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SIN

Die Linux Games sind da!

01.06.2001
Aus dem Hause Hyperion erreichte uns diesen Monat ein neuer Linux-Titel aus einem nur allzu bekannten Genre: SIN ist ein weiterer Kandidat aus der inzwischen langen und illustren Riege der Ego-Shooter unter Linux, der mit neuer Story und solider Technik auf Käuferfang gehen will.

Die Installation läuft vorbildlich mit Loki Installer. Dabei kann man in ganzen sechs Schritten den Platzbedarf zwischen 28 und beachtlichen 638 MB variieren – gut für Besitzer kleiner Platten und Megabyte-Millionäre gleichermaßen. Nicht vorinstallierte Daten werden bei Bedarf von der CD nachgeladen – die allerdings auch zum Start eines voll installierten Spiels im Laufwerk sein muss. Ebenfalls für den Linux-Bereich noch ungewöhnlich ist die Tatsache, dass die Installation nur bei Eingabe einer aufgedruckten Seriennummer erfolgreich verläuft – aber das kennt man ja schon von anderen Plattformen.

Der Spieler schlüpft in die Rolle von Blade – einem muskelbepackten Supercop mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille in himmelblauem Strampelanzug und Moon Boots, der ganz verblüffende Ähnlichkeit mit diesem blonden Freund von Anna Bolika aus dem Fernsehen aufweist – Ihr wisst schon, der Typ, der immer im Shopping-TV Ab-Flex genannte amerikanische Plastikstücke mit Sprungfeder für nur 299,90 verkauft.

Überraschenderweise muss Blade offensichtlich ganz alleine alle Probleme einer großen Großstadt lösen; allerdings leistet ihm dabei – nach den Stimmen zu urteilen – ungefähr ein Dutzend nerviger Kollegen eloquent per Sprechfunk Unterstützung. Sie sagen ihm zum Beispiel bescheid, falls er mal versehentlich in eine Richtung geht, in der nicht Dutzende bis an die Zähne bewaffnete Gauner darauf warten, dass ihnen das Handwerk gelegt wird.

Zudem trägt Blade – kräftig ist er ja – ein bisweilen erstaunliches Waffenarsenal mit sich herum: Offenbar in den Hosentaschen, denn bei der Kameraansicht sieht man stets nur die Waffe, die er gerade benutzt, und beim Wechsel einer Waffe materialisiert die Shotgun schon mal recht überraschend aus seiner Hüfte.

Blade kämpft aber beileibe nicht nur gegen Menschen: Seine Welt ist voll mit bösen Mutanten, die durch eine Superdroge aus den Fabriken des SinTek-Konzerns entstehen. Doch so einfach lässt sich das natürlich nicht beweisen, dafür sorgt schon die Oberschurkin von SinTek, deren Vorbau offenbar auch was von der Droge abgekriegt hat.

So entwickelt sich ein "harmloser" Banküberfall, den Blade zunächst im Alleingang beenden soll, Stück für Stück zu einem erstaunlich komplexen Handlungsfaden, der direkt zu SinTeks üblen Machenschaften führt. Dabei kommt den aus Soldier of Fortune und anderen Spielen bekannten, filmartigen Zwischensequenzen ebenso große Bedeutung zu wie der realistischen Handlungsweise der Computergegner. Es macht wirklich Spaß, die Handlung weiter zu verfolgen, zumal der Schwierigkeitsgrad bisweilen recht knackig werden kann.

Wer sich bereits mit Ego-Shootern beschäftigt hat, fühlt sich bei SIN sofort zuhause: Direkt nach der Installation und dem problemlosen Start fällt das Spiel durch flüssige Sequenzen und Problemlosigkeit auf; es spielt sich so, wie ein Golf sich fährt – man weiß gleich, wo alle Schalter sind.

Das mag zum Teil daran liegen, dass bei SIN scheinbar gern auf Bewährtes zurückgegriffen wird: Die Grafik wird offensichtlich von einer stark modifizierten Q2-Engine erzeugt, die zumindest um komplexe Schattenwürfe, eine enorm gute AI und ein realistisches Körpermodell ergänzt wurde – viele andere Details lassen weit umfangreichere Modifkationen erahnen.

Die "klassische" Engine bedingt auch eine ordentliche Lauffähigkeit auf fast jedem Rechner; auf aktueller Hardware rast das Spiel nur so dahin. Ganz besondere Beachtung verdient die AI der Computergegner. Deren Bewegungsspektrum recht vom Wegducken über gekonnten Nahkampf (Tritte, Schläge) bis hin zur Geiselnahme von Unbeteiligten, wenn sie keinen Ausweg sehen. Gern wird auch um die nächste Ecke geflüchtet, um meist kurz darauf mit einem halben Dutzend Kumpels zurückzukehren.

Das Körpermodell erinnert stark an Soldier of Fortune: Praktisch jeder Treffer ist auch graphisch genau da zu sehen, wo eben getroffen wurde. Auch macht es einen deutlichen Unterschied, welche Zone des Computer-Gegners getroffen wurde. Leider ist die Idee aber nicht ganz zuende gedacht: So humpelt etwa ein Gegner mit Fußwunde nicht. Trotzdem tragen die gute Beleuchtung, AI und das Körpermodell ganz wesentlich zur guten Atmosphäre des Spiels bei.

Grafisch erinnern die vielen Hochhäuser, Straßenschluchten, Feuerleitern und Abwasserkanäle frappant an KingPin – sicher nicht zuletzt, weil KingPin ebenfalls auf der Q2-Engine basiert. Gemessen an dem, was man heute angesichts von Titeln wie Tribes 2 grafisch als Stand der Technik bezeichnen muss, wirkt Sin natürlich schon etwas spartanisch. Der enormen Geschwindigkeit der Engine zum Opfer fielen wohl einige Sicherheitsabfragen, die zu Darstellungsfehlern führen. Trotzdem hat SIN irgendwie netten Superhelden-Comic-Flair und viele gute Ideen. So muss man z. B. im Verlauf der Handlung auch eine ganze Reihe Fahrzeuge vom Moped bis zum Baukran steuern, um das Spielziel zu erreichen. Und ehrlich: Mit dem Moped bei der Verfolgung von Gegnern über Sprungschanzen zu springen, macht Laune.

Mehrere komplette Kampfszenen finden in ständig wankenden, schnell fahrenden Eisenbahnwagons statt, eine Menge versteckter Goodies möchte gefunden werden, und manch verborgener Schalter hilft einem erst viel später weiter – oder auch nicht. Überhaupt liegt die Bandbreite an Komplexität der zu lösenden Rätsel und Probleme durchaus am oberen Rand des gewohnten Spektrums: Einige Bereiche sind beispielsweise nur durch ausgesprochene Gewaltvermeidung lösbar.

Die Sound-Untermalung wirkt räumlich füllig, bisweilen etwas laut, passt aber sehr zur Spielatmosphäre und gleicht sich der gerade stattfindenden Action gut an – wenn es ruhig zugeht, wird auch die Musik ruhiger, wenn es fetzt, dann kracht auch der Soundtrack los. Das gefällt. Weniger gut sind die ständigen flachen Sprechfunk-Kommentare der Kollegen, die einem – leider – nie vor die Mündung kommen.

Natürlich bietet auch dieses Spiel einen Multiplayer-Modus, dessen Maps ganz besonders in LAN-Spielen mit ca. einem Dutzend Mitspielern sehr zu überzeugen wissen. Spaßfaktor: Weit über dem, was Q2 und Konsorten bieten konnten. Leider aber nur ein Modus: Deathmatch. Dafür aber endlich ein Spiel, bei dem man auch gegen Bots ab und zu mal gerne spielt, weil die wirklich was auf dem Kasten haben. Das merkt man besonders in den Trainingsarenen, die zum Teil im Grunde nichts anderes als eine spezielle Art Bot-Match sind. In einem großen Trainingskomplex lässt sich vom Scheibenschießen bis zum Straßenkampf so ziemlich alles üben, was Blade zum professionellen Böse-Buben-Umhauen benötigt. Und wie üblich macht es ihm die AI nicht zu leicht.

Fazit: Altbewährtes solide aufgebacken, dreimal umgerührt, mit guter Story und AI gewürzt – wohl bekomm's dem 3D-Shooter-Fan.

Wer sich nicht sicher ist, ob ihm diese Mischung schmeckt, kann ja die Demo (s. u.) ausprobieren. Kaufen kann man das Spiel auch in Deutschland bei Titan Computer, http://www.titan-computer.com/linux/.

Bewertung:Sin

Langzeitspielspass:  55%
Grafik:  75%
Sound:  80%
Steuerung:  95%
Multiplayer:  65%
Gesamtwertung: 70%

Von diesem Spiel kann bei Hyperion eine kostenlose Demo-Version (http://www.hyperion-software.com/_linux/news_001123.html) aus dem Internet geladen werden.

Der Autor

Fionn Behrens ist Student der technischen Informatik. Aber man kann ja nicht immer nur studieren… Im Netz erreichbar ist er als Fionn im IRCnet.

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