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Alte Rätsel, neue Schläuche

Zwei Retro-Abenteuer im Test

01.06.2006 Klammheimlich hat eine australische Firma zwei angestaubte Adventures aus der Versenkung geholt und sie auf Linux portiert. Lohnt sich das Abenteuer?

Wer eine Zeitreise in die Blütezeit der Adventures unternehmen möchte, ist dank der australischen Firma "The Wyrmkeep Entertainment Company" [1] nicht mehr länger auf Ebay und fummelige Emulatoren angewiesen. Die Wurzeln der beiden Adventures "Inherit the Earth" und "The Labyrinth of Time" reichen bis in die Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Noch für das damals gerade auslaufende Betriebssystem MS-DOS entwickelt, stellen sie nach heutigen Maßstäben geradezu belustigende Hardware-Anforderungen, daran hat auch die Konvertierung nichts geändert. Unter Linux ist lediglich Kernel 2.4 Voraussetzung, was jede nur halbwegs aktuelle Distribution erfüllt.

Europäer beziehen beide Spiele ausschließlich über die Internet-Seiten des Herstellers [1]. Wer sie von dort für jeweils 19,99 Dollar ordert, erhält eine etwas labberige DVD-Hülle, in der eine selbstgebrannte, aber immerhin professionell bedruckte CD-ROM schlummert. Als Anleitung liegt jeweils ein recht eng bedrucktes, vierseitiges Faltblatt bei. Es beschreibt ausführlich die Installation und die Bedienung des erworbenen Programms. Wie die Spiele selbst gibt es auch die Anleitung lediglich in englischer Sprache. Das ist bedauerlich, denn zumindest "Inherit the Earth" lag im Original auch auf Deutsch als "Erben der Erde" vor.

Die Installation geht dank einer grafischen Benutzeroberfläche recht flott von der Hand. Während "The Labyrinth of Time" sogar vollständig von CD-ROM läuft, verlangt "Inherit the Earth" zumindest ein paar MByte für seine Basisdaten.

Inherit the Earth

In einer fernen Zukunft haben die Tiere die Erde zurückerobert und zwischenzeitlich sogar sprechen gelernt. Sie leben in einer mittelalterlichen Umgebung und gehen durchweg aufrecht. Zur Zeit gibt es im Dorf einen Jahrmarkt, auf dem Rif der Fuchs gerade das Finale eines angesehenen Rätselwettbewerbs verliert. Doch bevor sich der Zweitplatzierte darüber so richtig ärgern kann, bezichtigt man ihn, die berühmte Wetterkugel gestohlen zu haben. Dieser "Orb of Storms" sagt den Tieren das kommende Wetter voraus und ist eines der wenigen Vermächtnisse der auf mysteriöse Weise spurlos verschwundenen Menschen. Rif redet sich fast um Kopf und Kragen, bis er die Erlaubnis erhält, selbst nach der Kugel suchen zu dürfen. (Abbildung 1)

Abbildung 1: Gespräche mit anderen Tieren laufen in "Inherit the Earth" grundsätzlich nach dem Multiple-Choice-Prinzip ab.

Mit dieser märchenhaften Geschichte beginnt "Inherit the Earth", das "New World Computing" im Jahre 1994 unter dem Titel "Erben der Erde" auf den deutschen Markt warf. Sie übernehmen darin die Rolle von Rif dem Fuchs, den Sie per Maus durch das schön gestaltete Märchen dirigieren. Sämtliche Aktionen klicken Sie sich aus einer Leiste mit Verben im unteren Bildschirmdrittel zusammen (Abbildung 2). Diese als "Point and Click" bekannte Steuerungsart steht ganz im Zeichen der alten "LucasArts"-Adventures, von denen die Macher auch sonst ordentlich abkupferten.

Abbildung 2: Als weitere "Erben der Erde" begleiten der Elch Eeah und das Wildschwein Okk den tapferen Fuchs bei seinen Abenteuern. Einige der Aufgaben lassen sich nur gemeinsam lösen.

Schon damals reichten die detaillierten und liebevoll gestalteten Grafiken den Genre-Referenzen nicht das Wasser: So staksen alle Figuren etwas holprig und mitunter zu aufrecht durch die Landschaft, in der man vielen Pixeln "Guten Tag" sagen könnte. Nichts desto trotz oder gerade deswegen verbreiten die Zeichnungen eine stimmige Atmosphäre und wecken Erinnerungen an die Blütezeit der Adventures.

Die ständig laufende Hintergrundmusik ist mit ihren einfachen Klangfolgen gewöhnungsbedürftig, indes bleibt die gut verständliche Sprachausgabe auf einem durchgehend hohen Niveau. Im Zeitalter der Diskettenlaufwerke war dies alles andere als selbstverständlich.

Die zu lösenden Aufgaben sind recht einfach gehalten und für geübte Abenteurer in wenigen Stunden zu knacken. In der Regel müssen Sie Gegenstände finden und diese miteinander kombinieren.

The Labyrinth of Time

Als düsteres Pendant zu "Inherit the Earth" präsentiert sich "The Labyrinth of Time". Das ältere der beiden Spiele erblickte bereits 1993 das Licht der Welt und erzählt eine etwas ernstere Geschichte. Nach einem langweiligen, grauen Arbeitstag wollen Sie eigentlich nur noch schnell nach Hause. Doch als Sie die U-Bahn betreten, bittet Sie ein recht merkwürdig gekleideter Mann namens Daedalus um Hilfe. Unter der Knechtschaft von König Minos baut er an einem heimtückischen Labyrinth, das dem teuflischen Gebieter die Kontrolle über Raum und Zeit gestatten soll. Das Vorhaben kann nur ein Sterblicher stoppen, der in das Zentrum des Labyrinthes vordringt und dort das alles zusammenhaltende Artefakt vernichtet. Da Sie gerade nichts Besseres vorhaben, beschließen Sie kurzerhand, Daedalus bei der Rettung der Welt zu helfen.

In "The Labyrinth of Time" betrachten Sie die Welt durch die Augen des Protagonisten – ein Konzept, das wenige Jahre später das Erfolgsspiel "Myst" aufgreifen sollte. Wie bei der Genre-Referenz bewegt man sich mit Hilfe von Pfeilsymbolen durch vorberechnete Landschaften (Abbildung 3), die oft wie auf Hochglanz polierte Plastikskulpturen wirken – an ihrer zusätzlichen Detailarmut ändert sich auch in der Linux-Fassung nichts.

Abbildung 3: The Labyrinth of Time: Auch auf solche bizarren Elemente trifft man mitten in einem Hotel. Über die Symbole am unteren Bildschirmrand erfolgt die teilweise etwas fummelige Steuerung.

Obwohl die Spielfigur nicht das Zeitliche segnen kann, existieren einige spielerische Sackgassen – an diesen Stellen bleibt nichts anderes übrig, als einen alten Spielstand zu laden. Die wenigen Denkaufgaben sind nicht besonders anspruchsvoll und umfassen neben einfachen Kombinationsrätseln auch die bei "Myst" so beliebten "Was-macht-diese-Maschine"-Puzzles. Somit liegt der Hauptanreiz des Spiels in der Erkundung der bizarren, aber menschenleeren Landschaft (Abbildung 4). Um dabei nicht gänzlich den Überblick zu verlieren, hilft eine Karte im Gepäck – da das Labyrinth insgesamt über 1000 Bildschirme umfasst, ist die auch bitter nötig.

Abbildung 4: The Labyrinth of Time: Die Grafiken erreichen nicht das Niveau von Myst, warten dafür aber mit kuriosen Einfällen auf, wie diesem Eingang zu einem Spiegelkabinett.

Alle vom Programm erzeugten Töne beschränken sich auf Effekte und recht monotone Musikstücke im Hintergrund. Eine Sprachausgabe gibt es nicht, dafür wurden die englischen Untertitel mit einer ordentlichen Prise Humor gewürzt.

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Infos zum Autor

Tim Schürmann

Tim Schürmann

Tim Schürmann ist Diplom-Informatiker und derzeit als freier Autor unterwegs. Mehr Informationen finden Sie auf seiner Homepage unter www.tim-schuermann.de.


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