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Wörterbuch mit Schwächen

Der Brockhaus Multimedial Premium 2007

Der Brockhaus Multimedial

Nach dem Aufruf der Software erscheint das Arbeitsfenster in dezenten Blau- und Gelbtönen. Die Oberfläche wirkt durchdacht, erfordert jedoch aufgrund der enormen Fülle an Einstell- und Recherchemöglichkeiten einige Eingewöhnung.

Das Hauptfenster unterteilt sich grob in drei Teile: Auf der linken Seite geben Sie den Suchbegriff ein und wählen aus einer Liste die gefundenen Einträge aus. Dabei sortiert der Brockhaus die gefundenen Einträge nach ihrer Gewichtung. Ebenfalls im linken Teil der Oberfläche listet das Programm im Bereich Medien die multimedialen Elementen wie Videos, Tondokumente und Bilder für den Suchbegriff auf. Den Hauptteil der Anzeige nimmt erwartungsgemäß die Darstellung der gefundenen Inhalte ein, wie Texte, Videos und Bilder. In einer kleinen Spalte am rechten Rand des Fensters schließlich finden Sie weiterführende Weblinks, Kontextbeiträge und Quizfragen. Die teilweise falsche Wiedergabe der Schrift trübt jedoch das positive Bild der Benutzeroberfläche und erschwert zudem das Lesen längerer Artikel (Abbildung 4).

Abbildung 4: Fehlerhafte Fontdarstellung erschwert das Lesen der Artikel.

Der nahtlos in die Retrieval-Software integrierte Brockhaus von 1906 weist diesen Fehler ebenso wenig auf wie die mitgelieferte Office-Bibliothek. Eine weiteres Manko fällt beim Betrachten der Multimedia-Elemente ins Auge: Die aus den Archiven der ARD stammenden und vor allem aus "Tagesschau"-Sequenzen bestehenden Videos erkennt man lediglich im Briefmarken-Format scharf. Zudem sind sie viel zu dunkel digitalisiert, so dass das Betrachten vor allem an Röhrenmonitoren schnell zur Qual wird. Anders verhält es sich bei den Tondokumenten. Alle Dateien im Ogg-Format besitzen guten Klangqualität.

Zudem fällt auf, dass der rote Link Nachschlagen in der Duden-Suche unter jedem Artikel erscheint. Dieser Verweis setzt eine Online-Verbindung voraus und führt auf eine Website des Duden-Verlags, die weitere Fundstellen für den gesuchten Begriff anzeigt. Diese Duden-Suche erreicht man zudem über ein zusätzliches Icon im Hauptfenster. Das weiterführende Rechercheangebot ist aber nicht kostenlos: Nach einem Monat Schnupperzugang für Käufer des "Brockhaus Multimedial Premium 2007" kostet sie eine Jahresgebühr in Höhe von stolzen 95,40 Euro. Da kommt es preiswerter, sich die Office-Bibliothek mit verschiedenen Offline-Wörterbüchern zu beschaffen: Bei einem ähnlichen Informationsgehalt kann man diese wirklich überall einsetzen – etwa unterwegs auf dem Notebook, wo man nicht permanent über einen Internet-Zugang verfügt.

Beim genauerem Studium der Artikel im Premium-Brockhaus beschleicht uns in einigen Fällen das Gefühl, diesen oder jenen Satz doch schon einmal gelesen zu haben – und tatsächlich: Beim direkten Vergleich mit einer mehrere Jahre alten Version des "Brockhaus in Text und Bild" fanden wir exakt die gleichen Artikel bei einer ganzen Reihe von Suchbegriffen. Daten beispielsweise zur wirtschaftlichen Entwicklung, die schon vor einigen Jahren veraltet waren, finden sich auch im Premium-Brockhaus des Jahres 2007 unverändert wieder. Das legt den Schluss nahe, dass die Brockhaus-Redaktion nur sehr eingeschränkt die vorhandenen Datenbestände sichtet und aktualisiert.

Auch im multimedialen Bereich finden sich teilweise alte Bekannte: Viele bereits in einem früheren Test [1] wegen ihrer mangelnden Aussagekraft kritisierte Fotografien kommen als Eins-zu-eins-Kopie aus älteren Versionen des "Brockhaus in Text und Bild" in den multimedialen Brockhaus. Die Auswahl der Tondokumente lässt ebenfalls zu wünschen übrig: Der Suchbegriff Adolf Hitler ergibt nur zwei Redeausschnitte des deutschen Diktators, die völlig untypisch für die Rhetorik des Diktators sind. Beim Chefdemagogen des Dritten Reiches, Joseph Goebbels, fehlt gar jegliches Tondokument. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Dritten Reich und seinen führenden Funktionären gibt sich der Premium-Brockhaus erstaunlich unbedarft und lässt jegliche historisch relevante Auswahl an Sekundärmedien vermissen.

Weitaus unangenehmer fällt im direkten Vergleich der beiden Brockhaus-Brüder auf, dass die Artikel im Premium-Brockhaus teilweise bewusst gegenüber dem "Brockhaus in Text und Bild" gekürzt wurden. Da liegt der Verdacht nahe, dass der Nutzer dadurch genötigt werden soll, die kostenpflichtige Onlinesuche in Anspruch zu nehmen. Diesen Verdacht erhärtet, dass die im "kleinen" Brockhaus vorhandenen Weblinks auf kostenlose, informative Seiten im Premium-Brockhaus ebenso fehlen wie weiterführende Literatur- und Quellenangaben. Das legt den Schluss nahe, dass die Bifab AG den "Brockhaus Multimedial Premium 2007" weniger als informatives Nachschlagewerk betrachtet, sondern eher als Placebo, das den Anwender mit umfassendem Informationsbedürfnis zum Gebrauch der überteuerten Online-Suche zwingen soll.

Interessanter erscheinen die Themenschwerpunkte Brockhaus Kulturführer und das Lernportal Schule und Lernen. Diese finden Sie in der Menüleiste unter Themen. Der Kulturführer ordnet in den vier Reitern Film, Literatur, Oper und Theater grundlegende Informationen zu jeweils herausragenden Werken der genannten Bereiche (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der Kulturführer des Multimedia-Brockhaus in Aktion.

In der Rubrik Film können Sie beispielsweise zu 100 herausragenden Filmen neben Inhaltsangaben und Kritiken auch Daten zu den Protagonisten, Regisseuren und Darstellern abrufen. Das Portal Schule und Lernen hält für Schüler und andere Lernbegierige Informationen nach einzelnen Schulfächern und Jahrgangsstufen sortiert bereit. Zusätzlich finden sich im rechten Bereich des Portals Informationen für den Entwurf von schriftlichen Haus- oder Belegarbeiten sowie Referaten für die Schule. Ein Wissensquiz und vorgefertigte Themenmappen runden das Angebot ab. Bei Bedarf erhalten Sie hier Tipps zu treffenden Formulierungen in schriftlicher Arbeiten.

Einen weiteren interessanter Auswahlpunkt in der Menüleiste des Hauptfensters stellt die Zeitleiste dar. Sie ordnet historische Ereignisse, Personen und Sachverhalte in übersichtlicher Weise auf einem Zeitstrahl grafisch an. Ein Mausklick auf ein Schlagwort oder Bild öffnet im Hauptfenster den entsprechenden Artikel (Abbildung 6).

Abbildung 6: Die übersichtliche Zeitleiste hilft, historische Zusammenhänge zu erkennen.

Spielerisch festigt der Anwender die neuen Informationen mit dem Brockhaus-Quiz. Hier warten Fragen aus allen Themenbereichen. Vermeiden Sie es, gleich zu Beginn mit dem – voreingestellten – höchsten Schwierigkeitsgrad zu spielen. Die Fragen haben es in sich und verderben nur allzu schnell den Spaß. Immerhin erhält der Anwender aber selbst noch bei zur Hälfte falsch beantworteten Fragen ein Attest, das ihm "viel Potenzial" bescheinigt (Abbildung 7).

Abbildung 7: Nicht dumm: "Viel Potenzial" steckt laut Brockhaus noch im Anwender.

Zusammenfassung

Der "Brockhaus Multimedial Premium 2007" überzeugt als lexikalisches Flaggschiff der Bifab AG unter Linux in keiner Weise. Die völlig unverständliche und noch dazu fehlerbehaftete Beschränkung auf eine veraltete Linux-Distribution erscheint ebenso wenig durchdacht wie die auch für erfahrene Anwender nahezu unbrauchbare Installationsroutine. Das auf der DVD vorgefundene Versions- und Dokumentationschaos der Softwarepakete erweckt selbst beim gutwilligsten Käufer den Eindruck, dass das Produkt lieblos und schlampig zusammengebastelt wurde.

Für jene Anwender, die bereits ältere Versionen des Brockhaus ihr eigen nennen, tritt zudem schnell ein weiterer unangenehmer Effekt auf: Der direkte Vergleich zu einem um Jahre älteren "Brockhaus in Text und Bild" zeigt, dass viele Beiträge keiner regelmäßigen Kontrolle unterliegen und die Brockhaus-Redaktion diese einfach aus älteren Lexika übernimmt. Die zum Teil unglückliche Auswahl der multimedialen Elemente trägt zudem zum schlechten Eindruck bei. Darüber hinaus bieten die von der ARD übernommenen Filmsequenzen derart magere Qualität, dass man auf die briefmarkengroßen Filmausschnitte gern verzichtet.

Ein weiterer Minuspunkt: Die penetranten Hinweise auf die externe Duden-Suche, die den Kunden zu einer teuren Onlinesuche veranlassen sollen, deren Nutzwert zweifelhaft ist. Diesem Ziel dient offenbar auch die auf ein absolutes Minimum gekürzten Artikel und der Wegfall von informativen Weblinks sowie Quellen- und Literaturangaben.

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LinuxUser 06/2012

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