Emulatoren unter Linux

Zeitreise

Nachdem wir in unserer letzten Zeitreise den Fokus auf den Atari ST gerichtet hatten, räumen wir dieses Mal das Feld für seinen ewigen Rivalen – den Commodore Amiga.

Kurz nach dem Atari ST betrat der Commodore Amiga die Bühne und buhlte mit einer für damalige Verhältnisse unglaublichen Grafikleistung um Kunden. Auch bei der Ton- und Klangerzeugung war der Amiga seinem Konkurrenten um einiges voraus. Unter Linux existieren mit dem Un@L: *x Amiga Emulator (kurz UAE) und xfellow leider nur zwei nennenswerte Emulatoren. Obwohl beide über eine komfortable Oberfläche verfügen, ist für ihre Konfiguration ein wenig Hintergrundwissen über den Aufbau der unterschiedlichen Amiga-Modelle notwendig. Beginnen wir also unsere Zeitreise mit einem kleinen Blick in die Vergangenheit:

Kurioses und Interessantes 

  • Nach ursprünglichen Plänen sollte der Amiga u. a. ein Modem und einen Anschluss für Laserdisk-Geräte enthalten – sie fielen alle dem Rotstift von Commodore zum Opfer.
  • Öffnet man den Amiga 1000, findet man in seinem Deckel die Unterschriften aller beteiligten Entwickler.
  • Der Amiga 600 sollte eine billigere Ausgabe des Amiga 500 werden. So ließ man u. a. den Zahlenblock auf der Tastatur weg. Das war ein fataler Fehler, denn einige Programme waren auf diesen Block zwingend angewiesen.
Abbildung 1: Der Amiga 600 war der wohl kleinste Amiga
  • Commodore setzte schon früh auf CD-ROMs: Zunächst erschien das CDTV ("Commodore Dynamics Total Vision"), ein Amiga 500 im Gehäuse eines CD-Players. Durch zusätzliches Equipment konnte er zu einem kompletten Amiga 500 aufgerüstet werden. Das Gerät wurde ebenso ein Flop wie die Spielekonsole CD32. Letztere basierte auf einem Amiga 1200 und verwendete ebenfalls CDs als Medium.
  • Den Amiga 3000 gab es sogar wahlweise als 3000UX mit Unix als Betriebssystem.

Ein paar technische Daten:

  • Amiga 1000: Motorola 68000 Prozessor mit 7,15 MHz, 256 KB Hauptspeicher, Grafik: 320 x 256, bzw. 320 x 512 Punkte mit bis zu 64 aus 4096 Farben, 640 x 256, bzw. 640 x 512 Punkte bei 16 Farben, Klangerzeugung: Stereo mit 4 Stimmen
  • Amiga 500/2000: Wie Amiga 1000, nur mit 512 KB Hauptspeicher ab Werk
  • Amiga 3000: Wie 500/2000, nur mit Motorola 68030 Prozessor mit 16 oder 25 MHz, 2 MB Hauptspeicher. Der so genannte Flickerfixer ermöglicht den Anschluss von PC-Monitoren.
  • Amiga 1200/4000: MC 68EC020, bzw. 68030/68040 Prozessor mit 14,28 bzw. 25 MHz, 2 MB Hauptspeicher, Grafik: bis zu 1280 x 512 Punkte mit teilweise bis zu 262144 Farben aus 16,8 Millionen

Videowunder

1982 gründen ein paar ehemalige Atari-Mitarbeiter das Unternehmen Amiga, Inc. Die Investoren möchten ein Videospiel, die Entwickler aber lieber einen Computer bauen. So konstruieren sie heimlich einen Wolf im Schafspelz: einen Computer, der nach außen wie eine Videospielkonsole erscheint. Als der Markt für Videospiele nur ein Jahr später zusammenbricht, rettet diese Eigenschaft dem Projekt das Leben. Auf der Consumer Electronics Show 1984 wird das Ergebnis erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Leider gerät das kleine Unternehmen immer mehr in Finanznot. Als Retter erweist sich Commodore: Mit dem Kauf schnappt man Atari nicht nur die interessante Technologie vor der Nase weg, man erwirbt auch gleichzeitig einen potentiellen Nachfolger für die hauseigenen 8-Bit-Computer (vgl. LinuxUser 12/2002).

Nach einigen Verzögerungen stellt Commodore schließlich im Sommer 1985 den Amiga 1000 vor. In seinem Desktopgehäuse arbeitet ein 68000-Prozessor von Motorola – das gleiche Modell, das auch im Atari ST und im Apple Macintosh seinen Dienst verrichtet. Im Gegensatz zur Konkurrenz kann der Amiga in einem speziellen Grafikmodus 4096 Farben gleichzeitig darstellen und digitalisierte Klänge in Stereo wiedergeben. Wegen seines zu hohen Preises kommt er aber nicht richtig in Fahrt; zum Durchbruch verhelfen ihm erst die 1986 erscheinenden Nachfolger Amiga 500 und 2000.

Abbildung 2: Der Amiga 500. Sein Diskettenlaufwerk befand sich an der rechten Seite

Der niedrige Preis und das kompakte Tastaturgehäuse machen den Amiga 500 in Privathaushalten und bei Spielern schnell beliebt. Sein großer Bruder weckt wegen des großzügigen Desktopgehäuses und den damit verbundenen Erweiterungsmöglichkeiten im Video- und Grafikbereich Interesse.

Das Betriebssystem AmigaOS unterteilt Commodore bei diesen und den nachfolgenden Amiga-Modellen in zwei Teile: Die als Kickstart bezeichneten Basisfunktionen werden fest in den Rechner eingebaut, während die grafische Benutzeroberfläche Workbench von Diskette nachgeladen wird. Diese Teilung hat einen entscheidenden Vorteil: Bei vielen Programmen reicht es aus, den Amiga einzuschalten und die Diskette einzulegen – tiefergehende Computer-Kenntnisse sind somit nicht nötig.

Abbildung 3: Die grafische Benutzeroberfläche Workbench in Version 1.3, wie sie dem Amiga 500 bzw. 2000 beilag

In die Negativschlagzeilen gerät der Amiga erstmals, als Commodore die Kickstart-Version von 1.2 auf 1.3 umstellt: Als direkte Folge verweigern manche Programme ihre Zusammenarbeit. Ansonsten bleibt der Amiga über einige Jahre unverändert. Durch die immer stärker werdende Konkurrenz gerät Commodore schließlich unter Zugzwang. 1990 wird endlich der Amiga 3000 nachgeschoben, in dem die neue Kickstart-Version 2.x und ein schnellerer Prozessor stecken.

Abbildung 4: Der Amiga 3000 gilt in Fachkreisen als eines der besten Amiga-Modelle

Der Anfang vom Ende

Als Nachfolger des Amiga 500 lanciert Commodore die Modelle 500+ und 600. Beide werden aufgrund massiver Inkompatibilitäten Flops. Wegen dieser und weiterer Pannen gerät Commodore in finanzielle Schwierigkeiten. 1992 bringt man den Amiga 4000 mit runderneuerter Grafikeinheit auf den Markt, die in ihren Fähigkeiten aber hinter der Konkurrenz zurück bleibt. Für den Massenmarkt folgt noch eine Tastatur-Computer-Version mit dem Namen Amiga 1200. Das zu diesem Zeitpunkt mehr als chaotische Management verursacht immer mehr Finanzprobleme. 1993 rauscht die Bilanz so steil in den Keller, dass Commodore 1994 Konkurs anmelden muss. Die deutsche PC-Handelskette ESCOM kauft schließlich alle Rechte, legt den Amiga 1200 kurz neu auf, geht aber nur wenig später selbst in Konkurs. Nach mehreren Auf- und Verkäufen existiert Amiga, Inc. noch heute [6]. Man konzentriert sich dort mittlerweile auf die Weiterentwicklung des Betriebssystems AmigaOS; die Spezifikation einer zugehörigen Plattform ist schon seit Jahren angekündigt.

Abbildung 5: Die heutige Amiga-Homepage

LinuxCommunity kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Emulatoren unter Linux
    Emulatoren erwecken altertümliche Computer, Spiele, längst vergessen geglaubte Daten und Erinnerungen zum Leben.
  • Zeitreise mit VICE 2.0
  • Déjà vu
    Wenn pixelige Bildchen blechern fiepend über den Bildschirm zucken, ist dafür nicht unbedingt ein C64, Super NES oder Amiga verantwortlich: Es könnte auch der Emulator MESS sein, der nostalgischen Gefühle frei Haus liefert.
  • Emulatoren unter Linux: Atari ST
    Wir verlassen das Feld der 8-Bit-Rechner und machen mit dem Atari ST einen großen technologischen Schritt nach vorne.
  • Die Puppe in der Puppe
    Im Möbelhaus gaukeln künstliche Bücherreihen belesene Behaglichkeit vor: Das ist Virtualisierung. Emulatoren bauen dagegen gleich ganze Häuserfassaden nach, um eine lebende Stadt zu suggerieren.
Kommentare

Infos zur Publikation

title_2016_06

Digitale Ausgabe: Preis € 5,99
(inkl. 19% MwSt.)

Mit der Zeitschrift LinuxUser sind Sie als Power-User, Shell-Guru oder Administrator im kleinen Unternehmen monatlich auf dem aktuelle Stand in Sachen Linux und Open Source.

Sie sind sich nicht sicher, ob die Themen Ihnen liegen? Im Probeabo erhalten Sie drei Ausgaben zum reduzierten Preis. Einzelhefte, Abonnements sowie digitale Ausgaben erwerben Sie ganz einfach in unserem Online-Shop.

NEU: DIGITALE AUSGABEN FÜR TABLET & SMARTPHONE

HINWEIS ZU PAYPAL: Die Zahlung ist auch ohne eigenes Paypal-Konto ganz einfach per Kreditkarte oder Lastschrift möglich!       

Aktuelle Fragen

Welche Drucker sind Linux-mint kompatibel?
Johannes Nacke, 20.05.2016 07:32, 4 Antworten
Hallo Ihr Lieben, ich bitte um mitteilung welche Drucker Kompatibel sind mit Linux-Mint. LG Joh...
MS LifeCam HD-5000 an Debian
Kay Michael, 13.04.2016 22:55, 0 Antworten
Hallo, ich versuche die oben erwähnte Cam an einem Thin Client mit Debian zu betreiben. Linux...
Import von Evolution nach KMail erzeugt nur leere Ordner
Klaus-Christian Falkner, 06.04.2016 12:57, 3 Antworten
Hallo, da ich vor einiger Zeit von Ubuntu auf Kubuntu umgestiegen bin, würde ich gerne meine E...
Sophos lässt sich nicht unter Lubuntu installieren
Chrstina Turm, 30.03.2016 20:56, 3 Antworten
Hi Leute, habe mir vor paar Tagen auf ein Notebook, das ohne Linux ausgedient hätte, Linux dr...
Novell Client auf Raspbian
Chris Baum, 16.03.2016 15:13, 3 Antworten
Hallo Community, ich hätte eine Frage, und zwar geht es um folgendes: Ich möchte eine Datei...