Maßgeschneiderter Desktop mit XFCE

Aus LinuxUser 07/2012

Maßgeschneiderter Desktop mit XFCE

© Maksym Gorpenyuk, Fotolia

Gnome light

Obwohl als spartanisch angesehen, kann XFCE mit ausgewachsenen Desktops wie Gnome oder KDE durchaus mithalten. Die aktuelle Version 4.10 hält zudem einige interessante neue Features bereit.

Olivier Fourdan konnte nicht ahnen, welch dicken Stein er ins Rollen brachte, als er vor sechzehn Jahren ein Panel veröffentlichte, das damals eigentlich nur als Erweiterung für den Fenstermanager Fvwm dienen sollte. Das einstige Mini-Projekt hat sich inzwischen zur ausgewachsenen Arbeitsumgebung gemausert.

Das kürzlich in Version 4.10 erschienene XFCE [1] zählt somit zu den ältesten grafischen Umgebungen für freie Betriebssysteme überhaupt. Anfangs lehnte es sich bei Erscheinungsbild und Bedienung an das kommerzielle, mittlerweile nicht mehr weiterentwickelte CDE an. Nach einer Umstellung der Grafikbasis von XForms auf GTK+ entstand daraus ein modularer, in den Basisanwendungen vollständiger Desktop (Abbildung 1).

Abbildung 1: Das alles und noch viel mehr – XFCE zeigt sich bestens bestückt.

Abbildung 1: Das alles und noch viel mehr – XFCE zeigt sich bestens bestückt.

Underdog

Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang die Metapher des “kleinen Gnome” auf. Vom GNU-Desktop hat XFCE vor allem eines geerbt: Die Modularität, die niemandem feste Arbeitsabläufe aufzwingt, sondern weitgehende Anpassungen und den einfachen Austausch selbst der Kernkomponenten ermöglicht.

Allerdings hinkt der beliebte Vergleich neuerdings etwas, weil er sich auf das Verhalten von Gnome 2.x bezieht, während die neuesten Ausgaben des GNU-Desktops eine fest verschraubte, nur mäßig und umständlich zu konfigurierende Umgebung auf den Bildschirm legen. Zwar blieb nach der Veröffentlichung von Gnome 3.0 die von den Verfechtern der reinen Lehre prophezeite Massenflucht zu XFCE aus, aber eine leise Wanderung lässt sich dennoch spüren [2].

Installieren Sie XFCE als Metapaket der Distribution Ihrer Wahl, so landen neben einigen Bibliotheken mindestens die folgenden Anwendungspakete auf Ihrem Rechner: xfce4-panel, xfce4-session (wozu sich in XFCE 4.8 außerdem noch die xfce4-utils gesellen), xfdesktop, xfwm4 und thunar. Wegen der distributionsseitig festgelegten Paketabhängigkeiten und der mitgelieferten systemweiten Konfiguration lässt sich hier meist nichts abspecken, obwohl es mit ein wenig Aufwand gelingt, eine “nackte” Sitzung lediglich mit Xfce4-session zu starten.

Fensterschieber

XFCE setzt nach wie vor auf Xfwm4 als vorgegebenen Fensterverwalter. Das Programm entstand aus dem Code des Ur-Fvwm, Xfwm4 geht aber inzwischen völlig eigene Wege. Neben den Basisfunktionen beherrscht er mittlerweile auch Compositing. Dabei beschränken sich die Funktionen auf Transparenzen und Schattierungen für Fensterrahmen und Menüs – verspielte Animationen wie in Compiz und Kwin sieht Xfwm4 nicht vor.

Die neueste Version zeigt auch zaghafte Ansätze zu Tiling-Funktionen: Ergreifen Sie ein Fenster per Mauszeiger an der Titelleiste und schieben es an einen der Bildschirmränder, maximiert der Fenstermanager es es dort so, dass es den halben Bildschirm einnimmt. Freilich stellt das noch keine Kacheln im eigentlichen Sinn dar, doch der erste Schritt ist getan und lässt auf zukünftige Erweiterungen hoffen. Das Tiling funktioniert allerdings beim Nutzen mehrerer Bildschirme am Rechner nur eingeschränkt: Haben Sie dazu den Fensterverschub so eingestellt, dass beim Ziehen eines Fensters über den seitlichen Bildschirmrand dieses auf der daneben liegenden Arbeitsfläche landet, klappt das Platzieren in der linken oder rechten Hälfte des Bildschirms natürlich nicht mehr.

Für Umsteiger aus anderen Arbeitsumgebungen könnte interessant sein, Xfwm4 einfach auszutauschen. Beherrschen Sie die Tastenkürzel Ihres Lieblingsfenstermanagers wie im Schlaf und möchten dessen gewohnte Verhaltensweisen nicht missen, hat XFCE auch rein gar nichts dagegen. Für einen Wechsel des Windowmanagers müssen Sie noch nicht einmal in Konfigurationsdateien wühlen.

Fliegender Wechsel

Stattdessen öffnen Sie einfach mit [Alt]+[F2] ein Schnellstartfenster und tippen dort beispielsweise openbox --replace ein. XFCE beendet daraufhin Xfwm4 sauber und startet Openbox. Wenn Sie nun noch bei Arbeitsende im Abmeldefenster ein Häkchen bei Sitzung für weitere Anmeldungen speichern setzen, dann begrüßt Sie nach der Neuanmeldung XFCE künftig immer mit Openbox. So einfach kann Sitzungsverwaltung sein.

Zugegeben, nicht immer ist der Start eines neuen Fensterverwalters so simpel. Fluxbox zum Beispiel braucht folgenden Befehl: killall xfwm4 && startfluxbox. Das eigentlich Fluxbox-Binary ist weder in der Lage, einen laufenden Fenstermanager sauber zu beenden noch startet es ohne das Wrapper-Skript. Im Zweifelsfall sollten Sie die Wirkung Ihrer Eingabe zuerst in einem Terminalfenster testen, für den Fall, dass Ihr Desktop völlig ohne Fensterrahmen zurückbleibt, falls etwas schief geht.

Im Allgemeinen verträgt sich XFCE mit allen EWMH-kompatiblen Fenstermanagern [3]. Selbst Mutter oder Kwin stellen den Desktop vor kein Problem – allerdings müssen Sie dann nach einem geeigneten Weg für die Konfiguration suchen. Das XFCE-Tool Fensterverwaltung startet logischerweise gar nicht erst, wenn Xfwm4 nicht läuft. Für Mutter oder Metacity können Sie zu Gnome-tweak-tool greifen. Für Kwin hingegen müssen Sie größere Teile des KDE-Stacks nachinstallieren, wenn Sie die Einstellungen nicht von Hand editieren wollen.

Mörderisches

Der aus anderen Umgebungen bekannte Informationsbalken an einem oder mehreren Bildschirmrändern heißt in XFCE “Leiste” und gehört zur Standardkonfiguration. Falls Sie die Leiste aber nicht mögen und anderen Tools den Vorzug geben, lässt sich sie sich völlig vom Desktop fegen, auch wenn ihr Konfigurationsprogramm dies nicht ohne Weiteres zulässt. Falls Sie befürchten, dass durch den Wechsel das Anwendungsmenü verloren ginge – kein Problem: Die XFCE-Komponente Xfdesktop, die ebenfalls zur Grundausstattung gehört, zeigt Ihnen mittels Rechtsklick weiterhin die Anwendungen an.

Um die Leiste dauerhaft zu entfernen, öffnen Sie im Menü den Eintrag Einstellungen | Sitzung und Startverhalten. In der Programmliste im Reiter Sitzung erscheint der Eintrag xfce4-panel, den Sie durch einen Mausklick markieren und dann Programm beenden anklicken. Nach dem Bestätigen des Vorgangs verschwindet die Leiste und wird auch nach dem Ab- und erneuten Anmelden nicht wieder gestartet.

Sollten Sie später einmal dieses rigorose Vorgehen bereuen, können Sie jederzeit in einem Schnellstartfenster wieder den Befehl xfce4-panel absetzen und damit die Leiste samt allen früheren Einstellungen wieder reanimieren.

Auf die oben genannte Weise können Sie über den Reiter Sitzung auch weitere Kernbestandteile des Desktops um die Ecke bringen, solange Sie dabei den Hintergrunddienst Xfsettingsd nicht antasten. Der sorgt in jedem Fall dafür, dass XFCE – auch im auf das absolute Minimum reduzierten Modus – völlig ballastfrei startet und Raum für eine Eigenkreation schafft.

XFCE 4.10 bringt außerdem einen neuen Anzeigemodus für die Leiste mit: Der Leistenhintergrund lässt sich nun transparent darstellen, ohne dabei die Applets oder Programmstarter zu beeinflussen. Sie können jetzt also die Programmstarter an einen Bildschirmrand legen, ohne dass das Ganze nach Panel aussieht. Zugegeben – das ist nicht mehr als eine kleine kosmetische Operation, verhilft aber dem optisch nicht eben reich gesegneten XFCE zu etwas mehr Schick (Abbildung 2).

Abbildung 2: Ein Panel ohne Panel, das den Blick auf das Wesentliche lenkt.

Abbildung 2: Ein Panel ohne Panel, das den Blick auf das Wesentliche lenkt.

Windows, oder was?

Falls Ihnen das XFCE-Standard-Outfit oder das von Ihrem Distributor vorgegebene Thema nicht gefallen, kein Problem: Bekanntermaßen ist das Web voll von Themen aller Art, sowohl für Gtk als auch für die Fensterrahmen von Xfwm4.

Seit neuestem gibt es die auf der Gtk-xfce-engine basierenden Gtk-Themen auch für Gtk+3. Allerdings weist deren Optik noch einige Fehler auf und entspricht nicht völlig dem, was Sie aus Gtk+2 kennen, obwohl die Standardthemen bereits allesamt auf die neue Plattform migriert wurden. Doch es besteht Hoffnung, denn für das voraussichtlich im April 2013 erscheinende XFCE 4.12 steht die Migration auf Gtk+3 fest im Plan [3] und wird sicherlich eine perfekte Gtk-Engine quasi als Nebenprodukt mitliefern.

Wenn Sie es leid sind, dass Ihnen bei der Arbeit am Rechner jemand über die Schulter schaut und fragt: “Was ist das denn für ein Windows?”, dann bringen Sie ihn relativ leicht zum Verstummen, indem Sie den Desktop einfach so aussehen lassen wie jenen des Microsoft-Betriebssystems (Abbildung 3).

Abbildung 3: Das Microsoft-Original wird in zwei Jahren eingemottet, doch hier lebt es zumindest optisch weiter.

Abbildung 3: Das Microsoft-Original wird in zwei Jahren eingemottet, doch hier lebt es zumindest optisch weiter.

Falls Ihnen das Design von Windows XP genügt, dann haben Sie leichtes Spiel: Eine Fensterdekoration namens RedmondXP bringt Xfwm4 bereits mit, ebenso ein Gtk2-Thema namens xfce-redmondxp, das auf der Gtk-xfce-engine basiert und somit auch für Gtk3 zur Verfügung steht – samt der bereits erwähnten optischen Unzulänglichkeiten.

Bei Bedarf geht es auch etwas moderner, denn unter [4] steht eine Windows Vista ähnelnde Fensterdekoration einschließlich eines leidlich passenden Gtk-Themas zum Herunterladen bereit. Mit etwas Mühe finden Sie im Netz weitere Gtk-Themen, die neuere Ausgaben der proprietären Arbeitsumgebung recht gut imitieren.

Wo gibt’s XFCE 4.10?

Aktuelle Pakete für XFCE 4.10 sind derzeit rar, was angesichts des zarten Alters der neuesten Version nicht weiter verwundert. Die aktuellen Ausgaben von Xubuntu und OpenSuse sowie des XFCE-Spins von Fedora haben allesamt noch die letzte stabile Version 4.8.x an Bord.

Dennoch müssen Sie nicht zwangsläufig auf XFCE 4.10 verzichten, denn rührige Paketbauer stellen außerhalb der eigentlichen Distributionen Pakete bereit. Ubuntu-Fans finden wie so oft die Pakete in einem separaten PPA vor [6], Benutzer von Fedora 17 können sich im Repository von Kevin Fenzi bedienen [7]. Auch für Opensuse 12.1 gibt es bereits eine entsprechende Paketquelle [8].

Ausblick

Mit ein wenig Neugier und Geduld werden Sie noch mehr Möglichkeiten finden, aus einem Standard-XFCE Ihr ureigenes System zu machen, das Ihnen sein Verhalten nicht aufzwingt, sondern sich Ihren Wünschen öffnet.

Böse Zungen behaupten zwar, dass Modularität und Integrität sich auf Dauer in einer Arbeitsoberfläche nicht vertragen, aber XFCE beweist Tag für Tag das Gegenteil. Obwohl recht häufig neue Anwendungen und Plugins hinzukommen, scheint den Entwicklern der Zwang fremd zu sein, alles selbst anbieten zu wollen. Damit vermeiden sie erfolgreich die Falle, den Benutzer in der wohlmeinenden Absicht, ihm etwas Gutes zu tun, unterschwellig zu entmündigen.

Da sich die meisten hier genannten Funktionen nicht auf die neueste Version beziehen, lassen sie sich auch mit älteren XFCE-Versionen nachvollziehen. Die aktuelle 4.10 markiert dennoch einen Wendepunkt, denn wie bereits erwähnt, wird die nächste Veröffentlichung auf Gtk+ 3 basieren.

Optisch und in den Arbeitsabläufen bedeutet das mit Sicherheit keinen so großen Sprung wie von Gnome 2.x auf 3.x, wird aber vor allem für die Entwickler viel Arbeit verursachen. Zwar sind Teilaufgaben schon erledigt: So hat beispielsweise der XFCE nahestehende Midori-Webbrowser den Umstieg bereits fast vollzogen. Doch XFCE weist mittlerweile einen derartigen Umfang auf, dass ein Jahr für die Migration schon zu wenig sein könnte, insbesondere angesichts der Vielzahl der zu portierenden Anwendungen und Plugins. Man darf gespannt sein, wie oft die Roadmap noch Änderungen erfährt. 

Glossar

EWMH

Extended Window Manager Hints. Ein Regelwerk dafür, wie man Fensterverwalter über Systemaufrufe steuern und Zustände abfragen kann. Die Kompatibilität zu diesen vom Freedesktop-Projekt verabschiedeten Standards sind die Grundlage dafür, dass sich Fensterverwalter mehr oder weniger reibungslos in verschiedenen Umgebungen als Zwischenschicht zwischen X-Server und Anwendungsebene einfügen.

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MegaNerd
13 Jahre her

FTW ? LXDE FTW!

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