Vorschau auf Ubuntu 12.04

Aus EasyLinux 02/2012

Vorschau auf Ubuntu 12.04

Was lange währt…

Mit Version 12.04 rollt wieder einmal eine bedeutende Release des Ubuntu-Projekts heran, die sich insbesondere auch für Einsteiger eignet. Wir zeigen, was Sie in Ubuntu 12.04 erwartet.

Bereits seit dem 23. Februar steht zu großen Teilen fest, wie das neue Ubuntu 12.04 [1] aussehen wird. Seit diesem Termin fließen – zumindest offiziell – keine neuen Features mehr in die Vorabversion von Ubuntu 12.04 ein. Vielmehr geht es darum, die in der LTS-Version vorhandenen Funktionen zu testen und die Distribution möglichst von Fehlern zu befreien.

Die Abkürzung LTS steht für “Long Term Support”, also Langzeitunterstützung. Diese Versionen erscheinen – im Gegensatz zum “gewöhnlichen” Ubuntu mit seinen Halbjahreszyklen – nur alle zwei Jahre. Sie erhalten fünf Jahre lang Sicherheits-Patches und Fehlerkorrekturen, was im Computerbereich ein langer Zeitraum ist. Theoretisch können Sie vier Jahre lang ohne Sicherheitsbedenken mit der Version arbeiten. Danach aktualisieren Sie das System – in zwei Upgrade-Sprüngen – auf die Version 16.04, die voraussichtlich 2016 erscheint.

Mit den LTS-Versionen wollen die Ubuntu-Entwickler vor allem Personen ansprechen, die mit ihrem Desktop schlicht arbeiten und nicht ständig nach den neuesten Programmversionen gieren. Experimente sind hier Tabu. Wollen Sie bei Freunden oder Familienmitgliedern ein Ubuntu installieren, greifen Sie am besten zur LTS-Version. Das wichtigste Argument ist die Stabilität. Der Autor dieser Zeilen arbeitet seit der ersten Alphaversion jeden Tag mit Ubuntu 12.04 auf dem Produktivsystem – bisher ohne ernste Zwischenfälle. Das sei niemandem empfohlen, zeigt aber, wie stabil die 12.04 bereits heute läuft. Grund dafür ist vermutlich auch, dass Canonical im Vorfeld die Testbemühungen deutlich verstärkt hat und nun permanent testet.

Unterbau

In den Zwischenversionen seit der letzten LTS-Version (Ubuntu 10.04) kam es in einigen Bereichen zu Rückschlägen. Der Energieverbrauch von Ubuntu ist deutlich gestiegen, Startzeiten und Performance sind schlechter geworden. Mit der kommenden LTS-Version wollen die Entwickler das wieder ändern. Der schlechte Wert beim Energieverbrauch geht zum Teil auf einen Fehler im Kernel zurück – die aktuelle Kernel-Version behebt das Problem. Ubuntu 12.04 sollte daher im Akkubetrieb wieder länger laufen.

Unity

Eine Teilschuld an den schlechteren Performance-Werten trägt sicher Unity. Das Ubuntu-Projekt hat sich im Verlauf der letzten zwei Jahre stark auf den neuen Unity-Desktop konzentriert, der nun unter Ubuntu standardmäßig zum Einsatz kommt. Er soll in Version 12.04 schneller auf Benutzereingaben reagieren und macht auch aufgrund einiger neuer Features einen “runderen” Eindruck. Die Betaversion hat Unity 5.4 an Bord – die fertige Version könnte aber auch Unity 5.8 mitbringen, das Ende März erschienen ist. Wer Unity nicht mag, kann alternativ auch den Gnome-3-Desktop, KDE oder alternative grafische Oberflächen wie LXDE und Xfce installieren.

Tolle Einstellmöglichkeiten bietet Unity noch immer nicht: Lediglich die Icons im Launcher lassen sich vergrößern, und man die Reaktionszeit einstellen, nach der er sich aus der linken Seite des Bildschirms schiebt. Das erreichen Sie über den Auswahlpunkt Darstellung in den Systemeinstellungen (Abbildung 1). Der Mangel an Konfigurationsmöglichkeiten ist Konzept, verärgert aber Unity-Kritiker, die sich der Freiheit beraubt sehen, den Desktop komplett nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Selbst mit nachinstallierbaren Tools wie MyUnity und dem CompizConfig-Settings-Manager (kurz CCSM) lassen sich nur wenige Schrauben nachstellen. Während sich einige Anwender anderen Distributionen und Desktops zugewandt haben, gibt es aber auch viele Fans des neuen Konzepts.

Abbildung 1: Die Änderungsmöglichkeiten für den Launcher fallen noch immer sehr spärlich aus. Über die Systemeinstellungen lässt sich zum Beispiel die Größe der Launcher-Icons ändern.

Abbildung 1: Die Änderungsmöglichkeiten für den Launcher fallen noch immer sehr spärlich aus. Über die Systemeinstellungen lässt sich zum Beispiel die Größe der Launcher-Icons ändern.

In der Version 12.04 stoßen Sie auf weitere Änderungen, die den Desktop betreffen. Die Systemeinstellungen bieten neuerdings eine Möglichkeit, die Privatsphäre zu schützen und Einträge aus der History von Unity zu entfernen. Der Punkt heißt zur Zeit noch Privacy (engl. für Privatsphäre) und lässt Ubuntu 12.04 unter anderem vergessen, welche Dateien und Programme Sie in den letzten Stunden und Tagen verwendet haben. Wahlweise ignoriert Unity auch nur bestimmte Dateitypen, etwa E-Mails und besuchte Webseiten.

Auch ein anderes Problem haben die Entwickler gelöst: Wenn Sie in Firefox auf den Zurück-Button klicken wollen, erscheint nicht mehr aus Versehen der Launcher, wenn Sie mit der Maus einen Tick zu weit nach links gefahren sind. Stattdessen müssen Sie nun mit dem Mauszeiger explizit einen Augenblick gegen den linken Seitenrand fahren, um die Iconleiste auf den Bildschirm zu holen. Auch optisch haben die Entwickler nachgebessert: Nicht nur die Systemeinstellungen wirken sehr aufgeräumt, die Icons auf dem Launcher richten ihre Farbgebung nach dem verwendeten Hintergrundbild. Nicht zuletzt erwartet Sie ein neuer atmosphärischer Begrüßungssound.

Die Linsen und das HUD

Unity bringt noch weitere erwähnenswerte Änderungen mit. Zum einen gibt es nun mindestens zwei neue Linsen für Musik und Videos (Abbildung 2). Suchen Sie einen bestimmten Song, drücken Sie [Windows], dann [Tab], bis die Musiklinse erscheint, und geben den Namen des Songs in das Suchfeld ein. Drücken Sie [Eingabe], startet Ubuntu im Hintergrund den Audioplayer und spielt den Song direkt ab. Bei Videos lassen sich oben rechts über die Filtereinstellungen zudem externe Videoquellen wie YouTube oder der BBC iPlayer einbinden – die Auswahl beschränkt sich also nicht auf die lokale Videosammlung. Es gibt zudem Dutzende weitere Linsen im Internet [2], die Sie über zusätzliche Paketquellen installieren, wenn Ubuntu sie nicht an Bord hat.

Abbildung 2: Tippen Sie einen Suchbegriff in das Dash ein, erscheinen nun auch Videos und Audiodateien, auf die das Suchwort passt.

Abbildung 2: Tippen Sie einen Suchbegriff in das Dash ein, erscheinen nun auch Videos und Audiodateien, auf die das Suchwort passt.

Halten Sie die Windows-Taste länger gedrückt, erscheint nicht nur der Launcher, sondern neuerdings auch ein transparentes Hintergrundbild, das die verfügbaren Tastaturkürzel vorstellt. So lernen Sie die wichtigen Shortcuts schnell auswendig. Und die werden immer wichtiger: Unity ist ein Desktop, den Sie am besten mit der Tastatur bedienen. Für Power-User ist das eine gute Nachricht, denn schon immer ging die Arbeit mit Hilfe von Tastaturkürzeln am schnellsten von der Hand – man denke nur an [Strg]+[C] und [Strg]+[V].

In Richtung Tastatur zielt auch eine wirkliche Innovation von Ubuntu 12.04: das HUD (Head-up-Display). Das spinnt die Unity-Suchfunktion weiter und wendet sie innerhalb von Programmen an. Wollen Sie zum Beispiel in Gimp den Unschärfefilter aufrufen, drücken Sie in der laufenden Anwendung die Starttaste für das HUD (zur Zeit [Alt]) und geben Unschärfe ein (Abbildung 3). Das HUD erkennt nun nicht nur die gewünschte Option, sondern merkt sich zudem die meistgenutzten Arbeitsschritte. Ob und in welcher Form das HUD in Ubuntu 12.04 auftauchen wird, ist noch nicht entschieden. Fest steht: Es braucht ein bisschen Gewöhnung, um die noch nicht ganz ausgereifte Technologie gewinnbringend einzusetzen, es zwingt Sie aber niemand dazu, das HUD zu benutzen.

Abbildung 3: Eine wirkliche Option ist das HUD (Head-up-Display). Es durchsucht die Menüeinträge von Anwendungen, Sie starten es auf Wunsch über <code srcset=

Alt.” width=”300″ height=”225″ /> Abbildung 3: Eine wirkliche Option ist das HUD (Head-up-Display). Es durchsucht die Menüeinträge von Anwendungen, Sie starten es auf Wunsch über Alt.

Noch ein Wort zu den mitgelieferten Anwendungen: Ubuntu 12.04 tauscht einmal mehr Software aus: Der Audioplayer Banshee hatte nur einen kurzen Gastauftritt in Ubuntu und muss nun wieder Platz machen für Rhythmbox, das einige Funktionen offenbar besser beherrscht. Zahlreiche weitere Programme wird das fertige Ubuntu in einer neuen Version ausliefern, dazu gehören unter anderem Thunderbird, der Instant Messenger Gwibber, LibreOffice sowie der Dateimanager Nautilus.

Fazit

Aktuell sieht es so aus, als dürfte Ubuntu 12.04 einige der Kinderkrankheiten von Version 11.10 ausbügeln. Vor allem der Unity-Desktop wirkt bereits jetzt stabiler und in sich geschlossener, und er bringt interessante neue Features mit. Ärger machen aktuell nur Thunderbird und Firefox, die im Test gern einmal abstürzten. Spannend wird sein, ob das HUD Teil von Ubuntu 12.04 wird und wie es sich entwickelt. In Sachen Stabilität punktet Ubuntu 12.04 bereits jetzt auf unserem Testlaptop. Wie schnell und energiesparend die neue Version wird, lässt sich allerdings noch nicht absehen.

Infos

[1] Ubuntu: http://www.ubuntu.com/

[2] Zusätzliche Unity-Linsen: http://ubuntu-blog.de/2012/01/10-linsen-fur-unity/

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