Die Zeiten, in denen es Linux vor allem an Office-Programmen mangelte, sind schon länger vorbei. Für noch mehr Auswahl sorgt nun die in Nürnberg ansässige Firma SoftMaker mit ihrer nativen Portierung der Textverarbeitung TextMaker 2002.
TextMaker führte als Teil der “SoftMaker-Office”-Suite lange Zeit ein Schattendasein. Schon die Windows-Version galt wegen ihrer geringen Größe bei dennoch hohem Leistungsumfang als Geheimtipp, konnte sich jedoch nie gegen den Platzhirsch MS Office behaupten. Im Rahmen des Projekts “SoftMaker Office anywhere” portiert der deutsche Hersteller nun sukzessive seine Office-Suite auf andere Plattformen. Nachdem zunächst Pocket-PC- und Handheld-Besitzer in den Genuss von TextMaker gelangten, gibt es nun die Linux-Version [2].
Wie der Wind
Eine 30-Tage-Testversion finden Sie unter [3] zum Download bereit. Die Installation ist denkbar einfach: Das Archiv packen Sie mit dem Aufruf tar xzvf textmakertrial.tgz aus, wechseln ins neu entstandene Verzeichnis hinein (cd textmakertrial) und starten das Programm mit dem Aufruf ./tml &.
TextMaker wird seinem guten Ruf hinsichtlich Geschwindigkeit mehr als gerecht: Die Textverarbeitung geht auch auf schwachbrüstigen Rechnern erstaunlich flott zu Werke. Lediglich beim Öffnen der Schriftenauswahl ging der Testrechner (Celeron 500) kurz in die Knie. Hier zahlt es sich offenbar aus, dass SoftMaker sogar die Bibliotheken zur Darstellung der Benutzeroberfläche selbst entwickelt hat. Letztere wirkt aufgeräumt und orientiert sich an früheren Word-Versionen, was Um- und Einsteigern entgegenkommen dürfte. Ab und an tauchen aber noch kleinere Darstellungsprobleme in Eingabefenstern, z. B. im Übersetzungswörterbuch (Abbildung 2), oder bei der Auffrischung der Fensterinhalte auf.
Auch das Hilfesystem ist noch etwas mager gehalten. Assistenten oder eine kontextsensitive Hilfe sucht man vergebens. Der Menüpunkt “Hilfe” ist stattdessen auf das elektronische Benutzerhandbuch in PDF-Format verlinkt. Dieses ist zwar ausführlich und sehr gut aufgebaut, aber mangels Querverweise umständlich zu benutzen. Dennoch lohnt sich ein Blick ins Handbuch – auf das sehr gut gemachte Tutorial für Einsteiger. Der Vollversion von TextMaker liegt das Manual zusätzlich in gedruckter Form bei.
Schreib mal wieder
Bei den Schreibhilfsmitteln stehen bis auf einen Schatten-Cursor sämtliche gängigen Funktionen zur Verfügung. Für alle, die mit den neuen Rechtschreibregeln immer noch auf Kriegsfuß stehen, bietet TextMaker eine pfiffige Hilfe an: Eine Automatik unterstreicht alle Wörter in der alten Schreibweise blau und ersetzt sie auf Wunsch automatisch. Leider arbeitet diese Automatik bei zusammengesetzten Wörtern nicht immer zuverlässig (Abbildung 1).
Auch beim Einfügen von Texten über die Zwischenablage ist Vorsicht geboten: Dieser wird stets als ein Absatz behandelt. Möglicherweise irritiert TextMaker hier der unter Unix anders arbeitende Zeilenvorschub.
Die Sprachenunterstützung geht über das Angebot von OpenOffice hinaus. So lässt sich die Sprache nicht nur zeichengenau zuweisen; es existiert auch noch ein Übersetzungswörterbuch. Dieses arbeitet ähnlich wie die Rechtschreibprüfung, übersetzt aber deutsche Worte in die Sprachen Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch und vice versa.
Layout-Fragen
Farbige Hintergründe zaubert TextMaker lediglich für HTML-Dateien; für andere Dokumente muss man den bunten Background entweder über eingefärbte Absätze oder groß gezogene Rechtecke simulieren. Wasserzeichen lassen sich einfach mit der Funktion Master-Pages realisieren: Ihr Inhalt findet sich auf allen anderen Seiten des Dokumentes wieder.
Bilder lassen sich auf zwei Arten einbinden: Entweder behandelt TextMaker sie wie ein normales Zeichen im Text, oder sie werden in Rahmen untergebracht. Nur mit Hilfe solcher “Container” kann ein Text entsprechende Objekte umfließen. Eine Beschriftung oder Bildunterschrift lässt sich allerdings nicht anheften. Auch eine Verschiebung auf eine andere Seite im Dokument ist nur durch Cut & Paste zu erreichen. Abbildung 3 zeigt, dass TextMaker auch mit komplexeren Layout-Vorgaben prima zurecht kommt. Die inneren und äußeren Rahmenbegrenzungen des Bildes erscheinen später nicht im Ausdruck. Die Silbentrennung erfolgt automatisch im Hintergrund.
Bei den Bildbearbeitungsfunktionen beschränkt sich TextMaker auf stufenloses Skalieren, rudimentäre Beschneidung, sowie Drehungen in 90-Grad-Schritten. Weitergehende Manipulations- bzw. Korrekturmöglichkeiten (oder gar Filter) gibt es nicht. Ins Dokument eingebettete Bilder komprimiert TextMaker auf Wunsch.
Terminus
Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Arbeit mit den verschiedenen Ansichten und Modi. So kennt TextMaker einen Objektmodus, in dem die Bearbeitung von Texten deaktiviert ist. Dieser ist nötig, da sich der Mauszeiger beim Streifen eines Rahmenrandes nicht verändert. Ohne aktivierten Objektmodus wird hier das Selektieren schnell zum Ratespiel. Den Formularmodus benötigt TextMaker immer dann, wenn eingebettete Formularfelder ausgefüllt werden müssen.
Schließlich führt die deutsche Textverarbeitung noch Bereiche ein, mit deren Hilfe eine Seite in logische Einheiten aufgeteilt werden kann. Sollen auf einer Seite beispielsweise in der oberen Hälfte zwei, im unteren Teil jedoch keine Spalte auftauchen, so muss die Seite zunächst in zwei Bereiche aufgeteilt werden. Auch das Anlegen von Formatvorlagen ist in TextMaker etwas umständlicher gelöst, als bei anderen Textverarbeitungen. So muss man für alle Einstellungen stets den Weg über (oft sogar mehrfach verschachtelte) Dialogfenster gehen. Die wenigen vorhandenen Vorlagen decken dabei gerade mal die Standardbedürfnisse ab.
Serienbriefe
Serienbriefe sind dank eines kleinen, eingebauten Datenbankmoduls schnell und einfach angelegt. Zunächst wird eine Datenbank angebunden. Diese darf in Form einer Dbase-Datei oder als Komma getrennte Werte in einer Textdatei vorliegen. Alternativ erlaubt TextMaker die Erstellung und Definition einer neuer Datenbank. Anschließend fügt man die benötigten Felder in das Dokument ein und löst den Druckvorgang aus – fertig. Das Ausschließen von Datensätzen bleibt leider nur der Windows-Version von TextMaker vorbehalten. Als kleine Eingabehilfe können die Datensätze über ein rudimentäres Dialogfenster geändert, bzw. neue Datensätze hinzugefügt werden. Das Löschen eines Datensatzes ist allerdings nicht möglich.
Interessant ist auch das automatische Erzeugen von Adressenaufklebern oder Listen aus einer Datenbank. Allerdings fügt diese Funktion lediglich ausgewählte Datensätze sequentiell in das bestehende Dokument ein. Um Abmessungen muss sich der Nutzer selbst kümmern. Wünschenswert wären hier z. B. Vorlagen von gängigen Aufklebebögen. Umschläge kennt TextMaker ebenfalls (noch) nicht.
Berechnend
Wie auch in OpenOffice, lassen sich Berechnungen innerhalb eines Textes durchführen. Ein komfortabler Editor bezieht Text-, Formular-, Datenbank-, und Tabellenfelder mit ein. Besonders praktisch ist die Zwischenspeicherung in Variablen. Dies kann z. B. für umfangreiche, wissenschaftliche Arbeiten nützlich sein (Abbildung 4). Eine richtige Tabellenkalkulation ersetzt diese Funktion aber nicht.
Import – Export
TextMaker öffnet und speichert HTML-Dokumente, kann diese aber nicht in bestehende Dokumente importieren. Auch der Export von Web-Seiten ist noch nicht ausgereift – komplexe Formate gehen leider verloren, und um Bilder muss sich der Benutzer sogar selbst kümmern.
Der Import von Word-Dateien funktioniert weitgehend reibungslos. Lediglich einige Grafiken bedurften in unserem Testdokument der Nachbearbeitung. Mit einem roten Balken (Abbildung 5) deutet TextMaker an, dass der entsprechende Textrahmen zu klein für seinen Inhalt ist.
Neben den genannten Formaten (.htm und .doc) versteht TextMaker .rtf und die proprietären Dateien seiner Pocket-PC- und Handheld-Verwandten. Die Formate vom Rivalen OpenOffice bleiben vorerst noch ausgesperrt.
Etwas problematisch gestaltete sich der Druck einer dreispaltigen mehrfarbigen Testseite. Beim Export in eine PostScript- oder PDF-Datei schluckte TextMaker offenbar die Farbeinstellungen der folgenden Vorlagen (Abbildungen 6 und 7).
Fazit
TextMaker kann StarOffice und OpenOffice wirklich Paroli bieten. Das Programm enthält alle Funktionen, die man von einer modernen Textverarbeitung erwarten kann. Dabei ist das Leichtgewicht erstaunlich flott. Etwas unschön sind lediglich ein paar Kinderkrankheiten, wie z. B. gelegentliche Abstürze oder die teilweise zu weit verschachtelten Dialogfenster.
Im Gegensatz zur Konkurrenz kommt TextMaker mit pfiffigen neuen Ideen, wie z. B. dem eingebauten Übersetzungswörterbuch. Das komfortablere Vorlagen-Management bietet allerdings OpenOffice. TextMaker ist seine 49,95 EUR mehr als wert – für 30 Euro Aufpreis erhält man bei Sun allerdings schon ein komplettes Office-Paket. Gegen das Preis-/Leistungsverhältnis des kostenlosen OpenOffice kommt der deutsche Texter natürlich nicht an.
Dennoch macht die Arbeit mit TextMaker nicht nur Spaß, sondern auch Lust auf mehr: Sofern SoftMaker sein Versprechen einhält und auch die übrigen Programme seiner Office-Suite auf Linux portiert, wird sich zumindest das kostenpflichtige StarOffice warm anziehen müssen.
Infos
[2] http://www.softmaker.de/tml.htm
[3] http://www.softmaker.de/tmldemo.htm
[4] Frank Wieduwilt: “Schlanker Texter”, LinuxUser 05/2003, S. 28 ff., http://www.linux-user.de/ausgabe/2003/05/028-textmaker/









