Gut geschnittene Urlaubsvideos machen aus stundenlanger Verwandtenqual ein echtes Highlight, das die Zuschauer unterhält. Mit dem mächtigen Opensource-Videoschnittprogramm Kdenlive [1] schneiden Sie auf semiprofessionellem Level, wenn gewünscht sogar in HD.
Manche Leute vergleichen kdenlive vom Funktionsumfang mit Sonys Windows-Schnittprogramm Vegas Movie Studio. Es ist deutlich mächtiger als die unter Windows oder MacOS mitgelieferten einfachen Videoschnittprogramme wie iMovie oder Windows Moviemaker. Das Programm unterstützt zahllose Überblendeffekte, Video- und Audiofilter und bietet auch einen Titelgenerator. Auf beliebig vielen Video- und Audiospuren schneiden, arrangieren und trimmen Sie ihre Videoclips, bis Sie mit dem Ergebnis zufrieden sind.
Projektbeginn
Als erstes legen Sie ein neues Projekt an. Wählen Sie dazu einen Projektordner aus oder legen Sie einen neuen an. Unter Videoprofil stellen Sie ihr gewünschtes Videoformat ein, für normale DV-Camcorder ist dies hierzulande entweder DV PAL oder DV PAL Widescreen, je nachdem, ob ihr Camcorder in 4:3 oder 16:9 aufzeichnet. Es sind aber auch andere Auflösungen möglich, beispielsweise SVCD, VCD oder 720p und 1080p HDV – unter Settings / Projektprofile lassen sich eigene Profile erstellen und verwalten für eigene Auflösungen und Frameraten. Bei Video- und Audiospuren legen Sie fest, mit wievielen Spuren sie jeweils schneiden wollen. Für normale Projekte genügen die voreingestellten drei Video- und zwei Audiospuren, nur äußerst selten spielen mehr als drei Videos beziehungsweise Titel gleichzeitig.
Benutzerinterface
Ganz oben im Hauptfenster (Abbildung 1) finden Sie Buttons mit gängigen Funktionen. In der linken oberen Ecke gibt es drei Reiter: Im “Projektinhalt” finden Sie alle importierten Videoclips, erzeugte Titel oder Slideshows, das Effektmagazin zeigt alle Effekte, die auf dem ausgewählten Clip liegen und erlaubt ein Verstellen ihrer Parameter. Der dritte Reiter links erlaubt das Bearbeiten von Übergängen. In der mittleren Spalte oben ist die Effektliste (bitte beachten sie das blaue i, mit dem sie nähere Informationen zum jeweiligen Effekt einblenden), rechts oben die verschiedenen Monitore in drei Reitern: Der Clipmonitor, um die verschiedenen Projekt-Clips anzuschauen, ohne diese ins Projekt einbauen zu müssen, der Projektmonitor, wo sie im gesamten Projekt navigieren und der Aufnahmemonitor, mit dem sie ihrem Camcorder die Videos entreissen. Ganz rechts ist eine Aktionshistorie, mit deren Hilfe sie beliebig viele Änderungen rückgängig machen können. Unten finden Sie die Zeitleiste mit den verschiedenen Spuren, hier findet der Schnitt statt. All diese Fenster und Reiter können deaktiviert, skaliert oder über die Titelleiste beliebig an eine andere Stelle verschoben werden, so dass sie das Benutzerinterface voll nach ihren Wünschen gestalten können. Für breite 16:9 Projekte empfiehlt es sich beispielsweise, die Effektliste als zusätzlichen Reiter nach links zu schieben, damit der Videobereich die Höhe voll ausnutzen kann. Ganz unten im Kdenlive-Fenster finden Sie neben der aktuellen Zeit der Stelle unter dem Mauspfeil auch diverse Knöpfe und einen Schieberegler, mit dem Sie in der Zeitleiste hinein- und herauszoomen. Mit den linken Knöpfen schalten Sie den Werkzeugmodus um: Mit Auswählen können Sie Clips auswählen, mit Schneiden unterteilen Sie die Clips an einer bestimmten Stelle. Das Abstandswerkzeug verschiebt gleich ganze Blöcke in mehreren Spuren, damit Sie ohne alle entsprechenden Clips einzeln auswählen zu müssen an einer Stelle Platz für zusätzliche Szenen machen können. Die Knöpfe rechts des Schiebereglers aktivieren und deaktivieren die Anzeige von Bild-Thumbnails, Audio-Samplespuren und Markierungen in den Clips, ganz rechts können Sie die Funktion zum Einrasten an den Clipgrenzen an- und abschalten.
Materialakquise
Um von Ihrem Camcorder DV zu importieren, schalten Sie zunächst auf den Aufnahmemonitor. Mit in den Firewireport eingesteckter und eingeschalteter Kamera klicken Sie nun auf Verbinden. Alternativ können Sie auch HDV, Video von einem Video4Linux-Gerät (beispielsweise einer Webcam) importieren oder eine Bildschirmaufzeichnung machen. Mit den Steuertasten spulen sie die gewünschte Stelle her. Ist diese gefunden, zeichnet Kdenlive nach Klick auf Aufnehmen so lange auf, bis Sie die Aufnahme stoppen. Nach einem Klick auf Trennen zeigt ein Import-Fenster dann die importierten Videoclips an. Hier können Sie ungewünschte Szenen entfernen oder aus dem Import ausklammern, wenn alles Passt klicken Sie auf Import, woraufhin die gewählten Clips dem Projektinhalt hinzugefügt werden. Kdenlive verarbeitet nicht nur MPEG, DV oder HDV, sondern auch zahllose andere Formate wie Xvid oder auch H.264, per Drag & Drop in das Projektinhalts-Fenster fügen Sie beliebige Videos hinzu.
Schnitt
Sie können Clips direkt aus dem Projektinhalt-Fenster in die Zeitleiste ziehen und dort positionieren. Benötigen Sie nur einen Ausschnitt eines längeren Clips, markieren sie diesen im Clipmonitor mit den Eckige-Klammer-Knöpfen (oder den Tasten I und O) und ziehen ihn vom Clipmonitor in die Zeitleiste. Wenn Sie in der Zeitleiste mit dem Mauspfeil über Anfang oder Ende eines Clips schweben, blendet das Programm ein grünes Dreieck ein, hiermit können Sie die Länge der Clips verändern. Schneiden Sie einen Clip, so teilt Kdenlive den Clip an dieser Stelle, so dass sie die beiden Hälften getrennt bearbeiten können. Nutzen Sie zum Löschen eines Clips oder Übergangs die Entfernen- statt der Rückschritt-Taste. Clips können auf allen Spuren beliebig verschoben und arrangiert werden. Mit dem Abstandswerkzeug können sie gleich ganze Blöcke auf mehreren Spuren verschieben. Übergänge sind dynamisch, Sie können jederzeit die Länge oder Parameter eines Übergangs verändern. Verschieben Sie einen der zwei am Übergang beteiligten Clips, passt Kdenlive die Übergangs-Länge automatisch entsprechend an. Über Klicken in ein Video oder Drücken der Leertaste spielen sie das Projekt oder einen Clip ab und pausieren ihn.
Übergänge
Aber wie macht man Übergänge? Dazu benötigen Sie zunächst zwei Clips in zwei Spuren, die sich in der Zeitleiste überlappen. Der gängigste Übergang, die weiche Blende, ist besonders fix umzusetzen: Schweben Sie mit dem Mauspfeil am Anfang oder Ende eines Clips, blendet Kdenlive einen roten Pfeil ein. Wenn Sie auf diesen mit der linken Maustaste klicken, legt das Programm an der Schnittstelle zwischen beiden Spuren eine Luma-Blende ein, die genau so lang ist wie der Überlappungsbereich (Abbildung 2).
Sollten Sie eine andere Blende wollen, dann klicken Sie rechts auf den Clip und wählen Übergang hinzufügen aus. Ein Klick auf den Übergang in der Zeitleiste öffnet oben den Übergangs-Reiter, in dem Sie die Parameter des Übergangs oder auch den Übergang selbst (links oben) ändern. Üblicherweise bezieht sich der Übergang auf die Spur darunter, sollten Sie mit einer anderen Spur überblenden wollen, stellen Sie die entsprechende Spur unter mit Spur oben ein. Der Regler Weichheit hat bei der weichen Blende keine Auswirkungen, er regelt aber die Schärfe der Überblendung, wenn sie unter Image File eine der zahlreichen Effektblenden einstellen. Mit Invertieren invertieren Sie die Bild-Datei der Blendenanimation, mit Reverse Transistion läuft die Animation andersherum.
Besonders mächtig ist auch die Composite-Blende (Abbildung 3): Mit ihr realisieren sie beispielsweise Picture-in-Picture-Effekte. Oben ist die Animationsvorschau, in der sie das Bild positionieren und skalieren können und darunter die Zeitleiste des Übergangs mit den zugehörigen Knöpfen. Damit setzen und löschen Sie sogenannte Keyframes (rote Dreiecke oben) und schalten zwischen ihnen durch. In Keyframes werden die momentan eingestellten Parameter wie Position, Transparenz oder Skalierung gesichert, Kdenlive interpoliert dann die Werte in den Bildern zwischen den Keyframes. Wollen Sie die Positionierung oder Skalierung zurücksetzen oder zum Bildrand ausrichten, nehmen Sie dazu das Zahnrad-Icon.
Über die Alpha Channel Operation legen Sie fest, auf welche Weise die Clips miteinander verrechnet werden, Align richtet das Video an der Bildkante aus. Ist Distort aktiviert, wird das Seitenverhältnis des Videos immer beibehalten, wenn Sie ein Video stauchen wollen, deaktiveren Sie diese Checkbox.
Unter Luma Image File finden sich die von der Luma-Blende schon bekannten Parameter wieder, nur heisst hier der Weichheit-Regler Luma Softness. Force Progressive Rendering sollten Sie deaktivieren, wenn ihr Projekt das Zeilensprungverfahren verwendet (bei DV üblich). Wollen Sie das überlagerte Material deinterlacen, aktivieren Sie Force Deinterlace Overlay.
Die Bezeichnung “Übergang” ist etwas unglücklich gewählt, denn diese Funktion eignet sich auch dazu, mehrere Videos miteinander zu verrechnen (der Fachbegriff dafür lautet “Compositing”), ohne dass ein Übergang von einer Szene in eine andere stattfindet. Damit erzeugen Sie beispielsweise professionell wirkende animierte Video-Overlays oder auch künstlerische Effekte. Deshalb bieten auch die meisten unter Typ einstellbaren “Übergänge” keine Optionen und keine Keyframes. Keyframes hat außer Composite nur noch AffineComposite, mit dem Sie das Bild verzerren können. Optionen hat ansonsten nur noch Wipe, was das Bild herein- oder hinausschiebt. Eine nähere Erklärung einiger Übergänge finden Sie unter [2].
Effekte
Um einen oder mehrere Effekte auf einen Clip anzuwenden, ziehen Sie einfach den gewünschten Effekt aus der Effektliste auf den Clip in der Zeitleiste. Ein Klick auf einen Clip zeigt dessen Effektmagazin an. Jeder Clip kann mit beliebig viele Effekten belegt werden, diese werden in der Reihenfolge von oben nach unten angewendet. Einen Clip zuerst mit dem Kohlefilter und dann mit Sepia zu belegen hat beispielsweise ein völlig anderes ergebnis als die umgekehrte Reihenfolge. Mit den Knöpfen unten links im Effektmagazin fügen Sie neue Effekte hinzu, ändern die Reihenfolge, stellen die Ursprungseinstellungen wieder her, sichern eingestellte Parameter als eigenen Effekt oder löschen Effekte. Mit dem Haken neben den Effekten können Sie diese deaktivieren, ohne sie zu löschen, die Parameter des ausgewählten Effekts öndern sie rechts davon.
Nicht nur Videoeffekte lassen sich anwenden: Kdenlive bietet auch zahlreiche Audioeffekte, die allerdings mit Videoeffekten gemischt im Effektmagazin auftauchen, obwohl Video und Audio keinen Einfluss aufeinander haben. Besondere Erwähnung verdient hier der Lautstärke Filter. Dieser ist keyframe-fähig, dies funktioniert aber anders als bei den Übergängen: Die Lautstärke wird als Linie über dem Clip dargestellt, die Höhe der Linie bestimmt die Lautstärke. Mit Doppelclick auf eine Stelle der Linie legen Sie einen neuen Keyframe-Punkt an, den Sie beliebig verschieben können. Diese Funktion ist wichtig, wenn Sie beispielsweise Hintergrundrauschen ausblenden oder Sprache verstärken wollen. Wichtig ist dieser Filter beispielsweise auch für Audiospuren mit Hintergrundmusik, um diese einzublenden und an wichtigen Stellen leiser zu machen.
Titelgenerator
Sie erzeugen einen Titel, indem sie im Projektinhalt-Fenster rechts klicken und Titel hinzufügen wählen. Dies öffnet das Titelgenerator-Fenster (Abbildung 4). Kdenlives Titelgenerator ist etwas rudimentär und bietet nur eine Text- und Rechtecksfunktion. Text kann kursiv, fett oder unterstrichen gesetzt, beliebig eingefärbt und gedreht werden, Rechtecke können Sie mit beliebiger Farbe füllen, drehen und mit Rahmen versehen. Aber man kann auch eigene Bilder laden, diese dürfen sogar eine Transparenzmaske haben, wie unser Beispiel zeigt. Alle Elemente können über die unbenannten Schieberegler oben beliebig transparent machen, der Z-Index legt die Reihenfolge der Elemente fest.
Diashows und Farbclips
Genauso wie Titel legen Sie Diashows oder Farbclips über einen Rechtsklick im Projektinhalt-Fenster an. Bei der Diashow vergeben Sie einen Namen und sagen Kdenlive über Verzeichnis, wo die Bilder sind. Frame-Dauer legt die Verweildauer der einzelnen Bilder fest, Bild-Typ das Bildformat, nach dem gefiltert wird. Ist Schleife aktivert, wiederholt sich die Slideshow endlos, so lange Sie den Clip laufen lassen. Mit Kreuzweise überblenden verwenden Sie einen Überblendeffekt und legen dessen Dauer fest, Luma-Datei ist wie schon bei den Übergängen die Art des Übergangs und Weichheit dessen Schärfe. Ein Farb-Clip ist nur ein beliebig langer Clip in einer bestimmten Farbe, falls Sie einen Hintergrund brauchen.
Ausgabe
Wenn das Projekt fertig geschnitten ist, klicken Sie auf Rendern in der Werkzeugleiste oben. Hier können Sie das Ausgabeformat einstellen. Das Programm nutzt Multicore-CPUs voll aus und encodiert sehr schnell. Kdenlive kann nackte Videos in allen möglichen Formaten exportieren oder gleich eine DVD erstellen. Wählen Sie DVD als Ausgabeformat, können Sie den DVD-Wizard aktivieren. Mit diesem können Sie einen Introfilm bestimmen, der bei Einlegen der Disk gestartet wird, außerdem können Sie zusätzlich zum in Kdenlive geschnittenen Film andere VOB- oder MPEG-Dateien hinzuladen. Im nächsten Schritt generieren Sie auf Wunsch ein einfaches Menü, wählen sie dort PAL im Pulldownmenü oben rechts. Wählen Sie als Hintergrund eine Farbe, ein statisches Bild oder ein MPEG-Video aus und Legen Sie Farbe, Schrift und Größe des einzelnen Knopfes fest. Im Test brach das Programm allerdings bei der Menüerstellung ab – bei den äußerst rudimentären Möglichkeiten exportieren Sie die Videodatei auch lieber DVD-konform als VOB und nutzen dafür ein geeigneteres, flexibleres Programm wie DeVeDe oder DVD Styler [5]. Unter [3] und [4] finden Sie das (leider etwas veraltete und unvollständige) Kdenlive-Handbuch und eine Reihe von Video-Tutorials.
Infos
[1] Kdenlive Homepage: http://www.kdenlive.org/
[2] Video-Übergänge erklärt: http://en.wikibooks.org/wiki/Kdenlive/Transitions
[3] Kdenlive Handbuch: http://www.kdenlive.org/user-manual
[4] Kdenlive Video-Tutorials: http://www.kdenlive.org/tutorial
[5] Artikel zu DeVeDe: https://www.linux-community.de/artikel/20183
