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Lispelnder Sägefisch

Der Fenstermanager Sawfish

15.06.2011 Ein Urgestein der Fenstermanager ist wieder da: Sawfish verzichtet auf 3D-Schnickschnack und lässt sich dafür bis ins Detail den eigenen Bedürfnissen anpassen.

Um die Jahrtausendwende startete John Harper die Entwicklung eines neuen Fenstermanagers namens Sawmill. Er sollte möglichst leichtgewichtig daherkommen, sich gleichzeitig aber auch flexibel erweitern lassen. Schon waren einige Versionen der Sägemühle erschienen, da tauchte ein Namenskonflikt mit einem kommerzielles Programm auf. Um einem Rechtsstreit aus dem Weg zu gehen, entschied man sich für eine Umbenennung in Sawfish. Auf diesen Sägefisch wurde schließlich auch das Gnome-Projekt aufmerksam, das ihn lange Zeit als Unterbau für den gleichnamigen Desktop nutzte.

Mit Gnome 2.2 musste Sawfish dann aber dem noch heute in der Gnome-2-Serie verwendeten Metacity weichen. Daher stellte der Erfinder John Harper die Betreuung von Sawfish ein. In der Folge dümpelte das Projekt lange vor sich hin, bis sich schließlich 2007 Janek Kozicki und später Christopher Bratusek des verwaisten Klassikers annahmen. Dank vieler weiterer Mitstreiter folgt seitdem in relativ kurzen Abständen eine neue Version nach der anderen. Insbesondere seit dem letzten Jahr hat das Projekt wieder unglaublich an Fahrt aufgenommen.

Nach wie vor bringt Sawfish [1] extrem wenig Gewicht auf die Waagschale, bietet zudem extrem flexible Einstellungsmöglichkeiten und lässt sich dank Themes verschiedene Optiken überstülpen. Der Fenstermanager basiert in weiten Teilen auf einer Skriptsprache, die sich stark an der klassischen Programmiersprache Lisp anlehnt. Das ermöglicht, bei Bedarf alle wichtigen Funktionen schnell auszutauschen oder zu erweitern. Auch lässt sich jede von Sawfish angebotene Funktion mit einer beliebigen Taste oder Tastenkombination verknüpfen beziehungsweise auslösen. Für jedes Ereignis, wie etwa das Verschieben eines Fensters, darf der Benutzer selbst festlegen, was dabei passieren soll.

Woher nehmen?

Gründe gibt es also genug, Sawfish einmal auf dem heimischen PC auszuprobieren. Der Weg dorthin erweist sich derzeit allerdings teilweise noch als recht steinig. Zwar liegt Sawfish vielen Distributionen fix und fertig bei, durch die enorme Entwicklungsgeschwindigkeit schlummern in den Repositories allerdings meist nur angestaubte Pakete.

Dennoch sollten Sie im Zweifelsfall lieber den Paketmanager zücken und zur etwas älteren Repo-Version greifen: Eine manuelle Installation von Sawfish aus den Quellpaketen verursacht reichlich Aufwand – siehe Kasten "Installation per Hand". In den meisten Distributionen genügt es, das Paket sawfish zu installieren und die dabei automatisch ebenfalls ausgewählten Kollegen zu akzeptieren. Unter OpenSuse 11.4 müssen Sie erst noch das Main Repository (Contrib) aus den Community/Gemeinschafts-Repositories aktivieren (in Yast im Bereich Software unter Software-Repositories und Hinzufügen).

Nach dem Einrichten der Software steht Sawfish im Anmeldebildschirm als alternativer Fenstermanager zur Auswahl. Bei Gnomes Anmeldemanager GDM klicken Sie erst auf Ihren Namen an und entscheiden sich dann in der entsprechenden Ausklappliste am unteren Bildschirmrand für Sawfish (Abbildung 1). Bei KDM des KDE-Projekts klicken Sie links unten auf Sitzungsart und wählen dann Sawfish. Dieser Weg über den Anmeldebildschirm bietet gleichzeitig den Vorteil, dass Sie bei Nichtgefallen mit der nächsten Anmeldung wieder zurück zum gewohnten Gnome- oder KDE-Desktop gelangen.

Abbildung 1: Bei den meisten Distributionen, die Sawfish in ihren Repositories mitbringen, schaltet man im Anmeldebildschirm bequem auf den alternativen Fenstermanager um.

Taucht Sawfish nicht im Anmeldebildschirm auf (beispielsweise weil Sie ihn selbst übersetzt und installiert haben), wird etwas Handarbeit notwendig. Am schnellsten zum gewünschten Ziel führt die Holzhammermethode, bei der man mit einem Texteditor die Datei ~/.xinitrc anlegt und in ihr folgende Befehle platziert:

xterm&
sawfish

Nach dem Speichern, sowie Ab- und erneuten Anmelden, startet dann automatisch Sawfish. Um ihn wieder loszuwerden, müssen Sie lediglich die oben genannte Datei löschen (im Notfall über ein Rettungssystem). Unter OpenSuse 11.4 kam es in unseren Tests übrigens immer mal wieder zu Problemen: War der KDE-Desktop bei der Installation ausgewählt, stürzte Sawfish immer mal wieder komplett ab, GDM aus Gnome startete Sawfish nicht, sondern kehrte immer wieder direkt zum Anmeldebildschirm zurück.

Installation per Hand

Möchten Sie die neueste Sawfish-Version verwenden, müssen Sie diese in aller Regel aus dem Quellcode übersetzen. Da der Fenstermanager aus drei Einzelteilen besteht, fallen dabei gleich mehrere Handgriffe an.

Zunächst installieren Sie über Ihren Paketmanager den C-Compiler, die Programme make, makeinfo, automake und autoconf, sowie die Entwicklerpakete zu Imlib, GTK+2, GNU DBM, GNU GMP, Libffi und Libreadline. Unter Ubuntu wären das beispielsweise die Pakete make, automake, texinfo, libimlib2-dev, libgtk2.0-dev, libgdm-dev, libgmp3-dev, libffi-dev, libreadline6-dev sowie alle vom Paketmanager zusätzlich noch vorgeschlagenen Abhängigkeiten.

Laden Sie nun von der Sawfish-Homepage [1] aus dem Bereich Download zunächst die aktuelle Version der Bibliothek Librep herunter und entpacken Sie das dabei erhaltene Archiv auf die Festplatte. Laut Installationsanleitung reicht es jetzt eigentlich aus, in einem Terminalfenster in das entstandene Librep-Verzeichnis zu wechseln und dort folgende drei Befehle aufzurufen

./configure
make
sudo make install

Die zu Redaktionsschluss aktuelle Version 0.92.0 erforderte allerdings, das ./configure gegen ./autogen.sh auszutauschen.

Sobald Librep fehlerfrei übersetzt und installiert wurde, angeln Sie sich das Rep-gtk-Archiv von der Sawfish-Homepage, entpacken es auf der Festplatte und übersetzen seinen Inhalt ebenfalls mittels des oben aufgeführten Dreisatzes. Zu guter Letzt wiederholen Sie die Prozedur abschließend noch mit dem Paket sawfish.

Gähnende Leere?

Nach dem Start von Sawfish sehen Sie sehr wahrscheinlich erst einmal nur einen leeren Bildschirm mit einem einsamen Mauszeiger. Das ist kein Bug, sondern ein Feature: Als bewusst einfach gehaltener Fenstermanager kümmert sich Sawfish von Haus aus ausschließlich um das Zeichnen, Vergrößern und Verkleinern von einzelnen Fenstern. Er verzichtet somit auf die zahlreichen Zusatzprogramme, die in kompletten Desktop-Managern beispielsweise ein schickes Startmenü oder Symbole zum An- und Abmelden anbieten.

Klicken Sie jetzt einmal mit der mittleren Maustaste irgendwo auf das Hintergrundbild. Bei einer Zweitastenmaus drücken Sie linke und rechte Maustaste gleichzeitig. Es erscheint das sogenannte Wurzelmenü, über das Sie unter anderem alle installierten und von Sawfish erkannten Programme erreichen (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das kleine Wurzelmenü fungiert unter Sawfish als zentrale Anlaufstelle, um Programme zu starten und die Einstellungen zu verändern.

Integrationshilfe

Da Sawfish nur die Fenster verwaltet, kann man es mit beliebigen weiteren Zusatzprogrammen aufpeppen. Beispielsweise allen nützlichen Anwendungen aus Gnome oder KDE. Sawfish dient dann unter dem Strich als Ersatz für die dort eigentlich eingesetzten Fenstermanager namens Metacity (Gnome 2) beziehungsweise KWin (KDE).

Um Gnome ab Version 2.24 Sawfish als Fenstermanager unterzuschieben, rufen Sie in einem Terminalfenster gconf-editor auf, öffnen desktop | gnome | session | required_components und ersetzen dort neben windowmanager in der Spalte Wert den vorhandenen Text gegen sawfish (Abbildung 3). Nach einer Neuanmeldung werkelt Sawfish anstelle von Metacity als Fenstermanager. Der Start der Gnome-Komponenten kann dabei ein paar Sekunden dauern.

Bei KDE 4 reicht es aus, die Systemeinstellungen aufzurufen, dort die Standard-Komponenten zu aktivieren, zum Bereich Window Manager zu wechseln, den Punkt Einen anderen Fenstermanager verwenden anzukreuzen und aus der Liste Sawfish zu wählen. Nach einer Neuanmeldung ersetzt Sawfish das ansonsten genutzte KWin. Taucht der Punkt nicht wie erwartet in den Systemeinstellungen auf, müssen Sie zuvor noch den Befehl kde4-config --install data aufrufen, dem ausgespuckten Verzeichnis /ksmserver/windowmanager/ anhängen und in das so entstandene Verzeichnis die im Sawfish-Quellcode-Archiv enthaltene Datei sawfish-ksm.desktop kopieren.

Hat der Distributor bereits eine solche Heirat vorgenommen, ist unter Umständen das Wurzelmenü über die Mitteltaste gesperrt. In diesem Fall erreichen Sie die Sawfish-Einstellungen, indem Sie ein Terminalfenster öffnen, dort sawfish-config eintippen und die Eingabetaste drücken. In älteren Sawfish-Versionen firmierte das Hilfswerkzeug übrigens noch als sawfish-ui.

Mittlerweile ist die Integration in Gnome beziehungsweise KDE nicht mehr ganz unproblematisch – insbesondere dann, wenn der Distributor eigene Änderungen vorgenommen hat, wie beispielsweise Canonical unter Ubuntu. Mit dem modernen Gnome 3 kommt Sawfish überhaupt nicht zurecht.

Weitere nützliche Zusatzwerkzeuge von Drittherstellern, die mit dem kleinen Fenstermanager harmonieren, listet die Sawfish-Homepage etwas versteckt unter [5] auf.

Abbildung 3: Durch Bestücken der Einstellung windowmanager mit sawfish schieben Sie Gnome 2 Sawfish als Fenstermanager unter.

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Infos zum Autor

Tim Schürmann

Tim Schürmann

Tim Schürmann ist Diplom-Informatiker und derzeit als freier Autor unterwegs. Mehr Informationen finden Sie auf seiner Homepage unter http://www.tim-schuermann.de.


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