Linux eignet sich in diversen Varianten auch als Einsteiger-Betriebssystem für kleinere Kinder. Das neue Jux 3.0 wartet mit einigen Schmankerln speziell für diese Zielgruppe auf.
Die in Österreich entwickelte Linux-Distribution Jux [1] gehört bereits zu den älteren Semestern in der Geschichte freier Software und Betriebssysteme. Mit Jux 3.0 hat das von der Stadt Wien geförderte Netbridge-Projektteam nach einer längeren Pause nun erneut eine Variante des Live-Systems mit einigen Innovationen vorgestellt. Jux 3.0 richtet sich an die Altersgruppe der sechs- bis zwölfjährigen Kinder.
Runderneuert
Bei der Neuauflage haben die Entwickler nicht nur auf dem Desktop, sondern auch unter der Haube massive Veränderungen vorgenommen: So basiert das System nun nicht mehr auf wie bislang auf Grml, sondern stattdessen auf Ubuntu 11.04. Damit umschifft man diverse Schwächen bei der Hardware-Unterstützung, wie sie im Grml-Basisprodukt bestehen. Die Kehrseite der Medaille: Das System findet nun nicht mehr wie die Vorgänger auf einer CD-ROM Platz, sondern kommt als rund 1,43 GByte großes Image zum Download und Brennen auf eine DVD oder Aufspielen auf einen USB-Stick [2].
Auch die Hardware-Anforderungen stiegen mit dem Wechsel des Basissystems: Als Minimalanforderungen nennt das Netbridge-Projektteam 1 GByte Hauptspeicher. Im Test zeigte sich zudem, dass sich Jux 3.0 tatsächlich erst mit Prozessoren deutlich jenseits der 1-GHz-Grenze und mit entsprechendem Arbeitsspeicher sinnvoll nutzen lässt. Weitere Voraussetzungen geben die Entwickler nicht an, da Ubuntu auf aktuellen Systemen über eine ordentlich arbeitende Hardware-Unterstützung verfügt.
Oberflächliches
Auch auf dem Bildschirm hat bei Jux 3.0 eher eine Revolution als eine Evolution stattgefunden. Während bislang ein eher spielerisch anmutender Desktop mit Symbolen als Programmstarter und ohne typische Merkmale herkömmlicher Oberflächen wie Panelleisten den leichten Einstieg für Kleinkinder ermöglichte, kommt in der neuen Jux-Version Gnome 2.32.1 zum Einsatz. Ungewöhnlich erscheinen die auf dem Desktop oben mittig und rechts angeordneten großen Programmsymbole, die an die Sugar-Oberfläche des OLPC-Projektes erinnern [3].
Tatsächlich nehmen die Entwickler von Jux 3.0 nicht nur grafische Anleihen bei Sugar, sondern implementieren dessen gesamtes System, das sich exzellent zur Förderung motorischer wie auch kognitiver Fähigkeiten bei kleineren Kindern eignet. Sugar läuft dabei unter Jux 3.0 in einem Fenster. Sie rufen die Oberfläche im Menü Anwendungen | Bildung | Sugar auf oder starten sie direkt auf dem Desktop durch einen Doppelklick auf das Sugar-Symbol (Abbildung 1).
Doch nicht nur die Integration von Sugar stellt sich als echte Innovation im Bereich der Lerndistributionen dar: Für die älteren Semester unter den Anwendern stellt Jux 3.0 die Bürosuite OpenOffice4Kids bereit, die man ebenfalls direkt vom Desktop oder aus dem Menü Anwendungen | Büro startet.
Die Kiddie-Variante von OpenOffice zeichnet sich nicht nur durch die Verwendung kindgerechter Symbole aus, sondern bietet im Vergleich zur ausgewachsenen Bürosuite zusätzlich stark vereinfachte Symbolleisten mit entsprechend reduziertem Funktionsumfang. Dadurch gelingt Schülern im Grundschulalter, die mit den wichtigsten Funktionen von Bürosoftware vertraut gemacht werden sollen, ein deutlich leichterer Einstieg in die Office-Suite als mit der Standard-Variante mit ihren oft funktionell überladenen Menüs und Symbolleisten (Abbildung 2).
Lernsoftware
Bereits seit den ersten Versionen der Distribution lag der Schwerpunkt der Netbridge-Produkte auf der Integration didaktisch möglichst ausgewogener Lernsoftware, die alle Aufgabenfelder und Anforderungen der jeweiligen Zielgruppe abdecken sollte. Auch in Jux 3.0 beschränkt sich daher die Softwareauswahl nicht nur auf Sugar und seine eher spielerisch zu bedienenden Programme, sondern bietet zudem eine angepasste Plattform für ältere Kinder mit bereits vertieften Computerkenntnissen sowie wie für Kinder mit Lerndefiziten.
Ein Klick auf das Programmsymbol Lernspiele startet eine aktuelle Version von Gcompris, das für alle gängigen Unterrichtsfächer in der Grundschule einschließlich des Heimat- und Sachkunde-Unterrichts spielerische Übungen bereithält. Für Kinder mit feinmotorischen Defiziten ermöglicht das Tastatur- und Maussteuerungsprogramm Pysycache die Annäherung an den Computer. Auch die speziell bei Grundschülern äußerst beliebten Programme Tux Paint, Tux Math und Tux Typing finden sich im Fundus von Jux 3.0 im Menü Anwendungen | Bildung.
Bei allen genannten Software-Suiten fällt die sorgfältige Integration multimedialer Bestandteile auf: So tragen sowohl Gcompris als auch Pysycache die Aufgabenstellungen auch akustisch vor, sodass Kinder, die noch nicht (richtig) lesen können, auch ohne die Unterstützung durch Erwachsene mit den Programmen klarkommen.
Aus dem OLPC-Fundus ausgekoppelt wurden weiterhin die Applikationen eToys und TurtleArt, die Sie ebenfalls im Menü Anwendungen | Bildung finden. Während eToys Kindern spielerisch eine Programmierumgebung bietet, dient TurtleArt zur Logo-Entwicklung und regt damit kreative Köpfe an.
Standardsoftware
Sie können Jux 3.0 bei Bedarf jedoch nicht nur als Live-CD zu Lernzwecken nutzen, sondern aufgrund der Basis Ubuntu auch dauerhaft auf der heimischen Festplatte installieren und als Allround-System einsetzen. Zwar fällt die Software-Auswahl in den Anwendungsmenüs in der Live-Variante deutlich reduziert aus, aber da Jux alle bekannten Ubuntu-Tools von Haus aus bereits mitbringt, passen Sie das System schnell Ihren Wünschen gemäß an. Synaptic erlaubt dabei den bequemen und unproblematischen Zugriff auf den gesamten Software-Fundus von Ubuntu.
Die sorgfältige Konzeption des Systems im Hinblick auf die Zielgruppe fällt auch beim Internet-Zugang auf: Jux 3.0 bietet als Browser Firefox in Version 10.0, wobei dieser bereits im Lesezeichen-Menü eine stattliche Anzahl kindgerechter Seiten vorweist. Es empfiehlt sich jedoch, Firefox selbst einer grundlegenden Konfiguration zu unterziehen, da der Browser in der Standardeinstellung keinerlei zielgruppenspezifische Sicherheitsmechanismen bietet.
So ist weder (wie etwa bei Kindertux) ein Proxy-Server vorgeschaltet, noch finden sich entsprechende Addons vorinstalliert. Auch andere Einstellungen des Browsers, etwa hinsichtlich des Caches oder der Cookies, entsprechen den Standardeinstellungen. Sie sollten sie daher im Sinne verbesserter Sicherheit modifizieren, sollen die Kinder ohne Aufsicht im Internet surfen dürfen. Es empfiehlt sich in solchen Fällen zusätzlich der Einsatz eines Proxy-Servers wie Privoxy, der eine sehr feine Justierung der Nutzerrechte bietet.
Festplatteninstallation
Jux 3.0 bietet – anders als vergleichbare Programme – direkt keine eigene Routine, um die Distribution auf der heimischen Festplatte zu installieren. Sie können die dauerhafte Installation jedoch problemlos mithilfe des Befehls ubiquity in einem Terminal anstoßen.
Die Routine führt Sie sodann in wenigen Schritten zu einem funktionsfähigen Jux-3.0-System auf der Festplatte. Je nach Rechenleistung und Ausstattung des Computers dauert die Grundinstallation zwischen 30 und 45 Minuten. Eine detaillierte Hilfestellung zur dauerhaften Installation des Betriebssystems finden Sie in der Jux-Dokumentation [4].
Fazit
Auch Jux 3.0 präsentiert sich wieder rundum gelungen. Schwächen der Vorgängerversion hinsichtlich der Hardware-Unterstützung wurden durch den Wechsel zu Ubuntu als Basissystem komplett beseitigt, durch die Integration des Sugar-Systems bietet Jux eine echte Innovation für kleinere Kinder.
Auch wenn Sie nicht ein nur für Ihren Nachwuchs passendes System suchen, sondern einen Allrounder benötigen, liegen Sie bei Jux richtig: Das System lässt sich problemlos auf der Festplatte installieren und anschließend dank Synaptic und dem Software-Fundus von Ubuntu zu einer ausgewachsenen Linux-Variante ausbauen.
Einziges Manko – insbesondere für viele deutsche Schulen mit der typischen schlechten Hardware-Ausstattung – dürfte die Größe des ISO-Images darstellen: Einen Betrieb mit einem CD-ROM-Laufwerk kommt bei Jux 3.0 nicht mehr infrage. Wer dagegen über eine halbwegs aktuelle Hardware-Ausstattung verfügt, der findet in Jux 3.0 eine der besten Linux-Distributionen für die Altersklasse zwischen sechs und zwölf Jahren.
Infos
[1] Jux-Projekt: http://www.jux-net.info
[2] Download: http://www.jux-net.info/index.php/download/jux3
[3] OLPC-Projekt: http://one.laptop.org/
[4] Jux-Dokumentation: http://www.jux-net.info/index.php/dokumentation/installation






