein fest installiertes System. Als Allrounder mit nur wenigen Ecken und Kanten ist Neptune 4.0 auf jeden Fall empfehlenswert.






