Neues vom Schweizer Taschenmesser für Sysadmins

Aus LinuxUser 06/2014

Neues vom Schweizer Taschenmesser für Sysadmins

© dmbaker, 123RF

Arbeitstier

Weniger ist manchmal mehr: Grml, der gut ausgestattete Werkzeugkasten für Sysadmins und CLI-Tool-Fans, geht mit dem Release 2014.03 “Ponywagon” den Weg der behutsamen Entwicklung weiter.

Bei Grml (“Grummel”) handelt es sich nicht um eine Distribution für den täglichen Hausgebrauch, sondern vielmehr um eine spezialisierte Sammlung von Rettungswerkzeugen, speziellen Erweiterungen und Text-Tools. Damit richtet es sich primär an Systemadministratoren und fortgeschrittene Anwender, die gerne auf der Kommandozeile oder mit minimalistischen Fenstermanagern arbeiten (Abbildung 1). Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal stellt die als interaktive Shell voreingestellte Z-Shell dar, die Grml in einer angepassten Konfiguration mitliefert.

Grml [1] wird seit 2005 von Michael “mika” Prokop zusammengestellt und herausgegeben, unterstützt von einem handverlesenen Team. Mit Bezug auf Österreich als Heimat des Hauptentwicklers tragen die Releases oft leicht selbstironisch angehauchte Namen, wie “Schluchtenscheisser”, “Gebrüder Grml”, “Knecht Rootrecht” oder “Schwammerlklauber”. Anfangs auf Knoppix basierend, schwenkte die Distribution bald auf Debian um und bediente sich dort aus dem Paketfundus des “Unstable”-Zweigs. Mittlerweile basiert sie auf “Testing”.

Die Distribution kommt traditionell in den Spielarten Grml-small und Grml-full, die knapp 200 respektive gut 400 MByte auf die Waage bringen. Beide Versionen stehen jeweils für i586 sowie x86_64 zur Verfügung. Zusätzlich gibt es mit Grml96 jeweils beide Architekturen in einem Abbild mit rund 380 beziehungsweise 800 MByte [2].

Abbildung 1: Grml bringt eine Vielzahl an Rettungs- und Diagnosewerkzeugen für Sysadmins mit.

Abbildung 1: Grml bringt eine Vielzahl an Rettungs- und Diagnosewerkzeugen für Sysadmins mit.

Neues im Ponywagon

Die aktuelle Version Grml 2014.03 “Ponywagon” basiert auf dem Kernel 3.13.6. Die ausgelieferten Pakete stellen einen Snapshot vom 30. März 2014 dar. Insgesamt wurden 18 Pakete entfernt, 22 kamen hinzu – wobei sich die Liste teilweise überschneidet, da Pakete umbenannt wurden. Alte Grafiktreiber fielen weg, Xulrunner liegt jetzt passend zu Iceweasel in Version 24 bei. Die neue Boot-Option vlan ergänzt die Netzwerkfähigkeiten von Grml. Mit ihr übergeben Sie bereits beim Start des Systems in der Form vlan=n:eth0 den VLAN-Identifier.

Zudem erhielt das Skript Grml-debootstrap, auf das wir weiter unten genauer eingehen, einige neue Optionen. So stellen Sie nun per FIXED_DISK_IDENTIFIERS reproduzierbare Builds sicher, da sich die UUIDs der Partitionen nicht ändern. Zudem installiert das Skript nun standardmäßig die Pakete install bridge-utils, cryptsetup, ifenslave sowie vlan und unterstützt das Übergehen der Konfiguration mittels Umgebungsvariablen.

Die Boot-Option zum Start in ein schreibgeschütztes System musste wegen einer Änderung im Debian-Paket live-boot von readonly in read-only umbenannt werden. Das Skript Grml-hwinfo liefert jetzt auch NUMA-Informationen [3]. Als Standard-Einhängepunkt dient ab sofort /media. Darüber hinaus wurden Fehler der vorausgegangenen Veröffentlichung beseitigt.

Vielfältige Boot-Optionen

Das als Live-Rettungssystem ausgelegte Grml (Abbildung 2) dient neben der forensischen Datenrettung und der Netzwerkanalyse auch dem Beheben von Problemen im Bootloader sowie im Dateisystem. Für diese Aufgaben bringt es eine Vielzahl an Werkzeugen mit, die sich in normalen Desktop-Distributionen in dieser Breite und Spezialisierung nicht finden.

Abbildung 2: Das als Live-Rettungssystem ausgelegte Grml bietet eine Vielzahl von Bootoptionen.

Abbildung 2: Das als Live-Rettungssystem ausgelegte Grml bietet eine Vielzahl von Bootoptionen.

Sie booten Grml wahlweise von CD/DVD, über Firewire, von einer CF-Karte oder einem USB-Stick. Für Letzteres praktizieren Sie das ISO-Abbild entweder per Dd auf den Stick oder binden es alternativ mittels des Skripts Grml2usb in eine Multiboot-Konfiguration mit mehreren verschiedenen Varianten und Versionen von Grml ein. Dabei lässt sich auch Persistenz einrichten, also das Schreiben auf das Live-Medium und das Abspeichern der Daten, um sie beim nächsten Start wieder präsent zu haben [4]. Der Aufruf dafür kann so aussehen:

$ grml2usb --bootoptions="persistence" grml64-full_2014.03.iso /dev/sdxy

Hier gilt es, die richtige Partition auszuwählen. Es ist auch möglich, mehrere ISO-Abbilder hintereinander auf verschiedene Partitionen zu legen – dann müssen Sie zusätzlich eine Extra-Partition für die Persistenz anlegen.

Eine weitere Möglichkeit, Grml aus dem Startmenü zu booten, bietet PXE [5]. Mithilfe von Grml-terminalserver [6] lässt sich übers Netzwerk ein PXE-fähiger Client booten. Zudem können Sie aus dem Startmenü heraus auch einen SSH-Server samt Passworteingabe starten. Außerdem unterstützt Grml die Option fromiso, um ein Image direkt von der Festplatte zu starten.

Mit dem mächtigen Bootparameter netscript lassen sich während des Starts Skripte von Servern herunterladen und ausführen. Auf diesem Weg stoßen Sie beispielsweise automatisch ablaufende Deployments an. Beim Start dürfen Sie außerdem eine serielle Konsole starten oder das Image in den Hauptspeicher laden.

Wichtig für die forensische Datenrettung ist die Option Forensic Mode. Sie spart bei der Hardware-Erkennung die Festplatten aus und schaltet alle Block-Devices in den Nur-Lesen-Modus.

Aus Grml wird Debian

Grml ist als Live-CD ausgelegt und nur bedingt zur Installation auf Festplatten geeignet. Möchten Sie die Grml-Zutaten täglich nutzen, bauen Sie mit dem Skript Grml-debootstrap [7] in Windeseile ein komplettes Debian – je nach Präferenz “Stable”, “Testing” oder “Unstable” – um Grml herum (Abbildung 3).

Abbildung 3: Grml eignet sich auch als Ausgangspunkt für eine maßgeschneiderte Debian-Installation.

Abbildung 3: Grml eignet sich auch als Ausgangspunkt für eine maßgeschneiderte Debian-Installation.

Das Skript fungiert als Wrapper für den Befehl Debootstrap [8] und erspart das manuelle Eintippen der nötigen Befehle. Die Angaben zu Installationsort, Bootloader, Kernel-Optionen und Debian-Version fragt ein Ncurses-basierter Dialog ab. Die Manpage zu Grml-debootstrap erläutert dessen zahlreiche Kommandozeilenoptionen, über die Sie das zu installierende System bis hin zu dedizierten Paketlisten und Konfigurationen spezifizieren.

Diese Möglichkeit eines skriptgesteuerten Debootstrap nutzen erfahrene Debian-Anwender gern als schnellste Möglichkeit, um ein Debian-System aufzusetzen, das gleich einen aktuellen Kernel und benötigte Firmware mitbringt, selbst wenn man als Variante Debian “Stable” wählt. Das Paket grml-debootstrap findet sich zudem sowohl in den Debian- als auch in den Ubuntu-Archiven.

Shell speziell

Ein nicht zu vernachlässigendes Merkmal von Grml stellt die Verwendung der Zsh als Standard-Shell dar. Diese nutzt eine eigene Konfiguration, die als Grml-zshcfg auch außerhalb von Grml bekannt und beliebt ist. Weitere Konfigurationen für die Z-Shell finden Sie auf deren Webseite [9].

Die Grml-spezifischen Einstellungen, Funktionen und Aliases dokumentiert das Grml-Wiki [10] mitsamt vielen weiterführenden Links. Anfangs recht gewöhnungsbedürftig, möchte man die mächtige Zsh bald nicht mehr missen [11]. Auf Wunsch dürfen Sie aber auch eine andere Shell einstellen.

Fazit

Grml präsentiert sich auch in der neuen Version als prall gefüllter Werkzeugkasten für Sysadmins, Netzwerker und Datenretter. Es eignet sich aber ebenso gut als Betriebssystem für Liebhaber von Text-Tools, die gerne hauptsächlich ohne X-Server arbeiten (Abbildung 4). Beide Nutzergruppen finden in Grml eine gut gepflegte Basis für die tägliche Arbeit. 

Abbildung 4: Grml bootet standardmäßig in die Konsole, von der aus sich bei Bedarf aber auch eine grafische Oberfläche starten lässt.

Abbildung 4: Grml bootet standardmäßig in die Konsole, von der aus sich bei Bedarf aber auch eine grafische Oberfläche starten lässt.

Der Autor

Ferdinand Thommes lebt und arbeitet als Linux-Entwickler, freier Autor und Stadtführer in Berlin.

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2 Kommentare
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GodofZilla
12 Jahre her

Ganz praktisch, wenn man mal wieder was zerschossen hat oder eine Windows-Kiste retten muss. Es fehlt nur wenig, was man bräuchte.

Andreas Bohle
12 Jahre her
Reply to  GodofZilla

Absolut. Daher berichten wir in LinuxUser auch regelmäßig über neue Versionen.

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