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Neue Pinsel malen gut

Gimp 2.0

01.06.2004
Gimp, das Open-Source-Vorzeigeprojekt zur Grafikbearbeitung, erschien nach fast dreijährigem Entwicklungszyklus in der Version 2.0. Die Veränderungen betreffen nicht nur die Benutzeroberfläche, sondern ebenso verbesserte Werkzeuge, neue Funktionen und eine ausbaufähige interne Struktur.

Zwar gilt Gimp als eines der Prestigeprojekte der Open-Source-Community, da es im Grafikbereich mit vielen kommerziellen Produkten recht erfolgreich konkurriert, nichtsdestotrotz ärgern sich Anwender immer wieder über Unzulänglichkeiten in der Bedienung und Funktionalität. Obwohl Version 2.0 nicht alle Mängel beseitigt, schafft die neue Ausgabe die Grundlage, um zukünftige Erweiterungen leichter einzubinden und bietet schon jetzt einige sichtbare Verbesserungen.

Installation

Die großen Distributionen Suse, Mandrake, Red Hat sowie Debian in der unstable-Version liefern mittlerweile von Haus aus Gimp-Version 2 mit; für Fedora und Debian Sarge (testing) liegen passende Pakete auf der Heft-CD. Die Installation erfolgt jeweils über das distributionsspezifische Einrichtungswerkzeug. Ein vorhandenes Gimp 1 bleibt übrigens von der Neuinstallation unbeeinflusst.

Um Gimp selbst zu kompilieren, finden Sie den Quelltext auf der Heft-CD. Stellen Sie dazu sicher, dass auch die notwendigen Bibliotheken auf Ihrem System installiert sind: gtk, pkg-config, PangoFT2, Freetype, fontconfig, libart2<CI> und libjpeg. Zum Kompilieren brauchen Sie zudem die dazugehörigen Entwicklerpakete, die denselben Namen tragen mit dem Anhang dev oder devel (Kasten 1).

Anschließend entpacken Sie das Archiv zunächst mit

tar xjf gimp-2.0.1.tar.bz2

Wechseln Sie dann ins neue Verzeichnis und lassen das configure-Skript überprüfen, ob alle benötigten Komponenten auf Ihrem System vorhanden sind:

cd gimp-2.0.1
  ./configure

Aus eventuellen Fehlermeldungen erfahren Sie, welche Pakete Ihnen zum erfolgreichen Kompilieren fehlen; installieren Sie diese dann nach und starten Sie das Skript erneut. Ist configure erfolgreich durchgelaufen, kompilieren und installieren Sie Gimp 2 laut Voreinstellung ins Verzeichnis /usr/local/:

make
  su (root-Passwort eingeben)
  make install

Anschließend starten Sie das Programm von der Kommandozeile mit /usr/local/bin/gimp-2.0.

Kasten 1: configure mit Parametern

Gimp bindet standardmäßig eine Vielzahl an Funktionen ein, viele Benutzer benötigen sie jedoch nicht alle. Einzelne Erweiterungen lassen sich über das configure-Skript ausschalten, dadurch verringern Sie auch den Bedarf an externen Programmbibliotheken. Wollen Sie zum Beispiel auf die Druckfunktion verzichten, starten Sie die Konfiguration mit dem folgenden Parameter:

./configure --disable-print

Wer Englisch versteht, erhält mit ./configure --help eine Übersicht über die möglichen Parameter. So lässt sich auch das Verzeichnis, in dem das fertige Gimp landet, verändern: Ohne anderslautende Angaben landet das Programm in /usr/local/; Möchten Sie es zum Testen ins /tmp/-Verzeichnis installieren, geben Sie das ebefalls über das Konfigurationsskript an:

./configure --prefix=/tmp

Beim ersten Start des neuen Gimp erwartet Sie ein Assistent, der nach Ihren Vorgaben ein persönliches Benutzerverzeichnis unter ~/.gimp-2.0/ anlegt. Im Einrichtungsprogramm geben Sie beispielsweise die Größe und den Ort der Auslagerungsdatei sowie die Standardmaße neuer Bilder und die Bildschirmauflösung an. Wollen Sie Pinselformen und Muster aus früheren Gimp-Versionen weiter verwenden, importieren Sie diese erst später im Einstellungsfenster unter OrdnerPinsel.

Neues Interface

Die größte sichtbare Veränderung bietet die neu sortierte Benutzeroberfläche (Abbildung 1): Die vielen Dialogfenster, die in der Vorgängerversion unübersichtlich verteilt waren, verwaltet das neue Gimp zentral, sie sind alle im Menüpunkt DateiDialoge zu finden.

Abbildung 1: Gimp 2 präsentiert eine aufgeräumtere Oberfläche.

Die Fensterflut, die sich im alten Gimp schnell einstellte, wenn viele Dialoge geöffnet waren, lässt sich jetzt umgehen: Containerfenster, so genannte Docks, sammeln verschiedene Dialoge als Reiter innerhalb eines Fensters.

Einzelne Reiter lassen sich sowohl innerhalb eines Containerfensters verschieben, aber auch zwischen den Docks. Dazu ziehen Sie ein Reiter-Icon mit gehaltener linker Maustaste an den gewünschten Zielort; so stellen Sie Containerfenster nach Ihrem Geschmack mit den von Ihnen benötigten Werkzeugen selbst zusammen. Zudem bieten drei vorgefertigte Docks unter DateiDialogeDock hinzufügen Zusammenstellungen häufig miteinander benötigter Tools an.

Anwendern, die Gimp zum Zeichnen nutzen, hilft die Möglichkeit, den Maus-Cursor durch die Umrisse des ausgewählten Pinsels darstellen zu lassen. Sie aktivieren dieses Feature im Einstellungsdialog unter DateiEinstellungen im Eintrag OberflächeBildfenster. Dort gibt es einen Abschnitt Zeigerbewegung mit dem Feld Pinselumriss anzeigen. Haben Sie diese Option aktiviert, lässt es sich sehr genau einschätzen, welche Auswirkung ein Pinselstrich in puncto Dicke und Form hat.

Um ein Bild ohne Ablenkung durch andere Fenster oder Begrenzungen betrachten zu können, haben die Gimp-Entwickler den Vollbildmodus eingeführt. Der Menüpunkt AnsichtVollbildmodus oder die Taste [F11] bewirken, dass der Bildschirm nur noch das gerade aktive Bild zeigt. Allerdings hängt diese Funktion vom Fenstermanager ab, so dass Benutzer einiger Oberflächen wie WindowMaker sie noch nicht nutzen können. Bei den Window-Managern der bekannten Desktop-Umgebungen KDE oder Gnome gibt es allerdings keine Probleme.

Wer die frei konfigurierbaren Tastaturkürzel in der vergangenen Version genutzt hat [2], stellt in Gimp 2 fest, dass dies zunächst nicht funktioniert; das liegt daran, dass die Entwickler diese Option in der Voreinstellung ausgeschaltet haben, um versehentlichen Änderungen vorzubeugen. Im Einstellungsmenü lässt sie sich unter Oberfläche durch den Eintrag Dynamische Tastaturkürzel im Abschnitt Tastenkürzel wieder aktivieren. Anschließend legen Sie wie in Gimp 1 neue Tastaturkürzel fest, indem Sie einen Menüeintrag mit der Maus markieren ohne zu klicken und dann die gewünschte Taste oder Tastenkombination drücken.

Wem die neue Benutzeroberfläche nicht zusagt, der hat die Möglichkeit, ein alternatives Outfit (Theme) zu benutzen, um das Aussehen zu verändern. Außer dem Standard (Default) gibt es im Einstellungsmenü unter Oberfläche im Punkt Wählen Sie ein Thema bisher allerdings nur Small zur Auswahl (Abbildung 2).

Neu sind auch die so genannten Ansichtsfilter im Dialog AnsichtAnsichtsfilter... Sie lassen die Bilddatei unberührt und haben lediglich Einfluss auf die Darstellung auf dem Bildschirm. So können beispielsweise Farbenblinde die Ansicht auf ihre spezielle Farbschwäche einstimmen, die Gammawertanpassung reguliert die Helligkeit abhängig vom Bildschirm.

Abbildung 2: Das Werkzeugfenster mit kleinem Theme (rechts) und mit dem Standard (links).

Kasten 2: Erweiterungsmöglichkeiten

Wer sich an die folgenden noch in der Entwicklung befindlichen Zusatzprogramme heranwagt, erweitert Gimp mit ihnen um einige Funktionen:

  • Gimp-Gap [3]: Das "Gimp Animation Package" ermöglicht das Erstellen von Animationen.
  • Gimp-Print [4]: Stellt Druckertreiber bereit und fügt die Druckfunktion zum Programm hinzu.
  • Gimp-Help-2 [5]: Die Benutzerdokumentation für Gimp 2, die sich noch in einer frühen Entwicklungsphase befindet, aber schon eine Einstiegshilfe bietet.
  • Gimp-Perl [6]: Damit lassen sich Plug-ins für Gimp in der Programmiersprache Perl zu schreiben.

Das Werkzeugfenster haben die Entwickler um neue Transformationswerkzeuge zur Manipulation ausgewählter Bereiche und die Funktion Bereich nach Farben auswählen ergänzt. Letztere markiert Bildbereiche einer bestimmten Farbe. Die Einstellungen zu den Werkzeugen befinden sich gesammelt in einem Dialog, den Sie über das Werkzeugfenster DateiDialogeWerkzeugeinstellungen aufrufen.

Erstellen von Text

Eine große Schwäche des alten Textwerkzeugs war, dass erstellter Text sich nicht mehr verändern ließ; es gab lediglich die externe Erweiterung Dynamischer Text, die bessere Textfunktionen zur Verfügung stellte. Im neuen Gimp sind die Vorteile des alten Textwerkzeugs und die der Erweiterung zusammengeflossen: So erstellt das Textwerkzeug jetzt spezielle Textebenen, die sich jederzeit verändern lassen.

Um Text ins Bild einzubauen, wählen Sie das Textwerkzeug und klicken Sie in einen leeren Bildbereich. Daraufhin erscheint der Texteditor, in dem Sie den gewünschten Text eingeben, der daraufhin sofort im Bildfenster erscheint (Abbildung 3). Um eine andere Schriftart oder Farbe zu wählen oder die Textausrichtung zu verändern, benutzen Sie den Einstellungsdialog des Textwerkzeugs.

Abbildung 3: Gimp 2 ändert Texte auch nachträglich.

Die Textebene erscheint anschließend im Ebenenfenster und lässt sich nach einem Klick nachträglich unabhängig von der Umgebung im Bild bearbeiten.

Arbeiten mit Pfaden

Mit Pfaden erstellen Sie geschwungene Kurven, die aus Stütz- und Kontrollpunkten bestehen. Diese Methode wurde aus dem Schiffsbau übernommen: Dort bogen Schiffsbauer elastische Latten, indem sie sie an bestimmten Punkten mit Gewichten belasteten. Bei den Pfaden stellen die Stützpunkte die Gewichte dar, die die Pfade biegen, die Kontrollpunkte beschreiben die Anfangs-, End- und Zwischenbegrenzungen der Kurve.

Das Pfadwerkzeug haben die Entwickler für Gimp 2 komplett überarbeitet; so kennt es jetzt drei Modi, die Sie über die Werkzeugeinstellungen erreichen: Mit Design erstellen Sie Pfade und fügen Kontrollpunkte hinzu. Bearbeiten ermöglicht das nachträgliche Hinzufügen oder Löschen von Kontrollpunkten in einem bestehenden Pfad und mit Verschieben lassen sich Pfade mit gehaltener linker Maustaste an andere Stelle versetzen (Abbildung 4).

Abbildung 4: Pfade lassen sich weitgehend frei bearbeiten vor dem Nachziehen mit einem Pinsel.

Zusätzliche Funktionen bieten die Tasten [Shift] und [Strg]: So entfernen Sie im Bearbeiten-Modus Kontrollpunkte, indem Sie sie mit gehaltener [Shift]-Taste anklicken, aus den anderen Modi gelangen Sie direkt in den Bearbeiten-Modus, so lange Sie [Strg] gedrückt halten.

Zum Erstellen eines Pfades wählen Sie das Pfadwerkzeug im Werkzeugfenster und zeichnen Sie eine Zick-Zack-Linie, indem Sie auf die gewünschten Eckpunkte klicken.

Um einen vorhandenen Pfad zwischen zwei Kontrollpunkten zu biegen, schieben Sie nun mit gedrückter Maustaste die Verbindungslinie an einer beliebigen Stelle nach oben. Die Stützpunkte erscheinen zunächst an den beiden Kontrollpunkten, die den Pfadabschnitt begrenzen und wandern bei Ihren Mausbewegungen mit.

Haben Sie einen Pfad fertiggestellt, lassen Sie ihn nachziehen, um ihn als dauerhaft sichtbares grafisches Element ins Bild einzubinden (Abbilung 5): Klicken Sie in den Werkzeugeinstellungen auf Pfad nachziehen. Im erscheinenden Dialogfenster stellen Sie neben der Pinselbreite auf Wunsch auch ein Linienmuster ein, in dem Sie den Pfad darstellen möchten – zur Vorauswahl bereit stehen unter anderem durchgezogene, gestrichtelte und punktierte Linien.

Abbildung 5: Erstellen einer Kurve mittels Pfadwerkzeug (links) und der nachgezogene Pfad (rechts).

Pfade lassen sich zudem als Vektorgrafik in das SVG-Format im- und exportieren. Diese Funktion ist etwas versteckt: Öffnen Sie den Pfaddialog unter DateiDialogePfade; dort sehen Sie eine Liste der vorhandenen Pfade des aktuellen Bildes. Ein Rechtsklick auf einen Eintrag öffnet ein Kontextmenü, der unterste Punkt lautet Pfad exportieren... Wählen Sie ihn an, werden Sie nach dem Dateinamen gefragt, in dem die SVG-Vektorgrafik aus dem Pfad landen soll.

Zukünftiges

Die lange Entwicklungszeit zur Version 2.0 trotz der auf den ersten Blick kleinen Anzahl neuer Features ist vor allem durch große Veränderungen in der internen Struktur begründet. Diese werden sich erst nach und nach auswirken, da sie den Grundstein für neue Funktionen legen. Neben der Wartung an den bereits vorhandenen Funktionen, arbeiten die Entwickler an einem besseren Bildverarbeitungssystem namens GEGL ("Generic Graphical Library ") [7]. Erst kürzlich sicherte die Shuttleworth-Stiftung [8] diesem Projekt finanzielle Unterstützung zu, wenn es erste brauchbare Komponenten zeigen kann.

Glossar

Quelltext

Die für Menschen lesbare und veränderbare Form eines Programms. Um es ausführbar zu machen, übersetzt ein Compiler den Quelltext in für Maschinen lesbare Form.

Bibliotheken

Eine Bibliothek stellt Funktionen für andere Programme bereit. So verwendet Gimp beispielsweise wie die Desktop-Umgebung Gnome die GTK-Bibliothek zur Darstellung grafischer Elemente.

SVG

Ein Grafikformat, das mit Hilfe einer einfachen Programmiersprache geometrische Figuren beschreibt.

Infos

[1] Gimp: http://www.gimp.org/

[2] Tipps von Entwicklern: Carsten Schnober, "Verborgene Schätze", Linux User 04/2004, S. 71 f., http://www.linux-user.de/ausgabe/2004/04/071-entwicklertipps/

[3] Gimp-Gap: ftp://ftp.gimp.org/pub/gimp/plug-ins/v2.0/gap/

[4] Gimp-Print: http://sourceforge.net/projects/gimp-print/

[5] Gimp-Benutzerhandbuch: http://wiki.gimp.org/gimp/GimpDocs/

[6] Gimp-Perl: ftp://ftp.gimp.org/pub/gimp/plug-ins/v2.0/perl/

[7] GEGL-Projekt: http://www.gegl.org/

[8] Shuttleworth Foundation: http://www.shuttleworthfoundation.org/

Der Autor

Roman Joost studiert Informatik an der Hochschule Anhalt und absolviert zur Zeit sein Praktikumssemester in Rotterdam. Wer möchte, kann ihn unter http://www.romanofski.de/ besuchen. Für den Artikel bedankt er sich für die Hilfe von Freunden und GIMP-Entwicklern.

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