Gentoo-Derivat Redcore Linux

Aus LinuxUser 05/2018

Gentoo-Derivat Redcore Linux

© tuulijumala, 123RF

Vereinfacht

Als System für Fortgeschrittene erfreut sich Gentoo Linux unter Geeks einiger Beliebtheit. Das darauf basierende Redcore Linux macht aus Gentoo eine auch für Ein- und Umsteiger brauchbare Distribution.

Gentoo gehört zu den eher exotischen Linux-Distributionen, die eine gehörige Portion an Fachwissen voraussetzen und sich für Einsteiger weniger eignen. Andererseits lässt sich Gentoo als quellbasierte Distribution höchst flexibel anpassen und damit auch auf nahezu jeder Hardware einsetzen.

Damit Sie nicht Stunden oder gar Tage damit zubringen, Handbücher zu wälzen und einzelne Programme und Pakete zu kompilieren, haben rumänische Entwickler Redcore Linux ins Leben gerufen. Es bietet in einem eigenen Repository vorkompilierte Pakete und macht Gentoo durch zahlreiche weitere Vereinfachungen fit für den Alltagseinsatz.

Die aktuelle Version 1801 von Redcore Linux gibt es ausschließlich für moderne 64-Bit-Hardware auf der Projektseite [1]. Nach dem Herunterladen transferieren Sie das rund 2,5 GByte umfassende ISO-Abbild auf einen USB-Stick oder optischen Datenträger und starten damit das Betriebssystem.

Der in leuchtendem Rot gehaltene Grub-Startbildschirm ermöglicht prinzipiell den Wechsel der verwendeten Sprache und des Tastatur-Layouts, wobei allerdings bislang nur eine rumänische und englische Lokalisierung vorliegen. Bei der Hardware-Erkennung zeigt das Betriebssystem keine Schwächen.

Schlanker Desktop

Als Anmeldedaten verwenden Sie den Nutzernamen redcore und das gleichlautende Passwort. Sie gelangen nun in einen schlichten LXQt-Bildschirm mit etwas grellem Hintergrund. Ein erster Blick auf den Ressourcenverbrauch zeigt, dass Redcore Linux lediglich rund 450 MByte RAM inklusive Zwischenspeicher belegt, womit es zu den schlankeren Distributionen zählt. Im Kontrast dazu bieten die Menüs bereits im Live-System unzählige Programme aus dem LXQt-Fundus an, hinzu kommen etliche ursprünglich für den KDE-Desktop entwickelte Anwendungen.

Auch VLC, Gimp und LibreOffice sind mit an Bord. Als Webbrowser dient der schlanke Qupzilla, daneben finden sich nützliche Applikationen wie der Passwortmanager KeePassX, der Screencast-Rekorder SimpleScreenRecorder und die virtuelle Umgebung KVM/AQEMU. PlayOnLinux und Steam erfreuen zudem alle Spielernaturen. Die Windows-Laufzeitumgebung Wine ermöglicht das nahezu nahtlose Nutzen von Windows-Software ohne eine schwerfällige virtuelle Maschine.

Unten links in der Panelleiste neben dem Startbutton findet sich ein Feld mit der Bezeichnung Drop application icons here, das es ermöglicht, häufig genutzte Programme ohne den Umweg über die Menüs aus der Leiste heraus zu starten. Dazu schieben Sie lediglich das gewünschte Programmsymbol an diese Stelle und lassen es dort fallen.

Auf dem Desktop liegen lediglich zwei Icons, eines für den per Webchat realisierten technischen Support und eines zur Installation auf dem Massenspeicher. Hinter Letzterem verbirgt sich der Einrichtungsassistent Calamares, der Sie in wenigen Schritten durch die Installation und Grundkonfiguration des Systems führt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Calamares sorgt für eine komfortable Installation von Redcore Linux.

Abbildung 1: Calamares sorgt für eine komfortable Installation von Redcore Linux.

Nach einem anschließenden Warmstart startet das System jedoch manchmal nicht, und der Rechner meldet, es sei kein Betriebssystem vorhanden. Dieser Fehler resultiert aus einem Problem der Installationsroutine, die bei der Einrichtung unter Umständen “vergisst”, auf der Root-Partition von Redcore Linux das Boot-Flag zu setzen. Das holen Sie gegebenenfalls mithilfe eines Tools wie GParted nach, das die meisten Live-Distributionen mitbringen. Redcore Linux selbst hat stattdessen die KDE-Partitionsverwaltung an Bord, die diese Aufgabe ebenfalls beherrscht.

Der Software-Bestand der installierten Varianten ist mit jenem der Live-Variante faktisch identisch. Einsteiger und passionierte Nutzer GTK+-basierter Oberflächen sollten zunächst noch einen Blick in die Menüs werfen, wo die Entwickler zahlreiche schlanke, Qt-basierte Programme eingepflegt haben. Dazu gehören unter anderem der Qpdfviewer und der Prozessmanager Qps. Der ebenfalls vorhandene, Qt-basierte Mailclient Trojitá unterstützt ausschließlich IMAP-Server.

Im Multimedia-Bereich finden Sie gleich zwei Mediaplayer und mit Vidcutter sogar ein Videoschnittprogramm. Ein professionelles Programm zur Audiobearbeitung wie Audacity fehlt allerdings.

Unter der Haube

Unter der Haube weist Redcore Linux einige Besonderheiten auf. So kommt als Init-Dämon weder der neue Systemd noch das klassische SysVinit zum Einsatz, sondern das plattformübergeifende OpenRC [2]. Dieses auch für diverse BSD-Derivate erhältliche Init-System arbeitet mit durch den Anwender leicht zu modifizierenden Skripten und berücksichtigt Abhängigkeiten zwischen den einzelnen Diensten. Zudem soll eine spätere Version von OpenRC auch eine Parallelverarbeitung der einzelnen Services ermöglichen.

Das Paketmanagement auf der Kommandozeile steuern Sie mithilfe des Kommandos emerge, was etwas Einarbeitung erfordert. Eine ausführliche Dokumentation erleichtert hier den Einstieg [3]. Um Pakete selbst zu bauen, nutzen Sie das Kommandozeilenwerkzeug vasile, das auch ein individuelles ISO-Abbild von Redcore Linux anlegen kann [4].

Eine Besonderheit des noch jungen rumänischen Gentoo-Derivats stellt das Untermenü Redcore Linux dar. Hier finden Sie zahlreiche Starter für Qupzilla, die entsprechende Dokumentationen zu Gentoo und Redcore Linux aufrufen. Zum Live-Support leitet Sie das System auf die Freenode-Seite, wo Sie mit den Entwicklern chatten können.

Konfiguration

Die Konfiguration des Desktops nehmen Sie im Menü Einstellungen | LXQt-Systemeinstellungen vor. Dort findet sich neben den Dialogen für die einzelnen Desktop-Einstellungen auch das Konfigurationszentrum von LXQt, das alle Optionen unter einem Dach vereint und stark dem KDE-Konfigurationszentrum ähnelt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das LXQt-Konfigurationszentrum vereint die wichtigsten Optionen zur Anpassung des Desktops.

Abbildung 2: Das LXQt-Konfigurationszentrum vereint die wichtigsten Optionen zur Anpassung des Desktops.

Darüber hinaus finden Sie im Menü Einstellungen noch einen Firewall-Manager, hinter dem sich ein GTK+-Frontend für die Firewall Ufw verbirgt, sowie ein grafisches Cups-Konfigurationswerkzeug und Einstellungen für den Bildschirmschoner.

Aus dem Menü Systemwerkzeuge starten Sie über den Punkt Druckerverwaltung einen Webbrowser mit der Konfigurationsoberfläche des Cups-Servers, der in Version 2.0.2 vorliegt. Wer Multifunktionsgeräte oder Drucker von Hewlett-Packard nutzt, findet im Menü Zubehör mit Hplip auch das Standard-Tool für deren Konfiguration. Einige nützliche Werkzeuge aus dem KDE-Fundus fehlen allerdings, wie das Infozentrum zur Anzeige der Hardware oder ein Kommandozeilentool wie Inxi, das den gleichen Zweck verfolgt.

Insgesamt hinterlässt die Zusammenstellung der Werkzeuge einen etwas unausgegorenen Eindruck, da sich die Tools über mehrere Menüs verstreuen. Das gilt selbst für Werkzeuge mit ähnlicher Aufgabenstellung, wie beispielsweise die Druckerkonfiguration.

Auch an der Ergonomie müssen die Entwickler noch arbeiten: Der inklusive der Fenster und Hintergründe komplett in sehr dunklen Farbtönen gehaltene Desktop lässt bei ungünstigen Lichtverhältnissen Details kaum mehr erkennen. Dieses Manko kompensieren Sie durch die Auswahl hellerer Hintergründe in der LXQt-Konfigurationsverwaltung. Dann müssen Sie aber auch andere Themes für die Icons und Symbole wählen, die sonst zu kontrastschwach ausfallen.

Stiefkind Laptop

Eine Unterstützung für WWAN-Komponenten lässt Redcore Linux ebenso vermissen wie detaillierte Einstellungen zum Energiesparen. So gelingt es nicht, je nach Betriebsmodus des Notebooks unterschiedliche Energiesparprofile zu definieren. Auch die Bildschirmhelligkeit – das Display zählt bekanntlich zu den größten Stromfressern in Laptops – lässt sich in Redcore Linux nur in Form eines einfachen Schiebereglers einstellen, der unabhängig von Betriebseigenschaften des Geräts arbeitet.

Netzwerkeinstellungen nehmen Sie mithilfe des Programms Nm-tray im Systemabschnitt Panelleiste vor. Der entsprechende Ncurses-Einstellungsdialog erkennt jedoch nur Ethernet- und WLAN-Verbindungen. Daher ließen sich auf unserem Testgerät weder die verbaute Gobi3000-WWAN-Karte noch der ebenfalls integrierte Bluetooth-Adapter des Herstellers Broadcom in Betrieb nehmen. Da auch in den Menüs jegliches Werkzeug zur Konfiguration von Bluetooth-Adaptern fehlt, erscheint Redcore Linux für Notebook-Benutzer nur eingeschränkt tauglich.

Rollend

Dem rumänischen Gentoo-Derivat fehlen sowohl Einstellungsdialoge zur Aktualisierung des Betriebssystems als auch ein entsprechender Assistent. Das liegt daran, dass Redcore Linux nach dem Rolling-Release-Prinzip arbeitet und daher keine regelmäßigen manuellen Update-Läufe vorsieht. Das System bleibt automatisch permanent auf dem aktuellen Stand. Das spart zwar Zeit, kann aber bei problematischen Paketen auch zur Instabilität des Betriebssystems führen.

Aufgrund dieser potenziellen Probleme empfiehlt es sich, regelmäßig ein Backup des Systems anzufertigen. Allerdings haben die Entwickler dazu kein Tool in die Menüs eingepflegt. Auch in den Repositories der Distribution suchen Sie ein entsprechendes Werkzeug vergebens. Dort fehlt selbst Clonezilla, mit dessen Hilfe Sie einen Massenspeicher einfach und schnell duplizieren können. Sie müssen also für Backups und zum Klonen des Systems ein externes Werkzeug in Gestalt einer entsprechenden Live-Distribution nutzen.

Software

Auch in Sachen Software-Repositories geht Redcore Linux eigene Wege. Es setzt wie Gentoo auf das Portage-System auf, das Software mithilfe von Skripten aus den Quelltexten kompiliert. Dabei löst Portage gegebenfalls anfallende Abhängigkeiten gleich auf.

Redcore Linux fügt diesem System die in Python 3 geschriebene grafische Oberfläche Sisyphus (Abbildung 3) hinzu, die ähnlich funktioniert wie beispielsweise Synaptic unter Ubuntu oder Debian. Damit gelingt das Einrichten neuer Software ebenso komfortabel wie unter den gängigen Distributionen. Sie finden Sisyphus im Menü Systemwerkzeuge.

Abbildung 3: Mit Sisyphus gelingt die Installation neuer Software mit wenigen Mausklicks.

Abbildung 3: Mit Sisyphus gelingt die Installation neuer Software mit wenigen Mausklicks.

Das Tool synchronisiert zunächst die Repositories mit dem lokalen Index und führt anschließend die einzelnen Pakete in einer Listenansicht auf. Derzeit gibt es knapp 1700 Pakete, darunter auch Applikationen, die in einigen Ländern nicht frei vertrieben werden dürfen und sich daher selten in den Repositories anderer Distributionen finden. Alternativ nutzen Sie Sisyphus auch auf der Kommandozeile. Eine ausführliche Dokumentation dazu bietet das Wiki der Distribution an [5].

Der Softwarefundus lässt noch einigen Raum für Verbesserungen: So finden Sie hier weder den Webbrowser Firefox noch den E-Mail-Client Thunderbird, und auch die schlanken Office-Anwendungen aus dem Gnome-Fundus sowie die KDE-Office-Suite Calligra fehlen.

Fazit

Das noch junge Projekt Redcore Linux hat erst zwei Releases veröffentlicht, sodass sich die kleineren Defizite entschuldigen lassen. Die Distribution glänzt durch eine gute Stabilität, eine in der installierten Variante bereits recht passable deutsche Lokalisierung sowie eine Softwareauswahl, die viele Bereiche des Arbeitsalltags abdeckt. Der Gentoo-Ableger erleichtert die Bedienung durch viele grafische Werkzeuge für Konfiguration und Betrieb, die zeitaufwendige und fehleranfällige manuelle Arbeiten deutlich reduzieren.

Lediglich der Softwarebestand in den Repositories lässt derzeit noch zu wünschen übrig, vor allem hinsichtlich von Backup-Tools und gängigen Applikationen. Experimentierfreudige Anwender, die auch gern selbst an der Entwicklung einer Distribution teilnehmen, bietet Redcore Linux damit ein weites Spielfeld. 

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 05/2018 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

1 Kommentar
Älteste
Neuste Beste Bewertung
minimalIsBetter
4 Jahre her

toller Artikel! Hinweis: inzwischen erschien in distrowatch https://distrowatch.com/table.php?distribution=redcore die Meldung einer neuen Ausgabe, die man hier http://mirror.math.princeton.edu/pub/redcorelinux/iso/ herunterladen kann. Die Iso ist dort nicht mehr inkl. lxde sondern KDE und entspr. jetzt 3,7 GB gross und passt nicht mehr in der fat16 Partition auf dem USB-Stick, wodurch scheinbar die Installation mit dd ( ), die sonst immer erfolgreich ist (gparted > neue Tabelle >> Partition fat16 hinzufügen >>> unmount neue Partition (thunar mount sie automatisch, leider) >>>> “boot” flag auf der Partition setzen >>>>> gparted verlassen und jetzt dd wie hier angegeben: ) sonst mit dd ( dd if=/root/spot/1depot/isos/Redcore.Linux.Hardened.2101.KDE.amd64.iso of=/dev/sdb… Mehr »

Nach oben