PDFs mit vielen hundert Seiten und ebenso vielen Bildern zwingen PDF-Betrachter wie Okular oder Evince schnell in die Knie. MuPDF dagegen bringt selbst die dicksten digitalen Wälzer pfeilschnell auf den Bildschirm.
Eventuell kennen Sie die Situation: Sie möchten ein PDF-Dokument betrachten, aber bereits beim Laden oder schon nach den ersten Seiten auf dem nicht mehr ganz taufrischen Rechner geht der PDF-Betrachter des Vertrauens in die Knie. Selbst ein wenig Scrollen im Dokument überfordert das System. Meist geschieht dies bei PDF-Dokumenten mit sehr vielen Seiten und zahlreichen Grafiken und Bildern. Hier stoßen die mit den Distributionen üblicherweise ausgelieferten PDF-Betrachter wie Evince oder Okular an ihre Grenzen. In solchen Fällen schlägt die Stunde von MuPDF [1]. Der schlanke und leistungsfähige Dokumentenbetrachter zeigt neben dem PDF-Format noch XPS-, OpenXPS- und CBZ-Dateien an.
Die Kontrahenten
Die Optik von MuPDF kommt zwar eher spartanisch daher, allerdings bringt selbst die Darstellung umfangreicher PDF-Dateien das Programm nicht aus dem Tritt (Abbildung 1). MuPDF scrollt nicht nur rasend schnell durch aufwendig darzustellende Dokumente, sondern zeigt die Inhalte zudem noch klarer an als die Konkurrenz. Als Versuchsobjekt diente uns im Test das Kunst-E-Book “Radiant Identities” des amerikanischen Fotografen Jock Sturge [2]. Wir verwendeten unter Debian und Fedora neben MuPDF die PDF-Betrachter Okular, Evince, Xpdf und Qpdf. Als Hardware kamen eine gut ausgestattete Workstation und zum Vergleich ein Notebook von HP aus dem unteren Marktsegment zum Einsatz.
Die meisten PDF-Betrachter verwenden unter Linux die Bibliothek Poppler [3] zum Rendern von PDF-Dokumenten. Als dynamische Bibliothek ist Poppler darauf ausgelegt, die Möglichkeiten moderner Desktop-Systeme auszuloten. Sein Nachteil liegt in der unzureichenden Verarbeitungsgeschwindigkeit bei großen und grafisch anspruchsvollen PDFs. Geben Sie daher MuPDF eine Chance – die meisten Linux-Distributionen führen die Anwendung in den Paketquellen, sodass sich die Installation in der Regel bequem via Paketmanager abwickeln lässt.
Stand der Dinge
In Sachen Geschwindigkeit punktet MuPDF, das einen eigenen Renderer namens Pdfdraw-mupdf sowie – unter der Bezeichnung Fitz – eine eigene Grafikbibliothek mitbringt. Das Hauptaugenmerk bei der Entwicklung dieser Libraries lag primär auf Geschwindigkeit und Präzision: Fitz berechnet das Anti-Aliasing bis in die Subpixel-Ebene, wo andere auf Pixelebene halt machen. Das sorgt für gestochen scharfe Darstellung bei gleichzeitig hoher Geschwindigkeit.
MuPDF bedient den aktuellen PDF-Standard 1.7 und unterstützt über einkompilierte Module Suche, Transparenz, Verschlüsselung, Hyperlinks und Kommentare. Seit Version 1.2 erlaubt MuPDF das Ausfüllen von Formularen und das Ausführen von Javascript. Die verfügbaren MuPDF-Betrachter für Linux, Mac OS X, Windows sowie die Apps für Android und iOS [4] stellen lediglich Beispiele dar, was MuPDF zu leisten vermag. Der modulare Aufbau und die Portabilität des Codes erlauben die Integration von MuPDF in andere Anwendungen. So basieren beispielsweise die Programme Sumatra-PDF für Windows [5] oder Zathura [6] für Linux auf MuPDF.
Bedienung
Sie rufen MuPDF aus der Konsole heraus auf, indem Sie das zu öffnende PDF-Dokument samt Pfad wie in mupdf /Pfad/zu/Beispiel.pdf anhängen – bei Fedora lautet der Grundbefehl mupdf-x11. Mittels diverser Tasten und Tastenkombinationen (siehe Tabelle “Tastenkombinationen”), steuern Sie die Darstellung, setzen Bookmarks und blättern durch das Dokument. Eine grafische Werkzeugleiste fehlt ebenso wie eine Seitenleiste mit Vorschaubildern.
Die Manpage zu MuPDF [7] listet eine Menge weiterer Parameter auf, die Sie zum Teil direkt an das Startkommando anhängen. So bestimmen Sie etwa, mit welcher Auflösung MuPDF das Dokument öffnet oder passen über das Anti-Aliasing die Darstellung der Schriften an Ihre eigenen Vorstellungen an. Eine Druckfunktion bietet MuPDF als reiner Dokumentenbetrachter jedoch nicht.
Tastenkombinationen
| Taste | Funktion |
|---|---|
| [+] oder [=] | Vergrößern |
| [-] | Verkleinern |
| [Bild-ab] oder [.] | nächste Seite |
| [Bild-auf] oder [,] | vorherige Seite |
| [>] | 10 Seiten vor |
| [<] | 10 Seiten zurück |
| [Umschalt]+[L] | Seite gegen Uhrzeigersinn rotieren |
| [Umschalt]+[R] | Seite im Uhrzeigersinn rotieren |
| Zahl,[G] | zur angegebenen Seite springen |
| [M] | Lesezeichen setzen |
| [T] | zum Lesezeichen springen |
| [/] | Textsuche |
| [n] | nächste Fundstelle |
| [Umschalt]+[N] | vorherige Fundstelle |
| [W] | Fenster an Dokumentengröße anpassen |
| [Alt]+[Q] | MuPDF beenden |
Der Vergleich
MuPDF muss sich im Vergleichstest mit den Dokumentenbetrachter Okular und Evince aus den Desktopumgebungen KDE beziehungsweise Gnome messen. Weiterhin kommt Xpdf zum Einsatz, das am Beginn der Entwicklung von MuPDF als Grundlage diente, sowie Qpdf. Keines der Konkurrenzprogramme versagte beim anspruchsvollen Test-PDF völlig, andererseits glänzte auch keines davon mit auch nur halbwegs flüssiger Darstellung.
Bis eines der eingebetteten Fotos erschien, dauerte es entweder mehrere Sekunden oder die Darstellung der Fotos zeigte bis zum endgültigen Seitenaufbau lange Zeit eher Klötzchen statt das Bild. Das Scrollen durch das rund 38 MByte große PDF mit 94 Seiten gestaltete sich bei allen konkurrierenden Anwendungen recht zäh.
Ganz anders dagegen bei MuPDF: Selbst auf dem relativ schwachbrüstigen Test-Notebook benötigte es für das vollständige Öffnen des Dokuments nur Sekundenbruchteile. Das Scrollen mit Maus oder Tastatur wirkte so flüssig, dass sich auch mit einem kritischen Auge keine Verzögerung erkennen ließ. Die Anwahl einer Seite – etwa durch die Eingabe von [5],[4],[G] (das von überall im Dokument zur Seite 54 springt) öffnet ohne Ruckeln und Zuckeln direkt die entsprechende Seite. Selbst ein Stakkato auf den Auf- und Ab-Tasten bringt MuPDF nicht im Geringsten aus dem Tritt.
Bei Evince dagegen dauerte der Sprung von Seite 1 zu Seite 54 rund 7 Sekunden. Abbildung 2 zeigt einen Graphen, der belegt, dass MuPDF im Schnitt 78 Prozent schneller an die Arbeit geht als Poppler, in der Spitze sogar fast doppelt so schnell. Selbst der bekanntermaßen ausgezeichnete Foxit Reader hält unter Windows bei dieser Geschwindigkeit nicht mit. Seinen Geschwindigkeitsvorteil spielt MuPDF nicht nur auf dem PC aus, auch unter Android macht MuPDF den besten Eindruck bei problematischen Dokumenten (Abbildung 3).
Fazit
MuPDF wirkt mit seiner antiquierten Oberfläche ohne Bedienelemente, dem reduzierten Funktionsumfang und der Steuerung über Tastenkombinationen wie ein Relikt aus dem letzten Jahrtausend. Doch zur Darstellung eines PDF-Dokuments braucht es eben nicht mehr als die Anzeige. In Sachen Geschwindigkeit macht MuPDF kein anderer Dokumentenbetrachter etwas vor.
Fehlt Ihnen eine Druckfunktion, bietet sich Zathura als Alternative an. Das Programm setzt auf MuPDF als Unterbau, fügt aber die Möglichkeit hinzu, das geöffnete Dokument auszudrucken. Generell macht es durchaus Sinn, ein Programm wie MuPDF im Kopf zu behalten: Sollte einmal ein extrem großes und kompliziertes PDF-Dokument den Weg auf Ihren Rechner finden, wissen Sie sich zu helfen.
Infos
[1] MuPDF: http://mupdf.com
[2] Radiant Identities: https://en.wikipedia.org/wiki/Radiant_Identities
[3] Poppler: https://de.wikipedia.org/wiki/Poppler
[4] MuPDF herunterladen: http://mupdf.com/downloads/
[5] Sumatra PDF: http://www.sumatrapdfreader.org/free-pdf-reader-de.html
[6] Zathura: https://pwmt.org/projects/zathura/
[7] Manpage zu MuPDF: http://manpages.ubuntu.com/manpages/natty/man1/mupdf.1.html








