Non scholae, sed vitae

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

in ein wahres Wespennest stach ich mit dem letzten Editorial über die geringe Verbreitung von Linux an deutschen Schulen: Die Folge war eine wahre Flut an Zuschriften von Lehrern, Eltern und Entwicklern, mit der ich auch jetzt noch immer beschäftigt bin. Ich bitte an dieser Stelle alle um Nachsicht, deren Mails und Briefe ich noch nicht beantworten konnte, und verspreche, mich bei jedem so bald wie möglich zu melden. Der Korrespondenz konnte ich eine ganze Reihe von Fakten entnehmen, die ich Ihnen nicht vorenthalten will.

Die Situation beim Einsatz von Linux auf Servern in deutschen Schulen stellt sich als nicht ganz so dramatisch heraus, wie die letzten Monat zitierten Zahlen von Skolelinux vermuten ließen. So teilte mir etwa Helmut Hullen mit, der Maintainer des seit 1996 verfügbaren c't/ODS-Schulservers Arktur [1], dass diese Distribution an schätzungsweise 2000 Schulen installiert ist. Auf noch einmal 500 Installationen brächte es seines Wissens der Extis-Schulserver [2], der kommerzielle Nachfolger des ehemaligen "Suse Linux School Server". Recht verbreitet scheint auch der von den Anwendern sehr geschätzte "LinuxML" zu sein: Dabei handelt es sich um eine von der Landesmedienzentrale Baden-Württemberg entwickelte "pädagogische Musterlösung" (paedML, [3], [4]), die im Ländle mit Support für die Anwender angeboten wird. Das könnte ein bundesweit anwendbares Modell sein, schlüge hier nicht der Föderalismus wilde Kobolze: "Aufgrund der Entwicklung der Lösung aus der Medienoffensive Schule II des Landes Baden-Württemberg, unter den Bedingungen der Landesförderung, haben wir die verbindliche Auflage, die paedML nur Schulen in Baden-Württemberg anbieten zu können.", heißt es da.

Viele Lehrer würden Linux nur zu gerne im Unterricht einsetzen, stoßen aber bereits im Kollegenkreis auf Skepsis: "Meist werde ich belächelt, weil der 'Hacker' da schon wieder was mit diesem Linux macht. Von Anwendungen wie Kalzium und Easychem sind zwar alle begeistert – nur selbst traut sich keiner ran.", beschreibt etwa ein engagierter Chemielehrer die Situation. Wer diese Klippe umschifft, trifft regelmäßig auf den Widerstand der vorgesetzten Behörden: "Mein Kollege und ich befinden sich wie Asterix und Obelix in besetztem Territorium und behaupten uns nur durch viel Engagement, günstige politische Umstände, die zur Einführung unseres Linux-Servers verhalfen, und den Verweis auf den Informatik-Lehrplan des Landes Hessen, dass im Oberstufenunterricht im Fach Informatik den Schülern zumindest zwei Betriebssysteme bekannt sein sollen.", witzelt ein Informatik-Lehrer aus dem Frankfurter Raum. Anderen Pädagogen dagegen ist das Lachen schon vergangen: "Wir haben über 100 PCs im Schülernetz und rund 30 Rechner im Verwaltungsnetz. Betreut hat alles es ein Kollege, unter meiner Mithilfe, in Nachtschichten und unzähligen Überstunden. Er erhielt 3 Stunden Entlastung, ich nichts.", ärgert sich ein Lehrer aus NRW. Er freut sich verständlicherweise, dass die Administration nun endlich an eine Firma ausgelagert wurde – auch wenn das heißt, dass jetzt Windows läuft.

Non scholae, sed vitae discimus – klar, in der Schule wie im Leben kommt ja nicht nur Linux zum Einsatz. Dass aber beispielsweise Schüler Textverarbeitung nicht mit OpenOffice lernen und üben können, weil im Informatikunterricht die Prüfungen darin bestehen, mit Zeitvorgabe Texte in Microsoft Office zu formatieren (wie mir ein erboster Vater schrieb), lacht jeder Vernunft Hohn. Bildung darf nicht davon abhängen, dass es der elterliche Geldbeutel möglich macht, den Kindern nicht nur einen PC, sondern auch noch teure kommerzielle Software zu besorgen.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] c't/ODS-Schulserver "Arktur": http://arktur.de

[2] Extis Open School Server: http://www.extis.de/index.php/schulserver

[3] paedML: http://www.support-netz.de

[4] linuxML: http://lehrerfortbildung-bw.de/netz/muster/linux/

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Kommentare
Musterlösung BW ist fast frei
Thomas (unangemeldet), Mittwoch, 25. Februar 2009 16:50:27
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bis auf ein "Layout" und ein logo Bildchen
sowie der Tivoli und rembo2/mySHN4 Software
wobei als Alternative dafür das freie LINBO beiliegt
Quelle:
http://www.support-netz.de/...dml-linux-upgrade4-install.pdf






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NEU: Linux-Musterlösung Rheinland-Pfalz
Sabato (unangemeldet), Sonntag, 29. März 2009 01:29:53
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Ein aktueller Bericht des Computerclubs Zwei (cczwei.de) von der Cebit erwähnt, dass auch in Rheinland Pfalz ein Debian-basiertes Linuxprojekt zur Musterlösung erkoren wurde.


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