Die Messenger-App Jami bietet Clients für alle gängigen Betriebssysteme und verspricht durch den Verzicht auf zentrale Server maximale Anonymität für Chats sowie Audio- und Video-Gespräche.
AOL, ICQ, MSN – die Liste dieser früher einmal äußerst populären Messenger könnte man deutlich erweitern. Heute zählen sie zur Internet-Geschichte, wenn auch manche Online-Anbieter noch versuchen, besonders kurze oder leicht zu merkende ICQ-Nummern für Tausende US-Dollar zu verkaufen.
Die Welt nutzt inzwischen jedoch WhatsApp. Den 2014 von Facebook für 19 Milliarden US-Dollar übernommenen Messenger verwenden täglich über 1,5 Milliarden Nutzer [1]. Abseits des Mainstreams haben kleinere Messenger wie Wire, Signal oder Telegram eine Nische erobert. Ganz oben auf der Liste der Gründe, warum sich Nutzer für eine der Alternativen entscheiden, steht der Wunsch nach mehr Privatsphäre.
Die meisten Messenger benötigen im Hintergrund zentrale Server und erfordern eine Registrierung über eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer. Nicht so das Open-Source-Programm Jami: Der Messenger spannt mithilfe einer verteilten Hash-Tabelle ähnlich wie Bittorrent ein eigenes Netzwerk auf und kommt so ohne eine zentrale Registrierung aus [2]. Nur wer einen eindeutigen und über die Suchfunktion des Messenger auffindbaren Benutzernamen möchte, muss sich bei dem Dienst registrieren – das erfordert jedoch keinerlei persönliche Daten. Jami gibt es für Linux, Mac OS X und Windows, zudem für Smartphones mit Android [3] und iOS [4] sowie Fernseher mit Android TV.
Installation
Die Entwickler stellen Installationsdateien und Paketquellen für Fedora, Debian und Ubuntu zur Verfügung. Listing 1 zeigt die Installation von Jami unter Ubuntu 19.04; für andere Distributionen finden sich Anleitungen auf der Homepage des Projekts [5].
Wer nicht gleich eine Paketquelle ins System integrieren möchte, erhält dort auch DEB-Pakete für Ubuntu (16.04 bis 19.04) sowie Debian 9 und 10. Zu Redaktionsschluss führten die Links zu der 32-Bit-Version des Programms allerdings ins Leere. Anwender von Arch Linux finden das Programm unter dem Namen jami-gnome direkt in den Repositories der Distribution.
Listing 1
$ echo 'deb https://dl.jami.net/ring-nightly/ubuntu_19.04/ ring main' | sudo tee -a /etc/apt/sources.list.d/ring-nightly-main.list $ sudo apt-key adv --keyserver keyserver.ubuntu.com --recv-keys A295D773307D25A33AE72F2F64CD5FA175348F84 $ sudo add-apt-repository universe $ sudo apt update $ sudo apt install ring
Nach der Installation laden Sie das Programm über den Eintrag Jami im Anwendungsmenü. Ohne ein Benutzerkonto, das Sie mit einem Klick auf Jami-Konto erstellen anlegen, geht es auch bei Jami nicht. Stattdessen können Sie auch über Existierendes Konto importieren ein zuvor gesichertes Konto wiederherzustellen (Abbildung 1). Optional erstellen Sie über Erweitert… ein SIP-Konto (siehe Kasten “Es war einmal”).

Abbildung 1: Beim ersten Start müssen Sie ein neues Jami-Konto anlegen, brauchen sich dabei aber dem Dienst gegenüber weder mit einer E-Mail-Adresse noch mit einer Handynummer zu identifizieren.
Es war einmal
Das heutige Jami firmierte früher einmal unter dem Namen SFLphone und später dann Ring. Ursprünglich war das Programm als reines Softphone für SIP-Anbieter gedacht. Die Funktion gibt es immer noch, wenn auch inzwischen die Messenger-Funktionen im Vordergrund stehen. Die aktuelle Version “Free as in Freedom” bietet nun erstmals plattformübergreifend Videokonferenzen (bislang gab es diese Funktion nur in der Linux-Variante), Audio- und Video-Nachrichten im Stil von Whatsapp sowie ein dunkles Theme. Zudem erlaubt Jami nun, den eigenen Desktop oder einzelne Fenster statt des Webcam-Bilds zu übertragen.
In der folgenden Maske fordert Jami Sie auf, einen Profilnamen einzutragen. Sie können dazu ein Bild hinterlegen, das sich auch direkt per Webcam aufnehmen lässt (Abbildung 2). Mit einem Passwort schützen Sie den Account vor fremden Zugriffen. Ob Sie einen Benutzernamen registrieren, bleibt Ihnen überlassen. Mit einem Jami-Konto sichern Sie sich einen eindeutigen und frei wählbaren Benutzernamen, der anderen Jami-Nutzern ermöglicht, Sie über die Suchfunktion des Programms zu finden. Im Konto legt der Messenger allerdings nichts weiter ab, sodass der Betreiber weder Chats noch die Kontaktliste erfassen kann. Die Kommunikation erfolgt zudem Ende-zu-Ende-verschlüsselt und lässt sich damit von Dritten nicht einsehen.

Abbildung 2: Wer möchte, bleibt bei Jami komplett anonym. Die Option Benutzernamen registrieren dient lediglich dazu, dass andere Sie über die Suche finden können.
Erste Chats
Im Hauptfenster zeigt Jami anfangs nur wenig an. Die Seitenleiste enthält eine Suchfunktion und später die gespeicherten Kontakte. In der Mitte finden Sie Ihren Jami-Benutzernamen, falls Sie einen verwenden, oder Ihre ID in der Form einer kryptischen Kombination aus Zahlen und Ziffern.
Um mit einem Freund oder Bekannten in Kontakt zu treten, müssen Sie die ID oder eben den Namen austauschen. Verwendet Ihr Kontakt Jami auf einem Smartphone, lässt sich die Verbindung alternativ auch über einen QR-Code einrichten, den Sie über den Schalter neben der ID (respektive dem Namen) aufrufen und dann über die Jami-Handy-App einscannen.
Mit der ersten Nachricht werden Sie aufgefordert, den Kontakt zu akzeptieren. Fortan erscheint der Chat in der Seitenleiste. Verwendet der Kontakt einen Jami-Account, finden Sie die Unterhaltung unter dem entsprechenden Benutzernamen. Ansonsten zeigt Jami nur die kryptische ID an; umbenennen lässt sich der Chat bislang noch nicht.
Neben reinen Textnachrichten unterstützt Jami auch den Versand von Dateien sowie Audio- und Videogespräche mit zwei oder mehr Teilnehmern in einer Auflösung von bis zu 4K (Abbildung 3). Mit der neuesten Version bietet Jami zudem die Möglichkeit, Audio- und Videonachrichten zu versenden, ähnlich wie man es beispielsweise von Whatsapp kennt.

Abbildung 3: Jami erlaubt Audio- und Videochats sowie Videokonferenzen mit mehreren Teilnehmern. Deren Anzahl wird nur durch die Bandbreite der Internet-Anbindung des Initiators der Gesprächsrunde limitiert.
Ebenfalls als Neuerung unterstützt die überarbeitete Version das Übertragen des eigenen Desktops. Dazu starten Sie einen Videoanruf und klicken dann mit der rechten Maustaste ins Bild. Im Kontextmenü haben Sie dann die Wahl zwischen Bildschirmausschnitt teilen oder Gesamten Bildschirm teilen. Unter Linux funktioniert das Screensharing allerdings nur in Kombination mit dem X-Server. Anwender mit Wayland müssen daher zuerst in den klassischen Linux-Desktop wechseln.
Optional übertragen Sie mit dem Menüpunkt Datei einspielen eine Videodatei. Die Option Weitere Informationen liefert Statistiken und Details, wie etwa die Bildwiederholrate oder die zum Einsatz kommenden Audio- und Videocodecs.
Konfiguration
Sämtliche Einstellungsmöglichkeiten versteckt Jami hinter dem Zahnrad-Icon, das Sie neben dem Account in der Kopfleiste der Anwendung finden. Unter Allgemein konfigurieren Sie dann zum Beispiel, ob Jami immer automatisch mit dem System startet und über welche Ereignisse es Sie benachrichtigen soll. Unter Media definieren Sie die zu nutzenden Audio- und Videogeräte sowie die Auflösung der Webcam für Videochats. Hier aktivieren Sie auch die Hardware-Beschleunigung.
In der Praxis am wichtigsten ist der letzte Reiter Konto. Dort lässt sich unter anderem noch nachträglich ein Jami-Benutzername registrieren, ein Bild für den Account setzen sowie das Konto vorübergehend de- beziehungsweise reaktivieren (Abbildung 4). Zur Sicherheit sollten Sie dort auch gleich das Konto exportieren. Eine solche Sicherung bietet den einzigen Weg, ein existierendes Konto bei einer Neuinstallation wiederherzustellen.

Abbildung 4: Ein Jami-Konto lässt sich auch auf mehreren Geräten gleichzeitig verwenden. Da der Dienst die Nachrichten nicht zentral speichert, sehen Sie nicht überall denselben Nachrichtenverlauf.
Im unteren Abschnitt des Dialogs bietet Jami die Möglichkeit, den aktiven Account auf mehreren Geräten zu nutzen, etwa einem Smartphone oder einem zweiten PC. Wählen Sie dazu Neues Gerät verbinden, und geben Sie im folgenden Bildschirm das Passwort des Kontos ein. Mit einem Klick auf In das Netzwerk exportieren leiten Sie die Verbindung ein. Jami erzeugt daraufhin eine PIN in der Art eines Kürzels wie nix66ilp. Beachten Sie, dass Sie den nächsten Schritt zügig abschließen müssen, denn der PIN-Code läuft nach wenigen Minuten ab.
Auf dem zweiten Gerät legen Sie nun ein neues Konto an, wählen dabei jedoch die Option Von Gerät importieren. Danach müssen Sie das Passwort sowie die zuvor erstellte PIN eingeben. Danach sehen Sie auch auf dem zweiten Gerät die zuvor angelegten Kontakte, mit denen Sie nun Chats starten können. Da Jami den Chat-Verlauf nur lokal speichert und nicht auf einem zentralen Server, sehen Sie allerdings lediglich die auf dem jeweiligen Gerät geführten Unterhaltungen. Auch ein Archiv mit den bisherigen Chats gibt es nicht.
In der Praxis bedeutet das, dass Sie empfangene Nachrichten automatisch auf allen verbundenen Geräten erhalten. Ihre Antworten sehen Sie allerdings immer nur auf demjenigen Gerät, auf dem Sie sie geschrieben haben. Nahtlos zwischen zwei Geräten hin- und herwechseln können Sie mit Jami also nicht. Ein Datenabgleich über mehrere Geräte hinweg würde einen zentralen Speicherort voraussetzen, auf den Jami zugunsten der Privacy ganz bewusst verzichtet.
Fazit
Im Test zeigte sich Jami noch nicht überall von seiner besten Seite. Textchats funktionieren zuverlässig, werden allerdings schnell unübersichtlich, wenn man mit vielen Leuten kommuniziert, die auf einen Jami-Account und somit einen Benutzernamen verzichten. In der Seitenleiste häufen sich dabei Chats, die lediglich die ID des Kontakts als Unterscheidungskriterium zeigen. Die Entwickler müssten hier dringend nachbessern, ein entsprechender Vorschlag findet sich bereits im Bugtracker des Projekts [6].
Auch beim Versand von Nachrichten traten im Praxistest immer wieder Probleme auf. Textnachrichten stellte Jami zuverlässig zu, auch an Accounts, die auf mehreren Geräten (etwa einem PC und einem Smartphone) gleichzeitig genutzt wurden. Über das verschlüsselte Netzwerk von Jami versandte Bilder oder Dokumente blieben hingegen des Öfteren stecken. Der Client meldete dann lediglich Initialisiere Dateiübertragung, beim Empfänger tat sich jedoch nichts.
Bei Videochats mit zwei oder mehreren Teilnehmern wusste Jami allerdings zu überzeugen. Es gehört zu den wenigen Messengern in den Paketquellen gängiger Distributionen, die Videokonferenzen unterstützen, ohne dass man sich bei einem Dienst registrieren muss. Sie sollten dem Programm daher auf jeden Fall eine Chance geben und eigene Erfahrungen damit sammeln.
Infos
- “WhatsApp hits 1.5 billion monthly users”: https://web.archive.org/web/20180209063953/https://techcrunch.com/2018/01/31/whatsapp-hits-1-5-billion-monthly-users-19b-not-so-bad
- Jami: https://jami.net
- Android: https://jami.net/download-jami-android
- iOS: https://jami.net/download-jami-ios/
- Installation unter Linux: https://jami.net/download-jami-linux
- Verbesserungsvorschlag: https://git.jami.net/savoirfairelinux/ring-client-gnome/issues/952





