Für diesen Vergleichstest haben wir die freien Büroprogramme Gnome Office [1], KOffice [2] und OpenOffice [3] sowie das kommerzielle Softmaker Office [4] näher unter die Lupe genommen. Abgesehen von Softmaker Office liegen alle nachfolgend vorgestellten Büropakete in den Repositories der großen Distributionen. Meist haben die Distributoren die Suiten an das Standarderscheinungsbild des Desktops angepasst, sodass beispielsweise OpenOffice unter Ubuntu etwas anders aussieht als unter OpenSuse. Bedienung und Funktionsumfang bleiben jedoch gleich.
Olle Kamellen
Bis auf KOffice orientieren sich sämtliche Kandidaten an altbekannten und jahrzehntelang eingeschliffenen Bedienkonzepten: Oben ein Menü, darunter mehrere vollgepackte Symbolleisten. Wer eines der Büropakete kennt, kommt intuitiv auch mit allen anderen zurecht. So formatieren Sie in der Textverarbeitung mit den vertrauten Symbolen den Text fett oder kursiv und verschieben Tabulatoren auf dem Lineal direkt darunter. In der Tabellenkalkulation tippen Sie Formeln in das überlange Feld der untersten Symbolleiste, die Spalten eines Rechenblatts erhalten Buchstaben, die Zeilen Nummern.
Auf diese Weise fällt zwar ein Umstieg leicht, in den mittlerweile hoffnungslos überfrachteten Menüs und Symbolleisten verlieren jedoch gerade Gelegenheitsanwender schnell die Orientierung. Die OpenOffice-Entwickler haben das Problem erkannt und wollen in zukünftigen Versionen mit einer generalüberholten Benutzeroberfläche eine Schneise in den Funktionsdschungel schlagen [5]. Vorerst aber finden Sie innovative Bedienkonzepte nur bei KOffice oder Office-Exoten (siehe Kasten "Office-Exoten").
Ein weiteres Problem stellen Rechtschreibprüfung, Thesaurus (Synonymwörterbuch) und Grammatikkorrektur dar. Die Hersteller kommerzieller Office-Pakete kaufen diese Komponenten bei Drittherstellern ein. Die freie Konkurrenz muss gezwungenermaßen freie Wörterbücher und Thesauri integrieren, deren Umfang und Qualität derzeit noch durchwachsen ausfällt. Das merkt man beispielsweise im New Thesaurus von OpenOffice, der keine konjugierten Verben findet – gebeugte muss man erst in beugen umschreiben. Unter OpenOffice darf man immerhin selbst weitere Wörterbücher und Thesauri nachinstallieren.
Mit Ausnahme von KOffice bieten sämtliche Büropakete die selben Grundfunktionen: Die Textverarbeitungen kennen Fußnoten, Kopf- und Fußleisten, die Tabellenkalkulationen bombardieren den Anwender mit zahlreichen mathematischen Funktionen, und die Präsentationsprogramme werfen die auf Masterfolien basierenden Dias hübsch animiert an die Wand. Im Folgenden soll deshalb das Augenmerk auf den Unterschieden und Besonderheiten der einzelnen Pakete liegen. Als Testumgebung diente Ubuntu 10.04, die jeweils verwendeten Programmversionen verrät die Tabelle "Office-Suiten: Bezugsquellen".
Office-Exoten
Neben den vier hier vorgestellten Office-Paketen gibt es noch ein paar weniger bekannte Alternativen.
Lotus Symphony ([7],[8]) stülpt über das gute alte OpenOffice eine neue Oberfläche, spendiert ein paar proprietäre Importfilter und bindet das Ganze an Lotus Notes an. Der Funktionsumfang und die Ergebnisse stimmen daher weitgehend mit OpenOffice überein. Die aktuelle Symphony-Version hinkt der aktuellen OpenOffice-Fassung allerdings immer etwas hinterher. Zudem muss man sich für den Download bei Lotus beziehungsweise dessen Mutter IBM registrieren.
Applixware [9] beweist, dass Totgesagte länger leben: Das wohl älteste Office-Paket für Linux ist immer noch erhältlich, die Entwicklung wurde allerdings irgendwann kurz nach dem Jahrtausendwechsel gestoppt. Dementsprechend mager fällt der Funktionsumfang aus, mit dem der kostenlosen Konkurrenz kann Applixware nicht mithalten.
Thinkfree Office [10] ist eine vollständig in Java geschriebene, kommerzielle Office-Suite für Windows, Mac OS X und Linux. Sie umfasst eine Textverarbeitung, eine Tabellenkalkulation und ein Präsentationsprogramm. Ihr Hersteller vermarktet sie allerdings nicht mehr offensiv, sondern setzt voll auf die Online-Variante.
Mit seinem Internetdienst Google Text & Tabellen [11] verlagert der Suchmaschinenriese Textverarbeitung und Tabellenkalkulation ins Web, die Arbeit erfolgt im Browser. Allerdings bleiben die Leistungen der Anwendungen hinter jenen der Desktop-Kollegen zurück. Zudem muss man Google seine privaten Dokumente und Daten anvertrauen.
Mehr zur Online-Variante von Thinkfree Office und zu Google Text & Tabellen finden Sie im Vergleichstest der Online-Bürosuiten [12] in dieser Ausgabe.
Office-Suiten: Bezugsquellen
|
| Gnome Office | KOffice | Softmaker Office | OpenOffice |
|---|---|---|---|---|
| URL | http://live.gnome.org/GnomeOffice | http://www.koffice.org | http://www.softmaker.de | http://www.openoffice.org |
| Version | Abiword 2.8.2, Gnumeric 1.10.1 | 2.2 | 2010 | 3.2 |
| Preis (ca.) | kostenlos | kostenlos | 70 Euro (Update 40 Euro) | kostenlos |
| Komponenten | Textverarbeitung, Tabellenkalkulation | Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm, Datenbank, Mal- und Zeichenprogramm, Flussdiagramme, Projektmanagement | Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm | Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm, Zeichenprogramm |
| OS | Linux, Windows | Linux, Windows | Linux, Windows, Windows Mobile, Version 2008 auch für Windows CE | Linux, Windows, Mac OS X |
Gnome Office
Gnome Office besteht aus einer Sammlung von Einzelprogrammen und umfasst derzeit offiziell die Textverarbeitung Abiword (Abbildung 1), die Tabellenkalkulation Gnumeric und das E-Mail-Programm Evolution. Einige Distributionen und Internetseiten zählen noch weitere Anwendungen hinzu, wie Gimp oder das Zeichenprogramm Inkscape. Die einzelnen Komponenten erweisen sich bei näherem Hinsehen als mehr schlecht als recht integriert: Beispielsweise importiert Abiword keine Gnumeric-Tabellen.
Abiword und Gnumeric entpuppen sich als agile Leichtgewichte. Viele Mini-Distributionen ziehen das Duo deshalb dem speicher(platz)hungrigen OpenOffice vor. Die Benutzeroberfläche wirkt angenehm aufgeräumt und fühlt sich auch auf kleineren Bildschirmen von Netbooks wohl. Während Gnumeric eine ausführliche und gut geschriebene, englische Online-Hilfe anbietet, bemüht Abiword die recht kargen und extrem unübersichtlichen Texte auf seiner Homepage.
Die wenigen vorhandenen Vorlagen sind durchweg auf amerikanische Zwecke zugeschnitten und wirken laienhaft. Über so genannte Plugins rüsten Sie bei Bedarf neue Funktionen nach. Auf diesem Weg erhält Abiword beispielsweise einen direkten Draht zur Wikipedia oder übersetzt via Babelfish Texte in andere Sprachen. In Gnumeric binden Erweiterungen unter anderem die Skriptsprachen Perl und Python ein.
Bilder dürfen Sie in Abiword frei auf der Seite platzieren und skalieren. Möchten Sie mehr, wie etwa eine simple Rotation um 90 Grad, müssen Sie ein externes Programm wie Gimp konsultieren. Generell verdaut Abiword Abbildungen nur schlecht: Beim Umherschieben einer Grafik verschwanden im Test einmal spontan mehrere Seiten, ein anderes Mal hagelte es Darstellungsfehler.
Der Zeilenabstand lässt sich nur in festen Schritten für einen kompletten Absatz vorgeben. Für Absätze dürfen Sie darüber hinaus nur noch Einzug und Abstand einstellen, weitergehende Absatzformatierungen kennt Abiword nicht. Die Textverarbeitung verzichtet zudem auf Rahmen, Linien und andere dekorative Elemente. Komplexere Layouts gilt es daher aus den bereits erwähnten Bildern sowie frei platzierbaren Textrahmen zu bilden.
Serienbriefe geraten zu einem kleinen Abenteuer: Den Ausgangspunkt bildet eine Datei mit Adressen, die im XML-Mail-Merge-, TSV- oder CSV-Format vorliegen muss. Nachdem Sie diese Abiword bekannt gegeben haben, bestücken Sie ein Dokument mit Platzhaltern für Name, Straße und Co., beenden die Textverarbeitung und starten sie erneut über den Kommandozeilenbefehl:
$ abiword -m adressen.csv -p ausgabe.ps brief.abw
Damit erzeugt Abiword aus der Adressdatei adresse.csv und dem Brief mit den Platzhaltern (brief.abw) das Postscript-Dokument ausgabe.ps – umständlicher geht es wohl kaum noch, aber immerhin funktioniert es.
Mathematische Formeln tippen Sie als LaTeX-Gleichung ein (Abbildung 2). Ingenieure und Mathematiker freuen sich eventuell über diese mächtige und flexible Möglichkeit, Gelegenheitsschreiber würden aber sicher einen grafischen Editor bevorzugen.
Abiword legt auf Wunsch eine Chronik an, mit deren Hilfe Sie im Bedarfsfall schnell eine älteren Dokumentenversion reanimieren. In unseren Tests klappte das aber nicht immer zuverlässig; meist beschwerte sich Abiword über fehlende Versionsinformationen. Mehrere Anwender dürfen über den Internetdienst Abicollab.net [6] gemeinsam an einem Dokument arbeiten.
Gnumeric (Abbildung 3) bietet neben den üblichen Standardformeln vor allem ausgefeilte Statistikfunktionen, die teilweise weit über das Angebot der Konkurrenz hinaus gehen. Nicht umsonst hat die Tabellenkalkulation bei Statistikern einen guten Ruf. Auf Wunsch füllt Gnumeric beliebig viele Zellen mit Zufallswerten und schaltet bei Bedarf auf die R1C1-Notation um, in der die Tabellenspalten keine Buchstaben, sondern Nummern tragen.
Der Diagrammassistent besitzt einen ungewöhnlichen Aufbau (Abbildung 4). Nachdem Sie sich sich für eine Darstellungsart entschieden haben, präsentiert er eine Liste mit sämtlichen Bestandteilen des Diagramms. Diese dürfen Sie wiederum nach Herzenslust verändern und ergänzen. So lassen sich sogar mehrere Diagramme zu einem kombinieren.
Dass Gnumeric weder eine Rechtschreibprüfung bietet, noch von Haus aus externe Datenquellen anzapft, ließe sich verschmerzen. Schwerer wiegt hingegen, dass die Gnome-Tabellenkalkulation im Gegensatz zur Konkurrenz keine bedingten Formatierungen kennt. Damit ließe sich beispielsweise eine Zelle automatisch leuchtend Rot färben, sobald ein negativer Wert in ihr auftaucht.



