Nimm zwei!

Nun hat so ein Touchpad immerhin doch einige Vorteile. Spätestens, wenn man gedankenverloren über die Padfläche streicht und in eine Schimpfkanonade über die verdammte Maus ausbricht, die sich wieder mal nicht bewegt, wird es ärgerlich. Dann stellt sich die Frage: Kann ich nicht beides haben, Touchpad und Maus?

Der erste kühne Versuch, die auskommentierten Zeilen durch Entfernen der Anfangskreuze wieder zu beleben, schlägt (erwartungsgemäß?) fehl. Auch das Auslagern der entsprechenden Zeilen in eine zweite Section "Pointer" hat lediglich den Effekt, dass die Angaben der zweiten die der ersten "überschreiben". Was also nun?

Stimmt, wir hätten das Thema vermutlich gar nicht angerissen, wenn es wirklich keine Lösung gäbe… Und so hilft wieder einmal – Sie ahnen es – die Man-Page weiter. Falls Sie am Anfang hartnäckig waren, sind Sie auf der Suche nach dem Stichwort Mouse vermutlich schon in Gefilden gelandet, die eine optionale XInput-Sektion beschreiben. In der lassen sich so nette Untersektionen wie die zur Konfiguration eines Joysticks oder Grafiktabletts einstellen. Oder eben auch eine Maus neben dem Touchpad. (Wenn Sie dazu nichts in Ihrer Man-Page finden, haben Sie vermutlich eine ewig-alte X-Version und müssen ohne Update ohnehin passen…)

Die wahrscheinlichste "Subsection" für unsere Mausgelüste heißt Mouse, und der erste beschreibende Man-Page-Satz dazu klärt uns zu unserer großen Erleichterung auf, dass er "dieselben Einträge wie die Pointer-Sektion unterstützt". Wir brauchen also fast gar nichts mehr zu ändern!

Abgesehen davon, dass wir noch nicht genau wissen, wie denn nun das magische Wort für "Unterabschnitt" genau geschrieben wird… Vermutlich brauchen wir ähnliche Einleitungs- und Endezeilen wie bei Section, und wenn wir genauer hinschauen, liegt es nahe, dass die Schreibregel in /etc/XF86Config "Schreibe jedes Teilwort eines Stichpunkts groß, verzichte aber auf Leerzeichen" heißt. Damit müssten wir

SubSection "Mouse"[...]
EndSubSection

schreiben, und ein wenig Suchen in der Datei bestätigt unsere Vermutung: In der Grafikkartensektion finden sich eine ganze Reihe SubSections zum Orthografievergleich.

Setzen wir also unser Werk aus dem alten Pointer-Abschnitt zum Touchpad und der neuen XInput-Sektion mit dem Mouse-Unterabschnitt zusammen:

Section "Pointer"
    Protocol "PS/2"
    Device "/dev/mouse"
EndSection
Section "XInput"
SubSection "Mouse"
    Protocol "Microsoft"
    Device "/dev/ttyS0"
    Emulate3Buttons
    AlwaysCore
    Buttons 2
EndSubSection
EndSection

Aufmerksame Leser/innen fragen sich an dieser Stelle vermutlich, warum ich die AlwaysCore-Zeile hinein geschmuggelt habe… Nunja, damit sollte wohl still und heimlich vertuscht werden, dass es zwischendurch doch einen Fehlversuch mit der schönen neuen Konfiguration gegeben hat: Leider mochte sich das Touchpad ohne diesen Zusatz nicht mit der Maus arrangieren.

Warum, erklärt die Man-Page: AlwaysCore bittet (genaugenommen: zwingt) das Pointer-Gerät (hier also das Touchpad), seine Boykotthaltung gegenüber dem XInput-Gerät aufzugeben. Wer hier Gleichberechtigung auch auf dem Papier, äh, in der Konfigurationsdatei, verwirklicht sehen will, wird leider enttäuscht: AlwaysCore ist ein spezielles Feature der XInput-Subsektion Mouse – im Pointer-Abschnitt lässt es sich nicht einsetzen.

Glossar

X-Window-System

Die verbreitetste grafische Benutzerschnittstelle für Linux und andere Unix-Betriebssysteme. Unter Linux wird meistens seine Open-Source-Umsetzung XFree86 benutzt.

Shell

Ohne einen Kommandozeileninterpreter (sprich: eine Shell) steht man dem Linux-Betriebssystemkern als Benutzerin ziemlich hilflos gegenüber. Die Shell sorgt nämlich erst für eine Eingabemöglichkeit (den Prompt) und anschließend dafür, dass die eingegebenen Kommandos ordnungsgemäß ans Betriebssystem weitergegeben werden. Dabei bieten die verschiedenen Shells unterschiedlichen Komfort und bedienen verschiedene Geschmäcker. Unter Linux ist die Bash am verbreitetsten.

symbolischen Link

Ein Verweis auf eine andere Datei: Ändert man den Inhalt des Links, verändert sich auch die Zieldatei, ohne dass die Datei jedoch zweimal vorliegt. Im Gegensatz zu harten Links ("Hardlinks") unterscheiden sich Link und Zieldatei unter anderem darin, dass der Link ins Leere zeigt, wenn sein Ziel gelöscht wird. Einen Symlink erzeugt man mit dem Kommando ln -s.

Protokolle

Im Bereich der Rechner und Netze eine "Sprache", in der sich zwei kommunizierende Parteien (auf Hard- oder Softwareebene) "unterhalten", beispielsweise die Maus und das Betriebssystem.

X-Terminal

Ein Kommandozeilenfenster (z.B. xterm, kvt oder konsole) unter X.

FreeBSD

Ein weiteres Open-Source-Unix, sehr beliebt als Internetserver.

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