AA_PO-22438-123RF-Mike_Flippo.jpg

© Mike Flippo, 123RF

Schönfärberei

Fotos gezielt einfärben mit Tintii

26.06.2012
Steven Spielberg drehte "Schindlers Liste" komplett in Schwarz-Weiß – nur in einer kurzen Szene trägt ein kleines Kind einen rot leuchtenden Mantel. Solch einen eindrucksvollen Farbeffekt wendet die kleine Software Tintii halb automatisch auf beliebige Farbfotos an.

Wichtige Objekte auf Fotos hebt man gezielt hervor, indem man den Hintergrund unscharf stellt, das Motiv ausschneidet oder aber kurzerhand allen unwichtigen Partien die Farbe entzieht. Ein Beispiel für die letztgenannte Variante zeigt Abbildung 1. Diesen auch als Selective Color oder Color Popping bekannten Effekt machten in den 90er Jahren vor allem Filme wie "Pleasantville" oder "Schindlers Liste" populär [1].

Abbildung 1: Hier zeigt Tintii nur alle blauen Elemente in der Hausansicht an, dazu zählen die im Odenwald typischen blauen Blendläden und natürlich der Himmel.

Um Ihre eigene Fotos ebenso eindrucksvoll zu färben, genügen ein paar Mausklicks in der kostenlosen Software Tintii [2]. Sie verwandelt ein Farbfoto zunächst in ein Graustufenbild und holt dann gezielt einzelne Farben wieder zurück. Alle so eingefärbten Bereiche und Objekte stechen dann besonders effektvoll aus der Szene heraus. Die verwendeten Farben dürfen Sie schließlich noch in im Farbton, der Intensität und der Helligkeit verändern.

Auf diese Weise geben Sie Ihren Fotos schnell eine komplett andere Stimmung oder machen aus flauen Aufnahmen farbgewaltige Kunstwerke. Einen hellblauen Wölkchenhimmel in ein glutrotes Inferno zu verwandeln ist für Tintii ein Leichtes. Sie selbst brauchen dazu kein Spezialwissen, sondern müssen nur an ein paar Reglern zupfen.

Kostenloser Farbkasten

Tintii stammt aus der Feder von Lawrence Murray, einem Programmierer und Amateurfotografen. Er besitzt offenbar ein großes Herz für Linux: Während Windows- und Mac-OS-X-Anwender zwischen 5 und 20 US-Dollar für Tintii berappen müssen, dürfen Linux-Nutzer die Anwendung gratis herunterladen und nutzen. Mehr noch: Der gesamte Quellcode steht unter der GNU GPLv2.

Einige Distributionen bieten in ihren Repositories sogar ein fertiges Paket an. Das enthält allerdings meist nur eine etwas ältere Tintii-Version, der einige interessante Einstellungsmöglichkeiten fehlen. Möchten Sie den vollen Funktionsumfang nutzen und finden das aktuelle Tintii nicht im Paketmanager der verwendeten Distribution, dann führt Sie der Kasten "Neu angerührt" zum Ziel.

Neu angerührt

Um Tintii frisch aus dem Quellcode zu erstellen, installieren Sie zunächst über Ihren Paketmanager den C++-Compiler, Make sowie die Entwicklerpakete zu wxWidgets und Boost – unter OpenSuse beispielsweise die Pakete gcc-c++, make, boost-devel und wxwidgets-devel mitsamt Abhängigkeiten. Als Ubuntu-Nutzer richten Sie hingegen die Pakete build-essential, libwxgtk2.8-dev und libboost-all-dev ein, ebenfalls mit allen ihren Abhängigkeiten.

Als Nächstes steuern Sie die Tintii-Homepage an [1], klicken dort auf den Download-Knopf ganz rechts oben und laden unter For Linux das Quellcode-Archiv herunter. Dieses entpacken Sie auf der Festplatte und rufen dann im entstandenen Unterverzeichnis in einem Terminalfenster nacheinander folgenden beiden Befehle auf:

$ ./configure --disable-assert CXXFLAGS="-O3 -g3"
$ make

Läuft alles glatt, installieren Sie anschließend Tintii mit sudo make install (Ubuntu) beziehungsweise mit su root; make install; (OpenSuse).

Um Tintii zu starten, rufen Sie in einem Terminal-Fenster den Befehl tintii auf – das gilt selbst dann, wenn Sie die Anwendung unter Ubuntu über das Software-Center installiert haben.

Ältere Versionen von Tintii zeigen jetzt ein ziemlich karges Fenster (in Abbildung 2 das rechts unten), in dem Sie auf Open klicken und dann eines Ihrer Fotos auswählen. Die aktuelle Tintii-Version öffnet hingegen sofort das Hauptfenster aus Abbildung 1. Dort rufen Sie File | Open auf und suchen dann auf der Festplatte das zu bearbeitende Bild aus. Tintii liest die Dateiformate BMP, PNG, JPEG, TIFF, GIF, PNM, PCX, IFF, Windows Icons (ICO), Windows Cursor (CUR, ANI), TGA und XPM.

Abbildung 2: Ältere Tintii-Versionen, wie etwa hier die in Ubuntu enthaltene, bieten weniger Einstellmöglichkeiten als die aktuelle Fassung.

Das Foto erscheint jetzt im Hauptfenster in Schwarz-Weiß. Direkt rechts daneben (in älteren Versionen links) finden Sie mehrere kleine Vorschausymbole. Aktivieren Sie eines davon durch Anklicken, holt Tintii die entsprechende Farbe zurück. In den kleinen Vorschaubildern trägt es die Farbe bewusst etwas zu dick auf: Sie sehen so leichter, in welchen Bildbereichen welche Farbe betroffen ist. Weitere Objekte färben Sie ein, indem Sie einfach mehrere Vorschauen gleichzeitig aktivieren.

Nicht jedes Foto enthält alle Farben im gleichen Maß. Bei einem überwiegend bewölkten Himmel fehlen in einer Stadtansicht beispielsweise oft die Blautöne. Dann kann auch Tintii die entsprechende Farbe nicht zurückholen, die zugehörige Vorschau bleibt weitgehend grau. Um eine der Farben wieder aus dem Bild zu nehmen, deaktivieren Sie einfach mit einem erneuten Mausklick die zugehörige Vorschau.

Mischmasch

In der aktuellen Tintii-Version warten rechts neben den Vorschausymbolen zahlreiche Regler. Mit ihnen justieren Sie die Farben nach – bis hin ins Absurde. Jeweils drei Regler gehören zur links in der Vorschau präsentierten Farbe. Mit dem Regler über der Schwarz-Weiß-Skala dunkeln Sie die Farbe ab oder hellen sie auf. In Abbildung 3 erscheinen die Blendläden so helltürkis.

Abbildung 3: Hier wurde die Helligkeit aller blauen Bereiche angehoben, was zu einem Türkis führt.

Der Regler darüber erhöht beziehungsweise verringert die Farbintensität (Sättigung). Ziehen Sie ihn nach rechts, hebt das die eingefärbten Objekte immer weiter hervor, bis sie sogar irgendwann zu glühen beginnen. Das lässt sich wiederum für interessante Effekte missbrauchen: Schalten Sie alle Farben ein und erhöhen Sie dann nach und nach deren Farbintensität. Ähnlich wie in Abbildung 4 blühen so insbesondere Landschaftsfotos im wahrsten Sinne des Wortes auf. Wichtig ist dabei das richtige Maß: Ziehen Sie die Regler zu weit, erhalten Sie nur eine poppige Bonbonoptik.

Abbildung 4: Mit genügend Sättigung erstrahlt das Haus in knackigen Farben.

Mit dem obersten der drei Regler schließlich tauschen Sie noch die Farbe gegen eine komplett andere aus. Ist etwa die blaue Vorschau aktiv und ziehen Sie dann den Regler nach links über den grünen Bereich, färbt Tintii alle blauen Objekte wie in Abbildung 5 grasgrün. Diese Funktion eignet sich auch hervorragend dazu, einen blauen Himmel noch dunkelblauer zu machen oder eine blühende Frühlingslandschaft in den Herbst zu schicken (Abbildung 6).

Abbildung 5: Die blauen Blendläden wurden hier grün eingefärbt. Dummerweise können Sie Tintii nicht anweisen, dabei alle anderen blauen Elemente auszusparen, wie etwa den Himmel.
Abbildung 6: Mit Tintii lassen sich die eigentlich grünen Sträucher in eine braune Herbstlandschaft zu verwandeln.

TIPP

Verschieben Sie sämtliche Regler nur langsam. Andernfalls treten schnell unerwünschte Bereiche hervor, die die gewählte Farbe eigentlich nur leicht in sich tragen.

Sobald Sie ein neues Bild öffnen, ermittelt Tintii die vier Hauptfarben des Fotos und erstellt dafür jeweils ein Vorschaubild. Das reicht aber nicht immer aus – beispielsweise wenn das Foto verschiedene Blumen in unterschiedlichen Grüntönen enthält. In der aktuellen Tintii-Version können Sie deshalb über das Pluszeichen rechts unten weitere Farben hinzuholen, in älteren Versionen erhöhen Sie einfach den Wert im Feld Thumbs.

Die neuen Farben dürfen Sie allerdings nicht selbst auswählen. Stattdessen sucht Tintii erneut die wichtigsten beziehungsweise markantesten Farben heraus. Im Fall des Blumenbildes wären das dann sehr wahrscheinlich mehrere Grüntöne. Analog reduziert ein Klick auf das Minussymbol die Anzahl der verfügbaren Farben, in älteren Versionen setzen Sie die Zahl hinter Thumbs herab.

Diese Arbeitsweise ist gerade am Anfang ziemlich gewöhnungsbedürftig. Im Zweifelsfall klicken Sie das Plus-Symbol solange an, bis Tintii sehr ähnliche Farben anbietet, und verringern dann über das Minuszeichen die Auswahl wieder. Insgesamt kann Tintii bis zu 16 verschiedene Farben gleichzeitig anbieten.

Diesen Artikel als PDF kaufen

Express-Kauf als PDF

Umfang: 4 Heftseiten

Preis € 0,99
(inkl. 19% MwSt.)

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 

Ähnliche Artikel

  • Anwendertipps und kleine Kniffe zu Gimp
    Die Gimp-Tipps zeigen diesmal, wie Sie den gern in Werbespots eingesetzten Lomo-Effekt simulieren, mit dem Pfadwerkzeug arbeiten und mit Filtern Ihre Fotos aufpeppen.
  • Korrekturbedarf
    Fotokameras und Objektive besitzen fast durchgängig mehr oder weniger gravierende Mängel, die zu Abbildungsfehlern führen. Die bügeln sie am PC mit dem richtigen Werkzeug in wenigen Handgriffen aus.
  • Anwendertipps und kleine Kniffe zu Gimp
    Unsere Tipps machen Sie zum Gimp-Profi: Diesmal zeigen wir, wie Sie Mehrfachbelichtungen simulieren und der "chromatischen Aberration" zu Leibe rücken. Außerdem verraten wir, wie Sie richtig schärfen und effizient mit dem Zauberstab arbeiten.
  • Effizienter arbeiten mit Gimp
    Die hier aufgeführten Tipps und Tricks bringen Ihnen Gimp-Funktionen und -Arbeitstechniken näher. Wir zeigen, wie Sie Colorkey-Bilder erstellen, einen Bronze-Look für Porträtfotos erzeugen und den Grunge-Effekt auf Texte anwenden.
  • Effizienter arbeiten mit Gimp
    Unsere Tipps bringen Ihnen Gimp-Funktionen und -Arbeitstechniken näher. Diesmal zeigen wir, wie Sie mit dem Fraktal-Explorer und dem Filter Alien-Map arbeiten. Außerdem verraten wir, wie Sie Druckraster und pixelige Bilder erstellen sowie die Cross-Entwicklung nachahmen.
Kommentare

Infos zur Publikation

LU 01/2015: E-Books im Griff

Digitale Ausgabe: Preis € 4,95
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Tipp der Woche

Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Ubuntu 14.10 und VirtualBox
Tim Schürmann, 08.11.2014 18:45, 0 Kommentare

Wer Ubuntu 14.10 in einer virtuellen Maschine unter VirtualBox startet, der landet unter Umständen in einem Fenster mit Grafikmüll. Zu einem korrekt ...

Aktuelle Fragen

PCLinuxOS Version 2014.08 "FullMonty" Umstellung auf deutsch
Karl-Heinz Welz, 19.12.2014 09:55, 3 Antworten
Hallo, liebe Community, ich bin 63 Jahre alt und möchte jetzt nach Jahrzehnten Windows zu Linux...
ICEauthority
Thomas Mann, 17.12.2014 14:49, 2 Antworten
Fehlermeldung beim Start von Linux Mint: Could not update ICEauthority file / home/user/.ICEauth...
Linux einrichten
Sigrid Bölke, 10.12.2014 10:46, 5 Antworten
Hallo, liebe Community, bin hier ganz neu,also entschuldigt,wenn ich hier falsch bin. Mein Prob...
Externe USB-Festplatte mit Ext4 formatiert, USB-Stick wird nicht mehr eingebunden
Wimpy *, 02.12.2014 16:31, 0 Antworten
Hallo, ich habe die externe USB-FP, die nur für Daten-Backup benutzt wird, mit dem YaST-Partition...
Steuern mit Linux
Siegfried Markner, 01.12.2014 11:56, 2 Antworten
Welches Linux eignet sich am besten für Steuerungen.