Apricity OS will Web- und Cloud-Arbeitern den Alltag erleichtern, bietet aber auch für Einsteiger viel Interessantes.
Apricity OS entlehnt seinen Namen einem altertümlichen Begriff für die Wärme der Wintersonne. Was die Entwickler versuchen, braucht jedoch etwas mehr Energie und mutet an wie die Quadratur des Kreises: Sie verwenden das eher als Experten-Distribution geltende Arch Linux als Grundlage für ein Betriebssystem, das sich an Einsteiger und die Generation der mobilen Webarbeiter und Cloudanwender richtet. Darüber hinaus liegt der Fokus auf einem schlichten, modernen Design. Die Schwerpunkte liegen also völlig anders als bei Arch Linux.
Im Juli 2016 erschien nach mehreren Beta-Versionen die erste stabile Version von Apricity OS, im September folgte Apricity OS 09.2016 [1] mit dem Codenamen “Aspen”, das für den Test zum Einsatz kam. Setzte das Projekt in der Beta-Phase lediglich auf Gnome, so kam zum Jahresbeginn mit Cinnamon ein weiterer GTK-Desktop hinzu. Beide Desktop-Varianten [2] pendeln sich auf der Waage bei knapp 2 GByte ein.
Während andere Distributionen darüber nachdenken, keine 32-Bit-Ausgaben der Images mehr zu veröffentlichen, gehen die Entwickler mit der neuen Version den umgekehrten Weg und bieten zusätzlich ein entsprechendes Image an, das sie derzeit allerdings noch als experimentell kennzeichnen. Dieser Schritt erscheint nicht unbedingt plausibel; auf eine entsprechende Anfrage antworteten die Entwickler im gegebenen Zeitrahmen leider nicht.
Oberflächliche Eleganz
Im Test kam zunächst das 64-Bit-Image als Live-Medium mit Gnome-Desktop zum Einsatz. Der Desktop wirkt elegant und gut abgestimmt. Das Design ergibt zusammen mit dem “Numix Icon Theme” [3] und passenden Schriften ein in sich stimmiges Bild. Dass es sich hier um Gnome als Desktop handelt, kann man auf den ersten Blick kaum erkennen.
Auch der Arch-Unterbau scheint hier nicht durch, sofern Sie nicht die Liste der Quellen bemühen. Die Anmutung des Desktops erinnert eher an MacOS oder das aufgeräumte ChromeOS. Letzterem eifert das System in Bezug auf die Intention nach. Ein kurzer Rundblick macht klar, dass Apricity in Sachen Design als einer der hellsten Sterne am derzeitigen Distributionshimmel leuchtet. Das gilt nicht nur für die Gnome-Fassung, sondern – mit Abstrichen – ebenfalls für die Cinnamon-Version.
Nur unter der Haube
Wie nicht anders zu erwarten, erwartet Sie beim Versuch, das System zu installieren, nicht der textbasierte Installer von Arch Linux. Stattdessen kommt das Installer-Framework Calamares (Abbildung 1) in der aktuellen Version 2.4.1 zum Einsatz, fragt die nötigen Informationen ab und bannt das Image auf aktueller Hardware in rund fünf Minuten auf die Platte.
Der Einsatz des Installers stellt selbst unbedarfte Anwender vor keine unlösbaren Aufgaben. Die Gnome-Edition benötigt rund 6,6 GByte Plattenplatz, die Cinnamon-Variante gibt sich mit etwas weniger zufrieden. Die Entwickler versprechen, dass das System sich unmittelbar nach der Installation bereits in der grundlegenden Konfiguration sofort einsetzen lässt.
Nach dem Start belegt Apricity moderate 535 MByte Hauptspeicher, was ein Minimum von 2 GByte als sinnvolle Vorgabe ermöglicht. Zum Vergleich: Fedora 24 greift in der Gnome-Ausführung beim Start bereits rund 750 MByte RAM ab. Kein Wunder, dass der Apricity-Desktop etwas agiler im Einsatz wirkt.
Die aktuelle Ausgabe vom September bringt den sehr aktuellen Kernel 4.7.4-1 sowie das nicht minder frische Systemverwaltungs- und Init-System Systemd 231-1 mit. Für die Büroarbeit bringt Apricity die LibreOffice-Suite sowie den Browser Google Chrome vorinstalliert mit.
Zum Bearbeiten von Bildern stehen sowohl Gimp (Bitmaps) als auch Inkscape (Vektorgrafiken) bereit, den Bereich Musik und Video decken die Gnome-Klassiker Rhythmbox und Totem ab. Spiele ziehen Sie mit dem bereits vorbereiteten Steam-Client ins System. Mittels PlayOnLinux installieren Sie viele Windows-Anwendungen ohne viel Aufwand über vorbereitete Rezepte.
Aktuell und gut ausgestattet
Oft benutzte Anwendungen starten Sie über die Einträge im Dock am unteren Bildschirmrand (Abbildung 2). Dass hier ein Gnome in Version 3.20 zugrundeliegt, erschließt sich nur, wenn Sie im Dock ganz rechts auf das Icon mit dem Raster klicken: Erst dann erscheint die von Gnome bekannte Übersicht der Anwendungen (Abbildung 3).
Stöbern Sie dort im Angebot vorinstallierter Software, so zeigen sich alle Abteilungen sinnvoll bestückt. Die Palette reicht von den bereits erwähnten Anwendungen über den FTP-Client Filezilla und dem Bittorrent-Client Transmission bis hin zu Simple Backup sowie einigen Entwicklerwerkzeugen für das Toolkit Qt.
Für Notebooks haben die Entwickler die TLP-Tools [4] zum Verlängern der Akkulaufzeit vorbereitet. Mit Syncthing halten Sie verschlüsselt Daten über mehrere Geräte auch ohne Cloud-Anbindung synchron [5]. Das Programm steht für Linux, MacOS, Windows und Android bereit und deckt damit ein breites Spektrum aktueller Betriebssysteme ab.
Die auf dem Paketfilter Iptables basierende Uncomplicated Firewall (UFW) von Ubuntu ist mitsamt grafischem Frontend ebenfalls nur einen Mausklick weit entfernt (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Uncomplicated Firewall macht ihrem Namen Ehre und lässt sich einfach konfigurieren.
Arch und AUR
Darüber hinaus steht das gesamte Repository von Arch Linux inklusive dem Arch User Repository (AUR) bereit. Letzteres schalten Sie bei Bedarf in der Softwareverwaltung zunächst noch frei. Updates des gesamten Systems und die Installation einzelner Pakete erledigen Sie über das grafische Frontend Pamac (Abbildung 5) oder – Arch-typisch – mittels Pacman [6] in einem Terminal.

Abbildung 5: Die Auswahl an Paketen entspricht im Wesentlichen einem Arch Linux, wobei ein zusätzliches Repository optimierte Pakete für Apricity OS bereitstellt.
Neben den Zweigen Core, Extra, Community und Multilib gibt es ein zusätzliches Repo namens Apricity-Core. Hier finden Sie distributionsspezifische Pakete. Dabei folgt die Distribution wie Arch Linux dem Prinzip des Rolling Release: Einmal installiert, aktualisieren Sie das System beständig ohne eine Neuinstallation.
Aufs Nötige reduziert
Eine Besonderheit für Web-Arbeiter und Vielsurfer versteckt sich im Dock hinter dem zweiten Icon von links, das beim Mouseover den Namen Ice preisgibt. Hierbei handelt es sich um einen Site Specific Browser (SSB) [7]. Das ermöglicht es, oft benutzte Seiten im Web als losgelöste Browser-Instanz über Icons aus dem Dock oder vom Desktop zu starten (Abbildung 6).

Abbildung 6: Häufig genutzte Dienste aus dem Web stellen Sie bei Bedarf im im Ice-Browser bereit, der ein einzelnes Fenster ohne weitere Kontrollelemente mit der entsprechenden Site aufruft.
Dieser Ansatz eignet sich speziell für E-Mail, Cloudanwendungen wie Nextcloud oder Dropbox sowie für Google Plus, Facebook, Twitter und ähnliche Dienste. Ice arbeitet mit Google Chrome, Chromium und Firefox zusammen.
Beim Erstellen vergeben Sie einen Namen für die Instanz, definieren die zugehörige URL und wählen einen Abschnitt des Menüs an, in dem Sie die Anwendung platzieren möchten. Als Icon wählen Sie entweder explizit eines aus oder nutzen das Favicon der Seite. Vom Menü aus legen Sie das Bildchen dann ins Dock oder auf den Desktop, um es im schnellen Zugriff zu haben.
Als weitere Besonderheit bringt die Distribution die Eigenentwicklung Freezedry [8] mit. Sie erlaubt es Anwendern, auf der Apricity-Webseite mit einfach strukturierten TOML-Konfigurationsdateien [9] individuelle Systemkonfigurationen zu erstellen und herunterzuladen. Diese enthalten unter Umständen andere Desktop-Umgebungen und Themes sowie eine andere Auswahl an Paketen. Wer möchte, hat die Möglichkeit, auf der Webseite seine individuellen Zusammenstellung zum Herunterladen an andere weiterzugeben [10].
Fazit
Apricity OS ist nicht nur eine schlicht und ansehnlich gestaltete Distribution, sondern eignet sich darüber hinaus auch bestens für Einsteiger. Aber auch erfahrene Anwender finden es angenehm, es zu nutzen, bewegt es sich doch weit abseits der von den ubiquitären Ubuntu-Derivaten ausgetretenen Pfade.
Die optisch hervorragend abgestimmte Distribution gab sich im Test in Bezug auf die Funktion keine einzige Blöße: Es traten selbst bei intensivem Einsatz keine Probleme auf – das kommt nicht allzu häufig vor. Der Spagat zwischen Arch Linux als Geek-Distribution und einem für Einsteiger durchgängig geeigneten System ist den Entwicklern hier vorbildlich geglückt. Das gelungene Repertoire an Paketen deckt alle wichtigen Einsatzgebiete eines Desktop-Rechners ab, zusätzlich zielt Apricity auf produktives Arbeiten im Web und in der Cloud ab.
Die Beschränkung auf die Desktops Gnome und Cinnamon ergibt Sinn: Wie sich an den vorgenommenen Anpassungen erkennen lässt, sind die Entwickler intim mit dem GTK-Unterbau vertraut – das trägt erheblich zum runden Auftritt bei. Spezifische Vorteile von Gnome behielt das Projekt bei, wie die Wahl der Bedienung per Maus oder Touch sowie die gelungene Anpassung an HDPI-Displays mit hohen Auflösungen.
Infos
[1] Apricity-Blog: https://apricityos.com/blog
[2] Images: https://apricityos.com/download
[3] Numix: https://github.com/numixproject/numix-icon-theme
[4] TLP: http://linrunner.de/en/tlp/tlp.html
[5] Syncthing: Christoph Langner, Ferdinand Thommes, “Im Gleichtritt”, LU 08/2015, S. 28, https://www.linux-community.de/35177
[6] Pacman: https://wiki.archlinux.de/title/Pacman
[7] Ice: https://en.wikipedia.org/wiki/Site-specific_browser
[8] Freezedry: https://apricityos.com/dash
[9] TOML: https://github.com/toml-lang/toml
[10] Anpassungen: https://apricityos.com/dash









Ich habe gerade SwagArch GNU/Linux für mich entdeckt.
Das basiert auf Xfce4 und benutzt ebenfalls Calamares als Installer.
Link: https://swagarch.github.io
Davon gibt es aber leider nur eine 64 Bit Version.