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© Florian Effenberger

Von Spaghetti-Code, Forks und Slices

Aufgekocht!

Was passiert, wenn es einer Horde Geeks vor ihren Maschinen zu langweilig wird? Dann bekommen sie Hunger, kommen auf dumme Gedanken – und tun das, was jeder in dieser Situation tun würde: Sie kochen!

München, Freitagabend, unweit des Hauptbahnhofs in einem Keller in der Luisenstraße. Im Café Netzwerk [1], wo sich normalerweise Open-Source-Enthusiasten zum monatlichen Gedankenaustausch beim Open-Source-Treffen [2] versammeln, dampft es aus der Küche. Nein, es hat nicht etwa jemand beim Versuch, seine WLAN-Reichweite zu erhöhen, die Mikrowelle in Flammen aufgehen lassen: Vielmehr duftet es lecker nach selbstgemachter ungarischer Tomatensuppe, Sahnegeschnetzeltem sowie Bayrisch Creme, und knapp 30 Leute schwingen lässig den Kochlöffel, anstatt in die Tasten zu hauen.

Was ist das denn? Geeks in der Küche? Sind sämtliche Pizzadienste in der Stadt etwa im Streik oder verkauft die Tankstelle nur noch Diät-Cola? Hat der Kühlschrank vielleicht Internetzugang mit eigenem IPv6-Subnetz? Mitnichten – der Hunger und die Lust auf Neues eint all diese Leute und hat sie schon zweimal zum Open-Source-Kochen [3] zusammengebracht (Abbildung 1).

Abbildung 1: Was denn – Geeks in der Küche? Ja, streikt denn jetzt der Pizzadienst?

Die Idee dahinter ist einfach: Anstatt immer nur auf Kongressen, Messen und "vor der Kiste" zusammenzukommen, wollen die Beteiligten – allesamt Anhänger freier Software und offener Standards – gemeinsam ein leckeres Drei-Gänge-Menü zubereiten und das dann in gemütlicher Runde genießen. Dass das Hauptgericht dabei manchmal zeitlich eher zum Mitternachtsvesper wird, schreckt einen echten Hacker natürlich nicht ab.

Call for Recipes

Die Rezepte stimmt die Gourmet-Runde dabei demokratisch im Rahmen des so genannten "Call for Recipes" per Mailingliste ab, gekocht wird gemeinsam. Die Teilnehmer sind dabei alle keine Meisterköche, viele von ihnen haben noch nie für mehr als fünf Leute gekocht. Für manche war es gar die erste Küchenerfahrung jenseits von Tütensuppe und Tiefkühlpizza. Dabei berücksichtigt die Open-Source-Kochrunde auch die Essgewohnheiten von Vegetariern, Veganern und denjenigen, die koscheres Essen möchten. Jeder kann mitkochen, für jeden ist etwas dabei.

Den Preis für den Einkauf teilen sich alle Teilnehmer, weshalb das Drei-Gänge-Menü selten mehr als 10 bis 15 Euro pro Person zu Buche schlägt. Auf der Speisekarte standen beispielsweise schon Bruschetta (Abbildung 2), Kässpatzn, gefüllte Paprika mit Reis und Feta, Bratkartoffeln mit Speck sowie Zabaione. Für künftige Veranstaltungen hat unter anderem der Hack(er)braten große Chancen, auf den Tellern zu landen.

Abbildung 2: Die Vorspeise darf ruhig auch mal ein bisserl opulenter ausfallen – wie man gut an diesen Bruschetta de luxe erkennt.

Was hat's mit freier Software zu tun?

Doch wie kommt man auf die Idee, mal eben mit 30 Leuten gemeinsam zu kochen? Ganz einfach: Die Parallelen zwischen der Küche und freier Software fallen vielschichtiger aus, als man denkt.

Freie Software entsteht dadurch, dass viele Interessierte – jeder mit anderen Talenten ausgestattet – gemeinsam an einer Sache arbeiten, die ihnen Spaß macht. Sie lebt dadurch, dass viele sich in die Gemeinschaft einbringen, Neugier zeigen, Experimente wagen und auch vor Fehlschlägen nicht zurückschrecken. Viele für Open Source Engagierte machen kein Geld damit, die sie antreibende Motivation ist vielmehr eine andere: der Spaß an der Sache, die Begeisterung an dem, was sie tun. Viele Projekte und Veranstaltungen haben vor allem deshalb so großen Erfolg, weil die Aktiven mit dem Spaß, den sie an ihrer Arbeit haben, andere motivieren und begeistern und dabei gleichzeitig den eigenen Horizont erweitern.

Auch bei freier Software gibt es viele Köche. Zunächst mag jeder für sich kochen – doch um wirklich erfolgreich zu sein, muss man zusammenarbeiten und sich abstimmen. Warum also sollte das nicht auch beim echten Kochen funktionieren? Software ist für einen Computer genauso wie die Tiefkühlpizza für den Programmierer: Ohne geht es einfach nicht. Kochen kostet zwar viel Zeit (Abbildung 3), aber gemeinsam in großer Gruppe macht es unglaublich viel Spaß, und jeder trägt seinen Teil zum Gelingen bei. Wenn man nachher das Ergebnis in den Händen hält, und sieht, dass man nicht nur selbst davon profitiert, sondern auch andere sich daran erfreuen – mal ehrlich, was gibt es Schöneres?

Abbildung 3: Das "Quellcode-Repository" für ein typisches Open-Source-Kochen …

Für einen guten Zweck

Mit dem Open-Source-Kochen wollen die Teilnehmer aber nicht nur einen schönen Abend verbringen, nachdem sie satt, glücklich und zufrieden nach Hause gehen. Gleichzeitig wollen sie etwas Gutes für diejenigen tun, die diese Hilfe gebrauchen können

Geht man aus der Münchener Luisenstraße, wo das Café Netzwerk beheimatet ist, zurück Richtung Hauptbahnhof, dann trifft man auf viele, mit denen es das Leben nicht so gut gemeint hat – Menschen, die fast jeden Abend alles andere als satt ins Bett gehen. Zur zweiten Veranstaltung kam daher die Idee auf, eine Essensspende für diejenigen zu machen, die solcher Unterstützung bedürfen. Der passende Abnehmer war schnell gefunden: das Wohnheim der Heilsarmee in München, denen die Open-Source-Kochrunde das letzte Mal fast 20 Liter Essen für die Bewohner spenden konnte und das auch die nächsten Male tun möchte (Abbildung 4).

Abbildung 4: Wer gleich etwas großzügiger plant, kann damit bei minimalen Zusatzaufwand auch anderen noch etwas Gutes tun.

Zum einen bleibt ohnehin immer etwas übrig. Zum anderen tut es niemandem weh, ein oder zwei Euro mehr zu bezahlen, mit denen dann anderen etwas Gutes getan wird. An dieser Stelle daher ein herzlicher Dank all denjenigen, die die gute Sache unterstützen! Vielleicht gelingt es ja, künftig einen Großmarkt zu überreden, für jeden Euro, den die Geek-Köche dort fürs Open-Source-Kochen ausgeben, eine Anteil an eine karitative Einrichtung zu spenden.

Planung ist die halbe Küche

Ähnlich spannend wie die Idee ist auch die Vorbereitung der kulinarischen Hackerabende. Die eigentlich größte Herausforderung ließ sich dank der unermüdlichen Hilfe des Café Netzwerk relativ schnell lösen – die Frage, wo man mal eben 30 Leute unterbringt und eine entsprechend ausgestattete Küche samt Konvektomat findet. Da das Café Netzwerk tagsüber ohnehin Speisen und Getränke serviert und sogar über eine eigene Getränke-Zapfanlage verfügt (Abbildung 5), haben sich alle Infrastrukturprobleme sofort in Luft aufgelöst.

Abbildung 5: Das Café Netzwerk, eigentlich ein Internet-Café, bietet neben viel Platz und der Kücheninfrastruktur auch eine schöne Zapfstation.

Doch wie bekommt man auch nur annähernd ein Gefühl dafür, welche Mengen an Lebensmitteln man für rund 30 Leute benötigt, wenn man vorher bestenfalls mal im Familienkreis gekocht hat? Hier hilft eine Symbiose zwischen Kreativität und Technik weiter – die Menge an Brot lässt sich einfach mit ein wenig Tabellenkalkulation und einem Metermaß bestimmen, der Rest wird Pi mal Daumen plus Suchmaschine geschätzt. Das klappt auch ganz gut: Hungern musste bislang noch niemand. Damit das auch wirklich funktioniert, wird jedes Gericht eine Woche vorher zuhause mit fünf Leuten probegekocht, wobei genau im selben Großmarkt dieselben Zutaten eingekauft werden wie für die eigentliche Veranstaltung.

Der Besuch im Großmarkt hat es dann auch wirklich in sich. Nicht nur, dass man auf einmal viele neue Produkte entdeckt, die normale Supermärkte gar nicht führen (die Suche nach dem speziellen Konvektomat-Backfett war nur eines der Highlights) – auch die Menge fällt beeindruckend aus. Wer kann schon von sich behaupten, für einen Abend 100 Eier und 18 Kilo Tomaten (Abbildung 6) samt 20-Liter-Salatschüssel eingekauft zu haben, oder Wein nur noch im Sixpack zu suchen?

Abbildung 6: Bitte blanchieren und schälen: So sehen 18 Kilogramm Tomaten aus.

Den Plan, einen auf Euro-Palette angebotenen 700-Euro-Kürbis zu erwerben und daraus eine leckere Suppe zu kochen, ließ sich zwar noch nicht verwirklichen – aber was nicht ist, kann ja noch werden …

Mitmachen!

Insgesamt zwei Mal gab es die Veranstaltung schon – einmal im April 2010, einmal im September des Jahres – und sie soll natürlich auch 2011 fortgesetzt werden. Zusätzlich zu München ist voraussichtlich für Januar 2011 auch ein kulinarischer Abend in – nomen est omen – Essen (Abbildung 7) geplant, und zwar im dortigen Unperfekthaus [4]. Der Termin erfahren Sie etwa zwei Wochen vorher auf der Mailingliste des Open-Source-Kochens.

Abbildung 7: In Essen kann auch durchaus was zu Trinken drin sein …

Eine Webseite hat die Veranstaltung derzeit noch nicht, sie ist jedoch für die Zukunft angedacht, genauso wie ein Wiki, in dem alle Rezepte unter einer freien Lizenz zur Verfügung stehen. Das ehrgeiziges Ziel: das nächste Mal für fünfzig Leute zu kochen. Wäre auch mal ein Gag für den nächsten Messestand…

Und vielleicht bleibt es künftig ja nicht nur beim Kochen – wer weiß, auf was für neue Ideen die Beteiligten beim nächsten Mal im Café Netzwerk noch so kommen … in diesem Sinne: Guten Appetit!

Infos

[1] Café Netzwerk: http://www.cafe-netzwerk.org

[2] Open-Source-Treffen: http://www.opensourcetreffen.de

[3] Open-Source-Kochen: http://groups.google.com/group/opensourcekochen/

[4] Unperfekthaus: http://www.unperfekthaus.de

Der Autor

Florian Effenberger (floeff@documentfoundation.org) engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich für freie Software. Er ist Gründungsmitglied und Mitglied des Steering Committee der Document Foundation. Zuvor war er fast sieben Jahre im Projekt OpenOffice.org aktiv, zuletzt als Marketing Project Lead. Zudem schreibt er regelmäßig für zahlreiche deutsch- und englischsprachige Fachpublikationen.

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Kommentare
Open-Source-Kochen 3.0 am 15.1. im Unperfekthaus
Florian Effenberger, Donnerstag, 06. Januar 2011 12:12:58
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Das Open-Source-Kochen 3.0 findet am 15.1. im Unperfekthaus statt. Details unter http://article.gmane.org/gm...groups.foss.opensourcekochen/1


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