Mandriva Linux 2010.1 Spring

Aus LinuxUser 09/2010

Mandriva Linux 2010.1 Spring

© Enrico Nunziati, sxc.hu

Französischer Sommer

Das Warten hat sich gelohnt: Trotz reichlicher Verspätung kombiniert Mandriva 2010.1 Spring topaktuelle Software mir hoher Benutzerfreundlichkeit – und läuft bombenstabil.

README

Anfang Juli 2010 gab Mandriva die jüngste Version seiner desktoporientierten Distribution heraus – durch Verhandlungen über die Zukunft des Unternehmens bedingt mit einmonatige Verspätung. Ob sich Geduld der Freunde dieser Distribution auf eine harte Probe, wir haben uns angesehen, ob sich die Wartezeit gelohnt hat.

Zunächst die Fakten: Mandriva Linux 2010.1 Spring [1] enthält KDE 4.4.3 und Gnome 2.30.1, Firefox 3.6.6 und OpenOffice.org 3.2, dazu die Browser Chromium und Opera (nur im non-free-Bereich des FTP-Servers). Als weitere wichtige Pakete bringt es Amarok 2.3.1, K3b 2.0 und das mittlerweile sehr beliebte Mediacenter XBMC mit. Als Basis dienen der Kernel 2.6.33.5 mit weiteren Verbesserungen im Bereich Hardware-Unterstützung, X.org 7.5 und der in den Kernel integrierte freie Nvidia-Grafiktreiber Nouveau, der standardmäßig den alten Treiber nv ablöst. Auch die wichtigen Systemkomponenten brachten die Entwickler auf aktuellem Stand: Glibc 2.11.1, PHP 5.3.2, MySQL 5.1.46 und Python 2.6.5.

Neuerungen finden sich in nahezu jedem Bereich. So dürfen Sie nun bei der Konfiguration des Bootloaders in verschlüsseltes Passwort einsetzen, noch beim Partitionieren aktivieren Sie auf Wunsch die Verschlüsselung einer Partition durch einfaches Markieren einer Optionsbox. Im Bereich Sicherheit bietet Mandriva nun eine grafische Oberfläche zur Einrichtung des Msec-Systemdiensts (Abbildung 1). Hier blockieren Sie unter anderem auch einzelne Anwendungen für bestimmte Benutzer.

Abb. 1: Die Einstellungen für die Systemsicherheit lassen sich bequem in einer grafischen Oberfläche festlegen.

Abb. 1: Die Einstellungen für die Systemsicherheit lassen sich bequem in einer grafischen Oberfläche festlegen.

Die Installation

Für den ersten Kontakt um System verwendeten wir die Live-Version Mandriva One mit KDE-Desktop [2]. Bereits beim Einrichten des Systems sieht man, dass Mandriva bei der neuen Version viel Gewicht auf einen höheren Bedienkomfort legte: So starten Sie nun optional bereits aus dem Bootmenü der Live-CD heraus die Installation.

Nach einer sowohl für Einsteiger als auch erfahrene Benutzer geeigneten grafischen Partitionierung (Diskdrake) und der Abwahl Paketen, die Sie für die vorhandene Hardware und Sprachumgebung nicht benötigen, kopiert der Installer das System auf die Festplatte. Dabei richtet er auch unfreie Treiber entsprechend der Hardware automatisch ein. Zum Abschluss geben Sie noch das Root-Passworts an und richten ein erstes Benutzerkonto ein. Dann starten Sie das frische System neu.

Mandriva One bootet nun in eine KDE-Umgebung (Abbildung 2), in der bereits alle vorhandenen Hardwarekomponenten fertig eingerichtet und funktionsbereit zur Verfügung stehen. Das funktionierte bei unseren Testrechner sowohl für den WLAN-Chip als auch die eingebaute Webcam. Auch die sonst nach der Installation notwendige Nachinstallation von Browser-Plugins (etwa des Flashplayers) oder Codecs für MP3, OGG oder andere Formate entfallen bei der One-Edition. Sie bekommen also ein All-Inclusive-Paket, verlieren aber andererseits den Vorteils der individuellen Paketauswahl.

Abb. 2: Der KDE-Desktop zeigt sich bei Mandriva Linux als aufgeräumte Arbeitsfläche.

Abb. 2: Der KDE-Desktop zeigt sich bei Mandriva Linux als aufgeräumte Arbeitsfläche.

Legen Sie mehr Wert auf eine umfassende Auswahl von Anwendungen, so greifen Sie besser zur Free-Edition (siehe Kasten “Mandriva Linux: Editionen”), die Sie auch auf der Heft-DVD zu dieser Ausgabe finden. Sie bietet auf einer DVD ein Angebot, das keine Wünsche offen lässt. Nach der Grundauswahl des Desktops (wahlweise KDE oder Gnome) richtet der Installer ein Standardsystem des ausgewählten Desktops ein, das bereits alle gängigen Anwendungen aus den Bereichen Multimedia, Büroarbeit, Internet, Spiele und Wartung enthält. Kennern des Systems steht die individuelle Auswahl der Softwarepakete zur Verfügung, so dass Sie sich eine Ausstattung ganz nach Ihren Bedürfnissen zusammenstellen können.

Ganz neu in Mandriva 2010.1 ist das clevere Werkzeug KA, mit dem Sie nach der Installation die Softwarezusammenstellung eines Rechners auf beliebig viele andere Computern klonen – eine Eigenschaft, die sicher nicht nur Bildungseinrichtungen und Schulungszentren zu schätzen wissen. Bei der Duplizierung passt KA die Konfiguration der Kernelmodule je nach Hardware-Ausstattung der einzelnen Rechner weitestgehend automatisch an.

Mandriva Linux: Editionen

Auch Mandriva Linux 2010 Spring liegt wieder in der bekannten Vielfalt von Editionen vor. Neben der Free-Edition-DVD, die nur freie Software enthält, gibt es die Live-CD One in einer Gnome- und einer KDE-4-Ausführung. Bei den Live-Medien offeriert der Distributor wiederum verschiedene Ausgaben, die sich hinsichtlich der unterstützten Sprachgebiete unterscheiden. Deutschsprachige Benutzer verwenden die ISOs mit der Bezeichnung Europe-Americas (Gnome) respektive Europe1-Americas (KDE).

All diese Editionen laden Sie kostenlos von einem der Mandriva-Spiegelserver herunter, etwa vom FTP-Server der deutschen Benutzergemeinschaft MandrivaUser.de [2].

Als kommerzielle Version offeriert Mandriva das Powerpack, ein Zusammenstellung aus zwei DVDs und einer Support-Option (nur via Web) sowie einigen zusätzlichen Programmen, wie etwa dem Fluendo-DVD-Player und verschiedener proprietärer Treiber und Plugins. Bei Erscheinen dieser Ausgabe von LinuxUser dürfte auch der Mandriva Flash vorliegen, ein USB-Stick mit dem Powerpack und persistentem Speicher. Die kommerziellen Angebote von Mandriva erhalten Sie im Onlineshop des Distributors [3] oder bei einem lokalen Anbieter wie Ixsoft [4] oder Linux-Onlineshop [5].

Der Schreibtisch

Mandriva stellt in der DVD-Version der Distribution in gewohnter Manier alle vier populären Desktops zur Verfügung, neben KDE und Gnome also auch XFCE und LXDE. One-CDs gibt es momentan aber erst mit den beiden großen Desktops KDE und Gnome vor. Erfahrungsgemäß folgen aber in den nächsten Wochen von der Community erstellte Versionen mit LXDE und XFCE.

Nach dem Systemstart sieht man die Arbeitsfläche von KDE 4.4.3 in gewohntem Mandriva-Design (Abbildung 2), das sich seit der vorhergehenden Version nicht geändert hat. Die Distribution zeigt nach wie vor standardmäßig das so genannte Classic-Menü an. Auf Wunsch wechseln Sie aber mit zwei Mausklicks in die Kicker-Darstellung. Die KDE-Umgebung setzte Mandriva sehr nah am Original um, was angesichts der engen Bindung zwischen Mandriva und dem KDE-Projekt nicht anders zu erwarten war. Dabei gefallen insbesondere die Auswahl an Miniprogrammen sowie die große Anzahl von Extras bei den Einstellungen des 3D-Desktops. Letztere stehen freilich größtenteils nur dann zur Verfügung, wenn der Rechner eine 3D-fähige Grafikkarte mitbringt und Sie die entsprechenden Treiber installiert haben.

Der semantische Desktop Nepomuk benutzt nun das Backend Virtuoso zum Speichern der Daten, was das Markieren und die Indizierung spürbar beschleunigt. Der Dateimanager Dolphin unterstützt die Zeitlinienfunktion von Nepomuk. Dadurch können Sie neue Tags nach dem Zeitstempel der letzten Änderung sortiert lassen.

Multimedia

Auch bei Bild und Ton kann die Distribution überzeugen. Die aktuelle Version von Amarok lässt kaum Wünsche offen, sei es das Verwalten von Wiedergabelisten, das Einbinden von CD-Covern oder der Abruf von Liedtexten und Informationen über den Interpreten. Auch die anderen Audio-Anwendungen wie Kscd, Rhythmbox und Streamtuner funktionieren einwandfrei, so dass die Auswahl für jeden etwas bietet.

Im Videobereich stellt die Abhängigkeit von Codecs zur Darstellung eine ärgerliche, aber kaum zu umgehende Hürde dar. Völlig sorgenfrei und ohne zusätzlichen Eingriff kommt man bei keiner der Mandriva-Spielarten in den Genuss selbst gedrehten oder gekaufter Filme. Zwar bietet die kommerzielle Edition “Powerpack” eine passende Anwendung, den Fluendo DVD-Player – der kann aber nur mit optischen Medien, also Video-DVDs, umgehen. Dateien im AVI- oder anderen gängigen Medienformaten lassen sich nur mit Hilfe von zusätzlichen Softwarepaketen darstellen, die Sie aber problemlos aus den Repositories der PLF (Penguin Liberation Front, [6]) installieren.

Die Medienunterstützung im Webbrowser fällt gemischt aus. Während die One-Version bereits bei der Installation das Plugin zum Ansehen von Online-Videos (YouTube, ZDF-Mediathek, etc.) integriert, müssen Sie es bei der Free-Edition nachträglich aus dem Mandriva-Repository einrichten. Dabei haben Besitzer von 64-Bit-Systemen zurzeit das Nachsehen: Da Adobe die Entwicklung der 64-Bit-Version des Flashplayers eingestellt hat, gilt es hier auf die 32-Bit-Version auszuweichen.

Internet

Als Webbrowser nutzt Mandriva 2010.1 standardmäßig Firefox 3.6.6. Daneben stehen sowohl KDEs Konqueror als auch Chromium, Epiphany, Opera und andere, weniger bekannte Webbrowser zur Verfügung. In unserem Test schnitt der freie Chromium-Browser (Abbildung 3) mit Abstand als schnellstes Fenster zur Onlinewelt ab.

Abb. 3: Der freie Browser Chromium stellt nur eine der vielen Webbrowser-Alternativen von Mandriva Linux dar.

Abb. 3: Der freie Browser Chromium stellt nur eine der vielen Webbrowser-Alternativen von Mandriva Linux dar.

Neben den Webbrowsern bringt Mandriva 2010.1 auch eine Vielzahl von Kommunikationsanwendungen mit. Hier findet der Nutzer von ICQ oder anderen Instant-Messaging-Systemen ebenso seine Lieblingsanwendung wie der Chatter. In Sachen E-Mail haben Sie die Wahl zwischen Einzelanwendungen wie Claws-Mail und kompletten Informations- und Kommunikationssystemen wie Kontact und Evolution.

Die Kommunikationssoftware Skype steht nur den Nutzern der kommerziellen Powerpack-Edition zur Verfügung. Hier wird die aktuelle Beta-Version 2.1 installiert, die im Test sowohl im reinen Audiobetrieb als auch mit Video-Übertragung einwandfrei funktionierte. Als Benutzer der Free-Edition müssen Sie auf das allgemeine Paket von Skype.com zurückgreifen, das ein wenig manuelle Anpassung erfordert. Als Alternativen stehen hier die freien Anwendungen Ekiga und KPhone zur Verfügung.

Systemverwaltung

Zu den wichtigsten Tätigkeiten des Linux-Anwenders zählt die Verwaltung der Software. Wir haben uns daher die Einrichtung der Paketquellen sowie die Installation und Deinstallation der Softwarepakete genauer angesehen. Die grafischen Werkzeuge dafür fasst die Distribution in einer Sektion des Mandriva-Kontrollzentrums zusammen (Abbildung 4), alternativ erreichen Sie die Paketverwaltung auch direkt über das Startmenü.

Abb. 4: Das Mandriva-Kontrollzentrum fasst alle wichtigen Werkzeuge zur Systemverwaltung unter einer übersichtlichen Oberfläche zusammen.

Abb. 4: Das Mandriva-Kontrollzentrum fasst alle wichtigen Werkzeuge zur Systemverwaltung unter einer übersichtlichen Oberfläche zusammen.

Das Einrichten der Quellen erfolgt unter Mandriva Linux weitgehend automatisiert: Nach dem Öffnen des Verwaltungstools richten Sie mit lediglich zwei Mausklicks den kompletten Quellensatz ein. Allerdings gilt es das bereits erwähnte PLF-Repository [6] manuell oder über eine Webanwendung einzubinden, da der Distributor selbst es aus rechtlichen Gründen nicht zusammen mit den offiziellen Quellen einrichten darf.

Nach Einrichtung der Quellen stehen die Softwarepakete im entsprechenden grafischen Tool Rpmdrake zur Verfügung (Abbildung 5). Hier hat Mandriva eine kleine Falle eingebaut: Der Anzeigefilter steht in der Vorgabe auf Programme mit GUI, was Anwendungen und Tools ohne grafische Oberfläche sowie vor allen Dingen Bibliotheken erst einmal ausblendet. Erst ein Umschalten des Filters bringt die gewünschte Paketvielfalt zum Vorschein.

Abb. 5: Rpmdrake, das zentrale grafische Werkzeug zur Softwareverwaltung, in der Standardansicht.

Abb. 5: Rpmdrake, das zentrale grafische Werkzeug zur Softwareverwaltung, in der Standardansicht.

Webseiten, Support

Englischsprachige Benutzer finden im Wiki von Mandriva [7] eine aktuelle, mit viel Engagement von der Community gepflegte Informationsquelle. Deutschsprachige Benutzer können sich an die sehr aktive und hilfsbereite Community MandrivaUser.de [8] wenden, die mit einem Forum, vielen Artikeln und einem eigenen FTP-Server aufwartet und auch einen eigenen Spiegelserver von Mandriva Linux betreibt. Darüber hinaus agiert diese Community auch auf vielen Linux-Veranstaltungen als Anlaufstelle für die Benutzer von Mandriva Linux.

Fazit

Das Warten hat auf Mandriva 2010.1 Spring hat sich nicht nur für ausgewiesene Mandriva-Fans gelohnt: Die Distribution blieb ihrer Linie treu und bietet wieder ein System, das einerseits auf neuestem Stand der Entwicklung steht, andererseits aber auch die für den Benutzer nötige Stabilität aufweist. Die bereits sehr gute Benutzerfreundlichkeit des Systems polierten die Entwickler weiter auf.

Sorgen bereitet allen Mandriva-Freunden jedoch, dass der künftige Kurs des Distributors Mandriva S.A. derzeit noch ungewiss ist. Das über die letzten Jahre chronisch klamme Unternehmen sprang gerade eben mit Hilfe von Investoren dem Insolvenzgericht wieder einmal von der Schippe, hat in letzter Zeit aber eine ganze Reihe von Entwicklern eingebüßt. Man kann nur hoffen, dass Mandriva Linux auch weiterhin ihren Charakter eines frei verfügbaren Systems behält. 

Infos

[1] Mandriva: http://www.mandriva.com

[2] ISOs herunterladen: ftp://ftp.mandrivauser.de/mandriva_isos/2010.1/

[3] Mandriva Store: http://store.mandriva.com

[4] Ixsoft: http://www.ixsoft.de

[5] Linux-Onlineshop: http://www.linux-onlineshop.de

[6] Penguin Liberation Front: http://plf.zarb.org

[7] Mandriva-Wiki: http://wiki.mandriva.com/de

[8] MandrivaUser.de: http://www.mandrivauser.de

Der Autor

Wolfgang “wobo” Bornath beschäftigt sich mit der Kommunikation in der deutschen und internationalen Mandriva-Benutzergemeinde und leitet das deutsche Community-Projekt MandrivaUser.de. Dort verbringt er auch den größten Teil seines Online-Lebens.

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