Sidux und Seminarix 2009-03

Aus LinuxUser 12/2009

Sidux und Seminarix 2009-03

© Bas Driessen, sxc.hu

Ausgerollt

Auf der beiliegenden Heft-DVD finden Sie exklusive LinuxUser-Editionen der brandneuen Distribution Sidux 2009-03 und ihres Derivats Seminarix.

README

Die Rolling-Release-Distribution Sidux basiert auf dem Unstable-Zweig von Debian. Die Live-Distribution enthält einen Installer, der sowohl das Einrichten auf einem USB-Stick als auch der Festplatte erlaubt. Das auf dieser Distribution basierende Seminarix richtet sich mit einer Vielzahl von Lehr- und Lernprogrammen in erster Linie an Lehrer und Schüler.

Das Rolling Release Sidux [1] basiert ausschließlich auf Debians Unstable-Zweig “Sid” [2], was es ziemlich einzigartig macht: Den Entwicklungszweig, an dem sich das Sidux-Team bedient, veröffentlicht das Debian-Projekt selbst nicht. Seit nunmehr drei Jahren bringt Sidux jedes Jahr vier Releases auf dieser Basis heraus. Den historischen Hintergrund des Projekts zeigt der Kasten “Kleine Sidux-Historie”.

Kleine Sidux-Historie

Das Core-Team hinter Sidux arbeitet bereits seit den frühen Tagen von Knoppix zusammen. Unzufrieden mit den Problemen, die Knoppix bei der Installation auf Festplatten bereitete, taten sich einige Leute aus dem Knoppix-Forum zusammen und gründeten Kanotix [3]. Das erklärte Ziel: eine installierbare und auf Debian Unstable basierende Distribution zu schaffen. Das Projekt war recht beliebt, bis der Initiator Jörg Schirottke (“Kano”) beschloss, ihm eine neue Richtung zu geben. Er wollte eine Mischung aus Debian Testing/Stable und dem Ubuntu-Kernel für weitere Releases verwenden.

Daraufhin verließen fast alle Entwickler geschlossen das Projekt und gründeten am 26. November 2006 Sidux. Ein großer Teil der Kanotix-User wechselte in der folgenden Zeit ebenfalls zu Sidux und neue Benutzer kamen hinzu, so dass die Distribution dieser Tage ihren dritten Geburtstag feiert.

Das Wort Unstable, das in dem Zusammenhang den Einen oder Anderen irritieren mag, bedeutet nicht, dass Sidux instabil ist, sondern bezieht sich lediglich auf das Repository, das Debian vier Mal am Tag aktualisiert.

Bei Sidux handelt es sich um eine Rolling-Release-Distribution. Das bedeutet, dass Sie das Betriebssystem nicht mit jedem neuen Release neu installieren müssen, sondern es laufend via apt-get dist-upgrade auf dem neuesten Stand halten. In der Debian Doku [4] finden sich zu diesem Konzept eine Menge Informationen. Haben Sie schon mit Debian oder anderen Derivaten davon gearbeitet, sollten Sie sich das Sidux-Handbuch [5] anschauen, denn die Distribution besitzt auch gegenüber Debian Stable einige Eigenheiten, die es zu beachten gilt. Die zum Betrieb von Sidux erforderliche Hardware erläutert der Kasten “Systemanforderungen”.

Systemanforderungen

Als Arbeitsspeicher benötigen die mit XFCE als Desktop ausgestatteten Sidux-Varianten mindestens 256 MByte Hauptspeicher, die KDE-4-Versionen das Doppelt. Als CPU sollte wenigstens ein Intel Pentium Pro oder Pentium II beziehungsweise ein AMD K7 Athlon den Dienst versehen. Eine Installation setzt ab 3 GByte freien Festplattenplatz voraus, sinnvollerweise sollten aber mindestens 10 GByte zur Verfügung stehen.

Eine für alle?

Das Projekt sieht als Zielgruppe den mündigen Anwender — oder den, der das werden will. Die Sidux-Entwickler meinen, dass eine grafische Oberfläche eher hinderlich ist, wenn sie das Verständnis wichtiger Zusammenhänge verdeckt. Dementsprechend peilt das Projekt Nutzer an, die ein wenig Zeit und Interesse mitbringen und auch nicht davor zurückschrecken, administrative Tätigkeiten auf der Konsole auszuführen. Das bedeutet aber nicht, das sich Sidux nicht für unerfahrene Linux-Nutzer oder Windows-Umsteiger eignet. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diese bei etwas Interesse sogar sehr schnell mit dem System zurecht kommen.

Neues in Sidux 2009-03

Sidux-2009-03 basiert auf Kernel 2.6.31 und verwendet als Desktop KDE 4.3.2. Auch eine Version mit XFCE stellt das Projekt zum Download [6] bereit. Die KDE-Varianten verzichten ab diesem Release vollständig auf Qt3.

Der aktuelle Kernel verbessert und stabilisiert die Hardwareunterstützung für neuere Geräte und ermöglicht den Einsatz von USB-3.0-Geräten sowie der Soundblaster-X-Fi von Creative Labs. Darüber hinaus stellt er experimentelle Treiber für Ralink USB-WLAN-Karten mit den Ralink-802.11b/g/n-Chipsets rt2770, rt2870 sowie rt3070 bereit und bietet verbesserte Stromsparmodi für mac80211-basierte WLAN-Treiber. Für Netbooks enthält der Kernel neue Lüftersteuerungen und eine erweiterte Webcam-Unterstützung.

Installation

Nach dem Booten starten Sie die Installation mit einem Klick auf das Desktop-Icon sidux-installer (Abbildung 1). Der Einrichtungsassistent umfasst auch einen USB-Installer, mit dem Sie ein Image transparent auf einem USB-Stick einrichten. Die Option persist ermöglicht es dabei, das Image auf dem USB-Stick durch Upgrades aktuell zu halten (beim Kernel geht das systembedingt nicht) und die Dokumente und Einstellungen am Ende einer Session zu speichern.

Abbildung 1: Der in Sidux integrierte Installer hilft Ihnen beim Einrichten des Systems auf der Festplatte oder einem USB-Stick.

Abbildung 1: Der in Sidux integrierte Installer hilft Ihnen beim Einrichten des Systems auf der Festplatte oder einem USB-Stick.

Diese Installationsvariante benötigen Sie auch, um Sidux auf Netbooks ohne CD/DVD-Laufwerk zu installieren. Vor einer solchen Pseudo-Installation gilt es, den USB-Stick mit dem Dateisystem Ext2 zu versehen – das Setup-Programm bietet dazu wahlweise Gparted [7] oder Cfdisk an.

Die normale Installation von Sidux auf eine Festplatte dauert je nach Hardwareausstattung des Rechners etwa zwei bis zehn Minuten. Das Setup-Programm erledigt nur die Installation, ist aber nicht in der Lage, LVM, RAID oder verschlüsselte Systeme einrichten.

Sollte sich auf der Platte ein altes Heimatverzeichnis befinden, verzichten Sie besser darauf, es einzubinden – sonst kann es zu unvorhersehbaren Wechselwirkungen kommen. Kopieren Sie stattdessen nach der Installation die wichtigsten Bestandteile daraus in das neue Home.

Nach erfolgreicher Installation richten Sie zunächst das Netzwerk mithilfe des Sidux-eigenen Tools namens Ceni ein. Es erlaubt die einfache Konfiguration der Datei /etc/network/interfaces. Im Zusammenspiel mit Wpasupplicant und Wpa-gui richtet es aber auch komplexere Szenarien wie Roaming bei Notebooks ein [8].

Fehlen auf Ihrem System Treiber, beispielsweise für verbaute WLAN-Chips, starten Sie das Skript fw-detect. Es unterbreitet Vorschläge, von wo Sie die Firmware bekommen, oder lädt sie im Idealfall automatisch herunter und kopiert sie an die richtige Stelle.

Systempflege

Im Gegensatz zu eher statischen Systemen wie Ubuntu oder Debian Stable erfordert Sidux als Rolling Release systembedingt etwas mehr Aufmerksamkeit. Die neuen Veröffentlichungen bei Rolling-Release-Distributionen sind Snapshots des Repositories zu einem gegebenen Zeitpunkt und dienen nur als Installationsmedium für neue Benutzer. Wer bereits eine installierte Version besitzt, sollte diese kontinuierlich pflegen und aktualisieren, was das Apt-Tool dist-upgrade erledigt.

Um Konflikte – vor allem bei Upgrades von KDE oder X – zu verhindern, starten Sie Dist-upgrade in einem Terminal außerhalb von X. Deswegen verzichtet Sidux auch auf einen grafischen Paketmanager. Damit sich nicht zu viele Pakete ansammeln, empfiehlt das Projekt regelmäßige Upgrades im Abstand von höchstens zwei Wochen. Theoretisch wäre es möglich, das System vier Mal täglich zu aktualisieren, denn in diesem Zyklus frischt Debian die Spiegelserver auf.

Ob ein Dist-upgrade auch jedes Mal den Kernel aktualisiert, entscheiden Sie, indem Sie das Kernel-Metapaket behalten oder entfernen. Sie entfernen einen installierten Kernel nach dem Nachladen des Pakets sidux-kernelhacking mit dem Rootbefehl kernel-remover. Sie sollten jedoch neben dem aktuellen zumindest einen älteren Kernel behalten.

Zwar kommt Sidux auch vollkommen ohne Updates aus, jedoch widerspricht das dem Sinn eines Rolling Release. Dessen größten Vorteile stellt ja die stets aktuelle Software dar, sowie die Tatsache, dass Sie das System jahrelang ohne Neuinstallation pflegen können. Der Autor betreibt beispielsweise völlig problemlos seit drei Jahren ein täglich aktualisiertes System der ersten Stunde.

Seminarix

Bei dem ebenfalls auf der DVD enthaltenen Seminarix handelt es sich um ein Bildungsprojekt von Wolf-Dieter Zimmermann, das als Basis Sidux verwendet. Seminarix will mithilfe freier Software und offener Standards die computerunterstützte Lehrer- und Schülerausbildung preiswerter, effektiver und anschaulicher gestalten. Dazu enthält es umfangreiche Lernsoftware aus vielen Themenbereichen, die Sie mit dem Programmstarter Eduversum starten.

Abbildung 2: Der Dreh- und Angelpunkt der Lehr- und Lerndistribution Seminarix nennt sich Eduversum. Mit ihm starten Sie die Lernprogramme und installieren neue nach.

Abbildung 2: Der Dreh- und Angelpunkt der Lehr- und Lerndistribution Seminarix nennt sich Eduversum. Mit ihm starten Sie die Lernprogramme und installieren neue nach.

Mit Eduversum installieren Sie auch verschiedene weitere Bildungsprogramme nachträglich auf dem Rechner. Wichtige Informationen und Weblinks zu den Programmen erleichtern dabei das Kennenlernen der Anwendungen. Im aktuellen Release wurden im Programmstarter Arbeitsmaterialien zu einzelnen Programmen sowie Grundsatzartikel über die Bedeutung von freier Software, offenen Dokumentenstandards und Lizenzen in der Lehrerausbildung und im Bildungswesen aufgenommen. Die speziell entworfene LaTeX-Arbeitsumgebung samt Anleitung sorgt für einen leichten Einstieg in die Materie.

Seminarix ermöglicht auch eine Dualboot-Installation neben Windows oder einem anderen Linux. Das Nachinstallieren des Eduversum-Pakets auf einem eingerichteten Sidux ermöglicht es Ihnen, die gewünschte Bildungssoftware nachzuladen.

Fazit

Sidux setzt ausschließlich auf freie Software und ist im installierten Zustand eines der schnellsten Linux-Systeme mit KDE 4. Bedingt durch seine Natur als Rolling Release handelt es sich bei Sidux jedoch um kein “Install-and-Forget”-Betriebssystem. Auch funktioniert nicht jedes Paket des Unstable-Repositories auf Anhieb, jedoch fixen die Entwickler vor allem wichtige Pakete meist sehr schnell. Die von Stefan Lippers-Hollmann gepflegten Kernel sind immer brandaktuell und unterstützen durch das zeitnahe Einbinden neuer Patches und Treiber ein Höchstmaß an Hardware.

Wer die anfangs etwas steile Lernkurve meistert, den erwartet mit Sidux ein schnelles Betriebssystem, das ständig neueste Versionen der verwendeten Software bietet. Darüber hinaus kann man sich über Jahre hinweg Neuinstallationen ersparen. Das 200-seitige Handbuch, von der Community in 16 Sprachen übersetzt, dient als Quelle für Informationen.

Das Projekt besitzt eine große Community, ein lebendiges Forum und einen IRC-Channel, den ständig 70 bis 100 Anwender bevölkern. Alles in allem ist Sidux ein stabiles ‘Bleeding-Edge’-Betriebssystem, das einen näheren Blick lohnt.

Der Autor

Ferdinand Thommes ist Mitglied im Team der Distribution Sidux und 2. Vorsitzender des Sidux e. V. in Berlin.

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